Lesezeit ca. 10 Min.

„Die Engel senken ihre Flügel vor dem nach Wissen Suchenden“


Logo von Welt und Umwelt der Bibel
Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 22.04.2022

Wissensvermittlung im Islam

Artikelbild für den Artikel "„Die Engel senken ihre Flügel vor dem nach Wissen Suchenden“" aus der Ausgabe 2/2022 von Welt und Umwelt der Bibel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 2/2022

Islamische Schulszene. Arabische Buchillustration für ?Makamen? des Abu Muhammed al-Kasim Hariri (1054?1121), Bagdad. Arabic illumination, Bagdad, 1237. Nationalbibliothek Paris.

Das Konzept Wissen und Wissensvermittlung spielt im Koran eine zentrale Rolle. Wir können diese Rolle anhand der ersten koranischen Offenbarungen ablesen So stellt die Aufforderung iqraʾ (lies/trag vor) im Koran (96:1) chronologisch den Anfang der koranischen Offenbarung dar: „Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen aus einem Blutklumpen erschaffen hat! Trag vor!

Dein Herr ist edelmütig wie niemand auf der Welt, (er) der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er (zuvor) nicht wusste“ (Übers. R. Parets).

Verschiedene Offenbarungen in Suren und prophetischen Überlieferungen fokussieren auf das Schreiben und Lehren sowie besonders auf die Wissensvermittlung. So fordert Sure 68,1 auf: „Nūn – und beim Schreibrohr und bei dem, was sie niederschreiben!“ (Nūn ist ein arabischer Buchstabe). In Koran 20:1124 heißt es: „Und ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Welt und Umwelt der Bibel. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2022 von Eine zweite Synagoge in Magdala!?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Eine zweite Synagoge in Magdala!?
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von Was verbirgt sich unter dem Boden der Grabeskirche?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Was verbirgt sich unter dem Boden der Grabeskirche?
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von Streit am Ölberg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Streit am Ölberg
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Gefährliches Wissen?
Vorheriger Artikel
Gefährliches Wissen?
Der Lehrer ist Gott
Nächster Artikel
Der Lehrer ist Gott
Mehr Lesetipps

... sag: Herr! Lass mich an Wissen zunehmen!“ Eine Hadīṯ-Sammlung des ibn Māğh sagt es dann ganz klar: „Das Aneignen des Wissens ist eine Pflicht für jeden Muslim und jede Muslima!“

Wie wichtig dieses Thema ist, zeigt sich schon daran, dass es bereits in der ersten Sure des Koran (al-Fātiḥa) um das Leiten und Lehren geht, durch das der Mensch den geraden und guten Weg finden soll. Diese Aufforderung zum „Lesen/ Vortragen/Schreiben“ ebnet somit einen ersten Zugang zur Bildung und zum Wissen der muslimischen Urgemeinde.

Wissen und Wissensvermittlung spielt im Koran eine zentrale Rolle

Insofern stellen das göttliche Wissen und die Wissensvermittlung eine zentrale Idee dar, nicht nur in den Quellentexten des Koran und der Sunna, der prophetischen Tradition, sondern auch in der islamischen Philosophie, Mystik und vor allem in der spekulativen und systematischen Theologie (kalām). Diese Bedeutung des göttlichen Wissens betont der Orientalist J. W. Fück: „Neben Allahs Allmacht spielt im Qurʾān keine göttlichen Eigenschaft eine so bedeutende Rolle wie seine Allwissenheit. Er weiß nicht nur alles, was geschieht, sondern ist auch Quell und Ursprung alles Wissens (J. W. Fück, Das Problem des Wissens im Qurʾān, S. 1).

Das Thema des Wissens einschließlich der Aspekte des Lehrens und Lernens findet an Hunderten Stellen im Koran ausdrücklich Erwähnung und gehört zu den meistbehandelten Themen im Koran überhaupt. Der Sprach- stamm ʿalima (wissen) und seine morphologischen Formen wie ʿallama (lehren) und taʿallama (lernen) sowie ʿālimīn (Wissende) kommen in mehr als 750 Koranstellen vor. Oft wird an diesen Stellen eine direkte Verbindung zwischen Wissen und der Aufforderung zum Nachdenken (tadabbur) hergestellt. Zur Verbindung zwischen Wissen und der Botschaft des Islam erklärt M. Asad: „[…] durch ihr Beharren auf Bewusstsein und Wissen bewirkte sie unter ihren Anhängern einen Geist intellektueller Neugier und unabhängigen Erkundens und führte schließlich zu jener glänzenden Epoche der Gelehrsamkeit und wissenschaftlichen Forschung, welche die Welt des Islam auf der Höhe ihrer kulturellen Lebenskraft auszeichnete“ (M. Asad, Die Botschaft des Koran, S. 9–10).

Nicht nur menschliche Lehrer

Der Akt des Lehrens wird im Koran grundsätzlich durch die verbale Konstruktion ʿallama/ yuʿallimu (lehren) ausgedrückt (z. B. Koran 96:5; 55:1). Auch andere Formen wie bayyana/ yubayyinu (erklären; z. B. Koran 2:230; 5:89), faṣṣala/yufaṣṣilu (ausführlich darlegen; z. B.

Koran 6:119; 7:52), yassara/yuyassiru (leicht machen; z. B. Koran 19:97; 54:40), nabbaʾa/ yunabbiʾu (unterrichten; z. B. Koran 5:48; 12:37), hadā/yahdī (leiten; z. B. Koran 1:6; 6:90), aftā/yuftī (Rechtsgutachten erteilen; z. B. Koran 4:127; 12:46) gehören dazu. Alle diese Formen drücken eine Art Wissenstransfer aus, bei dem der Lehrer den Rezipienten/Schüler aus seinem Wissen unterrichtet. In diesem Akt des Lehrens fungieren neben Gott selbst viele Akteure als Lehrer: z. B. die Engel (Koran 53:5), die Propheten (Koran 2:151), Juden und Christen (Koran 3:79), Gläubige (muʾminūn; Koran 2:282). Lehren (ʿallama/yuʿallimu) ist im Koran eng mit der moralischen Reinigung und Erziehung (tazkiya) verbunden (z. B. Koran 2:129, 151 und 3:164). Zudem wird Gott ausdrücklich als Lehrer genannt.

Lehrer sind wie Propheten

Auch in der prophetischen Tradition wird auf Wissen und Wissensvermittlung viel Wert gelegt. Diejenigen, die sich mit Wissen beschäftigen und anderen vermitteln, werden mit den Propheten verglichen. In einem Hadīṯ (einer prophetischen Überlieferung) wird vom Propheten Muhammad überliefert: „Die Engel senken ihre Flügel vor dem nach Wissen Suchenden, aus Wohlgefallen an dem, was er macht. Für den Wissenden bitten um Vergebung alle (Kreaturen), die in den Himmeln und auf der Erde sind, auch die Fische im Wasser. Der Vorzug eines Wissenden gegenüber einem Gottesdiener ist genauso wie der Vorzug des (Voll)Mondes gegenüber den übrigen (wenig hellen) Sternen. Die Wissenden sind die Erben der Propheten, weil die Propheten kein Geld vererben, sondern eher Wissen hinterlassen. Wer es (das Wissen) wahrnimmt, der hat tatsächlich einen Gewinn gemacht“ (Überliefert bei den Hadīṯ-Sammlungen von Abū Dāwūd und at-Tirmiḏī).

Entstehung der Koranexegese

Um Gottes Offenbarung an Muhammad zu verstehen, entwickelten die Muslime mit der Zeit Schulen und die Methode des tafsīr (Koranexegese) und erstellten dafür Regeln und Maßstäbe. Der tafsīr des Koran ist eine sehr wichtige Technik, die zu einem einwandfreien Verständnis des Koran und des Islam führen soll. Ohne sie wäre ein richtiges Verständnis vieler Teile des Koran nicht möglich, und nur so kann der Koran sein Hauptziel als Rechtleitung für die Menschen erreichen (Vgl. von Denffer, ʿUlum al-Quran, S. 144f ). Deshalb beschäftigten sich die Muslime, seit der Zeit des Propheten und bis heute, mit dem tafsīr als Lehre und Instrument zum Verstehen des Koran. (Für das Folgende v. a. M. Ḥ. aḏ-Ḏahabī, at-Tafsīr wa-l-mufassirūn, Kairo 1976, Bd. 1, S. 28–73.).

Vier Quellen der Koranexegese

Die Prophetengefährten stützten sich zu dieser Zeit in ihrem Koranverständnis auf vier Quellen: 1. den Koran selbst, 2. den Propheten Muhammad, 3. die eigenständige Interpretation und Rechtsfindung sowie 4. die Leute der Schrift (ahl al-kitāb), das heißt die Juden und Christen.

Zu den bekannten mufassirūn unter den Prophetengefährten gehören die vier ersten Kalifen sowie ʿAbdallāh b. Masʿūd, ʿAbdallāh b. ʿAbbās, Ubayy b. Kaʿb, Zayd b. Ṯābit, Abū Mūsā al- Ašʿarī und ʿAbdallāh b. az-Zubayr.

Von diesen wird in unterschiedlichem Ausmaß tafsīr, eine Exegese des Koran, überliefert.

Beim tafsīr zur Zeit der Nachfolgegeneration der Gefährten stützte sich auch die Generation der sogenannten Nachfolger (tābiʿūn) der Prophetengefährten auf den Koran selbst, auf den Propheten Muhammad, auf ihre eigenständige Interpretation und auf die Ansichten der Leute der Schrift. Zusätzlich stellten die Meinungen der Gefährten eine wichtige Quelle für sie dar. Wie die Gefährten, legten auch die tābiʿūn nur bestimmte unklare Stellen im Koran aus. In dieser Phase entstanden zugleich verschiedene tafsīr-Schulen (aḏ-Ḏahabī, S. 76f ).

QUELLEN TEXT

Koranstellen zur Hochschätzung des Wissens

Sag: Sind (etwa) diejenigen, die Bescheid wissen, denen gleich(zusetzen), die nicht Bescheid wissen? (Doch) nur diejenigen, die Verstand haben, lassen sich mahnen. (Koran 39:9)

Und sag: Herr! Lass mich an Wissen zunehmen! (Koran 20:1124)

Gott lässt diejenigen von euch, die glauben, und denen das Wissen gegeben worden ist, (dereinst) hoch aufsteigen! Gott ist wohl darüber unterrichtet, was ihr tut. (Koran 58:11)

Gott bezeugt, dass es keinen Gott gibt außer ihm. Desgleichen die Engel und diejenigen, die das (Offenbarungs)wissen besitzen. Er sorgt für Gerechtigkeit. Es gibt keinen Gott außer ihm. (Er ist) der Mächtige und Weise. (Koran 3:18)

Er ist es, der die Schrift auf dich herabgesandt hat. Darin gibt es (eindeutig) bestimmte Verse (wörtlich Zeichen), sie sind die Urschrift, und andere, mehrdeutige. Diejenigen nun, die in ihrem Herzen (vom rechten Weg) abschweifen, folgen dem, was darin mehrdeutig ist, wobei sie darauf aus sind, (die Leute) unsicher zu machen und es (nach ihrer Weise) zu deuten. Aber niemand weiß es (wirklich) zu deuten außer Gott. Und diejenigen, die ein gründliches Wissen haben, sagen: Wir glauben daran. Alles (was in der Schrift steht) stammt von unserm Herrn (und ist wahre Offenbarung, ob wir es deuten können oder nicht). Aber nur diejenigen, die Verstand haben, lassen sich mahnen. (Koran 3:7)

Gott fürchten nur diejenigen von seinen Dienern, die Wissen haben (wörtlich die Gelehrten von seinen Dienern). Gott ist mächtig und bereit zu vergeben. (Koran 38:28)

QUELLEN TEXT

Sich die Wahrheit aneignen – wo sie auch herkommt

Es gibt eine reiche Literatur innerhalb des Islam über den Schulunterricht, die unterrichteten Fächer und die Methodologie. Yaʼqūb al-Kindī (805–873), der erste Philosoph der Araber, schreibt in fī l-falsafa al-ūlā, Kap. 1 (Mitte):

„Es sollte für uns keine Schande sein, die Wahrheit zu ehren und sie uns anzueignen, wo sie auch herkommt, selbst wenn sie von Völkern kommt, die fern von uns sind, oder von Nationen, die anders sind [als wir]. Gibt es doch für den nach Wahrheit Strebenden nichts Gewichtigeres als die Wahrheit selbst. Weder wird die Wahrheit herabgesetzt noch gemindert durch den, der sie ausspricht, oder durch den, der sie übermittelt; auch setzt die Wahrheit niemanden herab, vielmehr adelt die Wahrheit einen jeden.“

Diejenigen, die sich mit Wissen beschäftigen und anderen vermitteln werden mit den Propheten verglichen

Da die Gefährten mit der Ausbreitung des Islam nicht nur in Mekka und Medina blieben, sondern sich in den eroberten Ländern niederließen, wie im Irak, in Syrien und Ägypten, entstanden auch dort allmählich Zentren für den tafsīr, die man als eigene tafsīr-Schulen bezeichnen kann. Vor allem drei davon waren von großer Bedeutung: Mekka und Medina sowie Kufa im Irak.

Die Phase der systematischen Niederschrift der islamischen Wissenschaften, das sogenannte ʿaṣr at-tadwīn, beginnt in der Mitte des 2. Jh. nach islamischem Kalender (= 8. Jh. nC), also am Übergang vom umaijadischen zum abbasidischen Kalifat. Davor, also zur Zeit der ṣaḥāba (Prophetengefährten) und der tābiʿūn (Nachfolger), zeichnete sich der tafsīr durch eine

Abfolge der Überlieferungen aus: Die Prophetengefährten, ṣaḥāba, tradierten Wissen vom Propheten und die Nachfolger, tābiʿūn, gaben Kenntnisse von den ṣaḥāba weiter.

Der nächste wissenschaftliche Schritt war nun, die Hadithe des Propheten systematisch zu sammeln. Der tafsīr galt hier als Teil der Hadith-Wissenschaft, der Überlieferung der Propheten, da man in den Hadith-Werken auch überlieferte Koranauslegungen vom Propheten, von seinen Gefährten und von der Nachfolgegeneration zusammentrug. Mit diesem Thema beschäftigten sich Hadithgelehrte wie Yazīd b. Hārūn as-Sulamī (gest. 116/735), Šuʿba b. al-Ḥaǧǧāǧ (gest. 160/777), Sufyān b. ʿUyayna (gest. 198/814) und viele andere, die Aussagen zum Thema tafsīr als Teil ihrer regulären Hadith- Werke sammelten.

Mit der Zeit entwickelte sich der tafsīr zu einer eigenen Disziplin der islamischen Gelehrsamkeit, und man begann, den Koran systematisch vom Anfang bis zum Ende, also Vers für Vers, auszulegen.

Bekannte Rechtsschulen

Auf der Ebene des islamischen Rechts entstanden unterschiedliche Rechtsschulen. Vor allem seien hier vier Rechtsschulen erwähnt:

• die ḥanafitische (nach Imam Abū Ḥanīfa, gest. 767),

• die mālikitische (nach Imam Mālik, gest. 795),

• die šāfiʿitische (nach Imam aš-Šāfiʿī, gest. 820)

• und die ḥanbalitische (nach Imam Aḥmad ibn Ḥanbal, gest. 855).

Außerdem entstanden weitere Rechtsschulen, die ğaʿfarītische (nach Imam Ğaʿfar gest. 765), die zaidītische (nach Imam Zaid, gest. 740), die ibāḍītische (nach Abdallāh ibn Ibāḍ, gest. ca. 708) und die ẓāhirītische (nach Imam Dāwūd bin ʿAlī bin Ḫalaf al-Ẓāhirī, gest. 883).

Die acht Rechtsschulen (arabisch maḏāhib) stellen Wissensrichtungen in Bezug auf den Umgang mit den Scharia-Texten (Koran und Sunna) und die Ableitung der Rechtsnormen dar. Jede dieser Schulen verfügt über ihre eigenen Methoden, Strategien und Prinzipien der Normenfindung. In dieser Konstellation entstand der Terminus technicus iğtihād (bzw. iğtihād ar-raʾy), im Sinne der Findung von Rechtsnormen, indem der Rechtsgelehrte sich eigenständig darum bemüht.

Bedeutende frühe Akademien

Hier seien vor allem zwei Institutionen erwähnt: bait al-ḥikma (Haus der Weisheit) und al-madrasa an-niẓāmīya (an-niẓāmīya- Schule). Das Haus der Weisheit (bait al-ḥikma) ist eine wissenschaftliche institutionelle Akademie der Abbasiden, die vom Kalifen Hārūn ar-Rašīd (gest. 809) in Bagdad gegründet wurde und durch seinen Sohn al-Maʾmūn (gest. 833) ihre Blütezeit erlebte. Diese Institution war interkulturell und interreligiös geprägt und diente vor allem dazu, die menschliche Wissenstradition in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen zu bewahren und zu entwickeln. Hier engagierten sich vor allem arabische, persische sowie syrisch-aramäische Übersetzer und Wissenschaftler. Diese in bait al-ḥikma Eingestellten waren sowohl muslimischen als auch jüdischen und christlichen Glaubens. So wurden beispielsweise in diesem Übersetzungs-und Forschungszentrum Werke der Antike, z. B. von Galen, Platon, Aristoteles,

Archimedes, unter der Leitung des christlichen Arztes Ḥunayn ibn Isḥāq (gest. 873) übersetzt bzw. arabisiert (vgl. J. Lyons, 2008).

Die zweite Bildungsinstitution ist al-madrasa an-niẓāmīya (an-niẓāmīya-Schule). Ihr Name beruht auf Nizām al-Mulk (gest. 1092), einem Wesir der seldschukischen Herrscher Alp Arslan (gest. 1072) und Malik Schah (gest. 1092) im Irak. Ziel dieser Schule war u. a., die sunnitischen theologisch-rechtlichen Lehrinhalte gegenüber den schiitischen systematisch zu etablieren. In dieser niẓāmīya-Schule pflegten die Gelehrten die Lehren des sunnitischen Islam gemäß der theologisch-ausgerichteten ašʿaritischn und šafiʿitischen Rechtsschule zu unterrichten. Zu den berühmten Lehrern dieser Schule gehörten Abū Ishāq aš-Šīrāzī (gest. 1083), Abū l-Maʿālī al-Ǧuwainī (gest. 1085), Abū Ḥāmid al-Ġazālī (gesr. 1111), Abū n-Nağīb as-Suhrawardī (gest. 1168) und Abū l-Faraǧ Ibn al-Ǧauzī (gest. 1201) (vgl. S. Günther 2020).

Resümee

Die Ausführungen zeigen die Relevanz der Wissensvermittlung in der islamischen Theologie und Geistesgeschichte. Diese Wissensvermittlung entstand zur Zeit des Propheten Muhammad zwar in einem arabisch-islamischen Kontext, ging jedoch in den nächsten Jahrhunderten zur Zeit der Umaijaden und der Abbasiden darüber hinaus und entwickelte sich interkulturell und interreligiös. Die arabische Sprache sowie die Quellen des Islam, Koran und der Sunna stellten einen Rahmen für die theologische Forschung, jedoch keineswegs ein Hindernis für die geistige und naturwissenschaftliche Forschung und Wissensvermittlung dar.

Literatur

• Mahmoud Haggag, Gott als der „erste Lehrer“ der Menschheit -Göttliche Unterweisung und menschliche Autorität im Koran, in: Teachers and Students:

Reflections on Learning in Near and Middle Eastern Cultures. Collected Studies in Honour of Sebastian Günther, Hrsg. Dorothee Pielow, Jana Newiger und Yassir El Jamouhi, Leiden, erscheint im Sommer 2022.

• Mahmoud Haggag, Die Geschichte von Koran und tafsīr“ erscheint demnächst beim Institut für Theologie der Universität Osnabrück.

• J. W. Fück, Das Problem des Wissens im Qurʾān, in J. W. Fück, Vorträge über den Islam, Halle/Saale 1999, 1-31.

• Asad, M., Die Botschaft des Koran, Düsseldorf 2011, S.9-10.

• Jonathan Lyons: The House Of Wisdom, Bloomsbury Publishing PLC, 2008

• Sebastian Günther: Knowledge and Education in Classical Islam, Leiden 2020.