Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 4 Min.

Die Entdeckung der Achtsamkeit


Frau im Leben - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 07.07.2021

Artikelbild für den Artikel "Die Entdeckung der Achtsamkeit" aus der Ausgabe 8/2021 von Frau im Leben. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Frau im Leben, Ausgabe 8/2021

Im Gespräch bleiben, sagen, was man sich wünscht, was man braucht: Das macht den Sex erfüllender

ERIKA (64): „NÄHE KANN AUF SO VIELFÄLTIGE WEISE ENTSTEHEN“

Ich musste 50 Jahre alt wer-Iden, um zu erfahren, wie viel Spaß man im Bett haben kann – und wie beglückend erfüllender Sex ist. Es war ein langer Weg dorthin. Mein Elternhaus war streng und konservativ, über Sexualität und Lust wurde nicht geredet. Mein erster Mann war deutlich älter. Der gemeinsame Sex war für mich – nach der anfänglichen Verliebtheit – leider oft mehr eheliche Pflicht als persönliche Erfüllung. Erst nach der Scheidung machte ich mich auf die Suche nach mir selbst.

Als dann ein neuer Mann in mein Leben trat, erlaubte ich mir mit seiner Hilfe, meine Sinnlichkeit neu zu erfahren und meine Körperlichkeit anders zu leben.

Ich lernte, in mich hineinzufühlen, mich als Frau zu ergründen, meinen Körper zu lieben, zu akzeptieren und meine ureigenen Bedürfnisse wahrzunehmen: Was will ich? Wozu bin ich in diesem Moment bereit? Ein ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Frau im Leben. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Liebe Leserinnen und Leser!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen und Leser!
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Mein Enkel, das Pubertier. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mein Enkel, das Pubertier
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Hier tropft’s!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hier tropft’s!
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Geschichten aus einem Journalistenleben. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Geschichten aus einem Journalistenleben
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Cocktails unter Palmen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Cocktails unter Palmen
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Eine Reise zu mir selbst. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Eine Reise zu mir selbst
Vorheriger Artikel
Die Gipfelstürmerin
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel „Für Eichhö rnchen-Babys in Not
aus dieser Ausgabe

... Orgasmus – meiner, seiner – war uns herzlich willkommen, er war aber kein Muss, kein Zwang. Zärtlichkeit, Verbundenheit, Nähe konnten wir auf so vielfältige Weise herstellen.

Leider zerbrach diese Beziehung, anschließend war ich fünf Jahre Single. Eine neue Liebe konnte ich mir nicht mehr so einfach vorstellen. Bis ich Bernhard kennenlernte. Über die einzige Kontaktanzeige, die ich in meinem Leben aufgegeben habe: ein Geschenk von mir an mich zu meinem 59. Geburtstag. Bernhard ist ein sinnlicher Mensch, groß, sportlich. Er liebt es, nackt zu sein – genau wie ich. Unsere ersten sexuellen Begegnungen waren wild und leidenschaftlich. Uns war schnell klar, dass wir zusammenbleiben wollen und so zog ich nach ein paar Monaten zu ihm.

Aber der Alltag holte auch uns ein. Es lief anders im Bett. Seltener. Vor allem aber wollte er dann zeigen, dass er toll war. Ein „Performer“ der alten Schule. Steht nicht gibt’s nicht – oder darf es nicht geben. Einfach mal keine Lust zu haben, eigentlich auch nicht. Ich fand das irgendwann anstrengend und musste mich wieder darauf besinnen, was ich viele Jahre glücklich gelebt hatte: achtsam mit mir und meinen Bedürfnissen umzugehen.

Es war nicht leicht, Bernhard zu entschleunigen. Ihm klarzumachen, dass guter Sex nicht immer Geschlechtsverkehr heißen muss. Ihm zu zeigen, dass ich ihn gern verwöhne – auch ohne Gegenleistung. Am Anfang war er sehr irritiert. Er fürchtete, dass es mir keinen Spaß macht, wenn ich nicht rundum befriedigt bin. Inzwischen haben wir uns eingespielt. Vor allem in stressigen Zeiten fragen wir uns gegenseitig, wonach uns gerade wirklich ist. Ob wir Sex haben wollen oder Nähe suchen. Dass ein Nein in Ordnung ist und keine Zurückweisung. Ich liebe Bernhard und die Art, wie wir miteinander umgehen. Weil ich finde, dass wir nicht nur eine sehr schöne Sexualität haben, sondern auch eine tolle Beziehung. Beides hat miteinander zu tun, es bedingt und begünstigt sich in beide Richtungen.

BERNHARD (65): „GUTER SEX HEISST, NICHTS BEWEISEN ZU MÜSSEN“

Awar ich seit zwölf Jahren Witwer. Kein klassischer Single, ich hatte immer wieder Liebeleien, kurze Beziehungen – und Sex. Der war mir wichtig. Ich war stolz auf meinen Körper und dass ich so fit war, weil ich mein Leben lang Sport gemacht und gesund gelebt habe. Sex ist Spaß für mich und Genuss.

Ich wollte aber immer auch beweisen, dass ich ein guter Liebhaber bin, Frauen Lust bereiten und selbst auf meine Kosten kommen kann. Im Nachhinein betrachtet, war das recht anstrengend. Mit Erika hat sich viel verändert. In meinem Leben und mit meiner Sexualität.

ls ich Erika kennenlernte, Dabei hatte ich gar nicht vor, jemanden kennenzulernen.

Aber Erikas Kontaktanzeige war irgendwie besonders, sie hat mich neugierig gemacht. Schon beim zweiten Treffen sind wir in Erikas Bett gelandet, ohne dass irgendetwas passiert ist. Oder alles. Wir lagen nackt nebeneinander, haben uns geküsst und gestreichelt. Wir würden nicht miteinander schlafen, das war klar. Mich hat das irritiert. Trotzdem war die Situation nicht prüde, sondern sexy, vertraut und für Erika total selbstbestimmt.

„Die Veränderung der Körper kann zu einer neuen, intimeren Sexualität führen

Birgitt Hölzel, Paartherapeutin in München

In unserer Anfangszeit hatten wir tollen, wilden Sex und waren extrem verliebt. Als wir zusammenzogen, hat sich das verändert. Ich konnte es zunächst nicht so genau definieren. Beruflich war ich damals sehr eingespannt und abends oft müde.

Weil ich wusste, dass Erika Sex und Nähe wichtig sind, habe ich versucht, mein Bestes zu geben. Das war dann so, wie es klingt: mühsam. Ich habe eine ganze Weile nicht verstanden, worum es Erika ging. Wollte sie nicht mehr? War ihr der Sex nicht mehr wichtig? Konnte ich sie nicht befriedigen? Als ich eines Abends dann nur eine schwache Erektion bekam, war ich entsetzt! Was jetzt? Viagra?

Erika musste mir recht deutlich sagen, was sie NICHT von mir erwartet und was sie sich stattdessen wünscht. Anfangs hat mich das verunsichert, bis ich verstand: Ich muss nicht performen. Ich darf auch schwach sein, bedürftig. Darf mich verwöhnen lassen, darf Nein sagen oder:

„Heute bitte nur kuscheln!“

Wie gut, dass Erika damals so klar war. Die offene Art, über unsere Bedürfnisse zu sprechen, zeigt sich auch sonst im Umgang miteinander. Wir reden, ohne uns zu verletzen, lassen es auch mal gut sein und akzeptieren den anderen, wie er ist.

„Annehmen, was ist: Das ist Achtsamkeit

W enn sich der Körper im Alter verändert, wirkt sich das auch auf die Sexualität aus. Durch die Wechseljahre produziert die Vagina weniger Feuchtigkeit, Geschlechtsverkehr kann Frauen Schmerzen verursachen. Männer dagegen kämpfen oft mit einer geringeren Erektion – und den damit verbundenen Schamgefühlen. Viagra scheint dann das Mittel der Wahl zu sein.

Dabei kann die Veränderung der Körper zu einer neuen, intimeren Art der Sexualität führen.

Was für ein Glück, dass Erika schon Erfahrung mit achtsamer Sexualität hatte und diese in die neue Beziehung einbringen konnte.

Achtsamkeit heißt ja zunächst: anzunehmen was jetzt – anders – ist, was beim Sex weniger Spaß macht oder nicht mehr auf Anhieb klappt. Dass es mehr Zeit braucht, um sich aufeinander einzulassen. Dass es auch eine Chance ist, neue Wege zu suchen.

Mehr Zärtlichkeit, mehr Stimulation oder gute Gleitmittel können helfen. Aber auch ohne Geschlechtsverkehr gibt es sinnliche und erregende Berührungen. Sprechen Sie an, was Sie brauchen. Am besten, nachdem Sie guten Sex hatten. Dann sind Sie beide in guter Stimmung und Ihr Partner missdeutet Vorschläge nicht als Kritik. Bleiben Sie bei sich, wenn Sie erklären, was Sie lieber anders hätten. Ob und wie Sie zum Orgasmus kommen möchten. Was Sie sich wünschen, wenn eine Erektion schwächelt. Achtsamkeit heißt, auf sich zu hören – und auf den anderen.