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DIE FRAU, DIE DEN IMPFSTOFF MÖGLICH MACHTE


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 25.10.2021

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IN DEN SIEBZIGERJAHREN arbeitet Katalin Karikó gerade im ungarischen Szeged an ihrer Doktorarbeit, als sie zum ersten Mal in Kontakt mit dem Stoff kommt, der ihr Leben bestimmen wird: RNA, Ribonukleinsäure. Abends geht sie aus, tanzt, lernt ihren späteren Mann kennen. Tagsüber sitzt sie im Labor und versucht, RNA herzustellen. Später wird sie die Zeit als die glücklichste ihres Lebens bezeichnen. Und das liegt nicht nur am Tanzen.

RNA hat viele Funktionen im Körper. Eine wesentliche ist es, genetische Informationen aus der DNA im Zellkern in die Zelle zu übertragen und sie so dazu zu bringen, Proteine herzustellen. Die RNA ist hier als Bote unterwegs, der Nachrichten der DNA überbringt. Sie wird deshalb messenger-RNA (mRNA) genannt – und ist der Stoff, der in den Präparaten von BioNTech und Moderna steckt. Sie bringen die Zellen dazu, Virusproteine herzustellen. Das Immunsystem bekämpft diese und ...

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... trainiert so, das Virus zu besiegen.

Als Karikó ihre Doktorarbeit schreibt, ist mRNA schon bekannt, doch man kann sie noch nicht im Labor herstellen. Karikó experimentiert mit weniger komplizierten RNA-Formen, versucht, sie künstlich herzustellen, und prüft, ob sie antivirale Effekte haben.

Mitte der Achtzigerjahre verliert Karikó beruflich alles, was sie sich bis dahin aufgebaut hat. Die ungarische Pharmafirma, die ihr Labor finanziert hat, stoppt die Zahlungen. Karikó muss sich nach etwas Neuem umschauen, aber die Stellen, die in Ungarn für sie infrage kämen, langweilen sie. Routinejobs. „Ich dachte: Ich kann besser sein als das“, sagt sie heute. Sie schickt Bewerbungen: nach London, Madrid, Montpellier – dann sogar nach Philadelphia.

So führt der erste Rückschlag sie mit ihrem Mann und der damals zweieinhalbjährigen Tochter in eine andere Welt. Als Karikó im Sommer 1985 in Philadelphia ankommt, schickt sie einen Brief an die Mutter in Ungarn: „Alles hat geklappt.“ Mehr Kommunikation ist nicht möglich. Ihre Eltern haben kein Telefon.

Sie selbst und ihr Mann haben nur das, was sie mitnehmen konnten: etwas Gepäck und den Teddy ihrer Tochter Zsuzsanna. In den Teddy hat Karikó alles Geld eingenäht, das sie besitzt: 900 britische Pfund, die sie auf dem Schwarzmarkt für ihren alten Lada bekommen hat. In Ungarn ist der Besitz größerer Mengen Devisen damals verboten, deshalb schmuggelt sie das Geld in die USA. Für die 900 Pfund gibt es rund 1000 Dollar. Das Startkapital für ihr neues Leben.

DER ANFANG IST HART. Die Familie lebt in einem Apartmentblock, Karikós Mann spricht kein Englisch, mit ihrem Gehalt kommen sie nicht weit. Karikós Mann, der in Ungarn Ingenieur war, verrichtet nun kleinere Arbeiten für andere: putzen, Rasen mähen, Autos reparieren. „Wenn du zu Hause bleibst, musst du keinen großen Antrieb entwickeln“, sagt Karikó über diese Zeit. „Wenn es Probleme gibt, hast du immer jemanden, der dir hilft. In Amerika hatten wir niemanden.“

Doch es gibt immer noch das Labor. Und da passiert etwas Unerwartetes. Mitte der Achtzigerjahre wird ein Gerät mit dem Namen Thermocycler verfügbar. Es kann DNA sehr schnell vermehren. Und daraus macht man wiederum RNA. Was früher ewig dauerte, ist auf einmal einfach.

Dann findet ein Wissenschaftler auch noch eine Möglichkeit, die mRNA ganz leicht in eine Zelle zu bringen, was zuvor ein komplizierter Vorgang war. „Schon nach einer halben Stunde sah man das Protein, das entstanden war“, erzählt Karikó. „Das war sensationell!“ Karikó versenkt sich in ihre Arbeit, Stunden verbringt sie zwischen Reagenzgläsern und Thermocycler und über Forschungsarbeiten, auch am Wochenende.

Zu Hause berichtet sie begeistert von ihren Entdeckungen. In den Ferien nimmt sie ihre Tochter Zsuzsanna, in Amerika schnell Susan genannt, mit ins Labor. Und wenn Susans Freunde da sind, unterrichtet Karikó auch die: Erst bringt sie ihnen irgendetwas über die Welt um sie herum bei, dann fragt sie sie ab.

„Was waren meine Freunde stolz, wenn sie die Fragen richtig beantworten konnten!“, sagt Susan. Sie ist als Kind auch mal genervt von ihrer gescheiten Mutter, die von ihr stets ein A+ in Biologie verlangt, die beste Note. Es gibt nur ein Fach, in dem die Mutter keine Erwartungen hat: Sport. Susan hält es für keinen Zufall, dass sie genau darauf ihren Ehrgeiz richtet:

AUS: ZEITMAGAZIN (9/2021); © DIE ZEIT

Sie ist heute zweifache Olympiasiegerin im Ruder-Achter.

Für Karikó läuft es in Amerika zehn Jahre lang gut. Sie hat Mittel, sie forscht, sie lehrt. Dann ist ihr Forschungsbereich plötzlich nicht mehr angesagt. Die meisten Molekularbiologen beschäftigen sich in den Neunzigerjahren mit DNA statt mit RNA. Karikó schwimmt gegen den Strom. Sie ist sicher: mRNA ist die Zukunft.

Mit ihr kann man irgendwann alles Mögliche heilen: Knochenbrüche, Folgen eines Schlaganfalls, Verbrennungen. „Für mich war es so logisch, aber alle anderen waren skeptisch“, sagt sie.

Dazu kommt ein Konflikt mit einer Kollegin an der University of Pennsylvania. Der Streit und die Tatsache, dass sie viele nicht von ihrer Forschungsidee überzeugen kann, führen 1995 zu Karikós Degradierung. Sie war Research Assistant Professor, nun ist sie bloß noch Senior Research Investigator. Der Weg zum eigenen Lehrstuhl ist verbaut. Eine Demütigung.

Doch Karikó sucht ihr Glück nicht anderswo. Sie bleibt, besorgt sich ihre Forschungsgelder fortan selbst – und macht weiter. Immer wieder lernt sie in den folgenden Jahren andere Forscher kennen, die ihre Begeisterung für mRNA teilen, wie der Immunologe Drew Weissman. 1997 ist Weissman neu an der Universität. Er bekommt sein Labor am anderen Ende von Karikós Flur. Die beiden begegnen sich am Kopierer, und der Dialog, an den beide sich noch heute erinnern, ging ungefähr so:

„Ich kann RNA machen“, prahlt Karikó.

„Ich will einen Impfstoff gegen HIV machen“, prahlt Weissman. „DNA funktioniert nicht, kann ich von dir RNA bekommen?“

„Kein Problem!“

Fortan hat Karikó einen Weggefährten, der ihr hilft, ihre Idee zu verwirklichen. Doch gleichzeitig verliert sie an der Universität weiter an Boden.

AUSGERECHNET IN DIESER eigentlich traumatischen Zeit macht sie ihre wesentliche Entdeckung. Denn im Labor erlebt sie auch beglückende Momente. Sie ist nicht abgelenkt durchs Lehren oder damit, ein Team anzuleiten. Über ihre Zusammenarbeit mit Drew Weissman sagt sie: „Da war kein Schweiß, wirklich nicht. Wir waren Enthusiasten!“ Alle Energie steckt sie in ihre Experimente. Das Ziel ist es, die mRNA so zu verändern, dass sie dem Körper bei der Bekämpfung oder Verhütung von Krankheiten helfen kann. Karikó glaubt daran, dass die Experimente sie irgendwann zum Ziel führen. „Ich wusste doch, ich bin nicht blöd“, sagt sie.

NACH VIELEN VERGEBLICHEN VERSUCHEN FINDET KARIKÓ EINEN WEG. EIN TRAUM WIRD WAHR

Doch dann: wieder ein Rückschlag. Drew Weissman verwendet ihre künstliche mRNA – und stellt fest: Sie aktiviert die körpereigene Abwehr. Das klingt zunächst wie eine gute Nachricht, schließlich soll ein Impfstoff ja das Immunsystem anregen. Aber es ist in Wirklichkeit ein Problem. Das Immunsystem von Mäusen reagiert auf die künstliche mRNA mit tödlichen Entzündungen.

Weissman und Karikó suchen nach einer Methode, um das zu verhindern. Nach vielen vergeblichen Versuchen findet Karikó einen Weg: Sie verändert kleine Teile der mRNA, die Nukleoside. Und siehe da: Auf einmal wird die mRNA nicht mehr vom Immunsystem attackiert. Und nicht nur das: Es wird auch zehnmal mehr Protein gebildet. „Das war unser Durchbruch. Ein Traum wurde wahr“, sagt Karikó.

KARIKÓS UND WEISSMANS Aufsatz dazu erscheint 2005. Das entsprechende Patent beantragt die Universität 2006. Wer nun denkt, Karikó und Weissman müssten heute mit den Lizenzgebühren Hunderte Millionen verdienen, der irrt. Das hat damit zu tun, dass nicht sie das Patent halten, sondern die Universität. Weissman und Karikó gründen parallel zu ihren Uni-Jobs eine Biotech-Firma, die ihre Entdeckung in Produkte verwandeln soll. Doch die Universität vergibt die Lizenz an jemand anderen – und der vergibt sie später an BioNTech und Moderna. So sind es die Universität und der Hauptlizenznehmer, die jetzt das meiste Geld verdienen.

Karikó und Weissman haben nur einen kleinen Teil bekommen. Ihre eigene Firma gibt es nicht mehr. Drew Weissman will die Universität dafür nicht öffentlich kritisieren. Eines aber habe sie definitiv falsch gemacht: „Dass sie Kati keine ordentliche Professur gegeben haben, das war ein Fehler.“

Das dürfte mittlerweile allen klar sein. Doch 2013 war das noch anders. Damals wird Karikó gebeten, ihr Labor zu räumen. Sie zieht zunächst in Weissmans Labor, aber dann, nach mehr als zwei Jahrzehnten, beschließt sie, die University of Pennsylvania hinter sich zu lassen. „An meinem letzten Tag habe ich das Labor verlassen, die Tür hinter mir geschlossen und den ganzen Weg bis zum Parkplatz geweint“, erzählt sie. „Dann habe ich nie wieder zurückgeschaut.“

MIT 58 JAHREN fängt Karikó ganz von vorne an. Sie will in die Wirtschaft gehen. Natürlich um dort zu forschen. Wenn es um mRNA geht, gibt es nur eine Handvoll Arbeitgeber. Die Szene ist klein, man kennt sich seit Jahren. Sie hat Angebote von CureVac in Tübingen, von Moderna in den USA – und von BioNTech in Mainz.

An einem Sommertag 2013 trifft sie sich mit Ugur Sahin, dem Chef von BioNTech. Als sie ihm erzählt, dass ihr Vater Metzger war, und Sahin sagt, dass sein Vater Fabrikarbeiter war, da weiß sie, dass sie mit ihm arbeiten will. „Es hat sofort klick gemacht.“

Heute hat Karikó ein kleines Team von sieben Leuten in Mainz. Lange hat sie dort auch die meiste Zeit des Jahres gewohnt, doch im März vergangenen Jahres fliegt sie zum Geburtstag ihres Mannes nach Hause nach Philadelphia. Ihr Rückflugticket im April kann sie wegen der Reisebeschränkungen nicht mehr nutzen. Als Reisen wieder möglich sind, lohnt es sich nicht mehr: Alle, die wie sie nicht im Labor arbeiten, sind im Homeoffice. Karikós Arbeitstage bestehen seither vor allem aus Telefonaten, Videokonferenzen, Lesen, Schreiben und dem Überprüfen von Experimenten.

Katalin Karikó leitet keinen Lehrstuhl, sie sitzt in keinem Vorstand, keinem Aufsichtsrat. „Ich bin glücklich“, sagt sie trotzdem. Wer nicht viel hat, hat die Freiheit. „Was zählt, ist die Wissenschaft, die wir hier machen.“

Mit ihrer alten Universität hat sie kurz vor Weihnachten 2020 noch einmal zu tun gehabt: Weissman und sie dürfen für einen Pressetermin zum Impfen kommen. Eine Helferin spritzt Karikó den BioNTech-Impfstoff. Das Molekül, dem sie ihr Leben gewidmet hat, wirkt jetzt in ihrem eigenen Körper.