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Die engsten Gürtel aller Zeiten


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 24.11.2022

Klar ist: Wir müssen in den nächsten Jahren Einschränkungen hinnehmen.« Das befahl Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner bisher wichtigsten Grundsatzrede.

Doch hilft diese protestantische Verzichtsethik wirklich dabei, die anstehenden Krisen zu bewältigen? Müssen nun alle den Gürtel enger schnallen?

Verzicht ist nicht gleich Verzicht

EIN Pro VON GREGOR FÜLLER

Wenn die Menschen von Verzicht lesen, denken sie immer gleich an Extreme. Sie stellen sich Diogenes in seiner Tonne vor oder einen verhärmten Mönch, der, seinen ausgezehrten Leib in ein kratziges Büßergewand gehüllt, mit der Bahn in den Nordsee-Urlaub fährt statt drei Mal im Jahr für Instagram-Fotos um die halbe Welt zu jetten. Doch so weit muss der Verzicht gar nicht gehen, um den Planeten zu retten. Oft genügen schon kleine Verhaltensänderungen: Steckerleisten konsequent ausschalten, intelligente Stromzähler einbauen, zwei Kinder ...

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Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 12/2022

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... weniger zeugen – all das kann schon die Rettung der Menschheit und des Klimas bedeuten.

Die Natur weist den Weg

EIN Contra VON ROGER G. RELLÜF

Als ich vor kurzem durch Berlin-Neukölln schlenderte und sah, wie auf dem üppigen Grünstreifen neben der Autobahnausfahrt drei Zelte standen, musste ich an die Worte des Bundespräsidenten denken: »Meine Damen und Herren, wir schränken uns ein, um durch die Krise zu kommen.« Doch was nützt die fromme Ansprache, wenn sich am Ende der Egoismus des Einzelnen durchsetzt?! Denn dort, wo die drei Zelte standen, hätten locker sechs oder sieben Platz gefunden. Es ist also kein Wunder, dass der sogenannte Erdüberlastungstag jedes Jahr früher eintritt, solange nicht jeder mitmacht.

Das Mitmachen allerdings verleidet einem nicht zuletzt die ärgerliche Doppelmoral der Verzichtsprediger. Ein krasses Beispiel war vor einigen Tagen im Fernsehen zu bestaunen. Da sprach eine Frau in einer Talkshow davon, dass wir uns alle einschränken müssten. Sie sprach davon, weniger Fleisch zu konsumieren, häufiger mal das Fahrrad zu benutzen und einfach mal ein Buch zu lesen, statt in einen Strom fressenden zwei Meter breiten Bildschirm zu glotzen – doch im selben Moment, während sie all das predigte, saß sie dabei in einem äußerst bequemen Sessel! Mir selbst wäre dieser Widerspruch gar nicht aufgefallen, wenn mich nicht der Internet-Kommentar eines klugen Mitbürgers darauf aufmerksam gemacht hätte. Ja, das ist das Motto der feinen Herrschaften: Weinschorle predigen und Holunderbeersaft saufen (wegen der Antioxidantien).

Die da oben in ihren Elfenbeintürmen mit ihren flauschigen Polstermöbeln bekommen doch von den Problemen des einfachen Volkes gar nichts mehr mit. Wie glaubwürdiger wäre die Dame gewesen, wenn sie in der Talkrunde statt in ihrem weichen Sesselchen auf einem knarzenden Holzstuhl mit verschieden langen Beinen gesessen hätte oder auf einem spitzen Stein?! Oder noch besser gar nicht gesessen hätte, sondern an rasselnden Eisenketten gefesselt von der Fernsehstudiodecke gebaumelt und von den anderen Talkgästen dabei immer wieder mit heißem Wachs übergossen worden wäre!? Dann hätte man als Zuschauer das Gefühl gehabt: Ja, die Frau meint es wirklich ernst. Dann hätte man ihr zuhören und ihre Argumente für voll nehmen können. Aber so sind die bigotten Heuchler selber schuld, wenn demnächst die Apokalypse an die Tür klopft.

Dass sie das tut, ist jedoch noch längst keine ausgemachte Sache. Als der Planet vor 14 000 Jahren schon einmal wärmer wurde, erlebte der Mensch seine erste Blütezeit. Seitdem ging es für die Spezies immer nur bergauf. Von manchen der entstandenen Zivilisationen sind sogar heute – teilweise über 3000 Jahre später! – noch ein paar Gebäude übrig. Es ist also seit Bestehen der Erde, Klimaänderungen hin oder her, noch immer gut gegangen für uns Menschen.

Vielleicht folgt der Mensch auch einfach nur seiner Biologie. Denn wie verhalten sich selbst die einfachsten Lebewesen, die in einer Umwelt mit begrenzten Ressourcen leben? Nehmen wir Bakterien in einer Petrischale: Anfangs finden sich nur vereinzelte Exemplare; sehr langsam zeigen sich hier und da kleine Kolonien; plötzlich folgt ein exponentielles Wachstum, das dazu führt, dass innerhalb kürzester Zeit die gesamte Schale ausgefüllt ist, bevor schließlich mangels Nährlösung alle Bakterien bis auf ein paar kleine Inselchen absterben. Es leuchtet nicht ein, wieso ausgerechnet der Mensch Verzicht üben und damit dieses biologische Grundprinzip missachten sollte. Verzicht ist wider die Natur.

Außerdem könnte es sein, dass schon bald irgendjemand irgendwas erfindet, das die ganze leidige Klimageschichte ein für allemal erledigt. Dann würden wir uns in den Arsch beißen, wenn wir uns zuvor mit weniger als allem beschieden hätten.

Die Menschheit hat schon viele Katastrophen ohne Verzicht überlebt, und sie wird auch diese überleben. Ob in Form von zehn oder fünfzehn Milliarden, die in ihrem jeweiligen 300-Quadratmeter-Eigenheim mit beheiztem Swimmingpool leben und täglich mit dem Flugtaxi das Grillfleisch vom Bio-Bauern holen, oder in Form von ein paar Hunderttausend, die in angenehm kühlen Tropfsteinhöhlen hocken und ihre Bucheckernvorräte gegen Ratten und verfeindete Clans zu verteidigen versuchen, wird sich zeigen. Warten wir’s doch einfach mal ab.