Lesezeit ca. 6 Min.

Die Faszination des Nebels


Auszeit - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 07.10.2021

Artikelbild für den Artikel "Die Faszination des Nebels" aus der Ausgabe 5/2021 von Auszeit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Auszeit, Ausgabe 5/2021

Es ist kurz nach sechs in der Früh. Ich bin schon wach, angezogen, mit Wanderstiefeln und dicker Jacke. Obwohl wir August haben, sind die Nächte hier in Slowenien im Voralpenland empfindlich kalt. Wir haben uns für diesen Urlaub ein Weinberghaus gemietet. Ein Haus in ruhiger Lage, über den Weinbergen, mit wunderbarem Blick auf das Tal unter dem Haus Das Haus ist umgeben von Weinreben und unten im Tal liegt ein kleines Städtchen.

Der Weg hinab

Als ich an diesem Morgen hinaustrete, empfängt mich eine unwirkliche Landschaft. Wo sonst das Tal und die Weinberge zu sehen sind, erstreckt sich ein weißes Meer. Außer unserem Häuschen und mir ist die Welt verschwunden. Es sieht fast so aus, als ob ich alleine über den Wolken stehe.

Nur das die Wolken keine sind. Es ist dichter Nebel, der die Landschaft einhüllt. Er versteckt das Tal, in das ich doch jetzt runter muss, denn schließlich muss jemand das Frühstück ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Auszeit. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2021 von Welcome. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Welcome
Titelbild der Ausgabe 5/2021 von Themen dieser Ausgabe. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Themen dieser Ausgabe
Titelbild der Ausgabe 5/2021 von Wer bist du?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wer bist du?
Titelbild der Ausgabe 5/2021 von HÖR AUF, AN DIR ZU ZWEIFELN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HÖR AUF, AN DIR ZU ZWEIFELN
Titelbild der Ausgabe 5/2021 von SPIEGLEIN, SPIEGLEIN AN DER WAND. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SPIEGLEIN, SPIEGLEIN AN DER WAND
Titelbild der Ausgabe 5/2021 von WIE FEHLER ZUM ERFOLG FÜHREN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WIE FEHLER ZUM ERFOLG FÜHREN
Vorheriger Artikel
Die Qual der Wahl?
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Die Seele meines Körpers
aus dieser Ausgabe

... besorgen. Und dieser jemand hat ein mulmiges Gefühl. Ganz alleine muss ich jetzt den Weg durch die nebligen Weinberge wagen.

Die sonst liebliche Landschaft verschwindet. Alles um mich wird in milchiges Weiß gehüllt. Ich sehe nur noch meine Füße, die mich vorsichtig, Schritt für Schritt, ins Tal tragen. Auf dem Weg mache ich mir Gedanken über mein Leben und darüber, dass das Wort Leben rückwärts gelesen Nebel ist. Ob das Zufall ist? Dieses wichtige Wort und die dichte Wolkendecke, in der man nichts erkennen kann, sind im Grunde eins.

Im Nebel

Seltsam im Nebel zu wandern, Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt, Als noch mein Leben licht war, Nun, da der Nebel fällt, Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise, Der nicht das Dunkel kennt, Dass unentrinnbar und leise, Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern! Leben ist einsam sein.

Kein Mensch kennt den andern, Jeder ist allein.

Hermann Hesse

Ist es nicht so, dass wir nur den nächsten Schritt, der vor uns liegt, sehen können? Der Rest des Weges ist verborgen. Wir wissen zwar, er ist da, aber sehen können wir ihn nicht. Und doch laufen wir, immer einen Fuß vor den anderen stellend, unseren Lebensweg entlang. Auch, wenn ich nur Brötchen holen gehe, ist dies ja doch ein Teil meines Weges.

Tief in mir

So viele Dichter vor mir haben sich schon mit dem Nebel beschäftigt. Schon immer hat der Nebel den Künstler und den Poeten fasziniert. Ich liebe zum Beispiel die Gedichte von Hermann Hesse, aber vor allem sein Gedicht „nebel“ spricht mich sehr stark an. Das Gefühl des „abgetrennt-seins“, welches Hesse hier beschreibt, begleitet mich schon sehr lange. Häufig kommt mir das Leben vor wie ein Gang durch den Nebel. Obwohl ich den Herbst sehr liebe, mit seinem bunten Laub und dem klaren, frischen Geruch, kommt in mir beim Spazierengehen ein tiefes Gefühl von Melancholie hoch. Was nun macht der Nebel genau mit mir?

Dadurch, dass die Umwelt in der Unsichtbarkeit verschwindet und nur noch eine vage Vorstellung der Umgebung besteht, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf mich und meinen Weg zu konzentrieren. Kein Vogel mit seinem Gesang und keine Blumen mit ihrer Farbigkeit lenken mich von meinen Gedanken ab. Wenn es kein Außen mehr gibt, richtet sich mein Blick nach innen. Mit Vertrauen in meinen Weg laufe ich Schritt für Schritt durch die neblige Welt, weil stehen bleiben keine Option ist.

Zur Ruhe kommen

Der Nebel fordert mich auf, nach der Energie des Sommers wieder zur Ruhe zu kommen. Der Sommer mit seinen kurzen Nächten bringt uns dazu, im Außen zu leben. Er ist die Jahreszeit, die wir nutzen, um in der Gemeinschaft Spaß zu haben. Wir verbringen unsere Tage mit Freunden, auf Grillfesten, beim Open Air oder in einer Eisdiele in der Fußgängerzone. Die Nebel im Sommer sind eher ein kurzes Intermezzo zwischen erster Dämmerung und der Vormittagssonne, dennoch mit einem ganz besonderen Reiz und eher Vorfreude als Melancholie.

Wenn sich der Herbst mit seinen kühlen Tagen einschleicht, ziehen wir uns zurück und sind aufgefordert, zur Ruhe zu kommen.

Die Natur macht es uns vor. Die Blumen verwelken, die Bäume verlieren ihre Blätter und zaubern uns ein beruhigendes Farbspiel auf die Erde. Der Nebel erhebt sich über das Tal. Ich nutzte diese Zeit sehr gerne, um mich wieder in mir zu verankern. Auf meinem Weg durch den nebligen Wald komme ich mir selber näher. Denn durch den Nebel dringen Geräusche nur noch dumpf zu mir durch und ich kann mich von meinem lauten Alltag in der Großstadt erholen, ganz leicht.

„nebel hängt wie Rauch ums Haus, drängt die Welt nach innen, ohne Not geht niemand aus, alles fällt in Sinnen.“

Christian Morgenstern

Im Nebel

Im Nebel steh ich hier und finde den Weg nicht Sehe nichts als grauen Schleier vor meinem Gesicht

Im Nebel wandere ich durch diese Zeit Meine innere Stimme sagt mir, ich bin bereit

Doch der Weg, den ich gehen darf, ist nicht sichtbar Das Ziel ist mir klar, doch der Weg ist nicht da

Im Nebel lauf ich im Vertrauen voran Nehme Mut und Liebe mit und komme sicher an

Sonjyara

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt Noch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Nebel unverstellt Herbstkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golde fließen

Eduard Mörike

Ein bisschen Magie

Schon immer haben die Menschen die Faszination des Nebels gespürt, obwohl er doch ein natürliches Phänomen ist. Vermutlich hat sich bis in die heutige Zeit eine mystische Vorstellung von der Natur gehalten, dass es auf dieser Welt viel mehr gibt, als unsere Sinne sehen. Ein ursprünglicher Aberglaube, der versucht, diesen unwirklichen Zustand zu erklären. Es könnte ja sein, dass sich von unseren Augen ungesehen magische Gestalten im Nebel fortbewegen. Hexen, Feen und ähnliche nicht menschliche Bewohner könnten ja den Nebel benutzten, um ihre Werke zu vollbringen.

Vor unseren Augen verborgen, im dichten Weiß, existiert vielleicht eine andere Welt. Eine Welt, die uns Menschen unsicher aber auch neugierig macht. Und bis heute ist es so, dass man im Nebel seiner Phantasie freien Lauf lassen kann.

Jenseits von unseren Sinnen und unserem Intellekt sind wir Menschen auch spirituelle Wesen, die manchmal etwas Magie brauchen. Der Nebel bringt uns nicht nur Einsamkeit, sondern auch Mystik. Zeit zum Nachdenken, aber auch Zeit, für besondere Geschichten.

„wenn eine Gegend sich in Nebel hüllt, erscheint sie größer, erhabener und erhöht die Einbildungskraft und spannt die Erwartung gleich einem verschleierten Mädchen!“

Casper David Friedrich

Sowie alles im Leben mehrere Seiten hat, kommt es auch beim Nebel auf den Betrachter an. Suche ich also die magische Welt im Nebel oder die Einsamkeit? Fühle ich mich auf meinem Weg verloren oder eingehüllt? Macht mir das geringe Sichtfeld Angst oder komme ich mir selbst näher?

Faszination und Ärger nis

Manche gießen auch die rein physische Faszination, die unsichtbare Feuchtigkeit auf der Haut zu spüren, wenn man durch den Nebel läuft. Die ganze Natur ist von einem Hauch Feuchtigkeit überzogen. Zwar sieht Nebel immer gleich aus, er kann aber auf unterschiedliche Weise entstehen. Dennoch ist Nebel im Prinzip nichts anderes als eine Wolke an der Erdoberfläche, quasi ein Aerosol, durch Kondensation des Wassers in der feuchten und übersättigten Luft entstanden: In der Luft schweben unzählige Wassertröpfchen und reflektieren das Licht. Dadurch „vernebeln“ sie uns die Sicht. Ärgerlich für Flugzeugpiloten und Autofahrer, die auf eine gute oder zumindest ausreichende Sicht angewiesen sind. Inzwischen gibt es aber einige elektronische Hilfsmittel, die den Nebel für uns „durchschauen“ können, und die überhaupt nicht anfällig sind für Gedanken über Mystik und Faszination ...

Nebel = Leben

Aber ich bin mehr der fantasievolle Typ. Ich setze immer noch einen Fuß vor den anderen auf meinem Weg hinunter in das neblige Tal in Slowenien, um Brötchen für unser Frühstück zu holen. Meine Gedanken kehren wieder zurück zu dem Wortspiel. Wenn Leben also von der anderen Seite betrachtet der Nebel ist, dann kann es gut sein, dass sich in dieser Welt sehr viel unsichtbare Magie verborgen hat.

Eine Magie, die mich umhüllt. Und auch wenn ich das Gefühl habe, ich wandere alleine durch den Nebel, fühle ich mich doch mit allem verbunden. Fast so wie die Wassertropfen, die sich zu einem Wolkenmeer verbinden. Mir reicht es, im Vertrauen in das Leben einen Fuß vor den anderen zu setzten. Ich muss nicht immer den ganzen Weg sehen können, um anzukommen.

Hauptsache, ich gehe weiter, ganz gleich, was kommt. Denn Stillstand ist keine Option.

STELLA VOM MEER