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DIE GANGSTER VON NEBENAN


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 15.02.2019

Verbrechen Machtkampf auf der Straße: Kriminelle Clans haben über Jahre Großstadtkieze erobert – kaum etwas hielt sie auf. Jetzt geht der Staat zum ersten Mal hart gegen sie vor.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 8/2019

CLANHAUPTSTADT BERLIN Clanchef Arafat Abou-Chaker, Szene aus Überwachungs video mit den mutmaßlichen Dieben einer Riesengoldmünze aus dem Bode-Museum 2017

Ein Hammer, was da bei ihnen zu Hause schon wieder abgeht, morgens, kurz nach halb fünf. Zack! Bum! Bang! Voll die Ramme! Die Tür knallt auf, und überall die Polizei. Ihre Mama fragt die Polizisten, warum sie nicht einfach geklingelt hätten, weil das mit der kaputten Tür jetzt ...

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... bestimmt wieder Ärger mit dem Vermieter gibt. Ist ja nicht das erste Mal bei ihnen, den Al-Zeins von Neukölln. Egal. Krasse Show. Und sie beide live dabei.

Das Polizeiprotokoll zur Durchsuchung bei der Familie Al-Zein vermerkt zum Verhalten von zwei Söhnen, elf und sechs Jahre alt: Die »Kinder schienen durch die gewaltsame Öffnung der Wohnung nicht verstört zu sein, die beiden Jungen grinsten«.

Auch bei ihrem Großonkel, ein Haus weiter, hatte die Polizei vergessen zu klingeln. Und der Onkel hatte vergessen, alles gut genug zu verstecken. Wie blöd. Aus dem Protokoll der Durchsuchung beim Großonkel, arbeitslos, Hartz-IVEmpfänger: »Im Schlafzimmer wurde eine Rolex-Armbanduhr im Originalkasten aufgefunden. In der Tasche der Jeans des Beschuldigten wurden 2795 Euro Bargeld gefunden. Unter dem Spannbettlaken wurde 3800 Euro Bargeld aufgefunden. Im Schlafzimmerschrank wurden zwei in Klarsichtfolie verpackte Bargeldbündel aufgefunden.«

Und dann hatte die Polizei ihrem anderen Onkel sogar noch den Autoschlüssel weggenommen. Dabei hatte der Onkel nur auf den Wagen aufgepasst. Der gehörte ihm nämlich nicht, der gehörte irgendwie dem Zaki; jedenfalls fuhr der Zaki immer damit herum.

Protokoll der Hausdurchsuchung bei diesem Onkel, Hartz-IV-Empfänger wie sein Vater Zaki: »In einem Vitrinenschrank wurde ein Fahrzeugbrief für den Pkw Typ Porsche 996 sowie ein Schlüssel von Porsche gefunden. Al-Zein erklärte, dass er für seinen Vater auf den Porsche aufpasst. Sein Vater sei Zaki Al-Zein und wohnt im Nebenhaus. Tatsächlich stand der Porsche auf dem Hof neben dem Wohnhaus.«

Der Porsche Carrera wurde dann beschlagnahmt. Vor dem Berliner Landgericht musste sich Zaki Al-Zein, 58, Chef des Berliner Al-Zein-Clans, aber 2016 nicht wegen Hartz-IV-Betrug verantworten. Sondern wegen Anstiftung zum Mord.

Darf man eine Geschichte über kriminelle arabischstämmige Clans so anfangen? Gibt es nicht Hunderte Al-Zeins in Deutschland, die mit dem kriminellen Teil ihrer Familie nur den Nachnamen gemeinsam haben und sonst absolut nichts? Ehrliche Bürger mit der Erblast einer Verwandtschaft, die sie herunterzieht? Ja, die gibt es. Auch unter den Rammos, den Miris, den Omeirats, den Abou-Chakers. Und wer sagt denn, dass das Grinsen der beiden Jungen auf dem Bett kein hilfloses, traumatisiertes Grinsen war? Ist doch möglich, dass die beiden nicht zu jenen Clankids gehörten, die schon von ihren Eltern zum Klauen mit in den Aldi genommen werden.

Man kann also durchaus den Vorwurf erheben, dass der Anfang dieser Geschichte diskriminierend sei, tendenziös, unerhört, ganz unmöglich. Nur eines kann man nicht sagen, wenn die Akten der Berliner Staatsanwaltschaft stimmen: dass er falsch sei. Die Szenen einer Razzia sind vielmehr typisch für die notorisch auffälligen Familiennamen in der Kriminalitätsstatistik der Großstädte Berlin, Bremen, Dortmund, Duisburg und Essen.

Die Durchsuchung bei den Al-Zeins vor knapp drei Jahren gibt einen Einblick in die Parallelwelt krimineller arabischstämmiger Clans, in die der deutsche Rechtsstaat kaum eindringt. Wenn überhaupt, dann mit Polizeigewalt, aber meist ohne irgendeinen Eindruck zu hinterlassen. Ermittler berichten: Schon Kinder lachen Polizisten hämisch an, weil sie gelernt haben, keinen Respekt vor ihnen zu haben. Ehefrauen lachen Polizisten aus, weil sie wissen, dass die Beweise meist vor Gericht zerbröseln – wenn Zeugen später aus Angst ihre Erinnerung verlieren. Und wenn von den Männern doch mal einer ins Gefängnis muss, lachen die das so weg. Haken es ab als Zeit in einer Besserungsanstalt, in der eines garantiert besser wird: ihre Street Credibility, ihr Ruf als harte Jungs im Milieu.

Eine Mutter, deren Söhne allesamt im Gefängnis landeten, verabschiedete den letzten mit den Worten: »Knast macht Männer.« So erzählt es der Ermittler Dirk Jacob vom Landeskriminalamt (LKA) Berlin.

Diese Verhaltensmuster stammen aus einer fremden Welt, und doch ist diese Welt ganz nah. Auf dem Asphalt deutscher Großstädte findet ein Kampf der Kulturen statt, lange Zeit weitgehend übersehen, einer überforderten Polizei überlassen. Erst jetzt, seit ein, zwei Jahren, schauen die Politiker hin und begreifen, wie viel Land sie schon verloren haben.


Das einzige deutsche Hoheitszeichen, das in diesen Kreisen Ansehen zu genießen scheint, ist der Mercedes-Stern.


Gemessen in Quadratmetern, besteht dieser Verlust nur aus ein paar Straßen auf dem Kiez, bei denen sich die Frage stellt, wer hier das Sagen hat, Polizei oder Clans. Es gibt deshalb Stimmen wie die des früheren Bundesverfassungsrichters Thomas Fischer, die Clans seien doch nur die nächste Sau, die durchs hysterische mediale Dorf getrieben werde. In Wahrheit alles halb so wild.

Genauso gut könnte man aber auch verfechten, dass kein Mordfall, keine Vergewaltigung, kein Kindesmissbrauch der Rede wert ist, weil auch das, gemessen an 83 Millionen Deutschen, nur ein Mikroausschnitt der Wirklichkeit ist.

Tatsächlich geht es um weit mehr: um die Wirkung auf die Gesellschaft, auf das Bild, das sie abgibt. Und da berührt es durchaus eine Mehrheit und ihr Empfinden, wie wehrhaft das Land ist in diesem Kampf der Kulturen. Oder wie hilflos. Es kämpft hier der Staat mit seiner verbrieften Rechtsordnung gegen die Wertewelt krimineller Clanmitglieder.

Darin bricht das Recht des Stärkeren das Recht des Strafgesetzbuchs. Die Ehre der Familie das Grundgesetz. Der getunte Mercedes das Tempolimit in der City. Und der Baseballschläger den Schädel des Gegners.

Vor allem in Berlin hat der Senat in den vergangenen ein, zwei Jahrzehnten manche Viertel gegen den Macht- und Revieranspruch krimineller Clans kaum verteidigt. »Egal welche Partei oder Koalition regierte, keine ist dieses Thema ernsthaft genug angegangen«, sagt der SPD-Abgeordnete und -Innenexperte Tom Schreiber. »Innerhalb der Polizeibehörde sah es nicht besser aus.«

Ähnlich in Nordrhein-Westfalen, dem zweiten Schwerpunkt der arabischen Familienbanden, wo die Polizei den Clan - angehörigen mehr als 14 000 Straftaten in den vergangenen drei Jahren zurechnet.

Auf einer Expertentagung kürzlich in Essen gab NRW-Innenminister Herbert Reul zu, die Politik habe die Sache viel zu lange unterschätzt und nicht so durch - gegriffen, wie es bei einem »Frontal - angriff auf den Rechtsstaat« nötig ge - wesen wäre.

Nun soll alles anders werden. Reul sagt, er wolle »Nadelstiche setzen« (siehe Interview auf Seite 17). Mit Steuerfahndern in Shisha-Bars, die von Clans dominiert werden. Mit Kontrollen, ob der Tabak für die Bars ordentlich verzollt wurde. Und mit der Stilllegung aufgemotzter »Poser«- Autos – das einzige deutsche Hoheitszei chen, das in diesen Kreisen Ansehen zu genießen scheint, ist immer noch der Mercedes-Stern. All das »macht ihnen das Leben ungemütlich«, sagt Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD), »wir müssen diesen Leuten sozusagen permanent auf den Füßen stehen«.

Allerdings bestätigt sich einmal mehr, wie teuer die Reparatur wird, wenn man Dinge jahrelang kaputtgehen lässt. Und um wie viel besser es gewesen wäre, man hätte sich schon darum gekümmert, als die Probleme begannen. In Berlin lässt sich das an drei Namen festmachen: den Al- Zeins, den Rammos, den Abou-Chakers.

Im Jahr 2002 wundern sich die Ermittler des LKA, was ihr Kollege Markus Henninger mit all den Akten vorhat. Kistenweise Akten. Die Antwort steht dann in der Ausgabe 12/2002 der Zeitschrift »Kriminalistik «. Der Inspektionsleiter für Organisierte Kriminalität hat zusammengetragen, was er zu libanesischstämmigen Großfamilien finden konnte. Woher sie kommen, wie sie ticken, was sie tun. 15 eng bedruckte Seiten, mit einer scheinbar endlosen Aufzählung von Schießereien, Messerstechereien und Drogendeals. Soll also keiner heute sagen, er habe nicht wissen können, was da schon zu Beginn des neuen Jahrtausends im Berliner Untergrund herangewachsen war.

Henninger beschreibt, wie ab 1925 die Mhallami, eine kleine, arabischsprachige Minderheit, vor den Truppen von Mustafa Kemal Atatürk geflüchtet waren. Sie ließen ihre Heimat in Südostanatolien hinter sich, landeten im Libanon, schlugen sich durch, als Tagelöhner, Gemüsehändler. »Die haben bei uns nur den Strand sauber gemacht«, lästert heute ein Neuköllner Araber, lieber ohne Namen. Ein Berliner Ermittler sagt: »Die Mhallami wollten sich schon im Libanon nicht integrieren.« Manche seien wohl da bereits kriminell geworden. »Andere wurden es in Deutschland. « Dorthin flüchteten viele in den Achtzigerjahren, als im Libanon der Bürgerkrieg tobte.

Ein großer Teil hatte keinen Pass, nur ein »Laissez-passer«-Papier, gültig für eine Ausreise auf Nimmerwiedersehen. War das Papier erst mal abgelaufen, weigerten sich die Behörden im Libanon, die Mhallami zurückzunehmen. So kamen und so blieben die Rammos und die Al-Zeins. Die Abou-Chakers machten sich bereits ein paar Jahre früher auf den Weg. Sie waren keine Kurden, sondern in den Libanon geflüchtete Palästinenser.

In Deutschland wussten die Behörden nicht recht, was sie mit diesen Quasi - libanesen machen sollten. Manche waren nie im Libanon gewesen, behaupteten das nur. Sie kamen direkt aus der Türkei und warfen ihren Pass weg, um nicht zurückgebracht zu werden. Das begriffen die Behörden aber erst Jahre später.

So wirr die Lage, so verwirrt auch die deutschen Ämter: Einigen Abou-Chakers, Rammos oder Al-Zeins gaben sie im Laufe der Jahre einen deutschen Pass. Bei anderen blieb die Staatsangehörigkeit »ungeklärt «; die Behörden schickten die Einwanderer in die Dauerwarteschleife der Kettenduldungen. Damit lebten sie von der Stütze, denn regulär arbeiten durften sie meist nicht. Sie sollten Deutschen nicht den Arbeitsplatz wegnehmen, und irgendwann, so die Hoffnung in den Amtsstuben, würden sie bestimmt in ihre Heimat zurückgehen. In welche auch immer. »Ich habe Mandanten – wenn die aus dem Knast kommen, dürfen die nicht arbeiten, selbst wenn sie wollten«, klagt der Berliner Rechtsanwalt Philipp Stucke.

Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere ist die, dass Szeneanwalt Stucke ja nicht von den Sozialhilfeemp - fängern leben kann, besser gesagt von der Sozialhilfe der Sozialhilfeempfänger. Sondern von ihren mitunter erstaunlichen »Ersparnissen«, die sich unter Spannbetttüchern oder in Kleiderschränken finden. Auch eine Rolex gehört da schon mal zur eisernen Reserve. Nur von Sozialhilfe kann man sich das nicht leisten.

Die andere Seite ist nämlich die, dass eine größere Zahl der Mhallami das Verbrechen zum Beruf machte. Deutschland ist für sie wie ein Spielbrett. »Monopoly«. Sie brettern mit Luxusautos durch die Stadt, halten auf der Straße in zweiter Reihe, ohne abgeschleppt zu werden. »Frei parken«. Sie holen Schutzgeld ab. »Ziehe DM 4000 ein.« Wenn es schiefläuft, gehen sie auch mal in den Knast, aber mit Gemeinschaftskarte! »Du kommst aus dem Gefängnis frei.« Während sie aussetzen mussten, gehörte ihnen die Straße weiterhin, darum kümmerte sich die Verwandtschaft. Und am Ende wird das Geld gewaschen, in legale Investments gesteckt, Häuser zum Beispiel.

»Rücke vor bis zur Schlossallee.« Der Erlanger Jurist und Clanexperte Mathias Rohe erklärte kürzlich, wie das läuft: Kriminelle Clanmitglieder besetzen die Straßen der Stadt mit den klassischen Machomustern Ehre und Vergeltung. Was guckst du? Was willst du? Willst du mich beleidigen? Wer zurückzieht, hat verloren. Loser verdienen kein Mitleid. Den Schwachen verrät seine Angst, den Starken erkennt man an Geldbündel, Goldkette, 400 PS aufwärts. Also: Nimm dir, was du willst. Und solange du der Stärkere bist, nimmt es dir auch keiner wieder weg. Schon gar nicht ein Rechtsstaat, dessen Strafen für den kriminellen Nachwuchs nun mal nicht mit einem Faustschlag in die Fresse beginnen, sondern mit Ermahnungen, Verwarnungen, Weisungen. »Unser Rechtssystem ist für diese Fälle ungeeignet«, sagt ein frustrierter Dirk Jacob, im Berliner LKA zuständig für arabischstämmige Täter.

Das konnte man im Prinzip alles schon 2002 bei Markus Henninger nachlesen. Was seinen Aufsatz heute zu einem Aha- Erlebnis macht, auch für diesen Artikel, sind drei Episoden, genauer gesagt: die Namen darin.

Der erste: Issa Rammo. Heute einer der Köpfe des Rammo-Clans. Am 16. April 2001 fällt Polizisten in einem Streifen - wagen ein kaputtes Licht an einem Auto auf. Der Beifahrer Issa R. ruft einem Beamten zu: »Fahr weiter, du Idiot.« Erst als Verstärkung eintrifft, können die Polizisten seine Personalien aufnehmen; vorher waren wie aus dem Nichts rund zehn Clanfreunde aufgetaucht. Das letzte Wort gehört wieder Issa R., er sagt zu einem Polizisten: »Ich ficke dich in den Arsch und deinen Präsidenten auch.«

Der zweite Name: Rommel Abou-Chaker, heute einer der führenden Leute des Abou-Chaker-Clans, Bruder des Clanchefs Arafat. Am 3. Februar 2001 streift Rommel A. an einer Tankstelle mit seinem BMW das Auto eines Niederländers. Der schreibt sich das Nummernschild auf. Fehler. Rommel A. verlangt den Zettel und macht mit dem Finger am Hals eine Kopfab- Geste. Der Niederländer flüchtet in den Kassenraum, Rommel A. und ein Begleiter schlagen ihn zusammen. Noch als ein Arzt ihn behandelt, bedrängt ihn Rommel Abou-Chaker, die Anzeige zurückzuziehen. Tage später erscheint Rommel A. in der Tankstelle, er will das Überwachungsvideo kaufen.

RAZZIEN Polizisten, Zöllner bei Einsatz in Lokalen im Ruhrgebiet im Januar

Der dritte Name: Mahmoud Al-Zein, »El Presidente«, Spitzname unter Ermittlern: »der Dicke«. Früher einer der Topleute des Berliner Clans, abgewandert ins Ruhrgebiet. Sein Cousin Zaki Al-Zein, der mit dem Porsche, heute Chef des Berliner Clans, stand Ende der Neunziger mal vor Gericht. In dem Prozess spielte ein Dolmetscher als Zeuge eine wichtige Rolle. Wie es später in einem Urteil gegen Mahmoud A. hieß, drohte der dem Übersetzer: »Hier gibt es Leute, die wollen sterben.« Und dass man Dolmetscher, die falsch übersetzen, abschlachten sollte. Er werde die Tat von einem Kind ausführen lassen, sodass er dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden könne. Der Dolmetscher war ein mutiger Mann, er meldete das. Andere wären eingeknickt.

Drei Episoden, sie enthalten schon 2002 die Namen, die danach noch größer wurden; die Strukturen, die sich zementierten; und die Methoden, mit denen die Clans bis heute ihre Macht ausbauen.

In Berlin wohnen rund 150000 arabischstämmige Menschen, so das LKA. Die Mehrheit von ihnen lebt so geset - zestreu wie viele andere Berliner auch. Ein Teil aber eben nicht, und wie groß dieser Teil ist, lässt sich schwer sagen. Denn bis heute, 17 Jahre nach dem Henninger- Dossier, hat die Berliner Polizei noch immer kein Lagebild zur Organi - sierten Kriminalität erstellt. Also auch keines zu den Araberclans. »Ich verstehe gar nicht, dass es das nicht gab«, wundert sich selbst Innenstaatssekretär Torsten Akmann – und hat jetzt endlich eines angefordert.

In Nordrhein-Westfalen sind die Behörden weiter. In Essen führt das LKA von 3000 Clanmitgliedern mehr als 1200 als Tatverdächtige. Schon vor zwei Jahren hat das LKA das Projekt »Keeas« gestartet, Abkürzung für »Kriminalitäts- und Einsatzbrennpunkte geprägt durch ethnisch abgeschottete Subkulturen«. Auf Deutsch: geprägt durch Clans. Niedersachsen und Bremen, die beiden weiteren Hotspots der Clan kriminalität, haben daran mitgearbeitet. Berlin nur beratend.

Seit Oktober 2018 liegt der Abschlussbericht vor, das Wichtigste steht im vertraulichen Teil: »Die Erkenntnisse dokumentieren aktuell eine Expansion der … von ›Clankriminalität‹ ausgehenden Gefahren für die Sicherheitslage in NRW.« Und: Mit üblichen Polizeimaßnahmen komme man nicht mehr weiter.

Beruhigendes Auftreten etwa, um die Gemüter abzukühlen, sei »im Milieu der Clanangehörigen nur in seltenen Fällen zielführend«. Deeskalation mache alles nur noch schlimmer, weil »ein solches Verhalten als Schwäche der Polizei beziehungsweise des Staates interpretiert wird«. Man müsse erst mal wieder mit Härte »den Respekt gegenüber Polizei und Justiz zurück - erlangen«.

DERABOU - CHAKER - CLAN Chef Arafat, Rapper Bushido 2009, Durchsuchung des Villengrundstücks von Abou-Chaker im November 2018, Einschusslöcher in der Scheibe von Arafat Abou-Chakers Imbiss Papa Ari im Juni 2018

Tauchten 2001 bei der Kontrolle von Issa R. in Berlin plötzlich zehn Freunde auf, so sind heute bei Einsätzen »Tumultlagen« mit mehreren Dutzend Angehörigen nichts Ungewöhnliches. Weil zehn oder sogar mehr Kinder üblich sind, sind die Familien stark gewachsen – eine Mhallami- Familie in Göttingen etwa vergrößerte sich seit 2002 von 35 auf 250 Angehörige. Mit den Köpfen wächst die Macht, mit Whats App die Fähigkeit, diese Macht auf die Straße zu bringen.

Und drohte Mahmoud Al-Zein, »El Presidente «, Ende der Neunziger nur dem Dolmetscher, schüchtern die Clans heute Polizisten und Richter direkt ein. Denn die Drohung, nicht die Tat, ist das alltägliche Herrschaftsmittel der Großfamilien. Auf einer Tagung von Clanfahndern Ende Januar im niedersächsischen Loccum hieß es, ein Kollege sei beim Einkaufen von einem Unbekannten angesprochen worden: »Hallo, wie geht es? Kaufst du für deine zwei Kinder ein?« In Berlin fahren einige Szeneermittler nur noch mit der S-Bahn nach Hause. Steigen um, steigen wieder um, springen als Letzte aus dem Waggon, um mögliche Verfolger abzuschütteln. Jeden Tag.

Was aber bringt das, wenn im gerade laufenden Prozess um eine Riesengoldmünze, die Clanmitglieder aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen haben sollen, Dutzende Polizeibeamte als Zeugen mit Klar namen in der Anklage stehen? In Hildesheim brauchte ein Richter monatelang Polizeischutz, in Braunschweig ein Polizist, der Morddrohungen erhalten hatte. Umgekehrt schafft es die Polizei so gut wie nie, mit Ermittlern nah an die Clans heranzukommen. Ihre Autos lassen die Familien selten unbewacht stehen, bringen sie in Milieuwerkstätten, damit die Beamten keine Abhörwanzen oder Peilsender einbauen. Verdeckte Ermittler haben keine Chance, weil die Familien bei kriminellen Geschäften nur den eigenen Verwandten trauen. Cousins werden mit Cousinen verheiratet. Und wenn es in den Clans mal Ärger gibt, schlichten sogenannte Friedensrichter, damit nichts nach draußen dringt.

So konnten sie bis heute wachsen und aufsteigen, die mafiösen Familienzweige der Abou-Chakers, der Rammos, der Al-Zeins. Auf ähnliche Art und doch jeder in seinem eigenen Revier, mit eigenem Beuteschema.

Wenn die Stadt ein »Monopoly«-Spielbrett wäre, dann hätte es Arafat Abou- Chaker, 42, tatsächlich bis zur Schlossallee gebracht. Seine Schlossallee liegt vor den Toren Berlins, in Kleinmachnow, und die Straße heißt natürlich anders. Aber das Villengrundstück, 16000 Quadratmeter mit Kiefernwald, sieht genau so aus, wie man sich die teuerste Straße vorstellt, die man auf dem Spielbrett kaufen kann. Schätzwert: 15 Millionen Euro.

Nicht schlecht für einen Jungen, der, wenn er drei Sachen aufzählen will, beim Reden schon mal vergisst, was die dritte Sache war. Ein Junge, dessen Eltern in den Siebzigern noch im libanesischen Flüchtlingslager Camp Wavel saßen. Und die den Söhnen kaum Bildung, dafür aber einen möglichst judenfeindlichen Vor namen mit auf den deutschen Lebensweg gegeben haben. »Arafat« und »Yasser« nach Palästinenserführer Jassir Arafat. »Nasser« wie der ägyptische Ex-Präsident. »Rommel« wie der Wehrmachtsgeneral. Die Abou-Chakers wollten wie andere Clans in Berlin viel Geld machen, ihren Kiez beherrschen und dabei nicht erwischt werden. Doch das allein reichte Arafat Abou-Chaker nicht. Er wollte auch den Glanz.

Das Wertvollste am Grundstück in Kleinmachnow war deshalb nicht der denkmalgeschützte Villenbestand, sondern der Miteigentümer Anis Ferchichi, Künstlername Bushido, einer der erfolgreichsten deutschen Rapper. Ein richtiger Star, der bei Arafat Abou-Chaker gleich nebenan einzog.

Zu Abou-Chaker war Bushido 2004 gekommen; er stritt sich gerade mit seiner Plattenfirma, die ihn nicht aus dem Vertrag herauslassen wollte. Abou-Chaker regelte das. Er soll das Label nachdrücklich überzeugt haben, den Vertrag mit einer Kündigungsfrist von jetzt auf gleich aufzulösen. Und Bushido war seinem neuen großen »Bruder«, wie er ihn nun nannte, sehr dankbar. Abou-Chaker managte danach Bushidos neues Label Ersguterjunge. Er tauchte auf einer Musikgala an Bushidos Seite auf, posierte für die Kameras, kassierte angeblich immer die Hälfte. Und eine Generalvollmacht aus dem Jahr 2010 liest sich so, als gehörte ihm alles, Bushido mit Haut und Haaren.


Arafat lieferte den Rappern die Aura des echten bösen Jungen, er selbst bekam den Fuß auf den roten Teppich.


Jetzt, nach der Trennung im März 2018, gefolgt von einem Rosenkrieg, von Beleidigungen, Drohungen, behaupteten und bestrittenen Plänen für einen Säure - anschlag des Clans auf Bushidos Frau und die Entführung seiner Kinder, beschrieb der Rapper das Verhältnis zum »Bruder« in einem Song mit dem Titel »Mephisto«. Auszüge: »Der Junge überlegte, zu wenig sprach dagegen, heute weiß er, damals trat der Teufel in sein Leben.« »Seine Maske fiel, so sah man seine wahre Gestalt, er war ein Monster aus Feuer, doch sein Atem war kalt.« »Er war nie ein wahrer Freund, nur ein rücksichtsloses Tier.«

Fest steht: Die Abou-Chakers hatten nicht nur erkannt, was man heute im Keeas-Bericht der NRW-Polizei nachlesen kann: dass die »Vermarktung ›eigener‹ Rapper und Labels ein hohes wirtschaftliches Potenzial hat«. Arafat Abou-Chaker begriff auch, dass der populäre Gangsta- Rap mit seinen Klischees, den dicken Goldketten und fetten Autos, die Clanwelt nachahmte. Rap eignete sich deshalb perfekt als Brücke in eine Glamourwelt, als »erster Schritt auf eine gesellschaftlich wahrgenommene Ebene« (Keeas).

Der Deal beruhte auf Gegenseitigkeit: Arafat lieferte den Rappern die Aura des echten bösen Jungen, er selbst bekam dafür den Fuß auf den roten Teppich. Oder wie Bu shido in »Mephisto« singt: »Er wollte eine Bühne, seine Fratze auf der Leinwand, riss die Zügel an sich, akzeptierte keinen Einwand.«

Noch vor dem Bruch mit seinem Star gab Arafat Abou-Chaker dem YouTuber Rooz 2015 sein einziges Interview. Sie saßen in Arafats Imbiss Papa Ari in Berlin- Treptow, spätabends, im Hintergrund Clanfreunde, 3,7 Millionen Mal wurde allein die erste Stunde geklickt. Die beiden redeten über den Rapper Kay One, der beim Label Ersguterjunge unter Vertrag gestanden hatte, dann aber vor Bushido und Abou-Chaker geflohen war. Kay One behauptet bis heute, die beiden hätten ihn behandelt wie einen Sklaven und ihm kein Geld gezahlt. Abou-Chaker bestreitet das, Kay One bekam trotzdem Polizeischutz.

Nach gut 40 Minuten fragte Rooz, was Abou-Chaker zu den »Mafia-Anschuldigungen « zu sagen habe. Dass er Druck ausübe, »nicht nur in der Musik«. Ach was, »wir sind ein leichter Sündenbock, das ist alles«, wehrte der Clanchef ab. Dann beschwerte er sich noch über die angebliche Ungerechtigkeit des Rechtsstaats: »Vor Gericht werden die(Mitglieder von Großfamilien –Red.) schon verurteilt, weil sie so heißen.« Die Wahrheit interessiere niemanden. Ihn offenbar auch nicht: Gegen Abou-Chaker waren über die Jahre 33 Ermittlungsverfahren anhängig, verurteilt wurde er bis Ende 2018 aber nie, obwohl er »so« heißt.

Mehr Pech hatte da sein Bruder Mohammed, genannt Momo. Das Gericht verurteilte ihn im Jahr 2010 als Drahtzieher eines spektakulären Überfalls auf ein Pokerturnier in Berlin zu sieben Jahren Haft.

Nach nur einem Jahr war er jedoch schon im offenen Vollzug, die Polizei war düpiert. Im Januar 2019 riss die Glückssträhne auch bei Arafat Abou-Chaker. Eine Zeugin, bei der Polizei noch gesprächig, zog zwar ihre Aussage zurück (»eigentlich habe ich gar nichts gesehen«); und ein anderer Zeuge kassierte lieber ein Ordnungsgeld, als auch nur ein Wort zu sagen. Der Hausmeister einer Physiopraxis aber konnte sich genau erinnern, dass ihm Arafat Abou-Chaker, ein Kunde der Praxis, zwei Finger in die Augen gestoßen habe. Offenbar um den Hausmeister daran zu erinnern, dass er einen Abou-Chaker vor sich hatte, dem er zur Begrüßung mehr Aufmerksamkeit hätte widmen sollen. Das gab zehn Monate, auf Bewährung. Es kam noch härter: Im Gerichtssaal ließ die Berliner Staatsanwaltschaft ihn verhaften. Zeugen hatten ausgesagt, Abou- Chaker und ein Bruder hätten Handlanger für einen Rachefeldzug gegen Bushidos Familie gesucht. Abou-Chaker kam in Untersuchungshaft, bis die Zeugen nach ein paar Tagen ihre Aussagen zurücknahmen. Das Gericht sah keine Flucht- oder Verdunkelungsgefahr, seitdem ist Abou- Chaker draußen.

Und das führt nun zu einem anderen Großclan, den Rammos. Bushido gibt sich zwar als geläuterter Familienvater, endlich frei, endlich wieder bei sich selbst. Endlich. Aber weil das Leben im Krieg mit einem beleidigten Clanboss schnell endlich werden könnte, hat er sich abgesichert. Seine Lebensversicherung heißt Ashraf Rammo, Mitglied des Rammo-Clans, mit 500 Angehörigen etwa doppelt so groß wie der Abou-Chaker-Clan.

Es gibt Fotos von beiden mit den Kindern auf dem Spielplatz und mit anderen Rappern. Im September sagte Bushidos Frau dem »Stern«: »Wenn Ashraf nicht wäre, wäre uns schon längst etwas passiert. « Und Bushido klärte auf: »Es stimmt, dass ich mit ihm jetzt Geschäfte mache.« Nur sei »der Ashraf« ganz anders als »der Arafat«, »höflich, elegant, verständnisvoll «, »er will nicht über mich bestimmen«.

Fest steht: Ashraf Rammo ist einer der zentralen Köpfe der Rammo-Familie, deren Mitglieder als »Tatverdächtige in 1146 Vorgängen« aufgetaucht sind, so ein Bericht des Berliner LKA. Er ist der Bruder von Issa, dem Clanchef, dem »Ich ficke dich in den Arsch und deinen Präsidenten auch«-Rammo. Der Rapper Massiv ließ sich von Ashraf Rammo managen und feierte ihn 2011 mit den Songzeilen: »Glaub mir, seine Waffe lässt er niemals aus der Hand los! Ashraf Rammo, Berlins Marlon Brando!«

Und selbst wenn Rapper wie Massiv notorisch ein großes Maul haben müssen, um bei den Fans anzukommen, fragt man sich schon, warum Bushidos Frau diesem Ashraf Rammo zutraut, was sie der Berliner Polizei mit dem staatlichen Gewalt - monopol nicht zutraut: sie vor dem Zorn der Abou-Chakers zu schützen. Dass Ashraf Rammo ein ganz Lieber sein soll, andererseits zum Bollwerk im Krieg gegen die Abou-Chakers taugt, ist einer dieser Widersprüche, die man im Familienclan der Rammos problemlos aushält. Der König solcher Widersprüche heißt aber nicht Ashraf, sondern Issa Rammo, 51.

Das Oberhaupt der Rammos hat sich den Bundesadler und »Ich bin ein Berliner « auf die Brust tätowieren lassen. Kürzlich gab er dem »Berliner Kurier« ein Interview als ehrlicher Mann, geschlagen vom Schicksal ständiger, grundloser Verfolgung: »Ich bin nicht, wie immer geschrieben wird, der Clanchef, der das Geld eintreibt und wäscht. Ich verfluche jeden, der Drogen verkauft. Ich unterstütze keinen, der stiehlt oder betrügt.«


Sie sollen so lange mit dem Baseballschläger auf das Opfer eingedroschen haben, bis der Schädel zertrümmert war.


Gut, Mitte der Achtziger, als sie aus dem Libanon gekommen seien, habe er keine Arbeitserlaubnis bekommen und deshalb mal kurz gesessen, wegen Diebstahl. Aber seitdem: »Keine kriminellen Sachen mehr.« Die ganzen Gerüchte, er sei ein Pate, hätten ihn jede Menge Läden in Berlin gekostet. Vor einem dieser Läden saß er früher mal und erklärte einem Polizisten seine staatsbürgerlichen Verdienste: »Deutschland hat mir gegeben ein Glas Wasser. Ich habe Deutschland einen vollen Eimer zurückgegeben. «

Issa Rammo hat 13 Kinder und 15 Geschwister. Gegen ihn wurde immer wieder wegen Diebstahl ermittelt. Sein Presse - anwalt – Issa Rammo hat tatsächlich einen bekannten Berliner Presseanwalt – will dazu nichts sagen. Issas Bruder Najdat, mehrfach vorbestraft, sitzt in U-Haft, weil in seinem Bademantel eine geladene Halbautomatik gesteckt haben soll – er bestreitet, dass es seine Pistole war. Gegen Issas Bruder Karim ermittelt das LKA wegen Geldwäsche – sein Anwalt schweigt dazu. Der Bruder Adounise bekam wegen schweren Bandendiebstahls sieben Jahre. Der Sohn von Adounise, heute zehn Jahre alt, besucht eine Grundschule in Neukölln. Vor ein paar Monaten hatte er scharfe Munition dabei; außerdem drückte er den Kopf eines Kinds auf der Schultoilette in die Kloschüssel.

Vor dem Landgericht Berlin muss sich gerade Issas Sohn Ismail, 20, verant - worten. Die Anklage lautet auf Mord. Im Mai 2017 soll er oder ein Komplize morgens um kurz vor acht, auf dem Bürgersteig vor verstörten Augenzeugen, so lange mit dem Baseballschläger auf den Kopf eines Opfers eingedroschen haben, bis der Schädel zertrümmert war. Der Mann hatte sich mit Vater Issa um Geld gestritten. Als Issa nicht zahlte, sei der andere über ihn hergezogen, so die Anklage. Vermutlich hatte sich das Opfer den Spaß gemacht, ein Facebook-Profil unter dem Namen »Issa Hase Eiri Rammo« zu erstellen. »Eiri Rammo« ist Arabisch und heißt »Mein Penis Rammo«.

Während der Sohn die Angelegenheit mit einem Baseballschläger in die Hand genommen haben soll, war Papa Issa weit weg, im Ausland. Die Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt – kein hinreichender Tatverdacht. Auch der Anwalt des Sohns gibt sich entspannt: ein falscher Vorwurf, ein reiner Indizienprozess. Er rechne mit Freispruch für den Jungen.

Berühmt-berüchtigt sind die Rammos für zwei spektakuläre Einbrüche in Berlin, die als Herausforderung an die Staatsmacht gelten können: Seht her, wenn wir wollen, dann können wir. Gerade läuft der Prozess gegen drei Nachwuchs-Rammos, die in Berlin eine der größten Goldmünzen der Welt, die »Big Maple Leaf«, aus dem Bode-Museum gestohlen haben sollen. Die Münze, Materialwert 3,75 Millionen Euro, ist verschwunden. Vermutlich eingeschmolzen.

Zum anderen war mindestens ein Rammo dabei, als 2014 im Stadtteil Ma - riendorf eine Sparkasse in die Luft flog. Toufic Rammo und zwei unbekannte Komplizen hatten 332 Schließfächer im Tresorraum geknackt und Beute im Wert von fast zehn Millionen Euro gemacht.

DERRAMMO - CLAN Goldmünze »Big Maple Leaf« 2010, zerstörte Sparkassen-Filiale in Berlin-Mariendorf 2014, Clanoberhaupt Issa Rammo

Hinterher wollten sie mit einem Feuer die Spuren verwischen, es gab eine Explosion, die Bank sah aus wie nach einem Bombenanschlag. Toufic Rammo bekam acht Jahre Haft.

Auf Spektakel versteht sich auch die Familie Al-Zein. Oder Al-Zain. Oder Al- Zayn. Oder, oder, oder. Die Polizei führt sie unter 15 Schreibweisen, auch das macht es schwer, sie zu überwachen. Aber weil bei Kontrollen meist keiner einen Ausweis dabeihat, kommt es auf die Schreibweise auch nicht mehr an.

Ihre wahre Visitenkarte war der KaDe- We-Überfall kurz vor Weihnachten 2014: fünf Männer, die mit Hämmern mehrere Vitrinen im Kaufhaus des Westens einschlugen und jeden, der in ihre Nähe kam, mit Pfefferspray besprühten. 79 Sekunden purer Schrecken, aufgezeichnet von Videokameras.

Die *l-Z**ns also. Den Clan unterscheidet auf den ersten Blick nicht viel von den Rammos. Eines aber doch, etwas Unerhörtes: Bei den Al-Zeins gab es nach dem KaDeWe-Coup und einem geplanten Mord zwei Kronzeugen. Komplizen, die auspackten. So etwas hatte die Polizei in diesem Milieu noch nicht erlebt. Und jetzt auch, weil Ali H. und sein Kumpel Mehmet A. ziemlich sicher waren, dass sie anders nicht überleben würden. Clanangehörige hätten gedroht, sie umzu - bringen. Da brachten die zwei lieber vorher den Clanchef Zaki, den mit dem Porsche, in den Knast. Er bekam knapp sieben Jahre.

Die beiden Männer sollten 2015 für Zaki nämlich einen Auftragsmord erle - digen. Eine Frau war mit ihrem Schwager durchgebrannt. Also musste der Schwager »totgemacht« werden. Eine Frage der Ehre.

»Das ist der Großauftraggeber. Seine Frau wurde gefickt«, klärt Mehmet A. die Ermittler auf. Und so reden die Kronzeugen weiter: Immer wird irgendeiner gefickt oder fickt einen anderen. Außer man ist auf Koks und kann gerade keinen ficken. Deshalb hatte der Ali schon ein paar Monate vorher den Überfall aufs KaDeWe verschlafen, an einem Donnerstag, also war der dann erst am Samstag. Abends feiert man gern im Puff. Koks. Nutten. Ficken. Man verspielt das Geld für die Mordwaffe, mit der man den Ömer erschießen soll, der diese Frau fickt.

Aber egal, man will ja sowieso keinen killen, man verarscht nur den Zaki, damit der denkt, dass man den Ömer killt und noch mehr Geld gibt. Und wenn er nicht zahlt, »ficke ich Zeki und seine Mutter«. Zaki? Zeki? Einmal rief dann angeblich einer von Zakis Leuten an und war stinksauer: »Du Schwein! Wir sind die Al- Zeins! Du fickst unsere Familie! Wir bringen dich um!« Will der angebliche Anrufer aber natürlich nie gesagt haben.

Wer dachte, das organisierte Verbrechen sei in den Händen der Clans gut orga - nisiert, den müssen die Protokolle über - raschen. Die Akteure darin schießen wie Flipperkugeln durch ihren Alltag. Drogensüchtig, jähzornig, schwer zu steuern. Am Ende aber, da liegen bei Zaki Al-Zein doch 16 Rolex- und Chopard-Uhren aus dem KaDeWe in der Wohnung. Und etwas später wälzt sich in einer Neuköllner Siedlung der Schwager, der Ömer, auf dem Gehweg. Mehmet A., einer der beiden späteren Kronzeugen, hat zweimal geschossen, in den Oberschenkel, damit ist der Auftrag für ihn erledigt.

DERAL - ZEIN - CLAN »El Presidente« Mahmoud Al-Zein 2018, Szene aus Überwachungsvideo vom Überfall auf das Kaufhaus des Westens 2014, Clanchef Zaki Al-Zein bei Festnahme 2016

später wälzt sich in einer Neuköllner Siedlung der Schwager, der Ömer, auf dem Gehweg. Mehmet A., einer der beiden späteren Kronzeugen, hat zweimal geschossen, in den Oberschenkel, damit ist der Auftrag für ihn erledigt.

Um zu verstehen , wie die Clans so stark werden konnten, muss man auch auf die andere Seite schauen, auf den Staat. Schon zwei Jahre bevor die Polizei bei den Al- Zeins in Neukölln die Türen einrammte und den Porsche einkassierte, nahm sie einen Unfall auf, mit Blechschaden am Porsche. Dass der Hartz-IV-Empfänger Zaki Al-Zein überhaupt mit einem Porsche Carrera Cabrio herumfuhr, schien keinen zu stören. Offenbar gingen die Beamten nicht immer so entschlossen vor, wie sie gekonnt hätten.

Bei dem Rammo-Knirps, der mit scharfer Munition zur Schule gegangen war und einen Mitschüler in die Toilettenschüssel gedrückt hatte, lag der Fall anders. »Wenn ich mal alle zusammenhabe, Jugendamt, Jobcenter, Polizei, Schule, dann sind zwar alle guten Willens. Nur über Namen dürfen wir nicht reden«, sagt Falko Liecke, Jugendstadtrat von Neukölln. »Datenschutz. « Da wurde am Tisch erst mal nur herumgedruckst.

Das zeigt: Nicht immer konnten Beamte in der Vergangenheit so konsequent gegen kriminelle Clanleute vorgehen, wie sie wollten. Sperrige Gesetze, fehlende Computerschnittstellen, zu wenig Per - sonal. Gerade in Berlin wurde die Polizei kaputtgespart, auf »Verschleiß gefahren«, wie der SPD-Abgeordnete Schreiber klagt. Henninger, der Inspektionsleiter, der so viel über Clans wusste wie kaum ein anderer, rotierte in einen anderen Bereich. Erst Wohnungseinbruch, jetzt Islamismus.

Und auch die Politik wollte offenbar nicht hart durchgreifen. »Man muss es wohl so deutlich sagen: Das Thema war politisch nie opportun, weil es um Migranten ging«, sagt Sebastian Fiedler, erster Mann beim Bund Deutscher Kriminal - beamter. Und der Berliner Innenpolitiker Schreiber – als Sozi nicht im Verdacht, das Geschäft der AfD zu betreiben – klagt: »Es gab viele Mahner und Warner. Ihre Aufrufe wurden jedoch bagatellisiert. Nach dem Motto: ›Das passt gerade nicht zur Wetterlage.‹«

Es waren dann die Familien selbst, die sich auf die politische Tagesordnung drängten, durch ihren Erfolg, durch das Spektakel, das sie veranstalteten: den Streit von Arafat Abou-Chaker mit Bushido, der die Welt der Clans auf Titelseiten hievte. Die so irren wie dreisten Überfälle, KaDeWe, die gesprengte Bank, die Goldmünze. Das immer unverschämtere Auftreten. Und auf der anderen Seite Bürger wie die Geschäftsleute in der Essener Nordstadt, die zu ihren Lokalpolitikern gingen und fragten: Merkt ihr noch was? Tut jetzt endlich mal etwas!

Inzwischen haben Politiker und Ermittler den Schalter umgelegt. Das Bundeskriminalamt hat im November eine Arbeitsgruppe »Clan-Kriminalität« ein - gesetzt und arbeitet an einem eigenen Kapitel für das Lagebild »Organisierte Kriminalität«. In Berlin trommelte Innen- senator Geisel die Chefs von Polizei-, Justiz- und Finanzbehörden zu einem »Clan- Gipfel« zusammen. Es geht darum, frisierte Autos einzuziehen, Shisha-Bars wegen Steuerdelikten zu schließen, öfter mal die Cafés und Imbisse zu kontrollieren, auf Hygiene, auf Jugendschutz; das ganze Arsenal an »Nadelstichen «.

Geisel will in diesem Jahr in den Libanon fliegen, um zu erreichen, dass Clanmitglieder mit »ungeklärtem« Status doch abgeschoben werden können. Und Liecke, der Jugendstadtrat von Neukölln, hat ein Konzept geschrieben. Seine Forderung: Fallkonferenzen für Clan kinder mit der Frage, ob man sie nicht aus der Familie nehmen muss.

In Nordrhein-Westfalen das gleiche Programm. Mitte Januar ließ Innen - minister Reul 1300 Polizisten in Shisha- Bars, Teestuben, Wettbüros ausschwärmen, zur »größten Razzia gegen Clan - kriminalität in der NRW-Geschichte«, wie sein Ministerium meldete. Eingeladen war die halbe Landespressekonferenz. Die öffentliche Mobilisierung steht ausdrücklich als Ziel im Keeas-Bericht des LKA: Es sei bei dem Projekt wichtig gewesen, »das Ausmaß von Clankriminalität in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt zu haben«.

In Berlin blieb es nicht bei Nadel - stichen: Die Fahnder nahmen dem Rammo- Clan 77 Immobilien weg. Verdacht auf Geld wäsche. Vermutlich trifft die Clans nichts härter, als das Geld zu verlieren, das sie vermeintlich schon in Sicherheit gebracht hatten, mit legalen Anlagen. Seit 2017 gibt es dafür ein neues Gesetz. Nun müssen die Rammos wohl beweisen, dass in den Häusern nicht die Millionen aus der gesprengten Sparkasse und an - deren Straftaten stecken – geschätzter Wert der Beute: 28 Millionen Euro. Die Rammos müssen zeigen, dass sie das Kapital ehrlich verdient haben.

Dafür spricht nicht viel: 2015 heftete sich das Berliner LKA an Karim Rammo, den Bruder des Sparkassen-Einbrechers Toufic. Karim kassierte Hartz IV, erkundigte sich aber bei der Justizkasse Spandau nach einer Wohnung für 481000 Euro, die gerade zwangsversteigert wurde. Ob »seine Zahlung« schon eingegangen sei. Er sei nämlich »der neue Eigentümer«, na ja, »sozusagen «.

Karim, das fanden die Fahnder heraus, war nicht der einzige Rammo, über den der Wohlstand so unerwartet hereinbrach. Einen der stolzen Berliner Hauseigen - tümer stöberte SPIEGEL TV in Beirut auf, Abdelrahim Mohammed, von Beruf Taxifahrer, Gärtner und offenbar Strohmann der Rammos. »Man muss viel arbeiten, um über die Runden zu kommen«, klagte er offenherzig, er verdiene im Monat ja nicht mal tausend Dollar. Damit kann man sich aber nur schwer eine Immobilie in Berlin leisten.

Trotzdem ist offen, ob die Rammos mit ihrer mutmaßlichen Masche nicht doch durchkommen. Rechtlich ist das alles Neuland, und selbst nach der Beschlagnahmeaktion flossen die Mieten aus den 77 Immobilien weiter in die mutmaßlichen Kanäle der Familie. Die Staatsanwaltschaft hatte die Zwangsverwaltung nicht übernehmen wollen; die Ankläger schätzen die Chancen vor Gericht angeblich nicht so optimistisch ein wie die Polizei. Aber immerhin: Der Staat hat den Kampf jetzt angenommen.

Wie er enden wird? Das traut sich kaum einer zu sagen. Gegen Rocker ging Ralf Jäger, der Vorgänger des NRW-Innenministers Reul, auch mit demonstrativer Härte vor; heute gibt es an Rhein und Ruhr mehr Rocker als vorher. Die Ermittler, die Stadtbeamten, die Politiker, sie alle müssten jetzt dranbleiben, über viele Jahre, fordert der Berliner SPD-Mann Schreiber. »Sonst wird die Bekämpfung der Clankriminalität ein Teelicht im Wind sein.«

Ohne den ernsthaften Versuch, gerade jungen Clanmitgliedern eine Perspek ti - ve für ein ehrliches Leben zu eröffnen, könnte es auch nur ein Teelicht im Sturm sein. Ansätze für solche Präventions - programme liegen vor, eine engere Betreuung von Jugendlichen etwa in nordrheinwest fälischen Großstädten. Sie sollen lernen, dass sich ein Leben ohne Verbrechen lohnt, selbst wenn es mit 400 Euro Lehrlingslohn im Monat beginnt statt mit 400 Euro für einen Botengang von 15 Minuten.

Vielen Clanjugendlichen fehle aber schlichtweg die »Ausstiegsoption«, sagt der Erlanger Clanexperte Rohe. Die würden zur Loyalität gezwungen.

Und was soll auch werden aus einem jungen Mann wie dem, der 2016 angeklagt war? In der Anklage steht sein amtlicher Name, einer der üblichen verdächtigen. Und der Vorname klingt so, als hätten die Eltern seine Identität von Geburt an verschleiern wollen. Er heißt: »Alias«.

Laura Backes, Jürgen Dahlkamp, Jörg Diehl, Lukas Eberle, Thomas Heise, Claas Meyer-Heuer, Andreas Ulrich

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VideoAuf der Spur der Clans

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FOTOS S. 12, 13: PAUL-LANGROCK.DE / DER SPIEGEL (R.); SPIEGEL TV (O.); POLIZEI BERLIN / DPA; S. 14, 15: GREGOR FISCHER / DPA (O.); MARTIN LENGEMANN / WELT / ULLSTEIN BILD

FOTOS: LARS BERG / DER SPIEGEL

FOTOS: GISELA SCHOBER / BRAUERPHOTOS (R.); MARIO FIRYN / BILD (M.); B.Z.

FOTOS: HEINZ-PETER BADER / REUTERS (R.); OLAF SELCHOW / BILD (M.); SPIEGEL TV

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