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DIE FARBEN, DIE WEITE, DIE RUHE …


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 13.10.2021

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NUR BEI EBBE ? ? ist das Castle Stalker in den westlichen Highlands zu erreichen. Es wurde 1320 auf einer winzigen Insel erbaut

Ich hatte mir die Namen auf der Landkarte eingeprägt, die der Gipfel und der Felsen und der Seen. Aber jetzt stand ich oben auf dem kleegrünen Hügelrücken über der Isle of Skye, und die Sonne über dem Meer spähte zwischen den Wolken hervor und warf ihre dramatischen Lichterschwerter über das Land – und ich konnte mich partout nicht erinnern. War die markante Felsformation da hinten der berühmte Old Man of Storr? Oder war das der an-dere Felsen? Oder der dritte, weiter hinten? In solchen Momenten meldet sich regelmäßig meine innere Stimme und quengelt herum. Als sei die Schönheit der Welt nicht genug, als sei alles erst dann perfekt, wenn auch alles einen Namen hat. Ist das da hinten der Loch Leathan? Der Bach links, das müsste der Rigg Burn sein, oder? Und die Schatten drüben im Dunst? Es fällt mir schwer, nicht allen Dingen einen Namen geben zu können. Beziehungsweise: den richtigen parat zu ...

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... haben. Ich hab mich dann einfach hingesetzt. Und hinausgeschaut, hinaus zum Rand der Welt.

Abends war Schottland am schönsten. Die Luft wurde dann klarer, das Licht sanfter, die Landschaften nahmen einen warmen Bernsteinton an. Manchmal schien es, als habe irgendwer eine 25-Watt- Glühbirne im Innern der Erde angeknipst. Weil die Leute um diese Uhrzeit ihre Autos, Traktoren und Motorräder längst abgestellt hatten und beim Abendessen saßen, waren die allermeisten Menschengeräusche aus der Welt verschwunden. Stattdessen hörte man Dinge, die man tagsüber nicht wahrnahm. Den Wind, der vom Atlantik heranzog und im Ginster raschelte. Das aufgeregte Tschilpen der Lerchen über den Mooren. Das leise Tuckern eines Fischerbootes, draußen auf dem schiefergrauen Meer. Im Gras neben mir brummten die Hummeln in ungleichmäßigen Kurven über dem Klee, als wären sie trunken von so viel Schönheit.

Ich wollte schon immer in den Norden Schottlands. In die Highlands, diese weit geschwungenen Täler, deren Leere und minimalistische Kargheit so viel Platz zum Schauen und Denken zu lassen schienen. Jetzt war ich seit einer knappen Woche unterwegs. Immer auf derselben Straße, die sich an die Westküste des Landes schmiegt und mich später auf dieser Reise an der Ostküste entlang zurückbringen würde. Von der Strecke hatte ich ein paar Jahre zuvor zum ersten Mal gehört. Touristiker waren da auf die Idee gekommen, schmalen Landstraßen im Norden des Landes einen neuen, gemeinsamen Namen zu geben: North Coast 500, vor Ort von allen nur „the Fivehundred“ genannt. Ich hatte einen Rummel wie an der amerikanischen Route 66 befürchtet, aber außer einigen Tankstellenbesitzern, die Kaffeebecher, T-Shirts, Baseballkappen verkauften, schien niemand vor Ort die Strecke promoten zu wollen. Hin und wieder klebten „NC 500“-Sticker auf den Straßenschildern. Sie sahen aus, als wollten sie nicht weiter auffallen. Als seien sich die Leute, die sie angebracht hatten, nicht wirklich sicher gewesen, ob das so eine gute Idee war, eine Rundtour hier oben am nördlichsten Ende des Königreichs.

Diese weit geschwungenen Täler, deren Leere und Kargheit so viel Platz zum Schauen und Denken lassen

Am ersten Morgen hatte ich Inverness früh verlassen. Der Tag war ungewöhnlich schön gewesen, die Landschaft sah aus, als berausche sie sich an ihrer eigenen Grandezza. Vor Begeisterung hatte ich alle zehn Minuten angehalten und fotografiert. Die malachitfarbenen Flanken der Berge mit ihren weißen Schafstupfern. Die Seen mit ihrem Wasser wie gehämmertes Anthrazit. Den Himmel. Die Wolken. Ich hatte Fotos von kleinen Cottages gemacht, von Highlandrindern, von Burgruinen, über denen sich die Krähen zankten. Und vom allgegenwärtigen Gelb natürlich. Schottlands Ginsterbüsche sahen aus, als bereiteten sie sich auf das Casting eines bekannten Textmarkerherstellers vor, der mal eine andere Farbe wollte als immer bloß das klassische Rapsgelb. Eine Nuance satter vielleicht und einen Stich dunkler.

War ich von einem Land jemals so überrumpelt worden wie von den epischen Highlands des schottischen Westens? Die 500 in der Fivehundred stand für die Meilenzahl der Gesamtstrecke, aber schon bald zeigte der Tacho meines Mietwagens mehr an. Weil ich nämlich keinen Umweg ausließ. Weil ich jeden Abstecher mitnahm. Weil Wegweiser wie „Dunnet Head Lighthouse: 12 miles“ oder „Castle Ardvreck: 4 miles“ keine Optionen waren, sondern Anweisungen. So entdeckte ich den Inverewe Garden mit seinen Eukalyptusbäumen und Bambushainen, und die Talisker Bay mit ihrem zweifarbigen Strand in Schwarz-Weiß, an dem jeder der 11 017 rundgeschliffenen Felsbrocken aussah, als habe ihn jemand mit viel Sorgfalt an genau die richtige Stelle gelegt. Und die Seen erst! Manche der Lochs waren bloß Tümpel, kreisrund hineingestanzt in eine Landschaft aus Grün- und Brauntönen. Andere streckten sich wie norwegische Fjorde. Einmal stoppte ich an einem kleinen Café am Ufer eines Sees und plauderte lange mit der Besitzerin. Anschließend führte die Route um das schmale, lange Loch herum. Irgendwann sah ich die Frau auf der gegenüberliegenden Uferseite wieder; sie stellte gerade einen Sonnenschirm auf und war keine hundert Meter entfernt. Da war ich eine halbe Stunde gefahren.

Die Ginsterbüsche sahen aus, als bereiteten sie sich auf das Casting eines Textmarkerherstellers vor

Die Isle of Skye war dann wie Schottland im Miniaturformat. Es gab vorwitzig ins Meer lugende Landzungen, dramatisch gezackte Küstenlinien und hohe, schroffe Berge. In der Inselhauptstadt Portree standen bonbonfarbene Häuser am Hafen Spalier. Und natürlich hatte auch Skye eine steinalte Burg, Dunvegan Castle, seit 800 Jahren Stammsitz des McLeod-Clans. Der alte Guide sprach ein ausgeprägt schottisches Englisch, dessen gerollte R-Laute grummelten wie ein aufziehendes Gewitter. Stolz präsentierte er die historische Fahne der McLeods, das berühmte Feenbanner, das dem Clan den Sieg in jeder Schlacht gebracht haben soll, bei der es entrollt wurde. Eine amerikanische Besucherin wollte wissen, ob es die Feen noch immer gebe auf Skye. Aber natürlich, antwortete der alte Schlossführer, um sie zu sehen, müsse man nur frühmorgens hinaus zu den Fairy Pools im Glen Brittle wandern, dort würden sie baden. Träfe man keine an, meinte er verschmitzt, nun ja – dann habe man wenigstens ein verzaubertes Stück Schottland für sich allein.

Als ob es anderswo voll gewesen wäre! Hoch oben im Norden führte die Fivehundred durch weite Täler in Grün. Wasserfälle hatten feine Rinnen in ihre Flanken gefräst, ein wenig sahen die Berge aus wie die auf Hawaii mit ihren Lavakanten. Aus den Orten wurden Weiler, wurden versprengte Häuser. Hin und wieder stand eine rote Telefonzelle erwartungsvoll am Straßenrand, mitten im Nichts, als freue sie sich schon auf 19 Uhr, wenn die Leute wieder alle zum Telefonieren zu ihr kommen würden. Handgemalte Schilder machten Autofahrer auf frisch geborene Lämmer aufmerksam, „Fahrt vorsichtig, bitte“.

Im Osten änderte sich die Landschaft. Die schroffen Highlands machten weitem Farmland Platz, die Straße verlief mehr oder weniger geradeaus. Ich sah mir Dunrobin Castle an – eine architektonische Extravaganza mit 167 Zimmern und einem Garten wie Versailles – und übernachtete in einem Schlosshotel, in dem ich nach dem langen Tag nichts mitbekam vom angekündigten Treiben des Hausgeistes. Stattdessen schlief ich tief und fest, träumte von Feen, die in den Pools kleiner Wasserkaskaden badeten.

Möglicherweise war Schottland das Beste, was man als Land werden konnte

Als ich am nächsten Tag das erste Mal auf ein Straßenschild achtete, war ich in einem Ort namens Bonar Bridge. In einem Lebensmittelladen fragte ich nach dem nettesten Pub, für meinen letzten Abend in Schottland, gern auch was mit Livemusik und einem guten Restaurant natürlich. Die Verkäuferin sah mich an, als habe ich mich nach dem örtlichen Museum für moderne Kunst erkundigt. Sie gab mir den Handzettel eines Maklerbüros: Der einzige Pub stand zum Verkauf, 150 000 Pfund, Zapfanlage vorhanden. Ich ließ mir eine Flasche Bier geben und ein Sandwich mit Käse und Avocado belegen.

Später saß ich auf einer Bank in der Sonne, studierte die Annonce und überlegte, ob ich vielleicht … Wo doch die Highlands … Und die Farben … Und die Weite … Und die Ruhe, die ich verspürte, seit ich unterwegs war … Möglicherweise, dachte ich, war Schottland so ziemlich das Beste, was man als Land werden konnte. Eine Möwe landete neben mir auf der Bank. Nonchalant tat sie so, als interessiere sie vor allem das Panorama; sobald sie sich unbeobachtet fühlte, machte sie einen Schritt zur Seite auf mich zu, um näher an meinem Sandwich zu sein. Draußen über dem Wasser verblasste der Himmel, bis er die Farbe verdünnter Milch angenommen hatte.

Am nächsten Morgen sah Schottland aus wie in einer Macbeth-Verfilmung. Ich musste das Auto im Nebel suchen, und als ich es gefunden hatte, verfuhr ich mich prompt auf dem Weg zur North Coast 500, die ebenfalls verschwunden war. Die komplette Küste schien Versteck spielen zu wollen, ich fuhr aus dem Nebel hinaus und augenblicklich wieder hinein. In den kommenden Stunden war Schottland immer wieder für längere Zeit weg, um dann unvermittelt kurz aufzutauchen wie eine Schimäre. Irgendwann fragte ich mich, was ich tatsächlich sah und was ich mir lediglich einbildete. Im Autoradio erklärte eine Meteorologin Schönwetterphase und Sommer gleichermaßen für beendet, good bye und see you, bis zum nächsten Jahr dann. Kurz darauf tauchte aus dem Nebel ein Hinweisschild zum Flughafen auf.

REISETIPPS

ROUTE

Von Glasgow oder Edinburgh nach Inverness braucht man mit dem Auto etwas über drei Stunden. Dann über die NC 500 weiter hinüber nach Applecross (Abstecher zur Isle of Skye!) und an der Westküste entlang immer Richtung Norden bis Durness. Von dort führt die NC 500 nach Osten bis John O’Groats, anschließend geht es die Ostküste entlang zurück nach Inverness.

HOTELS

ROCPOOL RESERVE HOTEL Ein elegantes, herrschaftliches Haus in Inverness auf einem Hügel über dem River Ness. Ins Zentrum sind es nur wenige Minuten. Manche Zimmer haben einen Hot Tub auf dem Balkon. DZ ab ca. 220 Euro, rocpool.com

CULLODEN HOUSE HOTEL Der Landsitz (Foto o. r.) in einem weitläufigen Park in Inverness war während des Zweiten Jakobiteraufstands Hauptquartier von Bonnie Prince Charlie, der in Schottland bis heute verehrt wird. DZ ab 345 Euro, cullodenhouse.co.uk

INVERLOCHY CASTLE Wer über den Loch Lomond nach Norden fährt, kann hier königlich übernachten. Das Hotel (Foto o.) liegt bei Fort William am eigenen See und gilt als „Scotland’s finest country hotel“. DZ ab ca. 540 Euro, inverlochycastlehotel.com

RESTAURANTS

RIVER HOUSE RESTAURANT Alfie Littles Seafood-Restaurant (Foto r.) zählt seit fast 20 Jahren zu den beliebtesten Adressen in Inverness. Während der „Oyster Hour“ zwischen 16.30 und 18 Uhr gibt es Austern für rund 1 Euro das Stück. 1 Greig Street, Inverness, Tel. (0)1463 22 20 33

ARCH INN RESTAURANT Steaks und Seafood direkt am Loch Broom. Früher saßen hier Fischer und Seeleute nach einem langen Arbeitstag, heute kommen verliebte Einheimische und ein paar Touristen. Sehr cozy. 10–11 West Shore Street, Ullapool, Tel. (0)1854 61 24 54

SEHENSWERT

URQUART CASTLE Wahrscheinlich sitzt keine andere Ruine Schottlands malerischer auf ihrem Felsen als die alte Burg am Westufer von Loch Ness, eine halbe Stunde entfernt von Inverness. Dieses Panorama wäre auch berühmt, wenn es tief drinnen im See nicht ... Sie wissen schon.

DUNROBIN CASTLE 189 Zimmer und ein Garten, der so tut, als wäre er Versailles: In den ansonsten eher kargen Highlands ist das imposante Schloss bei Golspie eine absolute Extravaganza. dunrobincastle.co.uk

INVEREWE GARDEN Die wunderschöne botanische Gartenanlage liegt auf der gleichen Höhe wie Kanadas Hudson Bay mit ihren Eisbären. Dank Golfstrom wachsen hier aber Rhododendron und Eukalyptusbäume. nts.org.uk/visit/places/inverewe

EILEAN DONAN CASTLE Die berühmteste Burg Schottlands ist ein Hollywoodstar und lohnt den kurzen Abstecher von der NC 500 zum Kyle of Lochalsh unbedingt. Wer auf die Isle of Skye möchte, kommt hier sowieso vorbei. eileandonancastle.com

Weitere Infos: visitscotland.com Vorwahl Schottland: 0044