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Die ersten genmanipulierten Zwillinge: Jenseits ethischer Grenzen


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raum&zeit - epaper ⋅ Ausgabe 219/2019 vom 24.04.2019
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He Jiankui


© de.wikipedia.org

Ende November letzten Jahres versetzte der chinesische Biophysiker He Jiankui die Welt in Aufruhr. Er kündigte an, dass bald die ersten gentechnisch manipulierten Babys geboren werden. Er erklärte, er habe mit sieben Paaren zusammengearbeitet, die mittels künstlicher Befruchtung ein Kind bekommen wollten. Bei all diesen Paaren waren die Männer HIV-positiv und die Frauen HIV-negativ. He bot den Paaren an, Spermien und Eizellen außerhalb des Körpers zu vereinigen und das Erbgut mithilfe der Genschere CRISPR/Cas so zu verändern, dass die Kinder immun gegen HIV sind. Auf diese Weise sind die Zwillinge Nana und Lulu entstanden, die im November 2018 geboren wurden. Und eine weitere Frau ist durch den Eingriff des Biophysikers schwanger geworden.

He habe hierdurch„akademische Ethik und Normen“ verletzt, warf die Southern University of Science in Shenzhen, in der He als Privatdozent tätig war, ihrem Mitarbeiter vor und beendete die Zusammenarbeit mit ihm. Chinas Nationale Gesundheitskommission ordnete eine Untersuchung von He an. 1 Die südchinesische Provinz Guangdong leitete daraufhin ein Verfahren ein, um zu überprüfen, wie He genau vorgegangen ist und über welche Gesetze er sich hinweggesetzt hat. Nun fasst ein Zwischenbericht die bisherigen Erkenntnisse zusammen: He habe mit seinem Team absichtlich die staatliche Aufsicht unterlaufen und Techniken„von zweifelhafter Sicherheit und Effizienz“ benutzt, um„menschliche Embryonen zum Zweck der Reproduktion genetisch zu verändern“ , was in China verboten sei. 2 Mit strafrechtlichen Konsequenzen wird daher gerechnet.

Auch international hagelte es heftige Kritik an dem Tabubruch des chinesischen Biophysikers. Zwar nehmen in vielen Ländern Wissenschaftler Veränderungen am menschlichen Erbgut für medizinische Zwecke vor. Auch gab es in China und im amerikanischen Oregon genmanipulative Eingriffe an menschlichen Embryos. Aber bisher wurde noch kein genmanipulierter Embryo in den Körper einer Frau eingesetzt. Dies ist in Europa, den USA und auch in China nicht zugelassen. Allerdings gibt es zum Beispiel auch in der deutschen Gesetzeslage manche Lücken, die Interpretationsspielräume eröffnen. Und international befürworten viele Wissenschaftler die Genehmigung solcher Verfahren, wenn damit schwere Krankheiten verhindert werden können. 3 Diese Argumentation verfolgt auch He, der um Mitgefühl für die Kinder bittet, denen dank seiner Eingriffe„ein Leben voll Leiden“ erspart werden könne. 4 Keiner kann aber im Moment mit Sicherheit sagen, welche Folgen sein Eingriff für die genmanipulierten Kinder und ihre Nachkommen haben wird. Laut Peter Dabrock, dem Vorsitzenden der Ethikkommission, ist ein solcher Eingriff„zum jetzigen Zeitpunkt und beim derzeitigen Stand der Technik in keiner Weise zu verantworten.“ 3 Die scharfe Reaktion der chinesischen Behörden scheint allerdings auch Imagearbeit zu sein. Alexander Freund schreibt in der „Deutschen Welle“, He hätte sein Projekt durchaus offiziell registrieren lassen. Worum es in ihm ging, sei„hinrei-He Jiankuichend bekannt gewesen“ und es sei auch„mit öffentlichen Mitteln unterstützt worden“ . Erst nachdem der„globale Aufschrei“ erfolgt sei,„wollte niemand mehr etwas davon gewusst haben.“ 1 Den Chinesen ist es enorm wichtig, auf dem Feld der Biotechnologie weiterhin ernst genommen zu werden.„Es wird erwartet, dass China der Weltführer in Wissenschaft und Technologie werden wird“ , gab der chinesische President Xi Jinping an der Chinesischen Akademie für Wissenschaften im Mai 2018 zum Besten. 1 Da passt es natürlich nicht, wenn die wiederkehrenden Vorwürfe, China habe niedrigere ethische Standards als der Westen, durch He bestätigt werden.

Letztlich hat die Grenzüberschreitung des Biophysikers den Grundsatzkonflikt zutage gefördert zwischen einer Vielzahl an Genforschern, die nur darauf warten, grünes Licht zu bekommen und die miteinander in harter Konkurrenz stehen, und auf der anderen Seite den Vertretern von Ethik und Verantwortung für menschliches Eingreifen in natürliche Zusammenhänge. Es ist höchste Zeit für eine öffentliche Debatte und Aktualisierung der Gesetze.

Quellen:
1. www.dw.com
2. www.tagesanzeiger.ch
3. www.ethikrat.org
4. www.br.de


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