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Die Freude am Sex – und wie man sie wiederfindet


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 14.08.2019

Kommt eine Beziehung in die Jahre, geht es bei manchen mit der Erotik bergab. Mehr als ein Drittel der fest Gebundenen klagt über zu wenig Körperkontakt, und ein Fünftel hat überhaupt keinen Sex mehr. Doch manche Paare haben auch nach vielen gemeinsamen Jahren ein erfülltes Liebesleben. Was machen sie anders?


Dem Sexleben zufriedener Paare wollte Justin Garcia von derUniversity of Indiana auf die Spur kommen. Per Fragebogen erforschte er bis ins Detail den erotischen Alltag von rund 1000 Studienteilnehmern. 93,5 Prozent bezeichneten sich als heterosexuell, 2,3 Prozent als homo-, 3,6 Prozent als ...

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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 9/2019

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Dem Sexleben zufriedener Paare wollte Justin Garcia von derUniversity of Indiana auf die Spur kommen. Per Fragebogen erforschte er bis ins Detail den erotischen Alltag von rund 1000 Studienteilnehmern. 93,5 Prozent bezeichneten sich als heterosexuell, 2,3 Prozent als homo-, 3,6 Prozent als bisexuell, 0,6 Prozent fielen in die Kategorie „andere”. Zu Garcias Überraschung schien bei den sexuell besonders glücklichen Paaren alles genauso abzulaufen wie bei denen, die mit ihrem Liebesleben besonders unzufrieden waren. Küssen, Streicheln, Beischlaf – beim Sex im engeren Sinne zeigten die Daten kaum Unterschiede. Den entscheidenden Faktor entdeckte Garcia in der Begleitmusik: Die sexuell zufriedenen Paare berichteten davon, vor, während und nach dem Sex miteinander zu reden – und nach dem Akt noch ausgiebig zu kuscheln. All das fehlte bei den besonders unglücklichen.

2. Streit vergiftet die Erotik

Die Psychologin Maximiliane Uhlich hat untersucht, wie alltägliche Streitereien mit Sexualität und Beziehungszufriedenheit zusammenhängen. Die aus Deutschland stammende Forscherin von der Schweizer Universität Freiburg befragte dazu 180 Paare im Iran über einen Zeitraum von sechs Wochen. Das Bild unterschied sich nicht grundlegend von dem in westlichen Ländern. „Eine befriedigende Sexualität scheint ein kulturübergreifendes Grundbedürfnis innerhalb von romantischen Beziehungen zu sein”, sagt Maximiliane Uhlich. Auch offenbaren die Daten einen Effekt, den man ebenfalls bereits in westlichen Gesellschaften hat nachweisen können: Je häufiger die Paare sich stritten, desto unzufriedener wurden sie im Schnitt mit ihrer Sexualität und desto magerer wurde ihr Beziehungsglück. Bei den meisten wirkt Streit anscheinend wie Gift auf das Verlangen. Komplett verallgemeinern lässt sich das Ergebnis jedoch nicht. Denn bei einigen Paaren gab es auch einen gegenteiligen Effekt: Je mehr sie sich stritten, desto höher wurde ihre sexuelle Zufriedenheit. Durchaus möglich, so mutmaßt Maximiliane Uhlich, dass diese Paare die körperliche Nähe „als Bewältigungsmechanismus” einsetzten. Bei einer Minderheit scheint Versöhnungssex also zu helfen. „Für die Mehrheit der Paare funktioniert das aber nicht”, sagt Uhlich.

3. Einer will – der andere nicht

Unser sexuelles Verlangen ist wie ein Feuer, das in der Jugend wild auflodert, sich später in Glut und schließlich in qualmende Asche verwandelt. Oder etwa doch nicht? Kristen Mark hat dokumentiert, dass sich das Begehren eher wie ein hin und her wogender Ozean verhält: „Verlangen geht und kommt wie Ebbe und Flut”, erklärt sie.

In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung zunehmend um ein Phänomen gekümmert, das man im Englischen alssexual desire discrepancy bezeichnet. Will sagen: Manchmal ist die Lust auf Sex zwischen zwei Partnern sehr ungleich verteilt. Das ist bei jedem vierten bis fünften Langzeitpaar der Fall. Offenbar haben die Männer im Schnitt mehr sexuellen Appetit als die Frauen – es kommt aber darauf an, wen man fragt: Zwar sagen 57 Prozent der Männer: „Mein Verlangen ist größer als das meiner Partnerin.” Doch umgekehrt bestätigen nur 37 Prozent der Frauen: „Mein Partner hat ein stärkeres sexuelles Verlangen als ich.” Und bis zu 30 Prozent der Frauen bescheinigen sich selbst die stärkere Libido.


Mit den Jahren ist Sex nicht mehr die dominante Quelle von Glück


Was tun gegen den Frust, vom Partner ein ums andere Mal abgewiesen respektive ständig bedrängt zu werden? Kristen Mark empfiehlt drei Maßnahmen. Die erste: Man spricht aus, dass etwas aus der Balance geraten ist. „Die meisten Paare reden erst gar nicht darüber, und das ist vermutlich keine gute Idee.” Der zweite Schritt beginnt mit unseren Erwartungen: Man sollte in jeder Beziehung mit derlei Phasen des Ungleichgewichts rechnen. Denn das Auf und Ab unserer Sehnsucht läuft zwischen Partnern nicht immer synchron. „Der eine hat mehr Lust als der andere – solche Momente sind unvermeidlich und haben nur selten etwas mit der Qualität unserer Beziehung zu tun”, erklärt Kristen Mark. Viele betroffene Paare brauchen also keine Therapie, sondern nur etwas Geduld. Die dritte Maßnahme? „Besteht darin, sich sexuell zu betätigen”, sagt die Sexforscherin, „auch wenn man gerade kein Verlangen danach verspürt.”

Nähe und Selbsterweiterung

Allerdings sollte dies nicht widerwillig geschehen. Wenn (noch) nicht die Lust die treibende Kraft ist, dann vielleicht das – echte – Bedürfnis, einander nahe zu sein. Wie so häufig liegt auch hier das Geheimnis nicht im Akt als solchem, sondern in der Motivation dahinter. Das zeigen etwa die Arbeiten der kanadischen Psychologin Amy Muise. Für Sex gibt es mehr als 200 Gründe (siehe Kasten Seite 68). Manche von ihnen zielen auf Vermeidung (avoidance ), andere dienen der Annäherung (approach ). Vermeidung bedeutet, etwasnicht zu wollen: Man will zum Beispiel keinen Streit mit dem Partner, keinen schlechten Eindruck machen, kein Spielverderber sein. Muise hat herausgefunden, dass solche Negativmotive eine überaus schädliche Wirkung haben. Sie machen unsere sexuellen Erlebnisse schal und rauben uns die Lust auf mehr.

Bei Motiven der Annäherung stehen die Dinge anders. Hier will man etwas unbedingt haben: mehr Intimität, mehr Nähe, mehr gemeinsames Wachstum. Solche Gründe machen den Sex mit großer Wahrscheinlichkeit besser und erhöhen zudem die generelle Zufriedenheit mit der Partnerschaft. Wer sich also aus den richtigen Gründen zum Sex überreden kann, der liebt auf lange Sicht besser.

Psychologen haben noch einen weiteren Faktor gefunden, der unsere Lust auf Erotik über Jahre bewahren könnte: „Selbsterweiterung” (self-expansion ). Gemeint ist eine Haltung, mit Neugier in die Welt zu schauen, Routinen zu durchbrechen und gemeinsam mit dem Partner nach neuen Erfahrungen Ausschau zu halten. Selbsterweiterung kann höchst unterschiedliche Formen annehmen: Regelmäßig die Möbel im Schlafzimmer umstellen. Mit anderen Menschen flirten, ohne dabei die Grenzen der Treue zu überschreiten. Sich gemeinsam ein Hobby erschließen. Im Bett neue Spiele spielen.

All diese Beispiele sind in der Forschungsliteratur als wirkungsvoll belegt. Wenn man sich Paare ansieht, die gar kein Verlangen mehr spüren, und sie vergleicht mit jenen, die sich immer noch begehren, dann findet man dies als größten Unterschied: Bei den einen ist der Sex komplett zur Routine geworden. Die anderen haben nie aufgehört, zu experimentieren und Neues auszuprobieren.

Einige neue Studien haben die Mechanismen hinter der Kraft der Selbsterweiterung genauer ins Visier genommen. Eine Untersuchung aus Kanada etwa kam zu dem Ergebnis, dass Paare die Chance auf gemeinsamen Sex durch selbstexpansive Aktivitäten um 34 Prozent erhöhen können. Forscher aus Texas entdeckten, dass hinter der Selbsterweiterung offenbar eine einfache Überzeugung steckt: „Mein Partner und ich können lernen, einander im Bett besser zu verstehen. Wir können gemeinsam wachsen.” Schicksalsergebene Paare hingegen halten es mit dem Glaubenssatz: „Entweder man passt zusammen – oder eben nicht. Wenn nicht, kann man daran nichts ändern.” Die Daten aus Texas zeigen nun: Wer an diese Schicksalsthese glaubt, der probiert auch nichts Neues aus – und verpasst dadurch eine Chance, die sexuelle Zufriedenheit zu erhöhen.

Allerdings ist auch Selbsterweiterung kein Heilmittel für alle. Eine Studie derNorthwestern University zeigt, dass sie sogar unglücklich machen kann – nämlich dann, wenn man einen Partner erwischt, dem diese Tendenz zur Neugier fehlt. Erst wenn zwei passionierte Selbsterweiterer zusammentreffen, „erleben sie gemeinsam eine viel höhere Beziehungsqualität”, lautet das Fazit der Studie.

Mit Atmung und Rosinen

Mag sein, dass sexueller Appetit bei den meisten wie Ebbe und Flut funktioniert. Doch bei manchen folgt irgendwann nach der Ebbe keine Flut mehr, Verlangen und Erregung kommen einfach nicht wieder. Männer lassen sich dann bisweilen Viagra verschreiben – wenngleich das Mittel eher die „Performance” als die Begierde selbst steigert. Was machen die Frauen? Auch sie holen sich Hilfe – zumindest manche von ihnen. „Weibliche sexuelle Unlust ist das häufigste und wichtigste Thema, mit dem wir uns in der Sexualtherapie beschäftigen”, sagt Lori Brotto, eine kanadische Psychologin, die eine neue Art von Therapie gegen sexuelle Unlust entwickelt hat. Sie arbeitet dabei nicht mit Chemie – sondern mit Atmung und Rosinen.

Brottos „achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie gegen sexuelle Unlust” beginnt mit einer Gruppenübung. Einige Frauen sitzen im Kreis um eine Tischgruppe, Lori Brotto lässt eine Schale mit Rosinen herumgehen. Dann kommen die ersten Anweisungen: Man soll die Rosine genau untersuchen, ihre Farbe, ihre Oberflächenstruktur, die Lichtschimmer an ihren Hügeln und Schluchten. Wie fühlt es sich an, mit den Fingerkuppen darüber zu streichen? Welchen Duft verströmt die Rosine? Wie klingt es, wenn man sie direkt neben dem Ohr zwischen seinen Fingern rollt? Danach schließt man die Augen und führt die Rosine langsam an seine Lippen. Man fühlt eine Art Vorfreude: Gleich werde ich sie essen! Vielleicht läuft einem schon das Wasser im Munde zusammen.


Verlangen geht und kommt wie Ebbe und Flut


„Verfolge mit freundlichem Interesse, wie in dir die unterschiedlichsten Empfindungen entstehen, sich entfalten und dann wieder verschwinden”, lautet Lori Brottos Anweisung. Erst zehn Schritte später – vollzogen wie in Zeitlupe – werden alle Gruppenteilnehmerinnen ihre Rosine schlucken, einen tiefen Atemzug nehmen und wieder die Augen öffnen.

Achtmal wird sich die Gruppe zusammensetzen – ein Treffen pro Woche. Bei den meisten Sitzungen geht es um Meditation. Atmung. Achtsamkeit. Die Empfindungen des eigenen Körpers wahrnehmen, ohne sie zu beurteilen. Zu Beginn lässt Brotto alle Teilnehmerinnen einen Fragebogen ausfüllen: Was hat die Frauen zu ihr gebracht? Wie unzufrieden sind sie mit ihrer Sexualität? Ihrer Lust? Nach acht Wochen werden alle denselben Fragebogen noch einmal ausfüllen.

Und die Ergebnisse sind vielversprechend: Das sexuelle Verlangen steigt bei den Teilnehmerinnen im Schnitt um 34 Prozent, die körperliche Erregung um 56 Prozent, die sexuelle Zufriedenheit gar um 60 Prozent. Offenbar greift Brottos Therapie selbst bei Krebspatienten und Traumaopfern. Derzeit testen die Kanadierin und ihr Team, ob Achtsamkeit auch Männern helfen kann, die eine Prostataoperation hinter sich haben. Die ersten Resultate seien ermutigend, sagt Lori Brotto. Auch wenn sie einräumt, dass Männer skeptischer seien. „Viele von ihnen fragen, ob sie nicht einfach Viagra schlucken können.”

Das mag Ausdruck eines alten Missverständnisses sein: „Die meisten Menschen glauben, dass Sexualität eine Sache des Körpers und der Medizin sei”, sagt Brotto. „Dabei geht es in den allermeisten Fällen um Psychologie.”
PH

ZUM WEITERLESEN

Lori A. Brotto: Better sex through mindfulness. How women can cultivate desire. Greystone Books, Vancouver 2018

Die weiteren Quellen dieses Beitrags finden Sie auf unserer Website: psychologie-heute.de/literatur

WARUM HABEN WIR ÜBERHAUPT SEX?

Diese Frage wurde erstaunlicherweise erst vor einigen Jahren wissenschaftlich untersucht. In ihrer inzwischen legendären Studie fanden Forscher derUniversity of Texas dabei sagenhafte 237 Gründe. Neben den zu erwartenden Antworten („Weil’s Spaß macht.” „Ich war verliebt.” „Es war mal wieder nötig.”) gab es auch einige eher exotische Kandidaten.

Einige der Befragten gaben zum Beispiel an, per Beischlaf die nächste Gehaltserhöhung oder Beförderung zu beschleunigen; andere wollten sich Gott näher fühlen, vor Freunden mit einer neuen Eroberung prahlen, sich an einem untreuen Partner rächen oder einfach etwas gegen ihre Kopfschmerzen unternehmen. Erstaunlich: Der aus biologischer Sicht wichtigste Grund für Sex („Ich möchte Kinder haben”) steht in der großen Liste ziemlich weit hinten – zwischen eher profanen Angaben wie „Ich wollte ein paar Kalorien verbrennen” und „Die andere Person hatte mich zum Essen eingeladen”.

Unterscheiden sich die Geschlechter in ihren Motiven? Wollen Frauen vor allem Liebe – und Männer „immer nur das eine”? Ja und nein. Einerseits stimmt es, dass Männer etwas stärker auf einen schönen Körper oder sexy Kleidung ansprechen; dass Frauen etwas häufiger mittels Sex ihre „Liebe zum Ausdruck bringen” wollen. Andererseits sind die Unterschiede zwischen den Frauen untereinander und den Männern untereinander viel größer als jene zwischen den Geschlechtern. Anders gesagt: Viele Männer haben Sex, weil sie Liebe verspüren. Und vielen Frauen geht es in erster Linie um Spaß. Männer vom Mars, Frauen von der Venus? Bei Lichte besehen bleibt von diesen Klischees nicht viel übrig.
JOCHEN METZGER

ILLUSTRATIONEN: SABINE KRANZ