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DIE FREIE SCHULE LEIPZIG


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 01.03.2022

Serie »Ungewöhnliche Schulen«, Folge 3

Dienstag, 11 Uhr. Es klingelt und allmählich füllt sich die Aula. Die Schüler:innen und die Lehrer:innen der Freien Schule Leipzig (FSL) sitzen auf dem Boden, sie sind in kleinen Grüppchen in lockere Gespräche vertieft. Immer wieder öffnet sich die Tür zur Aula, an der nun das Schild von grün auf ein rotes »Stopp« gedreht wird: Bitte leise, Schulversammlung. Zwei Schüler:innen räuspern sich in ein Mikrofon, sie moderieren die Sitzung. Hinter ihnen an der Wand ein mit Klebeband befestigter Themenzettel. Allmählich verstummt das Gemurmel: 11.05 Uhr, höchste Zeit anzufangen.

Die beiden Schülerinnen begrüßen alle Anwesenden und stellen die Themenliste vor. Erstes Thema: Die Benennung der Etagen. Insgesamt stehen der Schule nach der Sanierung fünf Etagen zur Verfügung, die nun Namen bekommen sollen. Die zuständige Umzugsgruppe aus Erwachsenen und Schüler:innen hat ...

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Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 3/2022

Bei Konflikten in der Schule vermittelt das Gremium »Vertrauen ? Zuhören ? Klären« (VZK). Hier können sich die Konfliktparteien aussprechen und ihre Wahrnehmung darlegen. Die Abbildung zeigt eine Leselernschrift, mit der ältere Schüler:innen den jüngeren die VZK erläutern.
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... verschiedene Vorschläge erarbeitet. Zur Auswahl stehen Tiere, Kontinente, Schriftsteller:innen und Elemente. Es wird noch einmal laut in der Aula. Die Moderatorinnen bitten um Ruhe, die Abstimmung beginnt. Mehrere Schüler:innen der Schulversammlungsleitungsgruppe gehen herum und zählen die Stimmen, die durch Aufstehen abgegeben werden.

In unserer Schule verzichten wir auch zwischen den Erwachsenen und den Schüler:innen auf das förmliche »Sie«. Das Duzen ist dabei weit mehr als der äußere Ausdruck des Bemühens um den Abbau von Distanz: Vor allem drückt es den Wunsch aus, miteinander auf Augenhöhe und ohne qua Amt und insofern künstlich hergestellte Hierarchien zu diskutieren, zu lernen, zu verhandeln und das gemeinsame Zusammenleben zu formen.

Die Selbstverantwortung gegenüber dem eigenen Lernen und Handeln kann als wichtigste Lernerfahrung überhaupt verstanden werden.

Genauso wichtig wie die Beziehungen zwischen den Erwachsenen und den Schüler:innen sind stabile Beziehungen der Schüler:innen unter- einander. Bei ihrer Förderung nehmen gemeinsame Aktivitäten eine wichtige Rolle ein, dazu gehören diverse Gruppenexkursionen und mehrtägige Fahrten, etwa die einwöchige Fahrt aller Grundschüler:innen, aber auch thematische Tagesausflüge zu Museen, Galerien oder Gedenkstätten. Besonders erwähnenswert ist an dieser Stelle die jährliche Schulfahrt, mit der wir die an anderen Schulen übliche altershomogene Klassenfahrt durch das gemeinsame Verreisen der gesamten Schule ersetzen. Besonders und wertvoll macht diese Fahrten vor allem das erlebte Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Situation, in der alle aufeinander angewiesen sind und miteinander auskommen müssen: Jung und Alt, Erstklässler:innen und Schulabgänger:innen, Grundschule und Sekundarstufe. Dazu wird am Lagerfeuer Gitarre gespielt und gemeinsam gesungen; es finden Spiele statt, die die ganze Schulgemeinschaft einbinden und die nur gemeinsam funktionieren; die Älteren übernehmen Verantwortung für die Jüngeren, sie helfen, teilen und trösten. Alle gemeinsamen Aktivitäten werden beraten, diskutiert und abgestimmt.

Der »versteckte« Lehrplan bei diesen Fahrten – der eigentlich gar nicht versteckt wird – ist: Die Schüler:innen (aber auch die Erwachsenen) sollen zu demokratischem Verhalten, Mitbestimmung und Engagement befähigt werden. Das lernen Kinder, Jugendliche und Erwachsene am besten durch praktische Erfahrungen einschlägiger Möglichkeiten sowie ihrer Selbstwirksamkeit. Darin sehen wir durchaus den politischen Anspruch einer kollektiven Gestaltung der kleinen Schulgesellschaft, zu dem Kooperation und das Aushandeln gemeinsamer Regeln, aber auch die Bewältigung von Konflikten gehören.

An der FSL werden Konflikte als wichtiges Lernfeld betrachtet, in dem die Schüler:innen und die Erwachsenen Strategien und Methoden der Konfliktbewältigung erlernen und sich im Argumentieren und in der Kompromissfindung üben können. Die Konflikte zwischen den Schüler:innen, zwischen Schüler:innen und Teammitgliedern und innerhalb des Teams werden in dem Gremium »Vertrauen – Zuhören – Klären (VZK)« bearbeitet (siehe Abbildung). Hier können sich die Konfliktparteien aussprechen und ihre Wahrnehmung darlegen. Sie diskutieren mögliche Lösungen und streben eine Annäherung an, auch eine bestimmte Regel kann das Ergebnis des Prozesses sein.

Neben der VZK besteht die Möglichkeit, Anträge an Erwachsene oder andere Schüler:innen zu stellen, mit denen ein Konflikt besteht oder die bei einem Regelbruch beobachtet wurden. In der Folge wird im Morgenkreis ein klärendes Gespräch zwischen den Konfliktparteien angestrebt. Außerdem haben sich Feedbackrunden etabliert, bei denen Rückmeldungen zu Lehrer:innen und deren Unterricht gegeben werden können.

SELBSTVERANTWORTUNG

Lernen findet an der Freien Schule ohne Zwang, das heißt ohne Verpflichtung zur Teilnahme statt. Hausaufgaben sind die große Ausnahme, Noten werden nicht vergeben. Daher heißt bei uns das, was an anderen Schulen »Unterricht« genannt wird, »Lernangebote«, und den Schüler:innen steht es frei, aus ihnen zu wählen. Sie können auf diesem Weg lernen, mit diesen Freiheiten umzugehen, ihren Tag selbstbestimmt zu gestalten und Verantwortung für die eigene Entwicklung zu übernehmen. Diese Selbstverantwortung gegenüber dem eigenen Lernen und Handeln kann als wichtigste Lernerfahrung überhaupt verstanden werden. Dabei sind die Rollen zwischen den Lehrenden und den Lernenden fließend, denn die Schüler:innen können selbst Angebote machen, an denen dann die Erwachsenen teilnehmen und dadurch zu Lernenden werden.

Jede einzelne Schülerin und jeder einzelne Schüler wird ernst genommen und möglichst optimal beim Lernen unterstützt, ohne Zwang jeglicher Art anzuwenden.

Die Freie Schule Leipzig ist weitestgehend hierarchiefrei organisiert. Alle Aufgaben und Entscheidungen rund um die Organisation der Schule werden demokratisch und gleichberechtigt getroffen und erledigt. Alle Teammitglieder und Schüler:innen arbeiten dafür gemeinsam in kleinen Teams an bestimmten Themen und übernehmen Aufgaben in der Planung und Organisation der Schule – eine Schulleitung existiert lediglich auf dem Papier. Die Schüler:innen sind Teil vieler Gruppen und Gremien, in denen sie eine tragende Rolle spielen. Außer den bereits beschriebenen sind das beispielsweise:

■ Die Angeboteplangruppe hat die Aufgabe, den »Stundenplan« zu erstellen; sie entscheidet, welche Angebote es im Schuljahr geben soll und wann diese stattfinden.

■ Die Dienstegruppe verteilt die Aufgaben (z. B. fegen, Müll rausbringen, Morgenkreis aufräumen), die täglich zur Dienstezeit (12.45–13 Uhr) zu erledigen sind, an die Schüler:innen.

■ Die Nachhaltigkeitsgruppe kümmert sich um die ökologisch nachhaltige Ausrichtung der Schule, z. B. den Umstieg auf Ökostrom und auf recyceltes Kopierpapier.

■ Die Schulversammlungsleitungsgruppe plant und leitet die Schulversammlungen. Zu ihren Aufgaben gehören die Annahme und Auswahl der Themenvorschläge, die Moderation und Durchführung der Diskussionen und Abstimmungen und das Protokollieren der Ergebnisse.

Durch ihre Mitwirkung in diesen Gruppen und Gremien lernen die Schüler:innen, auch auf der Verwaltungs- und Organisationsebene Verantwortung für das Gelingen der Schule zu übernehmen und ihre Position in die Gestaltung der Schule einzubringen.

SCHEITERN IST EIN WICHTIGER TEIL UNSERER SCHULE

Die Freie Schule Leipzig basiert auf der Idee, dass alle spielerisch und selbstmotiviert lernen sowie sich ohne Kontrolle in die Gestaltung der Schule einbringen. Kritiker werden einwenden, diese Idee sei utopisch – und das entspricht auch unserer Erfahrung: In unserem Alltag kommt es immer wieder zu Situationen des Scheiterns. Aber dieses Scheitern ist ein wichtiger Teil unserer Schule, nie läuft alles ideal, häufig müssen wir unsere Strukturen und Systeme anpassen. Und deswegen sind Fehler und das Lernen aus diesen Fehlern eine wichtige Basis unserer Schule; das gilt für alle Ebenen der Schule und für alle Personen.

Insofern ist es schon fast alltäglich, dass an unserer Schule Unvorhergesehenes geschieht und wir das als Impuls für Erneuerung nehmen, an der wiederum alle Personengruppen beteiligt werden. Wir machen dabei die Erfahrung, dass solche Herausforderungen und die Art und Weise, wie wir damit umgehen, unseren Zusammenhalt und unsere Beziehungen, auf die wir so großen Wert legen, stärken.

Zweifellos ist die FSL eine ungewöhnliche Schule, und das trifft in sehr unterschiedlichen Bereichen zu. Sie ist neben den täglichen Herausforderungen vor allem ein großes Stück Freiheit an Selbst- und Mitbestimmung der Schüler:innen, aber auch an Entfaltungsmöglichkeiten für das Team der Erwachsenen. Letztlich ist unser Grundgedanke sehr einfach: Jede einzelne Schülerin und jeder einzelne Schüler wird ernst genommen und möglichst optimal beim Lernen unterstützt, ohne Zwang jeglicher Art anzuwenden.

FELIX HEUBAUM ist Lehrer für Geschichte. Er ist Mitglied der Öffentlichkeitsarbeitsgruppe und der Kinderschutzgruppe, er gibt Angebote im Podcasting und hat eine Vorliebe für Ausflüge mit historischen Bezügen. ↗ feh@freie-schule-leipzig.de

JAN MARKS ist Lehrer für Deutsch und Gemeinschaftskunde. Er ist Mitglied der Bewerbungsgruppe, der Öffentlichkeitsarbeitsgruppe und der Quereinstiegsgruppe und gibt Angebote in Fotografie und Drehbuchschreiben. ↗ jm@freie-schule-leipzig.de

JOHANNES BRODOWSKY ist nach der 2. Klasse als Quereinsteiger an die Freie Schule Leipzig gekommen und Mitglied der Öffentlichkeitsarbeitsgruppe, der Schulversammlungsleitungsgruppe und Mitgründer der Schülerzeitung »Baulärm«.

PAULA BINKOWSKI besucht die 9. Klasse der Freien Schule Leipzig und ist Mitglied der Öffentlichkeitsarbeitsgruppe.

RONJA OPEL besucht die 9. Klasse der Freien Schule Leipzig und ist Mitglied der Öffentlichkeitsarbeitsgruppe, der Bewerbungsgruppe und der Bibliotheksgruppe.

SEO GIRAUD besucht die 8. Klasse der Freien Schule Leipzig und ist Mitglied der Bewerbungsgruppe und der Öffentlichkeitsarbeitsgruppe.