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Die Entführung von Hanns Martin Schleyer


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die aktuelle Krimi - epaper ⋅ Ausgabe 22/2022 vom 06.08.2022

Polit-Verbrechen

Deutscher Terror-Herbst l977

Artikelbild für den Artikel "Die Entführung von Hanns Martin Schleyer" aus der Ausgabe 22/2022 von die aktuelle Krimi. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: die aktuelle Krimi, Ausgabe 22/2022

Es waren finstere Zeiten! Während die Tage im Herbst 1977 immer dunkler wurden, wirkten die Straßen wie leer gefegt. Die stumme Angst vor dem Terror beherrschte die Menschen. Morde, Anschläge, Entführungen – eine blutige Spur zog sich quer durch die Bundesrepublik. Im „Deutschen Herbst“ erreichte die Terrorwelle der Rote Armee Fraktion (RAF) ihren Höhepunkt. Diese sechs Wochen schrieben ein grausames Kapitel ins deutsche Geschichtsbuch. Schon am 4. August 1977 hatte die „Bild“-Zeitung getitelt: „Schleyer soll der Nächste sein !“ Und obwohl Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer rund um die Uhr bewacht wurde, geriet er nur einen Monat später in die Hände gewaltbereiter Polit-Täter …

Es war der 5. September. Im Kölner Villenviertel am Stadtwald herrschte schon Feierabendstimmung. An der Vincenz-Statz-

Straße stand ein unschuldig wirkendes Paar mit einem ...

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... Kinderwagen auf dem Bürgersteig. Um 17.28 Uhr bog die Limousine von Hanns Martin Schleyer um die Ecke, gefolgt von einem Begleitfahrzeug mit drei Polizisten. Plötzlich fuhr ein Mercedes rückwärts auf die Straße und stoppte die Wagenkolonne. Die RAF-Mitglieder Peter-Jürgen Boock und Sieglinde Hofmann zogen ihre Waffen aus dem mitgebrachten Kinderwagen und eröffneten augenblicklich das Feuer. Auch ihre Komplizen Willy Peter Stoll und Stefan Wisniewski begannen zu schießen. Im Kugelhagel starben Schleyers Fahrer Heinz Marcisz und die Beamten Reinhold Brändle, Roland Pieler und Helmut Ulmer. Den 41-jährigen Polizisten Brändle allein hatte das RAF-Kommando mit 60 Schüssen niedergemäht. Die Entführer zerrten den Arbeitgeberpräsidenten aus seinem Wagen in einen VW-Bus und verschleppten ihn in eine Hochhauswohnung in Erftstadt. In einem der von Kugeln durchlöcherten Autos hinterließen die Terroristen eine Nachricht: „An die Bundesregierung. Sie werden dafür sorgen, dass alle öffentlichen Fahndungsmaßnahmen unterbleiben, oder wir erschießen Schleyer sofort, ohne dass es zu Verhandlungen über seine Freilassung kommt. raf.“

Deutscher Herbst

Das RAF-Kommando hatte die Gewehre im Kinderwagen versteckt und eröffnete sofort das Feuer …

Die Entführung von Hanns Martin Schleyer war von langer Hand geplant: Seine Tätigkeit in den beiden größten Arbeitgeberverbänden und seine Vergangenheit im Nationalsozialismus rückten Schleyer in den Fokus der Rote Armee Fraktion. Die ersten Stunden seiner Geiselhaft verbrachte der 62-jährige Manager in einem schallgedämpften Wandschrank. Mit einer Waffe am Kopf zwang man ihn, in Videobotschaften an die Regierung zu appellieren, ihn gegen elf inhaftierte Terroristen der RAF auszutauschen. Darunter die prominenten Anführer der sogenannten ersten Generation Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim hinter Gittern saßen.

Schleyers Begleiter star ben im Kugelhagel – er selbst wurde verschleppt

In Bonn begann der Krisenstab seine Arbeit. Die von Helmut Schmidt geführte Regierung setzte mit Zustimmung aller Parteien auf Härte, wollte Zeit gewinnen. Der Staat sollte sich nicht wieder erpressbar machen wie 1975 bei der Lorenz-Entführung. Bonn reagierte mit Rasterfahndung, Straßen- und Nachrichtensperren sowie umstrittenen Anti-Terror-Gesetzen. Dazu gehörte unter anderem das Kontaktsperregesetz, das in Gefahrensituationen Häftlingen den Kontakt zu ihren Anwälten verbietet. Doch Schleyer blieb verschwunden …

Erst in Mogadischu gela ng es der GSG 9, alle Passagiere zu befreien!

Als Druckmittel brachten weitere Terroristen eine Lufthansa-Maschine in ihre Gewalt und starteten einen 9000 Kilometer langen Irrflug …

Und die Situation eskalierte noch weiter. Am 13. Oktober 1977 entführten vier palästinensische Terroristen in Absprache mit der RAF die Lufthansa-Maschine „Landshut“. Sie stellten die gleichen Forderungen wie die Geiselnehmer von Schleyer. Mit 85 weiteren Passagieren und fünf Crew-Mitgliedern wurde auch die junge Schönheitskönigin Diana Müll auf dem Rückflug von Mallorca als Geisel genommen. Es begann ein Irrflug kreuz und quer durch Afrika und dem Nahen Osten. Als die Boing 737 in Dubai landen musste, weil der Sprit ausging, sollte Diana als erste Geisel sterben. Ihr Leben entschied sich in einer offenen Flugzeugtür. Martyr Mahmud, selbst ernannter „Captain“, drückte der 19-Jährigen eine Pistole an die Schläfe und fing an, bis zehn zu zählen. Ganz langsam. Die Mündung der Waffe fühlte sich für Diana eiskalt an. Als Terrorist Mahmud bei neun ankam, schloss die junge Frau mit ihrem Leben ab: „Ich wusste, ich musste mich jetzt für mein letztes Bild entscheiden.“ Bei zehn kam dann die Erlösung – der Tower ließ die Maschine auftanken. Diana brach in sich zusammen, wurde ohnmächtig. Aber sie lebte! Das nächste Ziel war Aden im damaligen Südjemen. Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann durfte das Flugzeug verlassen, um das Fahrwerk zu kontrollieren.

Als er erst nach einer Stunde zurückkam, drehte einer der Entführer durch und richtete ihn mit einem gezielten Kopfschuss im Mittelgang der „Landshut“ hin. Der Irrflug endete in der somalischen Hauptstadt Mogadischu.

Es war kurz nach Mitternacht am 18. Oktober, als das Spezialeinsatzkommando GSG 9 die Maschine an allen sechs Türen stürmte. Sämtliche Geiseln konnten befreit werden. Drei der vier Entführer starben, Souhaila Andrawes überlebte schwer verletzt.

Auf das Schicksal Schleyers hatten die Ereignisse in Mogadischu dramatische Auswirkungen. Die Terroristen Baader, Ensslin und Raspe wurden im Stammheimer Gefängnis tot aufgefunden. Die Behörden sprachen von Selbstmord. Die RAF-Anwälte glauben bis heute aufgrund ungeklärter Widersprüche an Mord. Durch die Geschehnisse in Stammheim wurde Schleyer als Geisel für die RAF wertlos. Sein Todesurteil war damit gefällt …

Am Ende wurde Schleyer tot im Kofferraum eines Autos gefunden!

Kostete ihn etwa eine Polizei-Panne das Leben? Sein Mörder wurde jedenfalls nie gefunden …

Am 19. Oktober ging im Stuttgarter Büro der Deutschen Presse-Agentur ein Anruf ein, in dem mitgeteilt wurde: „Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet.“ Die Entführer deponierten seine Leiche im Kofferraum eines Autos, das nach einem Hinweis der RAF am 19. Oktober 1977 im französischen Mühlhausen im Elsass gefunden wurde. – Und während die Bundesrepublik noch unter Schock stand, kam die größte Polizeipanne der deutschen Nachkriegszeit ans Licht …

Ferdinand Schmitt hätte ein Held werden können. So dicht wie der Dorfpolizist aus Erftstadt-Liblar bei Köln war 1977 niemand der Rote Armee Fraktion auf den Fersen. Er hatte unter den Tausenden Hin- weisen den richtigen Tipp auf das „Volksgefängnis“ gegeben, wo die RAF den Arbeitgeberpräsidenten gefangen hielt. Aber Schmitts Fernschreiben mit dem Hinweis auf die Wohnung am Renngraben 8 versandete irgendwo – auf dem Dienstweg zwischen Hürth und Köln. Später gestand ein Polizeibeamter: „Hanns Martin Schleyer könnte noch leben …!“

Doch es kam anders! Auch weil die Regierung um Helmut Schmidt hart blieb. Selbst dann, als Schleyer in seinen Entführungsvideos flehte: „Ich habe nie um mein Leben gewinselt. Was sich aber seit Tagen abspielt, ist Menschenquälerei ohne Sinn.“ Das sieht auch Schleyers Sohn Hanns-Eberhard so. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um seinen Vater zu retten. Als letzten verzweifelten Versuch zog er vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Er wollte damit die Regierung zwingen, den Forderungen der Terroristen nachzugeben, um seinen Vater freizubekommen – vergeblich! Er sah ihn nie wieder. Schleyers Witwe Waltrude sagte Jahrzehnte später in einem Interview: „Ich habe mich nie damit abgefunden, dass der Staat meinen Mann geopfert hat.“

Juliane Strobl