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Die Gams-Misere


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 23/2018 vom 06.12.2018

GAMSBESTAND IN BAYERN Wenn der Winter seinen Tribut fordert, muss das bei der Jagd berücksichtigt werden. Wer das konsequent missachtet, betreibt Raubbau an den Wildbeständen, wie ein Beispiel aus Bayern zeigt.


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Foto: Sven-Erik Arndt

Der Winter ist das Nadelöhr für unsere Wildtiere – vor allem in den kargen Lebensräumen der Bergwelt bringt er Nahrungsmangel, Kälte und Erschöpfung. Dort sind Klimaextreme meist ausgeprägter und Zufluchtsstätten spärlicher als in tieferen Lagen. Kein Wildtier kann sich durch den Bergwinter mogeln, obwohl die Auslese manchmal stärker und manchmal etwas geringer ausfallen ...

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Der Winter ist das Nadelöhr für unsere Wildtiere – vor allem in den kargen Lebensräumen der Bergwelt bringt er Nahrungsmangel, Kälte und Erschöpfung. Dort sind Klimaextreme meist ausgeprägter und Zufluchtsstätten spärlicher als in tieferen Lagen. Kein Wildtier kann sich durch den Bergwinter mogeln, obwohl die Auslese manchmal stärker und manchmal etwas geringer ausfallen kann. Ein Merkmal der aktuellen großklimatischen Veränderungen ist es, dass die Jahreszeiten in Dauer und Verlauf unvorhersehbarer werden. Der vergangene Winter 2017/18 stellte Gams-, Reh-, Rot- und Schwarzwild in den Höhenlagen vor besondere Herausforderungen: Früh fiel Schnee, und die geschlossene Decke blieb bis in den März und April. Dazu kamen Frostwochen im Januar und Februar. Der vergangene Winter hat daher in vielen Regionen seinen Tribut gefordert. Das Wild unserer Klimazone ist grundsätzlich perfekt an winterliche Bedingungen angepasst: ein dichte Winterdecke (Rot- und Rehwild) mit luftspeicherndem Unterhaar und isolierender Fettschicht (Schwarzwild), spezielle Haarstrukturen und dunkle Deckenfarben (Gamswild), die dafür sorgen, dass der Körper viel Sonnenwärme aufnehmen kann.

Die gute Dämmung der Körper verringert den Energieaufwand, die Betriebstemperatur zu halten. Dazu kommt eine angepasste Einstandswahl. Vor allem Gams-, aber auch Rotoder Steinwild bevorzugen im Winter sonnige Einstände, in denen sie sich aufheizen lassen. Doch auch die beste Kälteisolation macht nicht satt. Die großen Pflanzenfresser fahren ihren Stoffwechsel auf Sparflamme.

Nur spärliche, raufaserreiche Erhaltungsäsung lässt Verdauung und Energieproduktion auf minimalem Stand weiterlaufen. Die Temperaturen, die ein Wildkörper auf über 2 000 Meter Meereshöhe aushalten muss, können an einem Augusttag von -0,4 bis +41,4, an einem sonnigen Februartag von -23,4 bis +41,7 Grad Celsius reichen.

Ein Stück übersteht die kalte Jahreszeit nur, wenn es mit einem hohen Energiekapital in den Winter geht und das bis zum Frühling ausreicht. Ist es zu gering, der Energieverbrauch aber zu hoch, dann wird es kritisch. Jede Störung, jede zusätzliche Bewegung durch Schnee, jeder Tag, den ein Stück in ungünstigen Lagen bestehen muss, verringert die Reserven. Bei Rehen kommt noch dazu, dass ihr kleiner Körper kälteempfindlicher ist. An strengen Frosttagen brauchen sie mehr Energie, um die notwendige Körperwärme zu produzieren.

Typisches Anzeichen eines zehrenden Stoffwechsels, bei dem die körpereigenen Reserven abgebaut werden, ist der Anstieg bestimmter Hormonwerte. Die Blutkonzentration der sogenannten Glucocorticoide (Stresshormone) ist im Winter bei den meisten Pflanzenfressern unserer Breiten höher als im Sommer. Neben dem Verbrauch der Feistreserven treiben auch andere Vorgänge diese Hormonkonzentrationen in die Höhe, beispielsweise die Aufregung der männlichen Stücke im Brunftbetrieb. Die Gamsböcke gehen deshalb mit einem hohen Stresshormonniveau in den Winter. Die Brunft Ende November bis in den Dezember ist ein besonderer Risikofaktor. Auch lange Nachbrunften beim Rotwild, etwa durch ein verschobenes Geschlechterverhältnis oder fortwährende Störungen des Brunftbetriebs durch frühe Drückjagden wirken sich negativ auf die Energiebilanz von Hirschen aus.

Die Stresshormone lassen nicht nur die Energiereserven schneller schmelzen, sie schwächen auch das Immunsystem. Gestresste Stücke werden leichter Opfer von Krankheitserregern. Es ist weniger die Dichte, die krank macht, sondern der soziale Stress. Und der ist nicht nur bei sehr hohen Dichten ausgeprägt, sondern auch wenn die sozialen Beziehungen innerhalb der Rudel gestört sind, wenn durch geringe Dichte die üblichen Sozialkontakte und klare Hierarchien mit alten Leitfiguren fehlen. Dann ist der Stress hoch, die Krankheitsanfälligkeit steigt und die Energiereserven werden schneller verbrannt. Zudem fehlt jugendlichen Verbänden die Erfahrung, um günstige Einstände und sichere Wechsel zu erkennen.

Kommt der Winter am Berg früh, ist das Risiko vor allem für die Kitze hoch. Besonders wenn sie spät gesetzt wurden (was eine Folge von langer Brunft durch gestörte Sozialstrukturen sein kann). Oder wenn der Sommer heiß und trocken sowie die Äsung für die Geiß mager war, konnten sie nicht das notwendige (Winter-) Überlebensgewicht erreichen. Auch die noch von der Brunft geschwächten Gamsböcke können dann ihre Kräfte bis zum Hochwinter nicht mehr ausreichend regenerieren.

Hohe Schneedecken zehren zusätzlich an den letzten Kräften älterer Gämsen, vor allem bei Geißen, die im ausgehenden Winter meist trächtig sind. Mit jeder Woche, die der Winter voranschreitet, werden Störungen immer kritischer für den Energiehaushalt. Für Rehwild gilt dies in gleichem Maß, wobei tiefe Temperaturen auch ein Sterbefaktor für die Kitze sind.

In den vergangenen Jahrtausenden hat das Bergwild sowohl strengere und längere als auch kürzere und mildere Winter überstanden. Nach verlustreichen Jahren konnten sich die überlebenden Bestände immer wieder erholen. Doch seit gut 20 Jahren haben sich die Lebens- und Überlebensbedingungen in den Hochlagen entschieden verändert. Wichtige Wintereinstände beansprucht heute zunehmend der Mensch. Zwischen Skipisten und Rodelbahnen liegen Waldflächen, auf denen kein Zweiglein geknickt werden soll. Die bayerische Forstverwaltung im Alpenraum hat auf den lichten und locker bewachsenen Sonnenhängen heute mit Millionenaufwand Baumschulware gepflanzt. Die Gründe dafür wechseln immer wieder: Mal sollen damit Hochwasser, mal die komplette Verkarstung verhindert werden, oder Steinschlag und Lawinen die viel befahrenen Forstwege nicht beeinträchtigen. Deshalb werden diese Flächen rigoros frei von großen Pflanzenfressern gehalten. Schonzeitaufhebung und permanenter Jagddruck von Dezember bis Juni sollen das bewirken. Die Folgen von andauernden Störungen im Hochwinter, Abdrängen in ungünstige Schattlagen und zerrütteten Sozialstrukturen hindern vor allem die Gams daran, ihre Überlebensstrategie anzuwenden. Rot- und Rehwild in den Hochlagen sind ebenfalls betroffen.

Die dunkle Deckenfarbe hilft den Gämsen, Sonnenwärme aufzunehmen. Dies entlastet ihre Energiebilanz im Winter.


Foto: Martin Merker

Die Struktur des Gams-Fallwildes im Landkreis Garmisch-Partenkirchen (GAP) zeigt, dass besonders die Winter 2012/2013 und 2017/2018 (bis Frühsommer 2018 dokumentierte Stücke) für Verluste bei Kitzen und Geißen sorgten. Eine sorgfältig geführte Fallwildstatistik stellt die Grundlage für eine vorausschauende Abschussplanung dar.


Grafik: Dagmar Siegel, Quelle: Dr. Christine Miller

Kitze gehören zu den ersten Opfern eines strengen Winters. Besonders nach einem trockenen Sommer, bei frühem Wintereinbruch und hoher Schneedecke sinken ihre Überlebenschancen.


Foto: Andreas Köpferl

Im Frühjahr berichteten in Garmisch-Partenkirchen immer öfter Wanderer, dass sie Fallwild und Gamsgerippe entdeckt hatten. Reste von Stücken, die den langen und schneereichen Winter 2017/2018 nicht überlebt hatten. Erst wenn der Schnee schmilzt, wird deutlich, wie stark der Winter in die Population eingegriffen hat.

Während noch nach Fallwild gesucht wurde, planten der Forstbetrieb (der größte Grundbesitzer im Berggebiet) und die Jagdbehörde schon die neuen Abschusspläne. Der Gesetzgeber hat in Bayern aber vorgesehen, dass diese für Gamswild erst ab Juni erfolgen sollten. Denn vorher kann man sich kein Bild von den Winterverlusten machen. Da die Jagdzeit auf Gamswild erst im August beginnt, wäre also reichlich Zeit für eine Planung „nach der Natur“. Doch auf Nachfrage bestätigten alle Jagdbehörden im bayerischen Alpenraum, dass man diese für Gamswild, wie bei den anderen Wildarten, bereits im März beginne. Dem Winterengpass wird keine Beachtung geschenkt. Gemeldete Fallwildzahlen werden dann per Strichliste von der vorher festgelegten Abschusshöhe abgezogen.

Im Sommer ernähren sich Gämsen fast so selektiv wie Rehe. Die Äsungsqualität schlägt sich in den Kitzgewichten nieder und beeinflusst so die Höhe der Winterausfälle beim Nachwuchs.


Foto: Michael Breuer

Die Beteiligten verstehen nicht , worauf die Abschussplanung bei Schalenwild beruht: Den angenommenen Zuwachs, der im Frühjahr gesetzt wird, in Summe auch durch die Jagd wieder zu entnehmen. Entscheidend ist also zu wissen, wie viele Zuwachsträger im Frühjahr Kitze setzen. Die Kitzverluste des Winters fehlen zwar in der Gesamtpopulation, sie tragen aber erst in ein paar Jahren zum Zuwachs bei und müssten primär beim Verteilen des Abschusses auf Jahrlinge berücksichtigt werden. Da tote Kitze nur selten gefunden werden, ist der Vergleich von Sommerkitzen des Vorjahrs und Jahrlingen das sicherste Mittel, um die Winterausfälle zu schätzen.

Ganz anders muss der Verlust von Geißen berücksichtigt werden. Sie tragen zum Ende des Winters das größte Sterberisiko. Fehlen sie, dann fehlen auch die Kitze, die gesetzt werden sollen und damit die eigentliche Grundlage für die Berechnung der Abschusshöhe. Diese Geißen fehlen auch in den kommenden Jahren. Ihre Zahl zu ermitteln, geht deutlich besser als bei den Kitzen, und sie muss auf jeden Fall in der Abschussplanung des laufenden Jagdjahres berücksichtigt werden. Zumindest dann, wenn man sich an die gesetzlichen Vorgaben und an biologische Grundlagen der Jagdplanung halten will.

Es wird vermutet, dass die Unteren Jagdbehörden in Bayern angehalten werden, die Abschussplanung schon zu Beginn des Jagdjahres vorzulegen, damit die Reviere der Bayerischen Staatsforsten, in denen sich praktisch alle Schonzeitaufhebungsflächen befinden, vom April bis zum Beginn der regulären Jagdzeit, dort Gams bejagen können. Der bayerische Umgang mit Gamswild ist kurios, denn die Schonzeit rund um die Pflanzbereiche wird aufgehoben, damit sie im Winter nicht verbissen werden. Die Mehrzahl der außerhalb der Jagdzeit erlegten Stücke werden aber im Frühjahr und Frühsommer geschossen, wenn die Gams primär die frischen Gräser und Kräuter äsen.

Ob Winterstrenge und Rahmenbedingungen auch in anderen Regionen des bayerischen Alpenraums zu ähnlich hohen Verlusten geführt haben, ist unklar. Denn einerseits können sich die Risiken in den Chiemgauer Alpen oder im Mangfallgebirge ganz anders darstellen als im Wetterstein. Vergleiche lassen sich kaum ziehen. Die inzwischen zusammengetragenen Meldungen zeigen vor allem eins: Eigentlich will niemand so genau wissen, wie es dem Gams- oder Rehwild geht. In einigen Landkreisen wird Fallwild nur als Gesamtsumme pro Wildart aufgeführt, in anderen werden Verkehrs- und Fallwildverluste in einen Topf geworfen. Auch der „Such- und Finderwille“ ist in einigen Forstbetrieben nicht besonders stark ausgeprägt. Die Unterschiede zwischen Regionen innerhalb eines Jagdjahres sind daher nicht aussagekräftig.

Das Schaubild stellt die Fallwildzahlen der vergangenen acht Jahre dar. Auch wenn in den einzelnen Regionen unterschiedlich intensiv Fallwild gesucht und dokumentiert wird, zeigen sich doch Unterschiede von Jahr zu Jahr, die auch mit klimatischen Daten korrespondieren. Die Spitzenverluste in den Wintern 2011/12, 2012/13, 2013/14 und 2017/18 sind deutlich erkennbar.


Grafik: Dagmar Siegel, Quelle: Dr. Christine Miller

Fallwildfund aus dem Garmischer Raum im Frühjahr 2018


Foto: Tessy Lödermann

Bei der Wahl der Wintereinstände und zur Vermeidung von alpinen Gefahren sind die alten Geißen die Hüter der Erfahrung. Fehlen sie, ist das Risiko für das ganze Rudel erhöht.


Foto: Manfred Rogl

Eine deutlicheres Bild vermittelt dagegen der Vergleich der gesamten Fallwildzahlen der vergangenen acht Jahre: Die Winter 2011/2012, 2012/13, 2013/14 und 2017/18 weisen jeweils Spitzen beim Gamswild auf. Bereits vor vier Jahren, bei der Abschussplanung 2013/14 und 2014/15, hätten also die Verluste bei den Zuwachsträgern zu einem deutlichen Senken der Abschusszahlen führen müssen. Doch weit gefehlt: Die Forderungen nach immer höheren Freigaben in den großen Staatsrevieren, die für den Großteil des bayerischen Gams-Vorkommensgebiets verantwortlich sind, wurden von den Jagdbehörden durchgewunken. Dass über zwei Jahre in Folge die für den Abschuss angenommene Zuwachsrate weit überschätzt wurde, blieb unbeachtet. Auch im laufenden Jagdjahr wurde auf die veränderten Gamsstrukturen, von denen im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ausgegangen werden muss, keine Rücksicht genommen.

Dass ein milder Winter dem Wild wieder eine Verschnaufpause verschaffen könnte, dafür besteht wenig Hoffnung. Denn nach einem langen, schweren Winter kam ein langer, trockener Hitzesommer. Auch solche Klimaextreme beeinflussen den Bestand. Bei Gamsund Rehwild wurden in verschiedenen Studien die nachhaltigen Auswirkungen von vermindertem Pflanzenwachstum vom Frühsommer bis in den Herbst auf die Zuwachsrate erforscht: Weniger und weniger gehaltvolle Äsung bedeutet, weniger und weniger gehaltvolle Milch. Dies lässt sich direkt an den Kitzgewichten ablesen: Je trockener ein Sommer, desto schwächer sind die Rehund Gamskitze. Und je geringer das Winter-Eintrittsgewicht, desto geringer sind die Überlebenschancen.

Gams im Tiefschnee – jeder Schritt verbraucht Energie und erhöht die Gefahr, das kommende Frühjahr nicht zu überleben.


Foto: Andreas Köpferl

Will man nur im Ansatz die Anforderungen an eine nachhaltige und vorausschauende Bejagung unserer Wildbestände erfüllen, muss endlich deren Biologie in die jagdliche Planung einfließen. Der Tunnelblick auf Leittriebe und die Quartalsbilanz der Forstbetriebe muss weg, wenn wir unser Wild nachhaltig bewirtschaften und bewahren wollen. Klaus Robin, Roland F. Graf und Reinhard Schnidrig haben dies passend formuliert: „Zentral für die Jagdplanung sind die wildtierbiologischen Rahmenbedingungen. Nur in Kenntnis der Lebensweise der zu bejagenden Wildtierart und der aktuellen Situation bezüglich Verteilung, Konkurrenz, Fortpflanzung und so weiter ist der Jagdplaner in der Lage, eine optimale Bejagung zu organisieren. (…) Zudem muss sich die Jagdplanung mit weiteren ökologischen Rahmenbedingungen (…) auseinandersetzen.“ (Wildtiermanagement, Haupt Verlag, Bern, 2017.)

Bevor also Abschusszahlen für eine Region, zum Beispiel ein zusammenhängendes Gebiet einer Hochwild-Hegegemeinschaft, festgelegt werden, müssen die Grundlagen bekannt sein: Was beeinflusst den Zuwachs der einzelnen Populationen? Welche Ausfälle treten auf? Wie kann die Planung im Laufe eines Jahres auch wieder korrigiert werden? Der Gesetzgeber hat vorgesorgt: Erweist sich die Basis zur Berechnung des Abschusses als fehlerhaft, beispielsweise weil das Fallwild ignoriert wurde oder weil im Sommer der Nachwuchs einging, muss die Reißleine gezogen werden. Für das Gamswild ist es dafür allerhöchste Zeit. Und auch beim Rehwild ist es nötig, dass man regional mal genauer hinschaut, statt nur weiter zu reduzieren. Detaillierte, mit einheitlichem Maßstab geführte Fallwild-Statistiken sind ein erster Schritt.