Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Die FLUT gegen den Menschen


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 29/2021 vom 18.07.2021

Unfassbar? Bizarr? Wahnwitzig? Reiner Obermayer fehlen die Worte für den Anblick, der sich ihm bietet, und er weiß sonst immer, was er sagen will. Der 65-Jährige steht Freitagmittag auf einer Brücke kurz vor dem Ortseingang von Erftstadt-Liblar, unter ihm rauschten bis vor wenigen Tagen Tausende von Autos über die Bundesstraße 265 in Richtung Blessem.

Jetzt ragen halbe Lkw und Pkw-Dächer aus einer mehrere Meter breiten Brühe, die inzwischen als Teil einer neuen Jahrhundertflut gilt. Bei manchen Fahrzeugen steht der Kofferraumdeckel offen. „Ein möglicher Fluchtweg?“, überlegt Obermayer laut. „Hoffentlich.“ Über konkrete Todesopfer will die Stadt nicht spekulieren, aber ausschließen lässt sich die Möglichkeit, dass Menschen in ihren Fahrzeugen sterben mussten, nicht. Zu schnell rauschte die Flut heran, sagt Landrat Frank Rock (CDU). Mithilfe einer Sonde orteten Helfer bislang mehr als 25 Autos, die ...

Artikelbild für den Artikel "Die FLUT gegen den Menschen" aus der Ausgabe 29/2021 von Welt am Sonntag Gesamtausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 29/2021

Eine Luftaufnahme zeigt die Verheerungen in Erftstadt-Blessem: Die Straße ist abgerutscht. Mehrere Häuser sind verschwunden, Autos in die Tiefe gestürzt
Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Welt am Sonntag Gesamtausgabe. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 29/2021 von Einfach WEGGESPÜLT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Einfach WEGGESPÜLT
Titelbild der Ausgabe 29/2021 von Ich würde nicht zögern, die Kurzarbeit zu verlängern. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ich würde nicht zögern, die Kurzarbeit zu verlängern
Titelbild der Ausgabe 29/2021 von Der Parteisoldat. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Parteisoldat
Titelbild der Ausgabe 29/2021 von Quergedacht, REICH gemacht. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Quergedacht, REICH gemacht
Titelbild der Ausgabe 29/2021 von Mr. President, geben Sie Reisefreiheit!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mr. President, geben Sie Reisefreiheit!
Titelbild der Ausgabe 29/2021 von Kubas Stasi erschlägt die HOFFNUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kubas Stasi erschlägt die HOFFNUNG
Vorheriger Artikel
Einfach WEGGESPÜLT
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Ich würde nicht zögern, die Kurzarbeit zu verlänge…
aus dieser Ausgabe

... Bundeswehr beginnt nach Rückgang der Flut am Samstag mit der Bergung. Zum Einsatz kommen Radpanzer.

In der Aue wohnt auch Beatrix Fuchs. „Komplett surreal“ findet die 68-Jährige, was sie in diesen Tagen durchlebt. „So, als würde ich fernsehen.“ Sie ist mit dem Fahrrad und zwei kleinen Einkaufskörben unterwegs, über mehr als ihre Kleidung am Leib verfügt sie nicht. „Ich habe mich noch nicht getraut, nach meinem Haus zu gucken.“ Das Wasser sei so schnell gekommen, „ich konnte nur noch mein Auto wegfahren“. Ihre Söhne leben bei Frankfurt, holen sie nun zu sich. Die Nacht auf Freitag hat Fuchs im Schrebergarten verbracht, da gab es Strom. Gegessen hatte sie den ganzen Tag noch nichts, drei Knäckebrote bleiben ihr, zur Not klingelt sie an allen Häusern. Aber: „Ich lebe, alles gut.“

Renato Jesch war in Richtung A61 unterwegs, als die Polizei ihn bat zu drehen. Sein mit Cola vollbeladener Laster strandete am Donnerstag auf einer Anhöhe an der Ortseinfahrt von Blessem, die Senke füllte sich schon mit Wasser. Kurz danach sei der Hang auf der anderen Straßenseite weggerutscht. Bis an die Hinterreifen stand sein Lkw im Schlamm, Jesch hörte Hilfeschreie, die Feuerwehr lieh sich Spanngurte aus.

„Wie im Film sind Autos umhergeschwommen.“ Auf der Brücke direkt vor seinem Fahrerhaus beobachtete er einen Pferdeanhänger. „Leute haben die Tiere rausgeholt, die durchgegangen und, heidewitzka, in die Fluten gesprungen sind.“ Ein Pferd sah Jesch unter der Brücke untertauchen und davonschwimmen. „Wohin, weiß nur der liebe Gott.“

Altena im Sauerland, 18.000 Einwohner, hat der Starkregen mit am heftigsten getroffen in Nordrhein-Westfalen. Und Petra Eichlers Adresse trägt das Unheil schon im Namen. Mit ihrem Mann wohnt die 51-Jährige in einem Mietshaus an der Lennestraße in Altena. Die Lenne, ein Zufluss der Ruhr, führt schon zu normalen Zeiten viel Wasser. Aber Eichler hat nun Videos aufgenommen, in denen die Lenne mindestens doppelt so breit ist wie sonst und die Uferstraße verschluckt hat. Videos von schwimmenden Baucontainern machte sie vom Gemeinschaftsbalkon zwischen Erdgeschoss und erster Etage. Man habe dort die Füße ins Wasser halten können, sagt sie.

Zeitweise war Altena von der Außenwelt abgeschnitten. Außer der Lenne trat auch die Nette über die Ufer, sonst ein friedlicher Bach, und schickte noch mehr Wasser ins Tal, in dem der Ort liegt. Nachdem Feuerwehrleute einen Mann aus den Fluten gerettet hatten, stolperte einer von ihnen, wurde fortgerissen und ertrank. Einige Kilometer entfernt brach ein anderer Feuerwehrmann am Kraftwerk Werdohl-Elverlingsen zusammen und starb. „Diese Leute denken nicht an sich“, sagt Eichler bestürzt. Ein dritter Feuerwehrmann wurde am Donnerstag von den Fluten mitgerissen, aber Anwohner retteten ihn in letzter Sekunde.

Eichler musste zwar nicht um ihr Leben fürchten, durchlebte aber unruhige Tage. Das Unheil kündigte sich am Mittwochmorgen an. Da versuchte die 51-Jährige noch, mit ihrem Twingo nach Hagen zu fahren, sie arbeitet bei der Stadt. In Hagen, wo die Lenne in die Ruhr mündet, hieß es bereits: „Land unter“. Sie drehte um und sah, dass die Lenne deutlich mehr Wasser führte als sonst. Kurz darauf forderte die Polizei Eichler per Lautsprecher auf, das Auto umzuparken. Das kommt immer mal wieder vor, wenn die Biggetalsperre kontrolliert geöffnet wird. Also stellte Eichler ihr Auto an eine Stelle, an der sie es in solchen Fällen immer parkt – nur dass sie es dieses Mal 20 Meter weiter wiederfand. Es gibt keine Hoffnung, es zu retten, sagt sie am Telefon. Die Elektronik ist zerstört, überall Schlamm.

In der Nacht auf Donnerstag erreichte das Hochwasser seinen Höhepunkt. Am frühen Abend konnte Petra Eichler das Haus weder zum Vorder- noch zum Hinterausgang verlassen. Sie habe kaum geschlafen. Immer wieder sah sie nach, wo das Wasser nun stand. „Man hofft, dass es nicht so hoch steigt, und fängt an, einen Schlachtplan zu entwickeln.“ Notfalls wäre sie mit ihren Tieren in den vierten Stock gegangen. Am Donnerstag sank die Flut, in der Fußgängerzone: überall Schlamm. Menschen räumten rasch ihre Keller leer, die Feuerwehr pumpte das Wasser raus. „In unserem Kellerraum steht so gut wie nix mehr, alles vorm Haus“, schrieb Eichler auf Twitter. „Mithilfe lieber Freunde im Übrigen. Selten so selbstverständliche Menschen kennenlernen dürfen.“

„Ach, gewiss“, sagt sie, gefragt, ob so ein Hochwasser noch mal kommen wird. „Zwangsläufig.“ Sie sagt das nicht nur mit Blick auf den Klimawandel, sondern auch auf die Begradigungen, die die Flüsse schneller machen, ihnen Platz nehmen. Eigentlich wollte sie wieder in ihre Heimatstadt Hagen ziehen, wo die Mutter lebt. Aber nicht nur, weil in Altena die Mieten günstiger sind und sie mehr Platz hat, zweifelt sie: „Auch in Hagen wird einem das Hochwasser nicht erspart bleiben. Da kann ich auch hier bleiben.“