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Die Formel 1 der Antike


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 25.01.2019

Eine Doku über die Wagenrennen im alten Rom zeigt: Das historische Spektakel glich stark dem heutigen Motorsport


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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 5/2019

Das Stadion

Der Circus Maximus, im 6. Jh. v. Chr. ursprünglich aus Holz erbaut, war das erste und größte Stadion Roms. Nach vielen Umbauten (Julius Cäsar etwa ließ erste Sitzstufen aus Marmor errichten) gab ihm Kaiser Trajan um 103 n. Chr. die endgültige Form aus Opus Caementitium, dem römischen Beton, und Marmor. Es bot vermutlich Platz für 150.000 Besucher. Vor dem Bau des Kolosseums war es auch Schauplatz für Gladiatorenkämpfe. Auf der etwa 340 Meter langen, mit Statuen verzierten Spina in ...

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1 AUSFAHRT

Hier war der Circus am breitesten, um die Aufstellung der Wagen in Reihe zu ermöglichen

2 TRIBÜNEN

Plätze wurden nicht im Voraus vergeben. Auch die umliegenden Hügel waren voller Zuschauer

3 KAISERLOGE

Seit Domitian (51 bis 96 n. Chr.) besaß sie eine direkte Verbindung zum Palast auf dem Palatin

4 OBELISK

Augustus brachte ihn aus Ägypten mit, heute steht er auf der Piazza del Popolo in Rom

DIE LAGE
Oberhalb des Circus Maximus (r.) ist der Palatinhügel mit dem Kaiserpalast, dahinter das Kolosseum. Unterhalb: der Tiber und die Tiberinsel


Hochriskante Rennen, ein Starkult um erfolgreiche Sportler und Rennställe mit gewieften Managern als Strippenzieher im Hintergrund? Alles keine Erfindung des modernen Motorsports. Schon die Wagenrennen im antiken Rom waren ein gigantisches Geschäftsmodell der damaligen Unterhaltungsindustrie. „Die heutigen Rennen gehen – über viele Umwege – auf die antiken zurück“, sagt der Historiker Prof. Krešimir Matijevic´ von der Europa-Universität Flensburg.

So gebe es viele Parallelen, angefangen bei dem exakt festgelegten Parcours, der von Zuschauerrängen gesäumt ist, bis zu bewusst in Kauf genommenen Karambolagen der Konkurrenten. Der Schauplatz war ein Ort der Superlative: Rund 150.000 Zuschauer sahen einst kostenlos im Circus Maximus (siehe Infografik Seite 14) zu, andere Schätzungen gehen sogar von einer Viertelmillion aus – deutlich mehr als an einem durchschnittlichen Formel-1-Wochenende. Und schon damals gab es Rennställe: „Sie waren allerdings nicht nach Sponsoren, sondern nach Farben benannt: Blau, Grün, Rot und Weiß“, so Prof. Matijevic ´. „Fans trugen die Farben, ähnlich wie heutige Fußballfans.“ Die Leiter der Rennställe waren Meister im Verhandeln: Sie wussten, dass es sich ein Kaiser aufgrund des drohenden Prestigeverlusts nicht leisten konnte, einen Wettkampf abzusagen. Deshalb konnten sie die Preise fast nach Belieben in die Höhe treiben.

Volksspektakel imHexenkessel

Die gefeierten Helden des Circus waren zumeist Sklaven. Eine neue, umfassende Doku (siehe TV-Tipp) zeichnet jetzt in aufwendigen Spielszenen das Leben eines solchen Wagenlenkers nach: Scorpus lebte zur Zeit des letzten flavischen Kaisers Domitian, der von 81 bis 96 n. Chr. regierte. Die Flavier-Dynastie, deren Herrscher sich gern im Licht der Wagenlenker sonnten, war bekannt für große Volksspektakel.

Das Renngeschehen im Circus glich einem Hexenkessel: Zickzackfahren, Abdrängen, Ausbremsen – bei bis zu zwölf Quadrigen pro Rennen war fast jedes Mittel recht. Filmkenner haben sicher die Szenen aus Willam Wylers „Ben Hur“ von 1959 vor Augen. Auch wenn die rotierenden Sägemesser als „Radkappen“ an den Achsen des „bösen“ Rivalen eine Erfindung der Traumfabrik waren: „Was die Gefährlichkeit des gezeigten Rennens angeht, ist man sich in der Forschung einig, dass der Hollywood-Streifen in gelungener Art und Weise die tatsächlichen Risiken römischer Circus-Spiele widerspiegelt“, so Matijevic´. „Man darf davon ausgehen, dass es häufiger zu Todesfällen kam.“ Wie bei Wyler wurde es besonders an den Wendemarken lebensgefährlich: Wagen wurden hochgeschleudert, Pferde stürzten, Lenker wurden unter Trümmern oder Pferdekörpern begraben. Weil sie die Zügel an ihre Hüften gebunden hatten, wurden die Rennpiloten der Antike auch zu Tode geschleift, wenn sie nicht schnell genug zum Messer griffen.

Die Anforderungen an die Wagenlenker waren hoch, da die zwei äußeren Pferde einer Quadriga nicht mit dem Wagen ver- bunden waren. Der Lenker hatte bei Geschwindigkeiten von bis zu 70 Kilometern pro Stunde kaum Kontrolle über sie. Die Tiere durften nicht durchgehen, sondern mussten dem Wagenlenker vertrauen sowie auf dessen kleinste Zeichen reagieren.

HELD DER RENNBAHN
Spielszene aus der Arte-Doku: Scorpus (Georgi Gotsin) hat nur ein Ziel: die Gegner mit allen Mitteln auf Distanz zu halten


Die derben Satyre bringen die Zuschauer auf einer Prozession zum Circus zum Lachen


Kaiser Domitian (Leart Dokle, M.) verfolgt den Umzug im Vorfeld des Wagenrennens


Das Talent, mit den sensiblen Tieren umzugehen, besaßen nur wenige. Dennoch war ein Platz auf den Wagen begehrt: Sklaven konnten der alltäglichen Plackerei herkömmlicher Arbeiten entkommen. Zudem waren die Siegprämien von 15.000 Sesterzen selbst für normale Römer unvorstellbar hoch. Die meisten hatten etwa 1000 Sesterzen im Jahr zur Verfügung, um eine vierköpfige Familie zu ernähren.

Öllampen, Fluchkarten undAmulette

Einem Sieger waren Ruhm und treue Fans gewiss. Es gab sogar schon Fanartikel, etwa kleine Öllampen mit den Konterfeis der Wagenlenker oder ihrer Pferde. Auch Miniaturrennwagen wurden am Rand der Wettkämpfe als Kinderspielzeug angeboten: Der Circus beherbergte eine „Shoppingmall“ von über einem Kilometer Länge, die nicht nur während der Wettkämpfe geöffnet war. Offiziell verboten, aber dennoch aktiv waren Zauberer, bei denen Fans die Lenker gegnerischer Mannschaften verfluchen lassen konnten. Diese schrieben den Fluch auf eine kleine Bleitafel und machten ihn, so der Aberglaube, mit ihren magischen Kräften wirksam. Aber auch die Wagenlenker trugen Amulette, denen sie eine besondere Wirkung zutrauten.

Scorpus, der Held der Arte-Doku, stieg in die Liga der „milliarii“ auf: Lenker, die bereits 1000 und mehr Siege errungen hatten. „In Grabinschriften wurden stolz die Siege und höheren Platzierungen der Rennfahrer aufgezählt“, sagt Matijevic´. In seiner zehnjährigen Karriere gewann Scorpus 2048 Rennen und wurde so vermögend, dass er sich seine Freiheit erkaufen konnte. Der erfolgreichste Circus-Held in der Epoche der flavischen Kaiser starb jedoch im Sand der Rennbahn – mit nur 27 Jahren.

Im heutigen Rom erinnert nur noch wenig an den Circus: Ab dem späten 6. Jahrhundert zerfiel er. Aus den Steinen seiner Sitzstufen entstand von 1506 bis 1626 ein noch berühmterer Bau: der Petersdom.