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Die erste ihrer Art


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 11.08.2022

KATE BUSH

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KATE BUSH

Plötzlich ist sie da. Sie sitzt in einem hochgeschlossenen schwarzen Kleid auf einer abgerundeten Showtreppe, die Haare trägt sie offen. Sie steht auf – und scheint sich dabei ebenso unwohl zu fühlen wie das verklemmt dastehende Statisten-Studiopublikum. Die später frei fließenden, für sie so typischen exaltierten Arm- und Handbewegungen – gelernt bei Bowies Performance-Mentor Lindsay Kemp – wirken noch mechanisch. Man merkt sofort, dass sie hier nicht hingehört, aber sie hat halt diesen irrwitzigen Song. Kate Bush ist 19 Jahre alt, und sie singt ihn mit diesem glockenhellen, zauberhaften Sopran, der mit nichts vergleichbar ist, was bis dahin im Pop zu hören war. Allen Unsicherheiten zum Trotz: ein magischer Moment.

Auf das britische Fernsehpublikum muss Kate Bush bei ihrem ersten Auftritt bei „Top Of The Pops“ wie eine Erscheinung gewirkt haben. Ein „ätherisches Fabelwesen aus einer ...

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... anderen Welt“, eine „Elfe“, eine „viktorianische Zofe“ – sie inspirierte das komplette Klischee-Arsenal, das männliche Journalisten seitdem für weibliche Künstlerinnen ausrollen. Konnte allerdings auch noch keiner wissen, dass sie gekommen war, um einen gänzlich neuen Künstlerinnentypus zu etablieren. Was allerdings gleich klar war: Kate Bush ist eine, die stimmlich und auch sonst polarisiert, love it or hate it.

Um eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, wie es sich angefühlt haben muss, als Bush im Februar 1978 das britische Pop-Hochamt „Top Of The Pops“ erobert hat, indem sie ihren späteren Welthit „Wuthering Heights“ aufführte, reicht ein kurzer Blick auf den damaligen Pop-Zeitgeist: Es ist das Jahr, das mit dem letzten Konzert der Sex Pistols begonnen hatte, in dem Keith Moon von The Who sterben wird und in dem der gigantische Erfolg des Films „Saturday Night Fever“ und seines Soundtracks gleichzeitig kommerziellen Peak und kreatives Auslaufen der Disco-Welle markieren. Es ist zwar auch ein aufregendes New-Wave-Jahr – niemand sagt 1978 Postpunk! –, aber davon bekommen nur informierte Kreise etwas mit. Die neben Bush prägenden Protagonist*innen der Achtziger formieren sich derweil im Hintergrund: Die erste Single von Prince erscheint, Michael Jackson beginnt mit den Aufnahmen von OFFTHE WALL, Madonna arbeitet noch als Tänzerin. Insgesamt ist 1978 ein Übergangsjahr. Punk ist vorbei, was danach kommt: ungewiss.

Und da knallt sie dann so rein. Wenige Wochen nach ihrem ersten Auftritt bei „Top Of The Pops“ erreicht „Wuthering Heights“ am 11. März 1978 den ersten Platz der britischen Charts. Kate Bush ist die erste weibliche Künstlerin, der dieser Triumph mit einem selbstgeschriebenen Song jemals gelungen ist. Sie wird insgesamt fünfmal mit demselben Song in dieser Sendung auftreten und jedes Mal ein bisschen zuversichtlicher, souveräner, unwiderstehlicher wirken. Aber lieben wird sie diese Art von Promo-Auftritten nie.

Vor allem aber scheint sie nichts von dem zu sein, was den damaligen Pop prägt: Offensichtlich ist ihre Musik weder Punk noch Disco, weder Softrock noch Prog. Dabei ist eine Kate-Bush-Genealogie keine allzu große Herausforderung: Progrock, dem Folk-Revival, Vaudeville, keltischer Tradition, dem durch den irrwitzigen Erfolg der „Rocky Horror Picture Show“ ausgelösten Musical-Boom der Zeit, natürlich David Bowie, Elton John (mit dem später ein Duett entsteht), eventuell gar den Fantasy-Texten von Robert Plant, mit dem sie befreundet ist: all diesen Genres und Künstlern verdankt die Musik von Kate Bush offensichtlich ebenso viel wie den Klassik-Platten, die ihre Eltern für sie aufgelegt hatten. Aber bis dahin hatte eben noch niemand all diese Elemente aufgeklaubt und auf diese Weise zusammengesetzt, sie derart individuell und kunstvoll zu einer neuen Artpop-Sprache addiert.

Zur Hochzeit des Postpunk verwebt Kate Bush Prog, Pop und Folk allerdings in einerWeise, die einen wieder daran erinnert, dass unter dem Sammelbegriff Postpunk später so ziemlich alles subsummiert wurde, was irgendwie schräg war. In diesem Sinne war die frühe Kate Bush durchaus Postpunk. Selbstermächtigung und Do itYourself spielten eine ebenso große Rolle wie künstlerische Radikalität – Kate Bush gibt keinen Fuck. Sie macht alles selbst, sie komponiert, arrangiert, schreibt Texte, produziert ihre Musik und denkt sich Kampagnen für sie aus.

Also doch ein Punk? Eher: die vielleicht prägendste Pop-Künstlerin aller Zeiten.

Eine kurze, unvollständige Liste von Leuten, deren Karrieren ohne Kate Bush bei allen eigenen Verdiensten kaum vorstellbar wären: Björk, Joanna Newsom, Fiona Apple, FKA Twigs, Florence & The Machine, Alison Goldfrapp, Yeah Yeah Yeahs, Lady Gaga, natürlich Tori Amos. Sie alle stehen auf den Schultern von Kate Bush, die neben Joni Mitchell, Aretha Franklin und Madonna als eine derwenigen Frauen zu jenen ganz großen Pop-Innovator*innen gehört, die wirklich einen Unterschied gemacht haben. Natürlich ist es nicht besonders einfallsreich, jede neue Künstlerin, die ein bisschen von der Pop-Norm abweicht, gleich mit Bush zu vergleichen. Zumal wir hier durchaus auch männliche Künstlerwie PatrickWolf oder Radiohead aufführen könnten. Dennoch: Insbesondere für Musikerinnen ist Kate Bushs Bedeutung als zentrale Pop-Influencerin der vergangenen 40 Jahre gar nicht hoch genug einzuschätzen. Sie hat auf einzigartige Weise ermutigt und ermächtigt, indem sie gezeigt hat, dass es geht und wie es geht für Frauen in der Männerdomäne Musikindustrie.

Geboren am 30. Juli 1958, durchlebt Catherine Bush, wie sie mit vollem Namen heißt, eine behütete, unbeschwerte Kindheit in einem idyllischen alten Landgut mit parkähnlich großem Grundstück in East Wickham vor den Toren Londons. Der Vater ist Arzt und Amateurpianist, die Mutter ehemalige Krankenschwester und Tänzerin; hinzu kommen zwei ältere Brüder, John und Patrick Bush, genannt Paddy, der bis 2005 auf sämtlichen Alben seiner Schwester Gitarre spielt. Man muss sich das Familienleben der Bushs wohl als bildungsbürgerlichen Idealzustand vorstellen – und in diesem nimmt Musik von frühester Kindheit an eine gewaltige Rolle im Leben von Kate Bush ein. Erste Melodien und Texte schreibt sie bereits mit elf, nachdem der Vater ihr die ersten Akkordfolgen auf dem Klavier beigebracht hatte.

Kate Bush mit „Running Up That Hill“ bei Peter Illmanns „Peter’s Pop Show“ am 30. November 1985 in Ihrem Zett-De-Eff

Eine Aufnahme dieser frühen Songs landet über Umwege bei David Gilmour, dem Gitarristen von Pink Floyd. Gilmour zeigt sich begeistert und wird zum Förderer der 13-Jährigen. Nachdem zuvor produzierte Demoaufnahmen nicht die gewünschte Wirkung bei Gilmours Plattenfirma zeitigen, mietet er 1975 ein Studio und ermöglicht Bush professionelle Aufnahmen mit Orchester. Wenige Wochen später hat Gilmour einen Termin mit Bob Mercer, dem Geschäftsführer seiner Plattenfirma EMI. Pink Floyd haben im Vorjahr mit THE DARK SIDE OF THE MOON eins der erfolgreichsten Alben aller Zeiten veröffentlicht. Die Erwartungen an den Nachfolger sind gigantisch, nun soll Mercer WISH YOU WERE HERE zum ersten Mal vorgespielt bekommen. Ausgerechnet bei diesem heiklen Termin zeigt David Gilmour Bob Mercer nun unangekündigt den Song „The Man With The Child In His Eyes“ aus den Studioaufnahmen mit der vollkommen unbekannten Teenagerin Kate Bush.

Mercer ist auf Anhieb begeistert und macht etwas, das nicht nur für die damalige Zeit ungewöhnlich ist. Statt die inzwischen 16-Jährige in ein Pop-Bootcamp zu schicken und ihr von einer Armada gewiefter Produzenten und Songschreiber einen Sound auf den Leib konfektionieren zu lassen, gewährt er ihr einenVorschuss von 3000 Pfund, um in Ruhe auf eigene Faust ihr Talent weiterentwickeln zu können. Bush zieht zu Hause aus und bei Bruder Paddy ein. Sie arbeitet an Klavierspiel, Gesang und nimmt Tanzstunden bei jenem besagten Lindsay Kemp, der bereits David Bowie bei seiner Verwandlung in Ziggy Stardust unterstützt hatte und sich also mit Fabelwesen vom anderen Stern bestens auskennt.

Diese ganze Geschichte wirkt aberwitzig und frei erfunden, aber sie hat sich tatsächlich zugetragen. Zwei Jahre später ist es dann so weit: Im Juli 1977 geht Kate Bush mit dem Produzenten Andrew Powell ins Studio, um ihr Debütalbum aufzunehmen. Fünfzig Songs hatte Bush bis zu diesem Zeitpunkt geschrieben, sie wird in wenigen Wochen 19 Jahre alt, den bis dahin letzten neuen Song, ihren bis heute größten Hit „Wuthering Heights“, hatte sie angeblich kurze Zeit zuvor in nur einer einzigen Nacht an einem Stück im Rausch runterkomponiert und getextet, er war inspiriert von dem Roman „Wuthering Heights“ von Emily Brontë, die am selben Tag Geburtstag hat wie Bush.

An den meisten Tagen setzt Kate Bush sich im Studio ans Klavier, spielt ihre Songs und nimmt sie oft in einem einzigen Take auf, während die von der Plattenfirma und Gilmour zusammengestellten Miet-Musiker sich erst an Bushs verschlungene, unorthodoxe Arrangements gewöhnen müssen, was ihnen bis zum Schluss nicht ganz gelingt, woraus sich rückblickend ein herrlicher Kontrast aus Bushs verschlungenen Pianoeskapaden und dem eher konventionellen Spiel der Band ergibt. THE KICKINSIDE ist eins der besten Debütalben aller Zeiten und bis heute eins der auf zauberhaftwundersame Weise tollsten von Kate Bush.

Im Anschluss an die sechswöchigen Aufnahmen trug sich eine Episode zu, die für das spätere künstlerische Selbstverständnis von Kate Bush ebenso bezeichnend ist, wie sie für eine junge Künstlerin im Teenager-Alter nicht nur zu der damaligen Zeit ungewöhnlich war: THE KICK INSIDE war fertig, die Plattenfirma wollte den Song „James And The Cold Gun“ als erste Single veröffentlichen. Also ging Kate Bush zu Mercer und beschwerte sich: Selbstverständlich könne die erste Single kein anderer Song als „Wuthering Heights“ sein.

Sinnlos, ihr in ihre Kunst hineinzureden.

Bush setzte sich durch, „Wuthering Heights“ wurde ihr erster großer Hit und ist bis heute einer ihrer bekanntesten Songs. Von einem auf den anderen Tag war sie ein Star. Mit dem Erfolg kamen die Begehrlichkeiten, die Interviewanfragen, die Fernsehauftritte. In Deutschland trat sie bei „Bio’s Bahnhof“ an; „Kate, you are great“ beschied Alfred Biolek kalauernd. Er hatte recht. Es wurde dann aber recht bald klar, dass Kate Bush diese Seite des Musikgeschäfts hasste. Alles zerrte an ihr, also war sie vermutlich froh, dass es auf Drängen der Plattenfirma bald wieder ins Studio ging, um dem Top-Ten-Album THE KICKINSIDE möglichst bald etwas folgen zu lassen. So entstand in einem ähnlichen Set-up nur wenige Monate später das zweite Album, LIONHEART, das charmante Momente enthält und insgesamt gelungen ist, dem man aber die Eile seiner Entstehung anhört.

Es begann nun das letzte Jahr in Kate Bushs Karriere, in dem sie machte, was von ihr erwartet wurde. Zunächst arbeitet sie für die überaus ambitionierte „Tour of Life“, eine Art fahrendes Musiktheater, mit dem Choreographen Antony Van Laast und einem großen Ensemble zusammen. Nach monatelangen Proben spielt sie 29 ziemlich erfolgreiche Konzerte. Nachdem er jahrelang nur noch gebraucht auf VHS zu Irrsinnspreisen verfügbar war, findet man den Mitschnitt des damaligen Auftritts im Londoner Hammersmith Odeon inzwischen bei YouTube. Die Bildqualität ist mies, aber es raubt einem den Atem. Kate Bush mit dem berühmten Headset-Mikro, das sie als erste Pop-Sängerin überhaupt verwendete, wie sie ganz in ihrer Performance aufgeht und dabei überirdisch gut singt. Die Auftritte von Abba sind vermutlich ebenso in die Konzeption dieser Performance eingeflossen wie Disco und die Ästhetik des viktorianischen Englands sowie der Goldenen Zwanziger, für die damals eine Menge Leute ein Faible entwickelten, unter anderem ja auch dervon Kate Bush verehrte Bowie auf seiner „Isolar“-Tour als Thin White Duke drei Jahre zuvor. Insgesamt dominiert aus heutiger Sicht aber der Eindruck, dass Kate Bush mit der „Tour of Life“ ästhetisch und performativ die Achtzigerjahre im Alleingang erfunden hat. Mit einer Ausnahme: Sexualisierung spielt in ihrem Auftritt keine Rolle, ihre Erotik verdankt sich der Intensität und künstlerischen Klasse ihres Vortrags, ihrer Hingabe.

Wer damals das Glück hatte, eins der Konzerte besucht zu haben, hat sich die Erinnerung hoffentlich fest im Herzen eingerahmt und konserviert, denn damit war die Karriere der Bühnenkünstlerin Kate Bush fürs Erste vorbei. Bis heute ist sie nicht wieder auf Tour gegangen. Überhaupt war sie physisch nie wieder so sehr da wie damals. Sie hatte drei Jahre ununterbrochen den vermeintlichen Regeln der Branche entsprochen und war am Ende ihrer Kräfte. Es gibt eine Menge Leute, die in einem vergleichbar jugendlichen Alter an so einem Übernachterfolg zerbrechen.

Kate Bush gründete eine eigene Produktionsfirma, Novercia. Mit ihrer Familie. Irgendwie brachte sie EMI dazu, den alten Vertrag durch einen neuen zu ersetzen, der ihr sämtliche Rechte an ihren Aufnahmen einräumte, ein Privileg, das meist nur langjährige Superstars für sich erstreiten. Auf diese Weise führt Bush ihre Geschäfte im Wesentlichen bis heute. Die Leute, die mir ihr arbeiten – das aktuelle Album 50 WORDS FORSNOW (2011) erschien nach über 30 Jahren bei EMI auf ihrem eigenen Label Fish People –, haben sich über die Jahrzehnte daran gewöhnt, dass es absolut sinnlos ist, Kate Bush in künstlerischen Belangen hineinzureden. Ein Album ist fertig, wenn es fertig ist, es klingt, wie Kate Bush möchte, dass es klingt und es wird vermarktet, wie sie es für richtig hält.

Statt Interviews zu geben und weitere Konzerte zu spielen, zog sich Kate Bush nach ihren ersten großen Erfolgen in die Abbey Road Studios zurück, wo sie in den kommenden Monaten ganz und gar in der Musik und ihrer zunehmenden Experimentierfreude aufging. In dieser Phase gründet der Mythos von Kate Bush als „Eremitin des Pop“, der man einfach nicht auf die Spur kommt – und den sie in den kommenden Jahrzehnten gründlich ausbaute. Insofern passt es ziemlich gut, dass Kate Bush in diesem Sommer ganz ohne eigenes Zutun mal wieder ein gewaltiges Comeback ausgerechnet durch einen Einsatz ihres Jahrhundert-Hits „Running Up That Hill (A Deal With God)“ erlebte – als strangest thing der britischen Musikwelt gilt sie schließlich seit Jahrzehnten. Als „J. D. Salinger des Pop“ wurde sie bezeichnet, wahlweise auch als „Thomas Pynchon des Pop“.

Dass man diese Frau also lieber mit den großen Sonderlingen des US-amerikanischen Literaturbetriebs vergleicht als mit anderen Musiker*innen, ist durchaus nachvollziehbar. Im Gegensatz zu britischen Pop-Exzentrikern und -Eremiten wie Paddy McAloon, Syd Barrett oder Mark Hollis hat Bush weder Drogen- noch psychische oder sonstige gesundheitliche Probleme. Die vermeintliche Öffentlichkeitsscheu dieser Frau ist einer Abneigung gegen die Regeln und Gepflogenheiten einer Branche geschuldet, in der als schrullig, schwierig, verschroben gilt, wer keine Lust hat, nach diesen Regeln zu funktionieren.

Kate Bushs Vermögen wird auf 60 Millionen Pfund geschätzt, dem Vernehmen nach ist es zuletzt durch die Netflix-Serie „Stranger Things“ noch einmal um 2,3 Millionen angewachsen. Sie kann sich die Zurückgezogenheit, die Hingabe an ihre Kunst und ihr kompromissloses Beharren auf etwas, das man heute Work-Life-Balance nennen würde, also erlauben. „Ich habe mich dagegen entschieden, mein Dasein in der Showbiz-Welt mit all ihren Abgründen zu fristen“, sagte sie 2010 dem „Hamburger Abendblatt“. „Überzogene Egos, Machtgier, Geldgier, Psychosen, Zynismus – all das brauche ich nicht.“ Dazu passt, dass nahezu alle Leute, die jemals intensiver mit Bush zu tun hatten, sie als bodenständig, warmherzig und allürenfrei beschreiben.

Kate Bush hängt der für viele offenbar absurd klingenden Vorstellung an, dass man sich als Künstlerin vor allem um seine Kunst kümmern sollte. Und das tut sie: Die frühen Achtzigerjahre verbringt sie experimentierend im Studio. Aus dem Bestand von Genesis-Sänger Peter Gabriel, auf dessen dritten Solo-Album sie 1980 Background-Vocals gesungen hatte, leiht sie sich ein Exemplar jener ersten Fairlight-Synthesizer CMI (Computer Musical Instrument), zu dessen Ausstattung einer der ersten Sampler gehört. Bush studiert die neuen technischen Möglichkeiten der Pop-Produktion ausgiebig, wird nun auch erst Co- und dann alleinige Produzentin, verbrennt mit den Alben LION-HEART und insbesondere NEVER FOR EVER aber auch eine Menge Geld. Das Verhältnis zur Plattenfirma erreicht einen Tiefpunkt.

Wenn sie deswegen ein schlechtes Gewissen gehabt haben sollte, hat man es ihr zumindest nicht angemerkt. Stattdessen richtet sie sich ein Studio auf dem Grundstück ihrer Eltern ein, in dem sie in den kommenden Monaten ihren bis heute größten künstlerischen Triumpf produziert. Mit dem bombastischen, in Teilen überproduzierten NEVER FOR EVER hatte sie die Achtzigerjahre nun auch musikalisch erfunden, mit HOUNDS OF LOVE kleidet sie sie aus. Das Album entsteht in konzentrierter, aber heimeliger Atmosphäre. In Pausen grillt Bush senior für alle, es gibt permanent Tee und ausgedehnte Spaziergänge.

Inzwischen komponiert Bush beinahe ausschließlich auf dem Fairlight, der „Stranger-Things-Song“ „Running Up That Hill“ entsteht komplett auf einem solchen Gerät, das sich nun in ihrem Besitz befindet, hinzu kommen der eben erst eingeführte Drumcomputer LinnDrum und der erste digitale Synthesizer, DX7 von Yamaha. Sie setzt diese Geräte mit Intuition und Könnerschaft ein, verbeißt sich bisweilen wochenlang in winzige Details, aber diesmal geht die Akribie auf, weil Kate Bush außerdem einige der stärksten Songs ihrer Karriere schreibt. Ihre Stimme ist wie tausend Stimmen und man hört sie alle auf diesem Album, das ganze Spektrum vom herzenswarmen Bariton bis zum schrill überdrehten Artpop-Sopran über vier Oktaven. Sie singt im Chor mit sich selbst, kein Ton ist zufällig da, wo er steht.

„Die Welt ist verrückt geworden.“

So entsteht eins der großen prägenden Alben des Jahrzehnts, dessen Impact mit Michael Jacksons THRILLER, LIKE A VIRGIN von Madonna oder PURPLE RAIN von Prince vergleichbar ist. Die lichten kommerziellen Höhen dieser Alben erreicht Bush ohne Tourneen nicht, aber das Album steht wochenlang auf Platz eins der britischen Charts – ein Erfolg, welcher der Lead-Single des Albums, „Running Up That Hill“, nun 22 Jahre später durch eine Teenager-Fernsehserie gelungen ist.

Damals wie heute trifft Kate Bush den Zeitgeist: Die elfenhaften Fantasiewelten, das Esoterische, das in dieser Musik und in diesen Texten auch zu Hause ist, verleiht HOUNDS OF LOVE ein eskapistisches Moment, das prima mit Kate Bushs Eremitinnen-Image korrespondiert – und zu jenem Grundgefühl der Achtzigerjahre passt, das der Kollege André Boße auf den folgenden Seiten beschreibt. Irgendwo zwischen Zukunftsangst und Fortschrittsgläubigkeit deutete HOUNDS OFLOVE die Zeichen der Zeit.

Danach kamen noch die Alben THE SENSUAL WORLD und THE RED SHOES, dann zog sich Kate Bush in die bislang längste Pause ihrer Karriere zurück. Besondere Gründe dafür gab es nicht. 1999 wurde sie Mutter, hörte auf zu rauchen, der Garten gedieh, die Jahre strichen ins Land. 2014 spielte sie überraschend wieder Konzerte, aber zu ihren Bedingungen: Anstelle einer Tournee gab Bush 22 Shows im Hammersmith Apollo, jenem mehrfach umbenannten Saal also, in dem 1978 der Konzertfilm der „Tour of Life“ entstanden war.

Was als Nächstes passiert? So genau weiß man das bei Kate Bush nie. Ihre Songs funktionieren schon sehr lange auch ohne sie: 2004 gelang der britischen Indie-Rockband Futureheads ein großer Hit mit einer Coverversion von „Hounds Of Love“, 2012 war „Running Up That Hill“ ein Teil der spektakulären Abschiedszeremonie der Olympischen Sommerspiele in London, nun eben „Stranger Things“. „Die Welt ist verrückt geworden“, hat Kate Bush zu diesem überraschenden Erfolg gesagt – wer wollte ihr da widersprechen?

Zeit wurde bei Bush in späteren Jahren zum relativen Begriff, ihrer Karriere hat es kaum geschadet: Wenn sie Musik macht, kann sie sich auf die gebührende Aufmerksamkeit verlassen, neue Alben von ihr sind stets Ereignisse gewesen.

Ein mögliches Alterswerk hat sie mit dem wunderbaren 50 WORDS FOR SNOW angedeutet. Fortsetzung fehlt, Gerüchte gibt es immer. Kate Bush wird entweder ganz anders oder so ähnlich klingen. Sie wird das morgen, nächstes Jahr oder in zehn Jahren tun. Bis dahin wird sie sich um ihren Garten kümmern und zu jeder vollen Stunde des Tages eine Tasse Tee genießen.