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Die Frau mit den Superkräften


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 09.04.2019

Sie war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: 29 Jahre alt, erfolgreich als Bergsportlerin und als Sportmodel. Dann stürzte GELA ALLMANN 800 Meter in die Tiefe. Fünf Jahre später ist sie wieder da – topfit und um eine Lebenserfahrung reicher: Du musst deinen Weg gehen, aber du musst ihn nicht allein gehen.


Artikelbild für den Artikel "Die Frau mit den Superkräften" aus der Ausgabe 5/2019 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 5/2019

Spuren des Lebens: Eine Narbe an Gelas Schulter erinnert an den schweren Sturz.


The red bulletin: Gela, es ist fünf Jahre her, dass dein Körper und dein Leben in Trümmern lagen. Du bist in Island einen Berghang hinabgestürzt, 800 Höhenmeter tief. Hat sich deine Erinnerung daran im Lauf der Zeit verändert?

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GELA ALLMANN: Erstaunlicherweise nicht. Die Todesangst während des Sturzes; das Elend, als ich im Eis lag; die Schmerzen im Krankenhaus: Nichts hat mich so zerstört wie diese Zeit. Aber in meinem Leben habe ich auch von nichts so sehr profitiert. Ich habe die Endlichkeit des Lebens gespürt, aber ich habe auch erfahren, wozu der eigene Körper fähig ist. Wenn man Dinge so unfassbar intensiv und dankbar wahrnehmen will – so wie ich in den vergangenen fünf Jahren –, muss man zuvor vielleicht ganz tief fallen.

Es war nur ein falscher Schritt. Du bist bei einem Fotoshooting aus dem Tritt gekommen und einen vereisten Hang hinabgerutscht. Dann kamen die Felsen. Deine Arme und eine Schulter wurden zerschmettert, beide Knie zerstört, ein Lendenwirbel brach. Du beschreibst das in deinem Buch nahezu unerträglich plastisch. Wie erklärst du dir, dass du dich so gut erinnern kannst?
Gefühlt waren es 20 Minuten, die ich stürzte. Tatsächlich waren es wohl eher zwei Minuten. Aber ich habe jeden Moment klar vor Augen. Am Anfang dachte ich: Easy, Gela, gleich stoppst du. Ich war ja in Bauchlage mit den Füßen voran weggerutscht. Das Problem war, dass ich keine Steigeisen an den Schuhen hatte. Mit denen hätte ich stoppen können. Dann wäre alles gut gewesen.

War das Überheblichkeit? Du warst damals 29, erfolgreiche Bergsportlerin, voll austrainiert.
Es war Naivität. Ich war ja mit zwei Männern unterwegs. Die hatten offenbar wenig Bedenken. Ich hingegen hatte ein blödes Bauchgefühl bei dem Hang. Aber, wohl typisch Frau, wollte ich nicht die Miezi sein, die sich nichts traut. Das war dumm. Tatsächlich wäre es ein Zeichen von Stärke gewesen, umzudrehen. Das weiß ich heute.

Stattdessen rutschst du ein 40 Grad steiles Gefälle hinab, wirst schneller und schneller …
Dann kam ich in die Rotation und hatte das Pech, dass ich über ein Kliff raste, Kopf voran, Gesicht nach oben. Als ich nur noch Himmel sah, war mir klar: Jetzt erwischt’s dich. Dann – bumm! – war auch schon mein Knie kaputt, weil ich irgendwo dagegengeknallt bin. Immer mehr Knochen brachen. Aber ich spürte noch keinen Schmerz. Stattdessen wurde mir klar: Du hast keinen Helm auf. Jetzt ist gleich dein Kopf dran. Ich hatte nur noch einen Wunsch: Werd doch bitte bewusstlos!

Den Gefallen tat dir dein Kopf aber nicht.
Es war so brutal, dass mein Körper sicherheitshalber wohl ein bisschen auf Tod geschaltet hat. Ganz kurz war es ganz ruhig und entspannt. Die Angst war weg. Dann lag ich in Gedanken im Garten meiner Eltern. Die Blumen blühten. Tatsächlich rutschte ich noch immer halbnackt über das Eis, es hatte mir einen Teil der Kleidung vom Leib gerissen. Dann wurde es flacher, der Schnee weicher, und irgendwie konnte ich mich mit letzter Kraft stoppen, wenige Meter bevor ich über ein Kliff in den eiskalten Fjord gestürzt wäre.

Deine Begleiter fanden dich halbtot, mit großflächigen Verbrennungen. Nun begann eine elend lange Leidenszeit.
Meine Retter waren auf Zack, aber in Island gibt es keine Bergrettung wie in den Alpen.


„Man sollte sich um die Menschen in seinem Leben kümmern und nichts als selbstverständlich erachten.“


Aus dem Hilferuf wurde ein Freuden-schrei: Gela steht wieder voll im Leben, stärker denn je.


Alles hört auf ihr Kommando: Beim Wings for Life World Run leitet Gela das Warm-up.


Aus dem Helikopter mussten die Sitze ausgebaut werden, damit du liegend transportiert werden konntest.
Es hatte schon etwas gedauert, bis der Heli da war. Und dann flog er noch mal los, um einen Arzt zu holen. Ohne mich! Das war der Tiefpunkt. Ich dachte: Das geht nicht, das schaffe ich nicht mehr. Aber es ging eben doch. Und das bleibt mir als Haupterinnerung: Es geht immer!

Heute bist du wieder sportlich aktiv. 2018 bist du in München vor den 10.000 Startern des Wings for Life World Run gestanden, dem globalen LaufEvent, dessen Erlöse der Rückenmarksforschung zufließen. Du hast den Sportlern das Warmup vorgegeben. Hättest du das nach dem Sturz für möglich gehalten?
Anfangs? Nein. Aber umso intensiver war es. Ich freue mich auch dieses Jahr wieder drauf. Die Menge ist so toll drauf.

Der Gedanke hinter dem Wings for Life World Run ist ja: Wir alle laufen gemeinsam, um denjenigen zu helfen, die nicht mehr laufen können. Wer hat dir nach deinem Sturz geholfen?
Es brauchte jeden Einzelnen. Zunächst mal meine Begleiter, die mich gefunden haben. Einer erzählte mir, er sei überhaupt keine Bögen gefahren und habe keine Ahnung, wie er da heil runterkam. Dann der Fotograf, der die ganze Zeit meinen Kopf hielt, damit ich nicht allein war, der Heli-Pilot, der seine Kontakte spielen ließ und die ganze Rettung organisiert hat. Der wichtigste Mensch aber war mein damaliger Freund Marcel. Wir haben uns getrennt, aber er spielt immer noch eine wichtige Rolle in meinem Leben.

War es für eine Vollgasfrau wie dich besonders schwierig, bewegungsunfähig auf Hilfe angewiesen zu sein?
Einerseits war es total schwer. Ich bin ein Mensch, der sich oft selbst auferlegt, dass er etwas muss, wenn er etwas kann. Wenn ich einen Berg besteigen kann, muss ich es auch tun. Nun lag ich im Krankenhaus und konnte: nichts. Also musste ich mich fallen lassen. Das war irgendwie auch schön. Natürlich gibt es demütigende Situationen, etwa wenn dir mit 29 der Hintern abgewischt werden muss, aber das ist dann halt nun mal so.

Hätte ein Mensch, der nicht so durchtrainiert ist, den Unfall überlebt?
Ich kann nur wiedergeben, was die Ärzte sagten: Mein Bein war stundenlang ohne Blutversorgung, weil die Arterie gerissen war. Aber irgendwie haben meine Muskeln überlebt, und das lag wohl an meiner guten körperlichen Verfassung. Anderseits geht es aber auch um ein Mindset, das vor allem Leistungssportler haben: immer daran zu glauben, dass noch etwas geht. Wenn du das nicht verinnerlichst, hast du bei einem solchen Unfall keine Chance. Also: Nein, die meisten Menschen hätten wohl nicht überlebt.

Nun musstest du wieder auf die Beine kommen. Was hat dich aufgefangen und motiviert, als du wieder nach Hause kamst?
Ich war in so guten Händen! Es kann für Patienten wie mich schwer sein, aus dem Krankenhaus rauszukommen. Klar will man nach Hause, aber es gibt so viele Fallstricke. Angefangen bei Versicherungsproblemen bis zur schlichten Frage:Wie komme ich von A nach B? Das hätte ich nicht ohne Hilfe geschafft. Von meinem Sport-orthopäden über meine Rehatrainer bis zu meinem Physiotherapeuten. Alle haben verstanden, wie ich ticke – und sind auf mich eingegangen.

Heute läufst du sehr rund, gehst auch wieder auf Berge. Du bist Motivationsreferentin, moderierst und arbeitest wieder als Sportmodel.
Mein berufliches Netzwerk war auch immens wichtig, um nicht abzustürzen. Mich haben also wirklich alle aufgefangen. Mein alter Arbeitgeber fragte, ob ich weitermachen will. Meine Sponsoren blieben mir treu. In Sachen Netzwerk weiß ich heute: Man sollte sich um die Menschen in seinem Leben kümmern und nichts – wirklich gar nichts – als selbstverständlich erachten.

Es gibt Aufnahmen deiner ersten Schritte auf Krücken. Im Hintergrund jubeln Menschen.
Ja, da waren Freunde dabei. Ein wunderbarer Moment, aber es hat auch unfassbar wehgetan. Wenn dir das Blut wieder in die Venen läuft, fühlt es sich an, als würden dir die Beine platzen. Mit Schmerzen kann man mich nicht mehr schocken.

Vier Monate nachdem du im Eis liegend den Garten deiner Eltern vor deinem inneren Auge gesehen hattest, konntest du dich tatsächlich dort in die Sonne legen.
Ich könnte weinen, wenn ich nur daran denke.

Wie wichtig war deine Familie?
Sehr wichtig! Sie hat alles von mir weggehalten. Ich sollte mich darauf konzentrieren, gesund zu werden. Das war wichtig, aber man muss aufpassen, dass man nach der akuten Zeit rasch wieder seinen Weg geht.


„Ich dachte, ich könnte gar nicht schwanger werden. Aber auch das löste mein Körper für mich.“


Musste deine Mutter dich ein zweites Mal loslassen?
Haha, ich glaube, da tut sie sich bis heute schwer.

Mit deinem Freund Marcel bist du an den Ort des Geschehens zurückgefahren.
2016, ja. Es war sehr befreiend. Nachts bekam ich aber starke Schmerzen in meinem kaputten Knie. Körper und Geist hängen so eng zusammen. So wie andere bei seelischen Problemen Kopfweh haben, bekomme ich heute Knieschmerzen.

Wenn sich ein Partner verletzt, geraten viele Paare in ein Helfersyndrom – war das bei euch auch so?
Vielleicht. Da möchte ich nicht spekulieren. Marcel war unendlich wichtig für mich. Er hat mir geholfen, mit allem, was er hatte. In einer Partnerschaft kann so eine Abhängigkeit aber zum Problem werden. Es ist leider extrem schwer, das zu vermeiden. Ich bin heute stolz auf uns, wie wir das damals zusammen durchgezogen haben.

Viele Menschen nennen ihren Partner einen Seelenverwandten. Du bist heute sogar mit einem „Körperverwandten“ zusammen: Andi Wittmann war Mountainbike-Freeride-Profi, bevor er sich bei einem harten Sturz beide Füße zertrümmerte. Auch er musste einen neuen Weg finden. War das – sorry – Arsch auf Eimer?
Wir wussten beide, was der andere durchgemacht hatte. Das ist in solchen Extremsituationen total selten, und vielleicht brauchten wir das gegenseitige Verständnis. Insofern ja: Arsch auf Eimer.

Du bist aus dem Netz gekrabbelt, das dich aufgefangen hat. Und du bist nun selbst Mama, dein Sohn ist ein Jahr alt. War die Schwangerschaft für deinen Körper ein Problem?
Ich dachte ja, ich könnte gar nicht schwanger werden. Ich konnte ja kaum gehen, und dann noch der Lendenwirbelbruch. Aber auch das löste mein Körper für mich. Ich wurde schwanger, und ich war auch stark genug dafür. Ich hatte Sorge, dass mein Knie das zusätzliche Gewicht nicht würde halten können. Aber das Knie hielt, und es ist laut meinem Physio sogar stabiler als vorher: Es ging also. Es geht immer!

ALLES GEBEN FÜR DAS GROSSE ZIEL

Warum du beim Wings for Life World Run 2019 starten solltest

WEIL DU MIT DER WELT LÄUFST
Von Melbourne über München bis Rio de Janeiro: Rund um den Globus starten am 5. Mai zeitgleich hunderttausende Teilnehmer zum Wings for Life World Run. Dein Lauf ist beendet, sobald dich das sogenannte Catcher Car eingeholt hat. Bei App-Runs signalisiert dein Smartphone, wann dein Rennen vorbei ist. Sämtliche Einnahmen fließen in die Forschung, Querschnittslähmung zu heilen. Start des deutschen Hauptlaufs in München ist um 13 Uhr im Olympiapark.
Jetzt anmelden unter: wingsforlifeworldrun.com

WEIL DU EINEN UNTERSCHIED MACHST
Dieser Durchbruch sorgte weltweit für Aufsehen: 2018 gingen drei Patienten erstmals nach ihrer Querschnittslähmung eigene Schritte. Möglich machte dies eine von der Stiftung Wings for Life unterstützte Studie, die elektrische Stimulation des Rückenmarks mit robotergestütztem Bewegungstraining kombiniert. Auch wenn es sich noch nicht um eine Therapie handelt, geben die Ergebnisse Hoffnung für künftige Behandlungen. Aktuell befindet sich die Studie in der zweiten Phase.Mehr Infos unter: wingsforlife.com

Die ganze Geschichte: In ihrem Buch „Sturz in die Tiefe“ erzählt Gela von ihrem Unglück und dem Weg zurück. Malik Verlag, 288 Seiten, 15 Euro


STYLING: SOO-HI SONG, HAIR & MAKE-UP: SARAH RABEL

Fotos FELIX KRÜGER

MARC MÜLLER FOR WINGS FOR LIFE WORLD RUN