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Die Evakuierung


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FFussball Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 11.11.2021

Afghanistan

Artikelbild für den Artikel "Die Evakuierung" aus der Ausgabe 6/2021 von FFussball Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: FFussball Magazin, Ausgabe 6/2021

Shireen Ahmed ist eine starke, stimmgewaltige Frau. Als Autorin, Rednerin, Sportaktivistin und Beraterin für Vielfalt und Inklusion setzt sie sich seit Jahren für die Rechte muslimischer Frauen ein und kämpft gegen Rassismus und Frauenfeindlichkeit im Sport. Sie ist eine Frau des Widerstands und des Umbruchs – und daher in der arabischen Welt nicht gern gesehen. Sie lebt mit ihrer Familie und ihrer Katze Sitara im kanadischen Mississauga und arbeitet gerade an ihrem ersten Buch.

Für den Podcast „Burn It All Down“ sprach sie mit Kelly Lindsey, der ehemaligen Trainerin des afghanischen Frauenfußball-Nationalteams darüber, wie eine kleine aber furchtlose Gruppe internationaler SportaktivistInnen in einem Wettlauf gegen die Zeit das Leben zahlreicher afghanischer Sportlerinnen rettete.

Kelly Lindsey: Hallo Shireen! Schön dich zu sehen. Schön, mit dir reden zu können.

Shireen Ahmed: Ja! Danke, ...

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... dass du immer auf meine WhatsApps antwortest. Also auch, es ist wirklich schön, dich zu sehen. Für diejenigen, die es nicht wissen, Kelly war maßgeblich an… ich weiß nicht einmal, ob Initiative das richtige Wort ist…

Evakuierung.

Ja genau, dann sagen wir das einfach. Die Evakuierung, um afghanische Athleten buchstäblich zu retten, entweder am Rande oder an den Rand gedrängt, vor der Taliban-Herrschaft. Und ich möchte wirklich betonen, dass die Diskussionen darüber sehr wichtig sind und nicht verstummen dürfen. Ich bin so glücklich, dass Du hier bist, um mit uns darüber zu sprechen. Kelly, erzähl uns ein bisschen darüber, wie das überhaupt begann?

Es hat uns alle so unerwartet getroffen, wie schnell sich die politische Lage in Afghanistan gewandelt hat. Ich glaube nicht, dass irgendjemand auf der Welt damit gerechnet hat, dass sich innerhalb von fünf bis sieben Tagen ganz Afghanistan einfach verändern würde und dass Menschen wirklich in Gefahr sein würden, ihr Leben zu verlieren oder angegriffen zu werden. Ich erinnere mich, es war Freitag, als die Taliban in Kabul eingedrungen waren. Und ich glaube, bis Sonntag hatten sie die Macht übernommen. An jenem Freitag führten wir also zahlreiche Einzelgespräche und sagten nur: Bleiben wir über das Wochenende in Kontakt, und wenn sich etwas ändert, sorgen wir dafür, dass wir am Montagmorgen ein Strategiemeeting haben. Und am Montag waren es 24 Stunden. Wir hatten 24 Stunden Zeit, um etwas zu tun. Und alle haben nur gesagt, was können wir in 24 Stunden tun?

Wir haben natürlich registriert, dass die internationalen Regierungen und Sportorganisationen die Situation beobachteten. Doch das brachte uns nicht weiter. Man muss einschreiten und handeln, sonst verpasst man seine Chance. Ich könnte also nicht stolzer auf die Gruppe von uns sein, die sich schließlich zusammenschloss, um eine scheinbar aussichtslose Mission zu starten. Wir wussten, dass jede Minute zählen würde. Das hätte niemand alleine schaffen können.

Das Team

Erzähl mir von diesem Team, von dem ich annehme, dass es operiert, weil ihr alle an verschiedenen Orten seid – Khalida ist zum Beispiel in Dänemark, Ihr seid in Großbritannien. Also, wo seid Ihr alle – wenn Du diese Informationen offenlegen kannst – und wie arbeitet Ihr zusammen?

Es begann mit einer Gruppe von uns in Europa und Amerika – und wir hatten keine Ahnung wie wir anfangen sollten. Wir haben gerade damit begonnen, soziale Medien buchstäblich zu überwachen um so die Regierungserklärungen auf der ganzen Welt mitzubekommen. Wenn Kanada gerade ankündigte, 20.000 afghanische Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, haben wir sofort alles in Bewegung gesetzt. „Wer kennt jemanden in Kanada? Wer kennt jemanden im Ministerium? Wer kann diesen Anruf tätigen?“ Und dann folgten Deutschland, Belgien und andere – und wir haben uns sofort an die Arbeit gemacht. Was uns allerdings schnell klar wurde, war, dass jeder versuchte, auf die Liste zu kommen. „Wie kommen wir auf die Evakuierungsliste? Wie kommen wir in das kanadische Evakuierungs- und Umsiedlungsprogramm mit 20.000 Menschen?“

Und man musste wirklich jemanden an der Spitze kennen, und die Leute an der Spitze mussten wirklich die Situation der Menschen vor Ort in Afghanistan verstehen. Man muss wissen, dass dort ein anderer Lebensstil herrscht. Es ist eine andere Bürokratie. Es gibt keinen Papierkram! (lacht) Ich arbeitete viele Jahre in Afghanistan… es gibt keinen Papierkram! Ich wusste also, dass es mit der Bürokratie der internationalen Regierungen wirklich schwierig sein würde, Pässe und Personalausweise zu bekommen, und wie sollten wir das innerhalb von 24 Stunden schaffen?

Also haben wir getan, was wir konnten. Mit Jonas von FIFPRO (weltweit tätige Vertretung von ProfifußballerInnen und deren Interessen, Anm. d. Red.) und Craig, natürlich Khalida mit all ihren Verbindungen, ich selbst und Haley Carter. Wir waren diejenigen, die es irgendwie herausgearbeitet und versucht haben, so viele Verbindungen wie möglich zu schaffen. Und schließlich hatte sich Australien für uns geöffnet. Sie haben die Bürokratie verstanden. Dann hatten wir also auch ein Team aus Australien: Alison Battisson, Nikki Dryden, Craig Foster und dann Zali Steggall, die alle einsprangen. Dann arbeiteten wir als ein vereintes Team. Wir haben eine 24-Stunden-Task Force geschaffen, in der alle in Kontakt blieben und sich einfach durch die Details quälten. Niemand wusste, was es braucht, um unser Ziel zu erreichen, als wir anfingen.

Ich folge all diesen Leuten. Wir sind durch die Welt des Fußballs verbunden. Ihr müsst buchstäblich 24 Stunden am Tag Benachrichtigungen erhalten haben, insbesondere wenn Euer Team teilweise in Australien, dann in Europa und dann in den Vereinigten Staaten ist. Kelly, es klingt alles wie aus einem Filmskript. Die Art und Weise, wie Ihr Euch verbunden habt und wie soziale Medien und digitale Medien diesen Prozess erleichtert haben. Es ist also lustig, dass sich gerade Australien für Euch öffnete. Schließlich hat das Land strukturell mit viel Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu kämpfen – und darüber haben wir in dieser Show schon einmal gesprochen. Die Tatsache, dass das passiert ist… was meinst Du, war das nur durch den Sport möglich?

Ich denke, erstens wurde es durch Menschlichkeit möglich. Ich glaube, damit fängt alles an. Lass uns ehrlich sein. Wenn jemand, der in einer Regierungsorganisation auf einer ausreichend hohen Ebene steht, sein Herz und seinen Verstand öffnen und ganz unbürokratisch sagen kann, genug mit all dem, lass uns das Richtige für die Menschheit und für die Menschen der Welt tun, egal ob wir sie verstehen, sie persönlich kennen oder nicht. Das ändert die Dinge. Das macht alles auf der Welt möglich. Zumindest als Frau möchte niemand unter der Herrschaft der Taliban leben. Vielleicht haben sie sich in den letzten Jahren verändert, aber ich glaube nicht, dass irgendjemand, weder Männer noch Frauen, wirklich unter diesem Regime leben will. Ich sehe noch diese Bilder von der Evakuierung vor mir, als sich die Männer an der Außenseite eines Flugzeugs festhielten und einige gar in den Tod stürzten. Man muss sich mal in diese Lage versetzen. Wenn Menschen glauben, dass es sicherer und die einzige Möglichkeit ist, sich an der Außenseite eines Flugzeugs festzuhalten, als in ihrem eigenen Land zu leben. Für mich zeigt dieses Bild auch, dass dies nicht nur eine weibliche Sache ist. Das ist Menschlichkeit. Das sind Männer, Frauen, Kinder, die Angst haben, unter diesem Regime zu leben. Wir sind so dankbar, dass Australien seine Herzen und Gedanken für uns geöffnet und die Situation früh erkannt hat.

Dass das an sich geschehen konnte, ist für mich ein Wunder, denn so funktionieren Länder nicht. Sie denken nicht proaktiv oder pragmatisch, um zu sagen, lass uns einfach die Leute rausholen und dann kümmern wir uns um den Papierkram. Kannst Du uns etwas zu den Evakuierten sagen? Waren das alles Frauen oder waren es Familien? Die meisten von ihnen waren Fußballerinnen, richtig?

Ja, ich glaube, die meisten von ihnen waren offensichtlich Nationalspielerinnen. Es waren aber auch Paralympiker und Olympioniken in der Gruppe – es gibt so viele verletzliche Menschen, die Teil der Sportwelt sind. Es waren unsere Nationalspielerinnen und einige andere gefährdete Frauen, die unserem Team nahestanden und uns in verschiedenen Phasen unserer Entwicklung unterstützt hatten. Wir hatten ihnen im Grunde gesagt, dass Sie, wenn wir diese Mission beginnen, alleine gehen müssten, nur dann könnten wir ihnen helfen. Und eines der schwierigsten Gespräche, die Sie jemals mit einem jungen Menschen führen können, ist, dass sie ihr Leben dem ihrer Familie vorziehen müssen. Im Grunde hatten sie drei Stunden Zeit, um eine Entscheidung zu treffen, dann mussten sie am Treffpunkt sein.

Aber, wer die afghanische Kultur kennt, der weiß, dass sie das nicht getan haben. Natürlich brachten sie ihre Familien mit, denn das ist die Kultur und das ist die Schönheit des afghanischen Volkes. Die Familie bedeutet den Menschen so viel, und sie würden auf keinen Fall ihre ganze Familie zurücklassen. So hatten viele von ihnen jüngere Brüder und Schwestern dabei. Viele von ihnen hatten ihre Eltern im Krieg oder durch die Taliban-Zeiten verloren. Wir hatten also viele verschiedene Situationen. Einige brachten ihre Großmütter, ihre Onkel, ihre Nichten und Neffen mit, brachten sie alle zum Flughafen. Nicht alle kamen durch. Und das war nur eines von vielen Problemen. Ständig änderten sich die Regeln – wer zum Beispiel mit oder ohne Papierkram in das Flugzeug einsteigen durfte und all das. Es gab so viele herzzerreißende Szenen, so viele Tränen, die auf meiner Voicemail eingingen – „Helfen Sie mir, helfen Sie uns!“ Und du willst alles tun, was du kannst, aber du bist auch hilflos. Wir kontrollieren nicht die Regeln der Bürokratie.

Allein das zu hören ist erschütternd. Sag mir, wie geht es Dir? Und wie geht es all den Leuten in Eurer Gruppe? Wie passt Ihr auf Euch auf?

Unserer Kerngruppe, die rund um die Uhr zusammenarbeitete, passte ständig aufeinander auf: „Wie geht es Euch? Wer braucht eine Pause?“ Wir äußerten unsere eigenen Bedürfnisse und versuchten, unsere Energie auszugleichen: „Ich brauche eine Stunde, Leute. Lasst mich einfach eine Stunde ein Nickerchen machen. Ich komme wieder.“

An diesem Morgen, als der Flug mit 77 Personen an Bord ging, riefen wir uns alle an, gratulierten uns und sprachen darüber, was als nächstes anstehen würde. Was unsere Strategie, was der nächste Schritt sein würde? Wie arbeiten wir weiter? Und Jonas hat uns alle gestoppt und gesagt, „Leute, ich möchte nur, dass ihr kurz innehaltet und erkennt, was ihr getan und erreicht habt!“ Doch wir wussten, wir sind noch nicht fertig! Es endet nicht hier. Wir haben den ersten Schritt unserer Strategie erreicht, aber wir haben noch einen Plan B, C, D, um weiterzumachen. Denn, wenn wir noch ein Leben retten können, dann lasst uns ein weiteres Leben retten.

Was ist also der nächste Schritt?

Naja, die schwierigste Frage, die wir uns stellten war, wie lange halten wir das durch. Es ist eine mentale und emotionale Belastung für uns, und diese psychologische Bruchstelle kennt niemand. Ich meine, wir haben noch so viele Pläne. Wir arbeiten an Dingen, die ich hier nicht ansprechen kann. Aber was wir jetzt wirklich brauchen, ist, dass der größte Teil der sicheren Evakuierung auf der höchsten internationalen Verhandlungsebene der Regierungen stattfinden muss. Hier brauchen wir Organisationen und Länder, die jetzt eingreifen und den Unterschied machen und dies am Laufen halten. Die ganze Welt muss weiterdenken und sich fragen: Wie bekommen wir mehr Menschen gerettet? Wie können wir weiter unterstützen? Ich meine, die Leute leben dort in ständiger Angst. Und die Frauen, die wir noch dort haben und die Familien, die wir noch dort haben, Großmütter ohne Pass – sie brauchen Hilfe, sie brauchen Unterstützung. Und das alles steht über uns. Wir sind nur ein kleines Team und haben nur sehr begrenzte Möglichkeiten. Wir wissen, dass das, was wir in kurzer Zeit erreicht haben, erstaunlich ist, aber wir haben weder die Kraft noch das Geld, um mit Hubschraubern zu fliegen, um Menschen über Grenzen zu bringen, um sicherzustellen, dass sie umgesiedelt und evakuiert werden können. Wir haben diese Macht nicht. Und ich denke, das ist wahrscheinlich das Entmutigendste. Hoffentlich haben wir alle – es gibt viele Gruppen wie wir – der Welt gezeigt, dass dies möglich ist, und jetzt ist es an der Zeit, dass die Regierungen ihren Job hier erledigen!

Was würdest Du vorschlagen? Gibt es Verbände oder Menschenrechtsorganisationen, die Euch unterstützen können? Und wo können unsere Hörer (und die FFussball-Leser) Dich und Deine Gruppe unterstützen?

Ich denke, die australische Organisation Human Rights For All hat schon viel Bürokratie und Papierkram erledigt. Es wäre also toll, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen und zu fragen, wo man helfen kann. Ich denke, jeder müsste seine Regierungsbeamten, die Abgeordneten, die Senatoren drängen. Ich denke, dass wir Programme erstellen können, insbesondere in der Sportgemeinschaft. Wenn ihre örtliche Sportgemeinde sagt, dass sie gerne zwei Familien, fünf Familien, zehn Familien aufnehmen würde, möchten wir sie in unsere Gruppe bringen. Wir werden mit ihnen zusammenarbeiten und sie in die Gemeinschaft einbinden. Ich weiß, dass das in Australien passiert. Dort unterstützen viele Organisationen und Sportgruppen diese Frauen. Aber auch die FIFA und das IOC müssen hier eingreifen. Sie haben so viel Macht, so viel Geld und so viel Verhandlungsgeschick, dass sie es sein sollten, an dieser Stelle einzuspringen. Sie sollten sicherstellen, dass alle unsere Nationalspielerinnen aller Altersgruppen sicher mit ihren Familien evakuiert werden.

Shireen Ahmed