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Die Frau an der Schnittstelle


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Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 11.01.2022

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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 2/2022

Acht Studierende machen sich auf den Weg ans französische Mittelmeer. Es sind Semesterferien und der Plan ist klar: Sie wollen sich am Hafen ein Segelboot leihen und dann in See stechen, Kurs Korsika. Keiner von ihnen besitzt einen Segelschein. „Aber“, so erinnert sich Angela Friederici, „einer von uns hatte ein bisschen Ahnung davon. Der spielte den Kapitän. Er hatte zwei Bücher dabei. Das eine hieß Heut’ geht es an Bord, das andere Beaufort 10, was tun? – und ich kann Ihnen sagen: Wir haben beide Bücher gebraucht.“

Angela Friederici ist damals 21 Jahre alt. Im Sturm, so sagt sie, sei die halbe Mannschaft „nicht mehr zu gebrauchen“ gewesen. „Denen war entweder schlecht oder sie hatten Angst. Was du da an Psychoreaktionen erlebst, das ist schon interessant.“ Ob sie selbst diese Panik gespürt hat im Angesicht der Wellen? Angela Friederici lächelt. „Neeee. Kann man echt nicht sagen.“ Sie hätten die ...

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... Segel eingeholt, sich vom Wind treiben lassen, ein paar Leinen ausgeworfen, um das Boot auf Kurs zu halten – und dann gemeinsam den Sturm weggesungen mit alten Seemannsliedern. So wurde aus Angela Friederici eine „passionierte Seglerin“.

Dies ist keine Anekdote über Wissenschaft. Und doch sind darin all die menschlichen Eigenschaften umrissen, die Angela Friedericis bemerkenswerte Karriere beförderten. Da ist der Mut, etwas zu wagen, das man eigentlich gar nicht kann. Die Neugier auf das Unbekannte. Das Zutrauen, das einem unterwegs schon etwas Spannendes begegnen wird. Die Lust auf Teamarbeit. Und die Coolness in schwerer See. Dass ihr Feigheit fremd ist, zeigt auch ein zweites Hobby, das sie später im Leben pf legen wird: Sie macht irgendwann den Pilotenschein – und bef liegt mehrere Kontinente zusammen mit ihrem Ehemann, einem Kieferchirurgen.

Jetzt, in diesem Februar, wird Angela Friederici 70 Jahre alt. Sie gehört zu den namhaftesten deutschen Psychologinnen überhaupt, ist Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Wir verdanken ihr einen guten Teil unseres Wissens darüber, was eigentlich in unserem Gehirn passiert, wenn wir Sprache produzieren und Sprache verstehen.

Angela Friederici ist eine zierliche Frau mit rauer Stimme und schnellem Humor. Wegen der Pandemie treffen wir uns an diesem Septembertag nicht an ihrem Institut in Leipzig, sondern in einem Garten bei den Max-Planck-Instituten in Berlin. Sie und ihr Ehemann wohnen nicht weit von hier, sie erscheint in einem VW Beetle mit offenem Verdeck.

Ihre zentrale Entdeckung lässt sich – Spoiler-Alarm – in einem Satz bündeln: Was uns als Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet, das ist nicht unser reicher Wortschatz mit all seinen Bedeutungen, sondern die Syntax. Also jenes Bündel von Spielregeln, nach dem wir Wörter zusammenfügen, um Sätze aus ihnen zu formen. Kurz: Der Mensch ist das Tier, das Grammatik kann.

Angela Friederici arbeitet heute in ihrer Forschung mit allerhand technischem Gerät, mit ebenso teuren wie seltenen Hochleistungsscannern. Und doch beginnt ihre Hochschulkarriere in einem völlig anderen Feld. „Für Medizin waren meine Noten nicht gut genug. Als Schülerin hatte ich gerne Kafka gelesen, also habe ich gedacht: Na gut, dann studierst du halt Germanistik.“ Friedericis Vater ist Arzt und leidenschaftlicher Forscher, der Kaninchen im Labor, Tür an Tür mit der Familienwohnung hält, denen er regelmäßig in die langen Löffel pikst, um ihr Blut zu untersuchen. Forschung gehört für Angela Friederici also schon früh zum Alltag.

Ihre Schulzeit in Mainz und in Waldbröl im Bergischen Land war wohl nicht immer leicht. In der Grundschule ist ihr langweilig, denn sie hat sich das meiste längst von ihrer älteren Schwester abgeschaut. Wenn sie lebhaft ist oder gar Widerworte gibt, muss sie in der Ecke stehen oder Strafarbeiten schreiben. „Hundert Mal den Satz ,Ich darf nicht vorlaut sein‘.“

Die hundert Wiederholungen scheinen glücklicherweise wenig gefruchtet zu haben, denn auch später als Germanistikstudentin ist Angela Friederici selbstbewusst und nicht eben kleinlaut. Einmal korrigiert sie an der Uni Bonn ihren Dozenten mitten in der Vorlesung: Er hat eine Theorie ihrer Meinung nach unvollständig dargestellt. „Ich dachte: Na, mit dem hab ich’s mir verscherzt“, erzählt sie. Doch genau das Gegenteil geschieht: Der Hochschullehrer bietet ihr nur wenige Tage nach dem Vorfall eine Stelle als studentische Hilfskraft an. Sie soll in einer Klinik mit Menschen arbeiten, die nach einem Schlaganfall einen Teil ihrer Sprachfähigkeit verloren haben. Ja, auch so etwas macht man in der Germanistik. Genauer: in ihrem Teilbereich der Linguistik.

Angela Friederici reagiert wie bei ihrem ersten Segeltrip nach Korsika. Sie wagt sich in eine fremde Welt und sagt einfach zu. Und tatsächlich ereignet sich in der Arbeit etwas, das ihr Leben komplett verändern wird: Auf dem Flur steht ein Mann, offensichtlich halbseitig gelähmt. „Er guckt mich an und ich denke: Was mach ich denn jetzt? Soll ich ihn ansprechen? Ich gehe also auf ihn zu und frage: ,Wie geht es Ihnen denn?‘ Und er sagt: ,Schlag. Sprache weg. Sprache weg. Schlag.‘“

Angela Friederici versteht schnell: Dieser Mann hat die Fähigkeit verloren, ganze Sätze zu bilden. „Seine Grammatik war weg“, sagt sie. „Und da habe ich mir gedacht: Moment mal! Wenn die Grammatik systematisch ausfällt – dann muss sie doch auch irgendwo im Gehirn repräsentiert sein!“

Für die junge Angela Friederici wird dieser Gedanke zum persönlichen Geistesblitz – er markiert den Augenblick, in dem sie anfängt, sich für das menschliche Gehirn zu interessieren. Und sie erfährt, dass ein französischer Mediziner dieselbe Idee schon mehr als hundert Jahre früher hatte. Im Pariser Hospital Kremlin-Bicêtre behandelte der Arzt Paul Broca damals einen bedauernswerten Patienten, der unter einer Sprachstörung litt: Er konnte nur noch die Silbe tan hervorbringen. „Monsieur Tan“ starb zwei Jahre später. Als man danach sein Gehirn obduzierte, entdeckte man etwas Erstaunliches: Nur ein relativ kleiner Teil der Nervenzellen war geschädigt, ein begrenztes Areal, das in der Gegend der linken Schläfe lag. Für Paul Broca bestand kein Zweifel: Genau hier musste die menschliche Sprache zu Hause sein! Noch heute nennt man diesen Abschnitt unseres Gehirns das „ Broca-Areal“.

Wenige Jahre nach Brocas Fund gelang dem Breslauer Arzt Carl Wernicke eine nicht weniger spektakuläre Entdeckung. Wernicke hatte sich auf Hirnverletzte spezialisiert, die etwa nach einem Schlaganfall größte Probleme damit hatten, Sprachäußerungen anderer verstehen zu können. Im Gehirn dieser Menschen war nur eine bestimmte Region geschädigt, auch diese lag auf der linken Seite des Gehirns, und zwar etwas oberhalb des Ohrs, ein paar Zentimeter nach hinten versetzt. Lange glaubte man, dieses „Wernicke-Zentrum“ sei vor allem für das Verstehen von Sprache entscheidend. „Heute“, so erklärt Angela Friederici, „gehen wir davon aus, dass im Wernicke-Zentrum unser Lexikon verortet ist, dass dort also die Wörter mit ihren Bedeutungen verortet sind.“ Friedericis wichtigste Arbeiten haben genau mit diesen beiden Hirnregionen zu tun, dem Broca-Areal und dem Wernicke-Zentrum – und der Art und Weise, wie dort unsere Sprache entsteht.

Zunächst arbeitet Angela Friederici neben dem Studium mit ihren Schlaganfallpatientinnen und -patienten. Irgendwann fasst sie ihre Ergebnisse zusammen und legt die Arbeit einem ihrer Professoren vor. Könnte man daraus vielleicht eine Magisterarbeit machen? „Der hat sich das durchgelesen, ein, zwei Rückfragen gestellt. Und danach gesagt: ,Frau Friederici, das ist keine Magisterarbeit, das ist eine Dissertation.‘ Tja. Und so kam es, dass ich da meinen Doktor gemacht habe.“ Weil sich Angela Friederici zunehmend für die Innenansicht der Sprache interessiert, für das, was in ihren Schützlingen vor sich geht, studiert sie zusätzlich Psychologie und macht auch dort ihren Abschluss. Sie schickt ein paar mutige Briefe in die USA („Auf dünnem Papier per Luftpost“) – und landet tatsächlich für ein Jahr in Boston am renommierten MIT, dem Massachusetts Institute of Technology.

Die Zeit in den USA wird prägend für sie. Und das nicht nur, weil sie dort plötzlich mit den führenden Fachleuten der Welt zu tun hat. „Das waren die siebziger Jahre. Alle Professoren gingen in die Vorlesungen der anderen, um mehr zu erfahren. Die Linguistinnen saßen bei den Philosophen, die Psychologinnen bei den Linguisten. Das war eine tolle Zeit. In Deutschland, da war das noch in den späten Achtzigern ganz anders. Da sagte der Präsident meiner Uni zu mir: ,Wir haben Sie angestellt, damit Sie Lehre machen, nicht damit Sie selbst was lernen.‘“

Aus den USA bringt Angela Friederici auch die neuesten Ansätze der Hirnforschung nach Deutschland. Sie ist eine der Ersten, die hierzulande mit Hirnstrommessungen beim Sprachverstehen arbeiten. Warum können kleine Kinder anscheinend mühelos jede Muttersprache erlernen, in die sie hineingeboren werden? Das komplizierte Finnisch ebenso leicht wie das scheinbar einfache Englisch? Und was unterscheidet uns dabei von unseren nächsten Verwandten, den Affen?

Noam Chomsky bezeichnet ihre Entdeckung als missing link, als jenes Puzzleteil, das uns bislang zu unserem Selbstverständnis gefehlt hat

Angela Friederici sagt: „Der Unterschied liegt nicht in der Semantik, nicht in den Wörtern und ihrer Bedeutung. Es gibt Hunde, die 200 Wörter gelernt haben. Nein. Der Unterschied liegt in der Grammatik.“ Bereits im Alter von vier Jahren bilden Menschenkinder Sätze, die im Durchschnitt aus vier Wörtern bestehen. „So etwas kann kein Hund und kein Affe. Selbst nach intensivem Training geht das nicht. Tiere können keine komplexen Satzstrukturen bilden.“ Genau diese Fähigkeit zu längeren Sätzen sei das, was uns als Spezies so besonders macht. „Dadurch können wir gemeinsam unsere Zukunft planen. Ohne Sprache habe ich nur die Option: Da kommt der Feind und dann lauf ich davon. Aber durch die Grammatik können wir uns mit unserer Gruppe zusammensetzen. Und sagen: Wenn morgen der Feind kommt, dann machen wir das und das. Wir planen mit anderen zusammen statt nur für uns selbst.“

Sie analysierte Babylaute: Schon Neugeborene schreien in ihrer Muttersprache

Doch wenn uns erst die Sprache von anderen Lebewesen unterscheidet – wie entwickelt sie sich in unserem Kopf? Und was kann man tun, um Sprache noch besser zu fördern?

Friedericis Antwort: Unsere Sprachfähigkeit ist zugleich angeboren und durch Erfahrung gewonnen. Sie erzählt dazu gerne die Geschichte eines Mädchens mit dem Codenamen „Genie“ (sprich: „Tschienie“), das ab seinem 20. Lebensmonat von seinem Vater in einer Art Einzelhaft gehalten wurde – also ohne Kontakt zur menschlichen Sprache. Genie wurde von dieser Folter erst erlöst, als sie 13 Jahre alt war. „Sie konnte danach zwar durch Training noch Wörter lernen. Komplizierte Sätze bilden konnte sie aber nicht mehr.“ Angela Friederici schließt daraus: „Unser angeborenes Sprachprogramm braucht einen Input, um sich entwickeln zu können.“

Man kann sich das vorstellen wie bei einer Kerze: Sie hat die Fähigkeit, zu brennen und zu leuchten – tut dies aber nur, wenn ihr Docht von einer Flamme berührt wird. Dieser Prozess des Lernens, der sprachlichen Erleuchtung durch Input beginnt bereits im Mutterleib. Angela Friederici und ihr Team haben das durch eine spannende Studie nachgewiesen. Sie untersuchten dabei die Schreie von Neugeborenen. Das verblüffende Ergebnis: Die Melodien, welche die Kleinen dabei produzieren, weisen bereits Kennzeichen ihrer Muttersprache auf. Französische Kinder weinen sozusagen mit französischem Akzent, deutsche Kinder mit einer deutschen Betonung.

Durch Hirnstrommessungen konnte Angela Friederici noch weitere Entwicklungsschritte nachweisen. Zunächst assoziieren kleine Kinder schon im Alter von drei bis sechs Monaten visuelle mit gleichzeitig dargebotener akustischer Information. Dann erst kommt der Erwerb der Wortbedeutung. Hierfür zeigte Friederici kleinen Kindern einfache Bilder: eine Ente, ein Schaf, einen Bleistift, einen Ball. Zugleich hörten die Kinder dazu ein vorgelesenes Wort. Mal passte das Wort zum Bild, mal passte es nicht. Würde das Gehirn auf solche „Fehler“ reagieren? Angela Friederici und ihr Team fanden heraus: In den ersten zwölf Monaten verraten die Hirnströme nichts darüber, ob zum Bild einer Ente auch tatsächlich das Wort „Ente“ vorgelesen wurde. „Doch im Alter von 14 Monaten, da sehen wir auf einmal einen Unterschied. Da geht es also los: Das ist die Zeit des sogenannten ,Vokabelspurts‘. Da lernen die Kinder auf einmal bis zu acht neue Wörter pro Tag.“

„Meinen Kaffee bitte mit Milch und Zucker“, sagte der alte Herr zur neuen Direktorin

Doch wie verläuft diese Entwicklung auf dem Feld der Grammatik? Ab wann befinden Kinder sich damit auf derselben Stufe wie die Erwachsenen? Dafür hat Friederici eine spezielle Methode entwickelt. Man liest dem Kind einen Satz vor. Etwa: „Der Affe küsst den Käfer.“ Gleichzeitig präsentiert man dem Kind verschiedene Zeichnungen und fragt: Welches der Bilder passt zum Satz, den du gehört hast? Im genannten Beispiel liegen selbst kleine Kinder fast immer richtig. Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn man die Satzordnung umdreht: „Den Käfer küsst der Affe.“ Bei diesem Satz kommen jüngere Kinder auf eine so geringe Trefferquote, als würden sie ihre Antwort mit einem Münzwurf entscheiden. „Erst mit sieben Jahren werden die Kinder etwas besser – und erst mit etwa zehn Jahren sind sie dabei so gut wie die Erwachsenen.“ Wir fangen zwar schon sehr früh an, erste Regeln der Grammatik zu lernen. Wirklich abgeschlossen ist diese Entwicklung aber erst gegen Ende der Grundschulzeit.

Könnte man die Sache vielleicht durch gezieltes Üben beschleunigen? Friederici und ihr Team machen den Versuch. Sie unterziehen eine Gruppe von Fünfjährigen einem intensiven Sprachtraining. Das Ergebnis ist gemischt: „Die Kinder haben in rasendem Tempo neue Wörter gelernt. Aber in der Syntax, also den Regeln der Grammatik, da haben wir praktisch keine Fortschritte gesehen.“ Die Schlussfolgerung: Unser Sprachlernen scheint tatsächlich einem vorbestimmten Programm zu folgen. Wir können seine Entwicklung nicht beschleunigen. Das Büffelgras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Doch irgendwann öffnet sich sozusagen ein Fenster in unserem Kopf und wir lernen die Dinge wie von selbst, sobald Sprache uns umgibt. Und dann, einige Jahre später, schließt sich dieses Fenster wieder, wie uns der tragische Fall der eingesperrten Genie zeigt. Was Hänschen bis dahin nicht gelernt hat, lernt Hans nimmermehr.

1994 wird Angela Friederici Gründungsdirektorin eines neuen Max-Planck-Institutes in Leipzig. Bis es so weit ist, verläuft ihre akademische Karriere jedoch so wechselhaft wie eine Segelfahrt durchs stürmische Mittelmeer. Sicher: Sie erhält immer wieder Preise und Stipendien. Doch ihre Arbeit liegt eben im Niemandsland zwischen Hirnforschung, Linguistik und Psychologie – und passt damit nicht recht in die ordentliche deutsche Forschungslandschaft. Sie arbeitet mal in den Niederlanden, mal in Frankreich, mal in Kalifornien. 1990, zu diesem Zeitpunkt ist sie gerade Professorin an der FU Berlin, erhält sie wieder einen großen Forschungspreis – und landet damit sogar in der Boulevardpresse. „Ich komme an der Uni an. Damals gab’s ja noch Kioske, wo Zeitungen verkauft wurden. Und dann seh ich da auf einmal mein Foto auf dem Titelblatt: ,Bingo, Bingo – diese Frau ist 800 000 Mark wert!‘ Das war mir so peinlich, dass ich sofort wieder nach Hause gefahren bin.“

Damals, in den 1990er Jahren, ist sie eine der ersten Frauen, denen man überhaupt die Leitung eines Max-Planck- Instituts anvertraut. Bei unserem Treffen erzählt sie die Geschichte, wie sie im Kreise älterer Männer als Direktorin vorgestellt wird. „In der Pause gehe ich an den Kaffeestand. Da kommt ein Max-Planck-Direktor auf mich zu und sagt, er hätte seinen Kaffee gerne mit Zucker und Milch. Ja, was soll ich da denn sagen? Ich sagte: ‚Aber gerne doch.‘ Gleich nach der Pause bin ich aufs Podium gegangen und habe meinen Einstandsvortrag gegeben. Immerhin hat der Kollege sich hinterher bei mir entschuldigt. Aber glauben Sie mir: Solche Geschichten können viele Frauen erzählen.“

Im Arbeitsalltag, so hört man, soll Angela Friederici ein „überaus angenehmer Mensch“ sein. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führe sie „mit großem Enthusiasmus“, sie sei zugleich „fordernd und fördernd“. Viele ihrer ehemaligen Doktorandinnen und Doktoranden haben inzwischen selbst beachtliche Karrieren hingelegt.

Am Max-Planck-Institut hat Angela Friederici jedenfalls ein paar bahnbrechende Entdeckungen gemacht. Sie hat zum Beispiel gezeigt, unter welcher Adresse im Gehirn man unsere Grammatik finden kann. Die einfachste Form von Grammatik – es gibt sie in allen Sprachen – ist ein Vorgang, den der amerikanische Sprachpapst Noam Chomsky als merge bezeichnet: das Verschmelzen zweier Wörter zu einer Einheit. Man nimmt zum Beispiel das Wort „dieser“ und das Wort „Apfel“. Unser Gehirn lernt im Verlaufe der Kindheit, daraus automatisch eine Einheit zu formen: „dieser Apfel“ – zwei Wörter, aber ein Ding. Das ist der ganze Trick, das Grundprinzip jeder Syntax.

Angela Friederici und Noam Chomsky kennen einander seit den siebziger Jahren. Damals, so erzählt sie, habe sie sich in Boston ein hitziges Wortgefecht mit Chomsky geliefert, ohne zu wissen, dass sie den größten Sprachforscher der Welt vor sich hatte. Friedericis Überlegung: Wenn Chomskys Idee vom merge richtig ist, dann muss es auch einen bestimmten Ort im Gehirn geben, an dem diese sehr grundlegende Rechenoperation stattfindet. Tatsächlich konnten sie und ihr Team diesen Ort per Hirnscanner sehr präzise ermitteln: Er liegt in einer kleinen Untereinheit des Broca-Areals. „Genau deshalb verlieren Menschen ihre Grammatik, wenn nach einem Schlaganfall ihr Broca-Areal geschädigt ist“, sagt Friederici. Ihre Hirnstudie hat an gesunden Versuchspersonen also das nachgewiesen, was wir durch die Beobachtung kranker Menschen bislang nur vermuten konnten. Die einfachste Form der Grammatik wohnt im Broca-Areal. Ein sensationeller Fund. Und dennoch ist das wichtigste Rätsel damit noch nicht gelöst.

Der Mensch hat, wie beschrieben, die einzigartige Fähigkeit, nicht nur Unmengen von Wörtern samt ihrer Bedeutung zu lernen. Er kann sie eben auch nach bestimmten Regeln zu langen Sätzen verknüpfen. Der merge, das erste Grundelement dazu, wohnt im Broca-Areal. Wo aber sitzt der Rest davon? Das ist die Frage nach dem Heiligen Gral unseres Gehirns, nach jener Struktur, der wir unsere Sonderstellung als Homo sapiens verdanken.

Einige Fachleute glauben inzwischen, dass Angela Friederici genau diese Gralsregion des Gehirns gefunden hat. Sie liegt weder im Broca-Areal noch im Wernicke-Zentrum, wo unser inneres Wörterbuch zu Hause ist. Sondern in einer Art Datenkabel, das diese beiden Regionen miteinander vernetzt: der sogenannten „dorsalen Faserverbindung“. Diese Verbindung „sitzt zunächst nur da und wartet auf Input“, sagt Angela Friederici. Erst mit der Zeit bildet sich dabei um diese Kabelstränge eine Ummantelung aus Myelin. Dieser Trick beschleunigt den Transfer ungeheuer und verwandelt den holprigen Feldweg zwischen den beiden Sprachzentren in eine Hochgeschwindigkeitsroute. Nach den Studien von Angela Friederici ist es genau dieser Expressweg, der den Menschen zum Menschen macht.

Noam Chomsky hat diese Entdeckung kürzlich als den missing link bezeichnet, jenes Puzzleteil, das uns bislang zu unserem Selbstverständnis gefehlt hat. Angela Friederici lächelt und winkt ab. Sicher: Mit der Arbeit über die Verbindung zwischen den Sprachzentren sei ihr ein großer Wurf gelungen. Aber die salbungsvollen Worte Chomskys? „Das geht dann doch über meine eigene Interpretation hinaus.“

Ein bisschen Zeit bleibt ihr noch vor dem Ruhestand, drei Jahre, vier Jahre vielleicht. Welche Nuss will sie noch knacken? „Der genaue Unterschied zwischen Mensch und Affe in Sprache und Gehirn, das würde mich schon noch interessieren“, sagt sie. Ein entsprechender Hirnscanner ist bereits bestellt.

Sicherlich: Das klingt nach einer reizvollen Aufgabe. Und dennoch könnte man Wetten abschließen: Bei ein paar Affenstudien wird es nicht bleiben. Da kommt noch mehr.

Lektüre für Neugierige

Ein mühelos-leichtes Leseerlebnis ist das nicht. Angela Friederici arbeitet nun einmal am Max-Planck-Institut. Dort betreibt man Grundlagenforschung der harten Art: Man muss sich schon hineinarbeiten, auch bei der Lektüre – dann wird es interessant und sehr informativ. Angela Friedericis preisgekröntes Buch Language in Our Brain, zu dem Noam Chomsky ein Vorwort beisteuerte, richtet sich eher an Fachleute und ist deshalb in englischer Sprache geschrieben – wie so ziemlich alles, was heute international Beachtung finden möchte. Friederici nimmt ihre Leserschaft mit auf einen wilden Ritt durch unser Gehirn. Wie verarbeitet es akustische Signale? Wie unterscheiden wir Wörter von sonstigem Krach? Wie erkennen wir, was ein Wort bedeutet? Und was ein ganzer Satz aussagt? Angela Friederici beschreibt, wie einzelne Hirnregionen arbeiten und wie sie innerhalb von Millisekunden miteinander kommunizieren. Sie schildert, wie Sprache und Sprachverständnis sich vom Mutterleib an im Laufe unseres Lebens entwickeln – und wie die Evolution diese Errungenschaft bei uns Menschen hervorgebracht hat. Vermutlich war es nur ein winziger Schritt, durch den wir die Affen sprachlich weit hinter uns gelassen haben.

Eiligen Leserinnen und Lesern empfiehlt Angela Friederici eine selektive Blitzlektüre: Einführung und Kapitel 8 machen mit den wesentlichen Grundzügen ihres Denkens vertraut

Angela D. Friederici: Language in Our Brain. The Origins of a Uniquely Human Capacity. MIT Press, Cambridge/Massachusetts 2017

Das Porträt

In unserer Serie erschienen zuletzt:

James Pennebaker – Der Schriftgelehrte. Heft 11/2021

Susan Fiske – Die Forscherin, die Stereotype entschlüsselt. Heft 8/2021

Wolfgang Schmidbauer – Der hilfreiche Helfer. Heft 5/2021

Gerd Gigerenzer – Der Meister der klaren Entscheidung. Heft 1/2021

Frans de Waal – Der Beobachter. Heft 11/2020 Kate Sweeny – Die Sorgenbändigerin. Heft 8/2020 Ursula Staudinger – Die Gründerin. Heft 5/2020

Jan Born – Der Grenzgänger. Heft 1/2020

Martin Seligman – Von der Hilflosigkeit zum Glück. Heft 10/2019

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