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Die Frage nach dem Boden der Zukunft


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Slow Food Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 27.09.2022

Landschaft war in der Vergangenheit im ständigen Wandel begriffen und wir können daraus ableiten, dass das auch in Zukunft so sein wird. Und dabei spielt der Mensch eine große Rolle: In Deutschland gibt es bis auf wenige Kleinstnischen keine Natur mehr, sondern eine vom Menschen nach seinen Bedürfnissen und jeweiligen Möglichkeiten geformte Kulturlandschaft. Diese umfasst in Deutschland 357 375 Quadratkilometer.

Gibt es Hinweise, in welche Richtung der Wandel in den nächsten Jahrzehnten gehen wird, oder können wir das selbst beeinflussen? Schauen wir uns dafür ein paar Einflussfaktoren an, die über die Zukunft unseres Bodens bestimmen. In einigen Bereichen sind Veränderungen bereits in vollem Gange und können vielleicht noch abgemildert, aber nicht mehr völlig verhindert werden.

Die Faktoren

An erster Stelle steht hier sicher der Klimawandel. Inzwischen gilt es als eher unwahrscheinlich, dass sich ...

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... die Durchschnittstemperatur um weniger als zwei Grad Celsius erhöhen wird. Während an Kälte und Feuchtigkeit angepasste Tierund Pflanzenarten verdrängt werden, wandern Wärme und Trockenheit liebende Arten zunehmend ein. Die anzubauenden Pflanzen und der Anbau selbst werden sich deutlich verändern müssen.

Humuserhaltende Bodennutzung ist bereits seit 1999 im Bundes-Bodenschutzgesetz (BBodSchG) in § 17 durch »die gute fachliche Praxis in der Landwirtschaft« gesetzlich vorgeschrieben: »Zu den Grundsätzen der guten fachlichen Praxis gehört insbesondere, dass (...) der standorttypische Humusgehalt des Bodens, insbesondere durch eine ausreichende Zufuhr an organischer Substanz oder durch Reduzierung der Bearbeitungsintensität erhalten wird« (BBodSchG §17, Absatz 7). Doch mangelt es offensichtlich an der Umsetzung, wie unter anderem die Bodenzustandserhebung des Thünen-Instituts nahelegt. Trotz aller Versuche und Maßnahmen der Vergangenheit ist der Humusaufbau als ein Leitprinzip der Landwirtschaft noch nicht ausreichend verankert und wirksam. Gleichwohl wird die Einführung von Humuszertifikaten zum Klimaschutz gefordert; deren Wirkung wird jedoch gering sein, wenn diese genutzt werden, um sie mit Treibhausgasemissionen zu verrechnen. Projekte und Maßnahmen, die zu Humuserhalt und -aufbau führen und die Landnutzung von einer Treibhausgasquelle zu einer Treibhausgassenke machen, sind ausdrücklich zu begrüßen, solange diese nicht zur »Aufrechnung« von Emissionen über Zertifikate verkauft werden. Die Gefahr von Greenwashing ist dann doch wieder zu groß.

Der wichtigste Hebel für die Gestaltung des Bodens

Täglich können wir in den Medien lesen, dass es mehr Wertschätzung für Lebensmittel bedarf und wir weniger versiegeln sollen. Und je nach Blickwinkel gibt es viele weitere Gestaltungshinweise rund um das Thema Boden. Doch ein Thema wird trotz der Diskussion über Landgrabbing und außerlandwirtschaftliche Investoren leider weiterhin vernachlässigt: das Eigentum. Dabei sollte der Blick nicht verengt werden auf die Frage, wer Eigentümerin oder Eigentümer (staatlich, privat, gemeinwohlorientiert) ist. Sondern wir müssen die Landeigentümer*innen dafür begeistern, sich für den Boden zu engagieren.

Artikel 14 Abs. 2 des Grundgesetzes stellt fest: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« In der Realität wird Boden von Jahr zu Jahr mehr zur Ware degradiert, bei der es nur noch um den Preis geht. Kauf- und Pachtpreise steigen bei knappem Angebot – pro Jahr werden gerade einmal circa zwei Prozent des Landes verkauft; Bodenqualität, Humuserhalt und Nutzungsarten spielen kaum noch eine Rolle. Vielmehr scheint es, dass insbesondere im Pachtmarkt – geleitet auch von dem schlechten Vorbild der staatlichen Eigentümer – immer mehr auf den Zug aufspringen wollen: Ich will auch ein Stück vom Kuchen, das der Landwirt doch vom Staat jedes Jahr geschenkt bekommt!

In Deutschland weiß man kaum etwas über die Eigentumsverteilung der Landwirtschaftsfläche. Statistisch erfasst wird lediglich, wie viel Eigentumsfläche die landwirtschaftlichen Betriebe haben. Doch wem gehört die Pachtfläche (über 60 Prozent im Bundesdurchschnitt) und vor allem: Wie ist das Eigentum verteilt? Gibt es eine nennenswerte Eigentumskonzentration? Wenn über Änderungen der bestehenden Gesetzgebung zum Grundstücksverkehr nachgedacht wird, dann sollten solche Daten vorliegen. Landeigentum wird in Deutschland im Grundbuch dokumentiert. Der Agrarausschuss im Deutschen Bundestag hat in einer Beratung erhebliche Wissenslücken zum Thema Bodeneigentumsverteilung festgestellt. Doch außer einige Studien zu beauftragen, klagt der Staat weiterhin über spekulative Landkäufe und schützt gleichzeitig die Grundeigentümer*innen weiter vor Transparenz. Die Niederlande gehen da andere Wege und veröffentlichen die Eigentumsverhältnisse, ohne dass dort jemand den Verzicht auf Datenschutz beklagt.

Die letzten Jahrhunderte war die Landwirtschaft weitgehend von einem dynastischen Familienbild geprägt. Dieses bröckelt seit Jahren. Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst für den Beruf der Landwirtin oder des Landwirts und nicht mehr nur aus Familientradition. Familien suchen neue Eigentumsformen, da das Auszahlen der weichenden Erben immer häufiger zur Zerstörung der Betriebe führt. Und als zusätzliche Gestaltungsformen sind vielfältige Modelle kooperativer und gemeinwohlorientierter Landwirtschaft entstanden, bei denen das Eigentum nicht im Privateigentum, sondern im Gemeinschaftseigentum liegt. Noch sind diese Formen zu wenig bekannt und in der gesellschaftlichen und politischen Betrachtung bisher zu wenig gewürdigt und beachtet, aber der Generationenwechsel führt zu alternativen Formen. Doch was können wir vor allem in den Medien lesen? Wenig über neue Formen, sondern: Land wird aufgekauft. Landgrabbing auch in Deutschland, Geldanleger investieren in Boden, Investition in Höfe zur Rohstoffsicherung. Das sind und waren auch in den letzten Jahrhunderten Motive für Landinvestitionen; auch wenn dies in einigen Regionen nicht erwünschte Entwicklungen hervorruft, so ist die pauschale Bewertung von Käufer*innen nicht zielführend. Wir brauchen mehr Menschen, die Landwirtschaft betreiben wollen, und daran müssen wir Käufer*innen messen. Nachhaltige Landwirtschaft betreiben und ermöglichen, statt Boden wie Ware behandeln.

Aktiv entscheiden, statt nur zu reagieren

Die wichtigste Botschaft ist dabei, wenn wir in den obigen Aspekten etwas bewegen wollen: Die Land- und Hofeigentümer*innen können Einfluss nehmen, sie müssen es nur wollen und tun. Sie entscheiden, an wen sie verkaufen oder verpachten und zu welchen Bedingungen. Viel zu sehr lassen wir uns noch von den Entwicklungen treiben und reagieren nur. Wir alle (Politik, Landwirt*innen, Grundeigentümer*innen, Verbraucher*innen) müssen eine aktivere Rolle einnehmen. Und diese beginnt mit einem gesellschaftlichen Bild: In welcher Landschaft wollen wir leben und mit welcher Landwirtschaft wollen wir uns wie ernähren?

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Ökologie & Landbau 2/2022. Wir danken für die freundliche Abdruckgenehmigung.