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Die Gattung Anthurium


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Gartenpraxis - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 04.10.2022

Aroids Teil VI

Artikelbild für den Artikel "Die Gattung Anthurium" aus der Ausgabe 10/2022 von Gartenpraxis. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gartenpraxis, Ausgabe 10/2022

A Anthurium crystallinum B A. andreanum C A. clavigerum D A. ‘Selby’s Silver’ E A. watermaliense F A. radicans G A. plowmanii H A. superbum I A. clarinervium J A. forgetii K A. veitchii L A. verapazense M A. regale N A. furcatum O 44 A. warocqueanum P A. peltigerum Q A. marmoratum R A. pedatoradiatum S A. luxurians T A. ‘Dorayaki’ U A. ‘Ace of Gartenpraxis 10-2022 Spades’ (Einige der abgebildeten Arten werden erst in Teil 2 von „Die Gattung Anthurium" beschrieben.)

Die Gattung Anthurium wurde erstmals 1829 von H. W. Schott mit Pothos acaulis, heute A. acaule, beschrieben. Bereits dreißig Jahre später waren 183 Arten bekannt. Ihr Habitat umfasst einen erheblichen Teil der Neotropis. Der Name Anthurium setzt sich aus den griechischen Worten „ánthos“ (Blüte) und „oura“ (Schwanz) zusammen, was sich auf den schwanzähnlich aussehenden Blütenkolben (Spadix) bezieht.

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Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Mexiko über Mittelamerika bis nach Brasilien und Argentinien. Hotspots sind dabei Mittelamerika mit mindestens 650 bekannten Arten, Venezuela und Westbrasilien (je über 150 Arten) und die prämontanen Gebiete am Pazifikhang im Westen Kolumbiens (mehr als 500 Arten), die in einer Übergangszone zwischen tropischem Feuchtwald und Regenwald liegen. Ein großer Teil Ecuadors ist ähnlich artenreich (236 Spezies). Dagegen ist das pazifische Tiefland im Westen Ecuadors saisonal zu trocken (und inzwischen größtenteils entwaldet). In Chile gibt es keine Anthurien, in Uruguay sind lediglich vier Arten bekannt.

Morphologie

Die Laubblätter der Anthurien sind deutlich in kurze Blattscheide, Blattstiel und Blattspreite gegliedert. Die mehr oder weniger ledrigen, selten dünnen Blattspreiten mit meist erhabener Mittelrippe zeigen eine große Bandbreite an Formen. Viele sind elliptisch bis lanzettlich, wie bei der bekannten „Flamingoblume“. Andere sind oval bis breit-oval oder handförmig gelappt (pinnatifid), oft nur im äußeren Randbereich oder auch bis fast zum Blattstielansatz. Einige zeigen eine Nervatur, die je nach Art optisch unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Ihre Basal- und Seitennerven bilden bei manchen Arten einen gemeinsamen Nerv entlang des Blattrandes, der oft noch weißlich bis silbrig gefärbt ist und damit ein äußerst dekoratives Muster zeigt. Einige Arten besitzen gewellte, geriffelte und gerippte oder auch gefaltete Blattspreiten und bei wenigen zeigen die Blattspreiten eine Oberfläche, die wie „gehämmertes Metall“ (bullat) aussieht.

Die meist steifen (und dadurch beim Pflanzentransport oft bruchgefährdeten) Blattstiele besitzen, je nach Art, unterschiedliche Querschnitte, die wie bei vielen Aroids auch bei Anthurien ein wichtiges Merkmal zur Artbestimmung sind. Die Blütenstände stehen meist aufrecht. Es gibt auch Arten mit schräg stehenden bis hängenden Infloreszenzen. Ihre zahlreichen kleinen Einzelblüten sind in engen Spiralen auf einer Spadix (Kolben) angeordnet. Manche Arten haben attraktiv wie ein Korkenzieher gewendelte Spadices. Der Kolben wird von einer freien (nicht verwachsenen) Spatha (Hochblatt) mit unterschiedlicher Form und Färbung, meist im schrägen Winkel dazu stehend, überragt. Der Fruchtstand kann ebenfalls hängen oder aufrecht stehen und trägt fleischige Beeren, die überwiegend schwarz, weißlich, rot oder orange gefärbt sind und in der Regel zwei Samen (einen pro Kammer) enthalten.

Ansprüche in der Kultur

Anthurien kommen in den pazifischen und östlichen Anden sowie im Amazonasbecken in Höhen von wenig über dem Meeresspiegel bis zu 2.500 m vor, meist an nur partiell belichteten, aber feuchten Standorten mit hoher Luftfeuchtigkeit. Sie wachsen epiphytisch, auch terrestrisch und wenige Arten auch kletternd.

Licht

Entsprechend den Bedingungen am Naturstandort ist das Bedürfnis nach Sonne nicht hoch. Nordfenster sind für ihre Zimmerkultur gut geeignet, sofern sie hell sind – denn in den neotropischen Regionen ist ein schattiger Standort kein dunkler Standort. Die Lichtintensität ist auch am Boden noch hoch. Bei direkter Sonneneinstrahlung verbrennen die Blätter leicht, besonders bei panaschierten Selektionen. Werden die Begriffe „Sonneneinstrahlung“ und „Licht“ verwechselt, also Anthurien über mehrere Stunden Tag für Tag der vollen mitteleuropäischen Mittagssonne ausgesetzt, bedeutet das ihren sicheren Tod.

Tipp

Vorsicht beim Kauf von frisch getopften Sämlingen! Die Ausfallquote ist in dieser Phase erfahrungsgemäß sehr hoch. Erfolg versprechender ist deshalb der Kauf von verpflanzten Jungpflanzen, die am gleichen Standort beim Verkäufer bereits einige Zeit wieder eingewurzelt sind.

Substrat

Auch wenn sie einen feuchten Fuß lieben, vertragen sie keine Staunässe, vor allem wenn die Temperaturen in der Kultur nicht so hoch sind wie im Habitat. Das Substrat darf niemals vollständig austrocknen. Geeignet sind durchlässige Mischungen aus lockeren, groben Rindensubstraten für Orchideen, vermengt mit Torf oder Sphagnum und Perlite, Lecaton, Bims oder Rundkies (2–6 mm, besonders im unteren Gefäßbereich) zur Dränage. Als Gefäß eignen sich offene Orchideenkörbe aus Holz, gelochte Tontöpfe für Orchideen oder feingelochte Töpfe für Seerosen. Durchsichtige Orchideentöpfe erlauben eine einfache Kontrolle der Substratfeuchte.

Düngung

Anthurien sind Starkzehrer, haben aber salzempfindliche Wurzeln. Sobald sie das Jungpflanzenstadium verlassen und Wurzeln haben, wird eine Beimengung von Hornspänen oder Urgesteinsmehl zum Substrat empfohlen. Ich verwende umhüllte Dünger (N-P-K im Verhältnis von etwa 11-6-9). Anthurien benötigen keine Winterruhe, sie blühen somit auch über das ganze Jahr, unabhängig von der Jahreszeit.

Luftfeuchtigkeit

Alle Arten benötigen eine hohe Luftfeuchtigkeit. Ein größerer, wassergefüllter Untersetzer erhöht die Luftfeuchte. Um Staunässe zu vermeiden, muss der Topf etwas erhöht über dem Untersetzer stehen oder mit Rundkies gefüllt sein.

Bewässerung

Besprühen Sie das Substrat am Abend mit kalkfreiem oder kalkarmem Wasser so, dass es oberflächlich mit Wasser gesättigt wird. Anfangs dabei ab und an noch kontrollieren, ob auch eine Grundfeuchte im unteren Gefäßbereich vorhanden ist, sodass die Faserwurzeln dort nicht vertrocknen (aber auch nicht „ersaufen“). Die oberirdischen Pflanzenteile erhalten dabei automatisch ausreichend Feuchtigkeit.

Oberirdische Wurzeln

Bei guter Pflege bilden Anthurien ab dem Übergang zur adulten Phase am Stamm oberhalb der Substratoberfläche ringsum zahlreiche Wurzelkränze (Adventivwurzeln), über die sie die benötigte Feuchtigkeit aufnehmen. Die unterirdischen Wurzeln haben dann eher nur noch eine Haltefunktion. Ein natürlicher Vorgang ist auch, dass sich viele Arten in dieser Phase vom Substrat abheben, also wie auf „Stelzwurzeln“ stehen. Bei Zimmerkultur fördert eine – leichte – Bedeckung der Topfoberfläche mit Sphagnum oder grobem Kokos die Bildung der Oberflächenwurzeln und schützt gegen Austrocknen.

Pflege

Bei minimaler Beachtung ihrer Ansprüche ist auch die Pflege von weiteren Anthurium-Arten (über die „Flamingoblume“ hinaus) im warmen Zimmer oder Wintergarten relativ wenig problematisch. Die Temperaturen sollten jedoch nicht unter etwa 20 °C fallen. Tiefere Temperaturen werden zeitweise – von einigen Arten mit harten, ledrigen Blättern – vertragen, sofern sie dann mit der Bodenfeuchte im

Einklang stehen, um Fäulnis zu vermeiden. Denn auch in vielen Ländern der Neotropis sind sie am Naturstandort bis in Höhen von 2.500 m zu Hause (Anden, Kordilleren usw). Im Grunde sind es oft harte Burschen (wenn sie nicht gerade aus den Niederungen des Amazonasbeckens stammen), auch wenn man anfänglich in Kultur mal ein gelbes Blatt als Lehrgeld verbuchen muss. Sie verzeihen Pflegefehler, sofern man diese rechtzeitig erkennt und abstellt.

Anthurium-Arten

Auffallende Zierwirkung bei der am häufigsten bei uns verkauften Großen sowie der Kleinen Flamingoblume haben eigentlich nur die Blütenstände. Beide sind die einzigen natürlichen Arten, die eine rot gefärbte Spatha (Hochblatt) besitzen. Seit Jahrzehnten werden beide Arten für Kreuzungen bzw. Selektionen verwendet, um Hybriden mit Spathen in vielen leuchtenden Farben und Mustern sowie manchmal einzigartigen Formen zu züchten. Dementsprechend gibt es von beiden Arten Tausende benamte Hybriden mit weißem bis fast schwarzem Hochblatt und allen farblichen Schattierungen, die dazwischen liegen.

Anthurium andreanum

Die Große Flamingoblume erreicht im Zimmer eine Höhe von etwa 40 cm. Ihre mattglänzenden ledrigen, 10 bis 20 cm langen und zwischen 2,5 und 3,5 cm breiten symmetrischen Blattspreiten sind dunkelgrün, oval-sagittat mit zugespitzter Spitze und tief herzförmiger Basis. Der aufrechte Blütenstand besteht (je nach Reife) aus einem weißlich-cremegelben Kolben, das Hochblatt ist wachsrot.

A. andreanum (1B, 2) wird seit etwa 100 Jahren intensiv kultiviert. Ursprünglich kommt die Art aus einem relativ kleinen Gebiet tropischer Feuchtwälder im Südwesten Kolumbiens vor, wo sie von André & Linden 1876 in der Provinz Novo-Granatense gefunden und 1877 beschrieben wurde. Spätere Funde gab es auch in den Departements Valle de Cauca und Chocó in Höhen zwischen 600 bis 2.650 m und in der angrenzenden Provinz Carchi im Nordwesten Ecuadors. Dort wächst es überwiegend epiphytisch, breitet sich an geeigneten Bäumen aber auch vertikal kletternd aus und bildet dabei Cluster. Hierfür bildet es oberirdisch zahlreiche Luftwurzeln aus. Eine Eigenschaft, die auch oft noch an den züchterisch bearbeiteten Formen vorhanden ist und erkennbar wird, wenn die Exemplare ihr juveniles Stadium verlassen.

Anthurium scherzerianum

Die Erstbeschreibung erfolgte durch H.W. Schott 1857 im Österreichischen Botanischen Wochenblatt. Ed. André schreibt in „L’ Illustration horticole” 1877 hierüber begeistert: „Von allen Aroides, die bis heute in unseren Gewächshäusern kultiviert werden, haben wir zu Recht mit Anthurium Scherzerianum einen Brillanten. Langlebige Blüten, von außergewöhnlicher Brillanz, von regelmäßigem Wuchs, mittelgroß, Blätter 25 Zentimeter hoch, Blatt herzförmig, aufrechter Blütenstand 30 Zentimeter. Wer sich schließlich angesprochen fühlt, dies ist eine Spezies erster Ordnung!“

Anthurium brownii

(3) Das Elefantenohr-Anthurium ist in Kolumbien, Costa Rica, Ecuador, Panama und Venezuela in prämontanen Feuchtund Regenwäldern von knapp über Meeresspiegel bis zu 1.200 m beheimatet und wächst terrestrisch. Die dicken lederartigen Blätter erinnern mit dem tiefen und breiten Sinus, der die beiden abgerundeten Basallappen trennt, an ein Elefantenohr. Verstärkt wird dieser Effekt durch die stark gewellten Ränder der dunkelgrünen Blätter. Bei entsprechenden Lichtverhältnissen färben diese bis zu schwarzgrün. Ein schöner Kontrast ist zusätzlich die gelbliche Hauptvene mit hellgrünen Adern, manchmal partiell rötlich getönt. Primärvenen 4 bis 8 pro Seite, im Hinterlappen intensiver hervortretend. Abmessungen im Habitat: Blattstiele bis 100 cm lang, Blattvorderlappen 11 bis 40 cm lang, Hinterlappen 4 bis 13 cm lang. In der juvenilen Phase sind diese Merkmale noch nicht so stark ausgeprägt. Ebenfalls zierend sind die lange violette Spadix und später die rot-orangen Beeren. Die Art kommt in der Natur in höheren Bergregionen vor und hat festere Blätter. Daher ist sie für die Kultur im Zimmer oder warmen Wintergarten geeignet.

Anthurium ‘Arrow’ ist eine empfehlenswerte Selektion aus A. brownii mit 50 bis 70 cm Höhe. Die Blattspreiten sind kürzer, aber breiter und zeigen dadurch eine Form, die an einen dreieckigen Pfeil erinnert. In der Regel sind sie auch grün, jedoch gibt es auch Selektionen mit schwärzlicher Blattfarbe (‘Black Arrow’), die noch etwas niedriger bleibt.

Anthurium clavigerum

(1C, 4) Diese Art hat außergewöhnlich handförmig geteilte Blätter (clavigerum = keulentragend), die aus meist sieben (bis 12) Segmenten zusammengesetzt sind. Sie stehen horizontal etwa 270 bis 320 Grad um den Stängel, wobei die Segmente radial nach beiden Seiten zunehmend kürzer werden. Die pinnatifiden Segmente haben im Habitat eine Länge zwischen 25 bis 100 cm und sind 4 bis 12 cm breit, am Rand mehr oder flach gerundet oder gelappt, über die halbe Tiefe oder ziemlich bis zur Mittelvene. An der Spitze zugespitzt, an der Basis spitz. Die Stängel erreichen im Habitat bis zu 150 cm Höhe bei 3 bis 4 cm Durchmesser. Blütenstand bogenförmig hängend, Stiel bis 90 cm lang. Spatha lederartig, lanzettlich und violett, ebenso die Beerenfrüchte.

A. clavigerum kommt in Mittel- sowie im südlichen tropischen Amerika in den Regenwäldern und prämontanen Feuchtwäldern von Meereshöhe bis 700 m und höher vor. Dort wächst es terrestrisch, meist in Flussnähe.

Trotz der nicht unerheblichen Ausmaße im Habitat ist eine Kultur im Zimmer oder warmen Wintergarten möglich. Adulte Pflanzen erreichen bei uns etwa 40 bis 60 % der zuvor beschriebenen Abmessungen. Die Art benötigt bei uns für eine erfolgreiche Kultur Temperaturen im mittleren 20-Grad-Bereich und Luftfeuchtigkeit nicht unter 70 %. Jungpflanzen besitzen zunächst weniger Blattsegmente und wachsen kompakter, sodass zumindest anfangs eine Kultur auf dem Fensterbrett gut möglich ist.

Anthurium clarinervium

(1I, 5) Die Art ist wegen ihrer Robustheit wohl der in den Gartencentern am meisten gehandelte Vertreter der Gattung aus der Gruppe mit weißlich-silber geaderten Venen (Samt-Anthurien). Diese sind immer nach einem genetisch festgelegten Muster angeordnet, wobei bei dieser Art auch die dünneren Venen silbrig gezeich- net sind. Damit heben sie sich auffallend vom samtigen Dunkelgrün der Blattspreiten ab. Die Blätter sind herzförmig mit leicht gewelltem Rand und erreichen in Kultur nach einiger Zeit etwa 10 bis 15 cm Breite bei bis zu 25 cm Länge. Da sie bei dieser Art ungewöhnlich dick und steif sind, sind sie bei Zimmerkultur unempfindlicher gegenüber niedrigeren Temperaturen (mindestens 21 °C) und vertragen auch etwas Sonne. Juvenile Blätter erscheinen zunächst gelblich braun mit helleren Venen. Die Blattstiele sind rund. Dies ist ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Arten der samtblättrigen Anthurien.

Das endemische Habitat befindet sich in einer Höhe von 800 bis 1.200 m im südlichen Teil von Mexiko im Bundesstaat Chiapas. Dort wachsen sie terrestrisch, tief zwischen Felsen verwurzelt oder in einer dünnen Substratschicht auf Felsen. Der Blütenstand ist grünlich weiß, die Früchte hellorange.

Anthurium crystallinum

(1A, 7) Die Art wurde von É. F. André in Kolumbien entdeckt. Nach Herbarmaterial fertigte P. J. de Pannemaeker eine Zeichnung an, welche sie ihrer Erstbeschreibung im Jahr 1873 beigefügten. Seitdem wurde allerdings in Kolumbien kein Exemplar mehr gefunden, das mit der damaligen Zeichnung übereinstimmt. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zu ähnlichen Arten wie A. clarinervium und A. forgetii ist der stark ausgeprägte, sogenannte „Sinus“ (dieser Fachbegriff bezeichnet den Raum zwischen den beiden hinteren Lappen). Sie überlappen sich oben bis zu 1 cm, sodass eine verkehrt eiförmige bis dreieckige (aber geschlossene!) kleine Öffnung entsteht. Die Blätter besitzen eine attraktive dunkelgrüne Färbung mit samtigem Aussehen und wurden damals im Habitat mit etwa 25 bis 40 cm Länge und 15 bis 22 cm Breite beschrieben. Der Vorderlappen ist am breitesten in der Mitte (20 bis 35 cm) und vorn abrupt zugespitzt. Zwischenadern sind kaum sichtbar, Nebenadern auffällig, besonders am Blattgrund.

Anthurium forgetii

(1J, 6) In Gardeners’ Chronicle London beschreibt N. E. Brown 1906 erstmals A. forgetii. Der Pflanzenjäger L. Forget fand es an steilen Flussschluchten im kolumbianischen Department Cundinamarca und sendete „einen großen Bestand“ an seinen Auftraggeber, die englische Pflanzenhandelsfirma Sander & Sons.

Denn obwohl es als Kulturpflanze zahlreich angeboten wird, wurde A. forgetii im bezeichneten Gebiet und anderswo in Kolumbien autochthon niemals wieder gefunden. Das bestätigt auch T. Croat auf Nachfrage: „A. forgetii ist in der freien Natur wahrscheinlich schon seit vielen Jahren ausgestorben. Ich habe es nie gesehen, außer in Kultur.” Brown schreibt in seiner damaligen Vorstellung: „Die jetzt beschriebene Neuheit ist eine hübsche Blattpflanze, die mit der bekannten A. crystallinum verwandt ist, sich aber zunächst durch ihre viel kleinere Größe unterscheidet. Denn erstens erreicht es nur etwa ein Viertel der Größe von A. crystallinum und zweitens durch seine ganzrandigen Blätter, die von einem schönen, satten tiefen Grün und mit einem samtigen Glanz überzogen, das Auge außerordentlich erfreuen. … Die Venen sind auch weniger, mit einer etwas anderen Krümmung, und sind weniger mattweiß als bei A. crystallinum.“ Aus Brown’s Originalbeschreibung weiter zusammengefasst: „Ohne Blütenstand etwa 40 cm hoch. Blattspreite hängend, 25 bis 35 cm, rund oder elliptisch-eiförmig, ganzrandig (der Sinus ist geschlossen!), kurz zugespitzt. Breit am Grund gerundet oder nur schwach spitz zulaufend. Von einem satten und angenehmen Dunkelgrün überzogen, samtig glänzend, mit sehr blassgrünen Nerven und Hauptadern, die häufig einen mattweißen Rand haben. Unterseite blassgrün, manchmal mit leicht violettem Schimmer. Von der Mittelrippe drei oder vier Hauptadern auf jeder Seite, die sich mit dem inneren Nervenpaar vereinigen und Schlingen bilden. Der überhängende Blütenstiel ist etwa doppelt so hoch wie der der Blätter. Spadix etwa 15 cm lang, ockergelb mit einer wachsartig glänzenden Oberfläche.“

Diese ausführliche Beschreibung ermöglicht, die Suche nach einem dem Typ nahekommenden Exemplar aufzunehmen. Dieses sollte fast kreisrunde, geschlossenrandige Blätter und extrem lange Blattstiele haben, die länger sind als der Blattdurchmesser.

Anthurium hookeri

(8) Es gibt zahlreiche Anthurium-Arten, die in „Vogelnest“-Form wachsen. Die Klassiker hierfür sind A. hookeri, englisch West Indian Bird’s Nest Anthurium, und A. plowmanii (1G). Ersteres ist auf vielen Inseln der unteren östlichen Karibik zu Hause, darunter Dominica, Grenada, Guadeloupe, Montserrat, Nevis, St. Kitts, St. Lucia, St. Vincent und Trinidad, sowie ver- einzelt auch im Norden Venezuelas. Es ist in der Natur bereits relativ selten zu finden, wird jedoch in den Ländern Mesoamerikas häufig in der Landschaftsgestaltung verwendet. Erstbeschreibung vom deutschen Botaniker Carl Sigismund Kunth (1788–1850). Benamt von ihm zu Ehren des ehemaligen Direktors der Royal Botanic Gardens, Kew in London, Botaniker Sir William Jackson Hooker (1785–1865). Es existierten zahlreiche weitere, inzwischen allesamt ungültige Namen. Die Art wächst sowohl epiphytisch als auch terrestrisch. Aufgrund ihrer Endgröße und dadurch enormen Gewichts ist allerdings adult wohl nur noch terrestrisch realistisch.

Aus einer kurzen Sprossachse, aus der sich auch zahlreiche Luftwurzeln entwickeln, entspringt eine Rosette aus blassgrünen, sehr harten, verkehrt-eiförmigen bis verkehrt-lanzettlichen Blättern, die 2 bis 10 cm lange Blattstiele besitzen. Die zentrale und die seitlichen Venen heben sich blassgrün ab. Im Habitat erreicht jedes einzelne Blatt eine Länge von 1 mund mehr bei einer Breite bis etwa 60 cm. Somit kann ein adultes Exemplar dort mehr als 2 mDurchmesser erreichen. Die Blätter stehen auffallend im relativ steilen Winkel von etwa 60 Grad. Unter besten Kulturbedingungen bei uns ist eine Länge von bis zu 1 mund eine Breite von 40 cm möglich. Die Beeren sind entgegen manchen Beschreibungen oder Fotos nicht rot, sondern glasig weiß!

Exemplare mit dem Namen Anthurium hookeri werden in den Tropen und Subtropen häufig als Landschaftspflanzen verkauft und sind in Gärtnereien dort überall erhältlich. So gut wie diese Exemplare sind heute Hybridpflanzen. Sie entsprechen in ihren Merkmalen nicht vollständig den echten Wildvorkommen. Sofern diese gewellte Blattränder besitzen, ist es wahrscheinlich, dass A. plowmanii ein Elternteil ist. Dessen Gene verstärken die Zierwirkung aber ungemein. Somit sollte man beim Kauf besonders nach solchen Exemplaren Ausschau halten, was auch schon bei juvenilen Exemplaren erkennbar ist. Sofern Ihr A. hookeri etwas anders aussehen sollte als diese Beschreibung oder auf dem Foto: Der Name „Anthurium hookeri“ wird inzwischen sehr oft auch inkorrekt für alle nicht direkt zuordenbaren Anthurium-Hybriden verwendet, auch wenn sie die Art nicht wirklich präsentieren. Denn viele Anthurium-Hybriden lassen sich inzwischen schwer eindeutig zuordnen, weil ein Elternteil oder die Eltern unbekannt sind. Das gilt neuerdings ebenso für buntblättrige Formen, die inzwischen überwiegend auch meist aus generativer Vermehrung stammen. (9, 10)

Anthurium hookeri ‘Big Red Bird’: Die breit-lanzettlichen Blätter von A. hookeri ‘Big Red Bird’ erscheinen sehr hellgrün und färben sich auf dem Weg zum adulten Blatt dunkler mit rötlichem Schimmer, partiell dann auch zentrale Venen. Vereinzelt färben sich auch immer wieder einzelne Blätter bis tief schokoladenbraun. Die rote Mittelvene steht dann im auffälligen Kontrast dazu. Durch die ebenfalls harten Blätter ist es ebenso widerstandsfähig wie die Art und als junge Pflanze für Kultur im Zimmer gut geeignet. Ältere Exemplare benötigen dann wie die Art mehr Platz und eher den warmen Wintergarten.

Anthurium jenmanii

A. jenmanii hat ein ähnliches Verbreitungsgebiet wie A. hookeri. Erstgenannte kommt jedoch in niedrigeren Höhen, vom Meeresspiegel bis 500 m vor, hauptsächlich epiphytisch, wobei sie lange Luftwurzeln bildet, die bis zum Boden reichen. Allerdings trifft man sie auch terrestrisch wachsend an. Mit A. hookeri hat es auf den ersten Blick morphologische Ähnlichkeiten. Grundsätzlich sind seine Blätter aber schmaler, jedoch ebenso lederartig. Ziemlich aufrecht stehend (etwa 60 Grad), die Ränder mäßig gewellt. Länge im Habitat 40 bis 100 cm bei einer Breite von 10 bis 50 cm. Ebenfalls verkehrt-lanzettlich bis verkehrt-elliptisch, am breitesten in der Nähe der Mitte, zur Spitze hin stumpfabgerundet, pro Seite 5 bis 13 primäre Seitenadern. Blütenstände breit aufrecht bis breit hängend, 25 bis 80 cm lang, violettbraun, Beeren leuchtend violett. Noch schmalere Blätter besitzen A. carchiense und A. crassinervium (Blattrand ebenfalls gewellt). Die Einheimischen benutzen die Luftwurzeln als Bindematerial.

Dem Autor sind davon zwei Variationen bekannt: ‘Aurea’ mit hell-gelblich scheinenden Blättern und ‘Variegata’ mit unregelmäßig gelb gesprenkelt grünen Blättern, halb gelb gefärbt (durch die Mittelrippe geteilt) oder auch (fast) völlig gelb gefärbt. Alle diese farblichen Varianten kommen parallel an einer Pflanze vor. (11)

Anthurium magnificum

Auch A. magnificum gehört zur Sektion Cardiolonchium (samtblättrige Anthurien). Es könnte auf den ersten Blick mit A. clarinervium verwechselt werden. Doch bei diesem sind die Blattstiele rund, während A. magnificum viereckige besitzt. Seine samtigen, senkrecht stehenden herzförmigen Blattspreiten sind dick und lederartig. Adult dunkelgrün, können sie entlang der Hauptblattadern zweifarbig mit einem hellen Silbergrün sein. In Verbindung mit juvenilen, beim ersten Entfalten bräunlich weinroten Blattspreiten, ruft es absolute Aufmerksamkeit hervor. Spatha und Spadix sind ebenso bräunlich weinrot, aber nicht besonders auffällig. Habitat endemisch in Kolumbien am östlichen Abhang der Kordilleren (Departement Cundinamarca) in Höhen zwischen 800 bis 2.125 m. Durch sein dickes, ledriges Blatt und die Herkunft ist A. magnificum ebenso für Zimmerkultur empfehlenswert wie A. clarinervium und ähnliche Arten dieser Sektion.

Anthurium podophyllum

An dieser Stelle soll auch A. podophyllum aufgeführt werden. Wegen seiner Zierwirkung ist es für die Zimmerkultur bei uns einen Versuch wert, denn es ist kühlere Temperaturen gewohnt. Sein autochthoner Standort befindet sich in der Nähe von Veracruz und Oaxaca in der Sierra Juárez (Sierra Madre) im tropischen Mexiko in Höhenlagen zwischen 750 bis 2.000 m im submontanen Berg-Nebelwald.

Die ungewöhnlich geformte, terrestrisch wachsende Anthurie hat „krause“ Blattspreiten, die auf langen Blattstielen, oft bis zu 1 mlang, sitzen. Diese sind aufrecht-ausladend 40 bis 70 cm lang, bis zum Geniculum hin tief gelappt mit fünf bis zwölf Segmenten (gilt alles im Habitat). Das fiederspaltige Blatt ist in seiner Struktur schwer mit Worten zu beschreiben, das Foto veranschaulicht das Aussehen. (12)

Die Sierra Juárez ist eines der feuchtesten Gebiete des Bundesstaates Oaxaca und beherbergt mehr als 8.000 Pflanzenarten, darunter auch viele aus der Familie Bromeliaceae (meist epiphytisch). Das Klima ist gemäßigt feucht mit Regen im Sommer; die jährliche Niederschlagsmenge liegt zwischen 1.000 und 2.000 mm. In höheren Lagen geht dort die Vegetation in Pinien- und Eichenwälder über und die Gipfel (bis 3.250 m) sind im Winter sogar schneebedeckt.

Im nächsten und abschließenden Teil der Serie beschreibt Wolfgang Orlamünde weitere kulturwürdige und seltene Arten der Gattung Anthurium. 

Wolfgang H. Orlamünde

Gärtnermeister, der in Thailand Aroids sammelt und kultiviert