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DIE GEBURTSSTUNDE DES STOCKHOLM SYNDROMS


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 28.03.2022

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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 4/2022

Polizisten umstellen die Bank am Norrmalmstorg in Stockholm

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Der Mann stellte sich in der Reihe vor dem Schalter an, setzte seine Tasche ab, zog eine Maschinenpistole heraus und feuerte eine Salve in die Decke. „Die Party hat begonnen“, brüllte er auf Englisch. „Alle auf den Boden!“

In der Bank waren etwa 30 Kunden. Der Bewaffnete drohte, jeden zu erschießen, der nicht tat, was er sagte. Eine Frau, die unter einen Tisch gekrochen war, schrie er an aufzustehen und befahl einem Bankangestellten, ihr die Hand­ und Fußgelenke zusammenzubinden. Dann ließ der Mann zwei weitere Frauen fesseln.

Schon bald verschafften sich Polizisten Zugang zur Chefetage im ersten Stock der Bank. Ein Kriminalbeamter in Zivilkleidung ging mit gezogener Pistole die Treppe hinunter in die Eingangshalle und befahl dem Bankräuber, die Waffe niederzulegen. Dieser ging stattdessen auf die Knie und schoss. Der Beamte spürte einen Schmerz in der rechten Hand, blutend zog er sich ...

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Der Bankräuber stellte seine Forderungen: drei Millionen Schwedische Kronen (entspricht heute etwa 4 Millionen Euro). Außerdem sollte der berüchtigtste Verbrecher Schwedens, der 26 Jahre alte Clark Olofsson, aus dem Gefängnis entlassen und in die Bank gebracht werden.

Die Polizisten hielten den Bankräuber zunächst für einen internationalen Terroristen. Er sprach Englisch und schien kein Schwedisch zu verstehen. Doch er war Schwede: Jan­ Erik Olsson, genannt Janne, 32, ein Tresorknacker mit einem Vorstrafenregister, das Einbrüche und Körperverletzung umfasste. Er saß eine dreijährige Haftstrafe wegen schweren Diebstahls ab, war aber bei einem Freigang geflohen, den man ihm wegen guter Führung gewährt hatte.

Janne Olsson und Clark Olofsson hatten sich vier Monate zuvor im Gefängnis von Kalmar kennengelernt, wo ihre Zellen nebeneinander lagen. Janne bewunderte Clarks Intelligenz, seinen Ruf in der Unterwelt, und ihm gefielen seine Geschichten von spannenden, lukrativen Raubzügen. Clark genoss die Aufmerksamkeit.

AUS: SIX DAYS IN AUGUST; © 2020 DAVID KING

JANNE OLSSON WILL SEINEN KUMPEL CLARK OLOFSSON BEFREIEN UND MIT VIEL GELD ENTKOMMEN

Doch nach einem misslungenen Fluchtversuch, bei dem Janne ihm geholfen hatte, war Clark in das sicherere Gefängnis in Norrköping verlegt worden. Nun wollte Janne Clark befreien und gleichzeitig mit viel Geld entkommen.

In der Bank behielt Janne die drei Geiseln an seiner Seite. Es waren die 23­jährige Kreditsachbearbeiterin Kristin Enmark, die 21­jährige Angestellte Elisabeth Oldgren und die 31 Jahre alte Teilzeitkraft Birgitta Lundblad, Mutter von zwei Kindern.

Um 10.30 Uhr ging Polizeikommissar Sven Thorander die Treppe hinunter in die Eingangshalle. Wie vereinbart zog der 56­Jährige dort die Jacke aus, drehte sich um, damit der Bankräuber sehen konnte, dass er keine Waffe trug, und trat dann einen Schritt vor.

„Stehen bleiben!“, rief Janne. „Wer bist du?“

„Kommissar Sven Thorander.“

Der Bankräuber gab ihm zu verstehen, dass Clark und das Geld in zweieinhalb Stunden da sein müssten, sonst … er richtete die Waffe auf die gefesselten Frauen.

Als Thorander wieder gegangen war, beschloss die Polizei angesichts der knappen Frist, die Hälfte des Lösegelds zu zahlen – in brandneuen Scheinen mit fortlaufender Nummerierung und noch gebündelt. Doch Janne forderte stattdessen alte Banknoten, weil sie schwieriger nachzuverfolgen waren.

In der Zwischenzeit wurde Clark im Gefängnis von Norrköping zu Direktorin Gunilla Arnerdal gebracht. Jemand wolle ihn sprechen, sagte sie. Er nahm den Hörer entgegen und eine Stimme fragte ihn auf Englisch: „Willst du zu meiner Party in Stockholm kommen?“

Um sicher zu sein, dass Clark ihn auch erkannte, sagte Janne noch einige Worte auf Arabisch, die Clark aus seiner Zeit in Beirut kannte und ihm im Gefängnis beigebracht hatte. Da begriff Clark, wer sprach.

„Was soll das?“, fragte er, als er auflegt hatte. Die Gefängnisdirektorin informierte ihn über den Banküberfall und die Forderung nach seiner Freilassung. Jetzt wurde Clark alles klar. Er erinnerte sich an seine „Gutenachtgeschichten“ über spannende kriminelle Eskapaden und mögliche Raubüberfälle, auch mit Geiselnahme. Janne hatte ihm dabei aufmerksam zugehört, doch Clark hätte nie gedacht, dass er zur Tat schreiten würde.

Auf dem Norrmalmstorg wimmelte es von Polizisten. Ausgestattet mit Helmen, kugelsicheren Westen und Maschinenpistolen liefen sie zwischen Autos, Lieferwagen und Tischen herum. Andere Beamte rückten, jede Deckung ausnutzend, über den Bürgersteig näher an das Bankgebäude heran.

Radioreporter informierten die Bevölkerung im Stundenrhythmus. Bald fanden sich auch Fernsehteams dort ein, um über den spannendsten Bankraub der neueren Geschichte – wie die Boulevardpresse ihn bald taufte – zu berichten.

Um 16.15 Uhr fuhren drei Fahrzeuge vor. Dem zweiten entstieg Clark in blau­weiß meliertem Pullover und blauer Kordhose. Zwei Polizisten eskortierten ihn in Handschellen ins Bankgebäude. Überall auf dem Platz blitzten die Kameras. Ein Reporter beschrieb Clark als eine „ungepflegte skandinavische Mischung aus Jesse James und Warren Beatty“.

Die Polizisten führten ihn zunächst in die erste Etage zu Thorander, den er von Zeitungsbildern kannte. Auch Polizeichef Kurt Lindroth war anwesend. Sie appellierten an Clark, „eine gute Tat zu tun“ und die Geiseln zu retten. Auf der Fahrt nach Stockholm hatte er versichert, er wäre zu allem bereit, um seine Haftzeit zu verkürzen. Thorander sprach von einem einwöchigen Hafturlaub und möglicher polizeilicher Unterstützung für eine Begnadigung. Daraufhin sagte Clark seine Hilfe zu.

In der Eingangshalle entdeckte Clark den Bankräuber. Obwohl er groß und athletisch gebaut war, wies er in seiner Verkleidung keine große Ähnlichkeit mit Janne auf.

„Komm näher“, sagte dieser und flüsterte Clark seinen Spitznamen aus dem Gefängnis zu: „Zottel“.

„Bist du’s wirklich?“, fragte Clark.

Die beiden Männer fielen sich in die Arme.

Janne liess alle Leute aus der Bank gehen, bis auf die drei Frauen, die als Geiseln zurückbleiben mussten. Polizisten hatten drei große Geldsäcke in der Mitte der Eingangshalle abgestellt, die neuenBanknoten waren gegen alte ausgetauscht worden. Clark trug das Geld in den Tresorraum – es war nach wie vor nur die Hälfte des Lösegelds.

Mit Clarks Ankunft entspannte sich Janne ein wenig. Doch es bestand immer noch die Gefahr, dass die Polizisten die Eingangshalle stürmen würden, also machte Clark den Vorschlag, sich in den Tresorraum zurückzuziehen. Kristin kam mit ihren zusammengebundenen Füßen nur mühsam voran. Clark hob sie kurzerhand hoch und stellte sie im Tresorraum behutsam wieder auf die Füße.

Der 14 Meter lange Raum war mit Büromöbeln vollgestellt. Es gab einen Stahlschrank mit etwa 600 Schließfächern und zwei schwere Stahltüren: Die äußere Tür öffnete sich zur Eingangshalle, die innere zum Tresorraum.

Clark fragte Birgitta, ob sie etwas gegessen hätte. Das sei schwierig mit gefesselten Händen, meinte sie. Janne ließ Clark ihre Fesseln entfernen.

„Wer hätte gedacht, dass wir uns so kennenlernen“, witzelte Clark, während er die Knoten an Kristins Handund Fußgelenken löste. Alles werde gut, sagte er den verängstigten Geiseln. Sie müssten nur ruhig bleiben und tun, was man ihnen sagte. Zur weiteren Entspannung der Lage holte er aus der Eingangshalle ein Telefon und ließ die Geiseln mit ihren Familien sprechen.

Birgittas Mann war noch bei der Arbeit, also sagte sie dem Kindermädchen, sie käme später, sie „habe noch in der Bank zu tun“. Elisabeth rief ihre Eltern im Internat an, das ihr Vater leitete. Kristin sprach mit ihrer Familie im Norden Schwedens – ihre Mutter hatte im Radio bereits von der Geiselnahme gehört.

Die Geiseln waren dankbar, dass sie die Gelegenheit bekamen, mit ihren Familien zu telefonieren. Eine Geste, die in scharfem Kontrast zum Verhalten der Polizei stand, die sich darum nicht zu scheren schien. Clark und Janne aber hatten es möglich gemacht.

Beim Durchsuchen eines kleinen Lagerraums machte Clark eine überraschende Entdeckung: Dort befand sich ein junger Mann mit langen blonden Haaren. Es war der 24­jährige Bankangestellte Sven Säfström, der gerade Vorräte holte, als er den Aufruhr in der Eingangshalle hörte. Da er von einem Raubüberfall ausgegangen war, hatte er sich versteckt.

„Schau, was ich gefunden habe“, meinte Clark, als er in den Tresorraum zurückkam. Er schlug vor, Sven zu behalten, um ihre Verhandlungsposition zu stärken. Janne, der seine Maschinenpistole immer griffbereit hatte, willigte widerstrebend ein und sagte Sven, er solle sich bedienen – die Polizisten hatten sie mit belegten Broten und Bier versorgt.

Etwa zu dieser Zeit begann Janne Schwedisch zu sprechen. Was die Frauen überraschte, die die Berichterstattung aus dem Radio bis dahin für ihn übersetzt hatten.

Janne stellte nun weitere Forderungen an die Polizei. Er richtete sich an den Vermittler Bengt-Olof Lövenlo, kurz „B-O“, der mit dem Bankräuber von der breiten Haupttreppe aus verhandelte. Janne verlangte das restliche Lösegeld in ausländischer Währung, damit es schwieriger wäre, die Scheine nachzuverfolgen.

Außerdem wollte er „zwei Pistolen und ein schnelles Auto“. Kristin und Elisabeth sollten sie begleiten. Die beiden Frauen würden freigelassen, sobald er und Clark in sicherer Entfernung wären.

Kurz nach 19.30 Uhr informierte B-O den Bankräuber, dass ein Ford Mustang mit V8-Motor bereitstünde, er und Clark könnten sofort losfahren. Die Polizisten sicherten ihnen eine ungehinderte Fahrt zu – im Austausch für die Geiseln. Denn man würde unter keinen Umständen zulassen, dass sie die Frauen mitnähmen.

Mehrere Stunden nach Beginn des Banküberfalls waren die Positionen festgefahren.

JANNE IST SICH SICHER: WENN ER DIE BANK OHNE GEISELN VERLÄSST, WERDEN DIE POLIZISTEN AUF IHN SCHIESSEN

Als die Sonne am 23. August über dem Norrmalmstorg unterging, parkte der nachtblaue Mustang immer noch vor der Bank. Um 22.55 Uhr kam Thorander die Treppe herunter. Kristin steckte den Kopf aus dem Tresorraum und sagte, sie und Elisabeth wollten mit den „Jungs“ mitfahren.

„Das werden wir nicht zulassen“, entgegnete Thorander.

„Merkst du nicht, dass dieser Typ immer nervöser wird?“, schrie Clark ihn an, womit er Janne meinte. „Er ist absolut verzweifelt.“

Thorander fragte, ob Janne denn nicht kapiere, dass er keine andere Wahl habe, als sich zu ergeben. Das Viertel wimmle von Polizisten. Zahlreiche Scharfschützen hätten die Eingangshalle im Visier und seien auf dem Platz, im Park und in den angrenzenden Straßen in Stellung gegangen.

Janne war sich sicher: Wenn er die Bank ohne Geiseln verließe, würden die Polizisten nicht zögern, auf ihn zu schießen. Er konnte die Geiseln nicht gehen lassen.

Doch dann hatte jemand im Tresorraum eine andere Idee.

Wenige Minuten später klingelte das Telefon im Büro des schwedischen Premierministers Olof Palme. Ein Assistent hob ab und fragte nach dem Namen des Anrufers. Eine männliche Stimme antwortete: „Sag ihm, es ist Clark aus der Bank.“ Als Palme das Gespräch annahm, richtete Clark ihm Jannes Forderung aus, die Bank mit Kristin und Elisabeth zu verlassen.

Der Premierminister sagte Clark, er müsse den Bankräuber davon überzeugen, seine Waffe niederzulegen und die Geiseln freizulassen. Man würde die Frauen auf keinen Fall mit Janne und Clark gehen lassen.

Dann kam Janne an den Apparat. Wenn die Regierung versuchen würde, sie daran zu hindern, „dann knalle ich die Puppe hier ab!“, drohte er. Aus dem Innern des Tresorraums drang ein Schrei.

Mit ruhiger und fester Stimme wiederholte Janne das Ultimatum. Der Premierminister habe eine Minute Zeit, sich zu entscheiden.

Janne begann zu zählen: „60, 59, 58, 57 …“ Bei „15“ legte er auf.

In der ersten Nacht schaltete Janne das Licht aus. Im Tresorraum war es nun stockdunkel. Sollten die Polizisten den Raum stürmen, würden sie als Erstes auf Elisabeth treffen. Sie saß direkt am Eingang auf einem Stuhl, den Janne mit Sprengstoff aus seiner Tasche präpariert hatte.

Als Elisabeth in der Nacht frierend aufwachte, hängte Janne ihr sein graues Sweatshirt um. Für Birgitta besorgte Clark den Mantel eines Polizisten. Im Tresorraum herrschte jetzt Stille, nur das Transistorradio lief, damit sie die Nachrichten verfolgen konnten. Birgitta versuchte, am anderen Ende auf dem Boden neben Sven Schlaf zu finden. Kristin lag in der Mitte des Raums mit dem Kopf auf einem Geldsack.

FÜR DEN ABEND PLANT JANNE EINE „DEMONSTRATION“, UM DER POLIZEI ZU ZEIGEN, DASS ER ES ERNST MEINT

Am nächsten Morgen wollte Polizeichef Lindroth die Geiseln sehen, um sicher zu sein, dass ihnen nichts angetan worden war. Clark – von dem die Polizisten noch glaubten, er würde vielleicht Jannes Pläne vereiteln können – brachte sie einzeln in die Eingangshalle. Was Lindroth auffiel, war nicht ihr Zustand, sondern vielmehr ihr Verhalten. Sie waren keineswegs ängstlich, eher verärgert, ja, sogar wütend – und zwar auf die Polizisten.

Als Kristin heraustrat, hatte Clark den Arm um sie gelegt. Dasselbe tat er bei Elisabeth. Sie wirkten wie alte Freunde. Lindroth bezeichnete dies als einen der merkwürdigsten Momente seiner Laufbahn.

Im Laufe des Tages spielten Clark, Janne und die Geiseln Drei gewinnt und Poker. Als ein Fernseh-Nachrichtensender für ein Interview anrief, gab Elisabeth die Antworten. „Der Bankräuber und Clark versorgen uns gut, sie verhalten sich wie richtige Gentlemen“, sagte sie dem Reporter.

„Also sind Sie vier …“

„Nein“, unterbrach ihn Elisabeth: „Wir sind nicht zu viert, wir sind zu sechst“. Sie machte keinen Unterschied mehr zwischen den Geiseln und ihren Entführern.

Die Bank füllte sich zusehends mit Polizisten, sodass Janne den Geiseln eröffnete, sie dürften den Tresorraum nicht mehr verlassen, auch nicht, um zur Toilette zu gehen. Dazu würden jetzt die Kunststoffpapierkörbe hinten im Raum dienen. Birgitta sehnte sich nach ihrer Familie, doch Janne tröstete sie, er habe selbst zwei Kinder. Elisabeth bekam Platzangst, worauf Janne sie mit einem zehn Meter langen Seil am Fuß aus dem Tresorraum gehen ließ. Als sie die Polizisten in der Eingangshalle sah, schrie sie diese an: „Warum haut ihr nicht ab?“

Später am Freitag, dem zweiten Tag der Geiselnahme, wischte sich Janne sein Make-up vom Gesicht und zog die Perücke ab. Für den Abend plante er eine „Demonstration“, um der Polizei zu zeigen, dass er es ernst meinte.

Obwohl die Geiselfrage in einer Sackgasse steckte, hofften Janne und Clark noch auf die Unterstützung des Premierministers. Vielleicht würde er sich die Bitte einer Geisel mehr zu Herzen nehmen. Die Wahl fiel auf Kristin. Sie war nicht nur jung und sprachgewandt, sondern auch wie Palme Mitglied der Sozialdemokratischen Partei.

Um 17.02 Uhr klingelte am Regierungssitz das Telefon, und Kristin bat um ein Gespräch mit dem Premierminister. Als Palme ans Telefon kam, sagte sie: „Ich bin sehr enttäuscht von dir. Ich habe das Gefühl, dass du mit unserem Leben spielst.“

„Warum meinst du das?“

„Ich habe volles Vertrauen in Clark und den Bankräuber. Ich habe überhaupt keine Angst vor ihnen. Sie sind sehr hilfsbereit.“ Sie habe vielmehr Angst davor, dass die Polizei den Tresorraum stürmen könnte.

Das würde die Polizei niemals tun, gab Palme zurück.

„Lass Elisabeth und mich mit den beiden gehen … ich flehe dich an … ich tue es auf eigene Gefahr.“

„Versetz dich doch mal in meine Lage“, sagte der Premierminister. „Die beiden haben eine Bank überfallen und auf einen Polizisten geschossen.“ In der Gesellschaft müsse Recht und Ordnung aufrechterhalten werden.

„Erzähl mir ein anderes Mal was von der Gesellschaft“, unterbrach ihn Kristin, die langsam wütend wurde. Sie sprachen weiter, aber keiner konnte den anderen überzeugen. Um 17.44 Uhr schließlich sagte Kristin: „Auf Wiederhören und danke für deine Unterstützung!“ und legte auf.

Auf Jannes Anordnung brachte Clark an der Schalterreihe Sprengstoffladungen an. Um 19.34 Uhr erschütterte eine Explosion die Eingangshalle – das war Jannes angekündigte Demonstration. Damit wollte er Druck auf die Behörden ausüben und sie zum Nachgeben zwingen. Etwas anderes erreichten sie damit sofort: Die Schublade der Kasse Nr. 1 flog auf und bescherte den Bankräubern eine nicht bezifferte Geldmenge.

Kurz darauf bekräftigte Olof Palme öffentlich sein „volles Vertrauen“ in die Polizei, die von ihrer Position nicht abweichen würde.

Außerhalb des Tresorraums war Jannes wahre Identität bis dahin noch nicht bekannt. Doch an jenem Abend gab er sich bei einem Telefoninterview mit dem Staatsfernsehen keine Mühe mehr, seine Stimme zu verstellen – und sowohl seine Familie als auch die Gefängniswärter in Kalmar erkannten ihn.

Da die Polizei jetzt wusste, mit wem sie es zu tun hatte, stellte sie einige Nachforschungen an und fand heraus, dass Janne Verbrecher, die es auf Frauen und Kinder abgesehen hatten, zutiefst verachtete.

Polizeipsychiater Nils Bejerot teilte diese Einschätzung und fügte hinzu: Je mehr Zeit der Bankräuber mit den Geiseln verbrachte, desto größer wäre die Aussicht auf eine gewaltfreie Lösung der Situation. Er würde die Geiseln nicht als Objekte, sondern als Menschen wahrnehmen und eine „freundschaftliche Beziehung“ zu ihnen entwickeln.

Bejerot hielt Janne für einen professionellen Kriminellen, nicht für einen unbeherrschten Verzweiflungstäter. Die Polizei setzte auf Bejerots Analyse: Mit einer langen Stange drückten die Beamten die Außentür des Tresorraums zu und verriegelten sie. Nun waren Janne, Clark und die Geiseln eingeschlossen, während die Polizisten sich frei in der Eingangshalle bewegen konnten. Sie hatten jetzt auch die Telefonleitungen unter Kontrolle. Anrufe vom Tresorraum nach außen waren nicht mehr möglich.

DIE STOCKHOLMER POLIZEI musste mittlerweile die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass ihr vermeintlicher Verbündeter Clark Olofsson „übergelaufen“ war. Nicht einmal ansatzweise hatte er versucht, Janne zu entwaffnen. Stattdessen hatte er Kassen geöffnet, Filme der Überwachungskameras zerstört und die Polizei in Interviews kritisiert. Er hatte den Bankräuber sogar vor den Scharfschützen gewarnt, die ihn im Visier hatten.

Als ihn ein Journalist unverblümt fragte: „Auf wessen Seite stehst du?“, antwortete Clark: „Auf der Seite der armen Mädchen.“

Am Samstagnachmittag berief Lindroth sein Team zu einer Sitzung ein. Die beste Option, Janne und Clark zum Aufgeben zu zwingen, wäre der Einsatz von CS-Gas. Dieses Reizgas greift die Augenschleimhäute sowie die oberen Luftwege an und erzeugt Atemnot.

Die Polizei teilte Janne und Clark mit, dass sie ihnen ab jetzt keine Zeitungen, Essen oder Getränke mehr durch die Tür liefern würde. Stattdessen wolle man ein Loch durch die Decke bohren. Doch ein Loch konnte auch noch anderen Zwecken dienen, das war Janne klar.

Sonntagnacht begann das ohrenbetäubende Bohren. Die Vibrationen erschütterten den Tresorraum. Nach Einschätzung der Techniker würde man gegen Mitternacht durch die fast 70 Zentimeter starke Decke brechen.

Kurz nach 23.30 Uhr hörte die Polizei lautes Rufen der Geiseln: Sie müssten mit jemandem sprechen. B-O rief im Tresorraum an und fragte, was los wäre. Janne sagte ihm, er hätte einen Sprengsatz gelegt, der ausgelöst würde, sobald der Bohrer durch die Decke käme. Außerdem lägen die drei Frauen direkt an der Stelle, wo die Betonbrocken herunterfallen würden. Sven stünde auf einem Stuhl mit dem Kopf unter dem Bohrloch.

„Jetzt mal sachte! Du bist ja verrückt!“, sagte B-O.

„Hört mit dem Bohren auf, bitte hört sofort auf!“, schrie eine Frau im Hintergrund.

„Sven wird dabei draufgehen!“ warnte Clark.

„Hör mal zu!“, setzte B-O an. Doch da brach die Verbindung ab.

Trotz alledem ging das Bohren weiter. Als sich der Diamantbohrer durch die letzte Schicht aus Stahlbeton fraß, brachte Janne die Geiseln in letzter Minute in den hinteren Teil des Raumes. Dort kauerten sie sich unter einer Decke zusammen und hielten sich die Ohren zu. Janne sagte ihnen, sie sollten besser die Augen bedecken und den Mund aufmachen, um das Trommelfell zu schützen.

Um 23.45 Uhr erschütterte eine Explosion den Raum und wirbelte eine Wolke aus Staub und Mörtel auf. Ein Betonbrocken fiel genau an der Stelle herunter, an der zuvor die drei Frauen gelegen hatten.

B-O stellte ein Ultimatum: Janne hatte 20 Minuten Zeit, seine Pistole und den Sprengstoff an einen Draht zu hängen, der nach unten gelassen würde.

„Hör doch auf!“, höhnte Janne und tat die Forderung als absolut lächerlich ab.

Kurz vor Ablauf des Ultimatums wurde es im Tresorraum plötzlich dunkel. Clark tastete sich zum klingelnden Telefon. „Macht das Licht wieder an!“, brüllte er in den Hörer. Beim Bohren müsse eine Stromleitung gekappt worden sein, sagte B-O.

Kurz nach zwei Uhr in der Nacht zum Montag bereitete sich die Polizei darauf vor, das Gas einzuleiten und den Tresorraum zu stürmen.

Doch dann tat Janne etwas Undenkbares. Er zog vier Drahtschlingen aus seiner Tasche. Durch ein Mikrofon in einem Lüftungsschacht hörte die Polizei, wie Janne den Geiseln befahl, aufzustehen und die Schlingen über den Kopf zu streifen. Daraufhin schob die Polizei ein periskopartiges Gerät durch das Loch. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse war zu erkennen, dass Janne nicht bluffte. B-O rief an und wollte wissen, ob er sich an das Ultimatum halten würde. Clark ging ans Telefon und beschuldigte die Polizei, einen Gasangriff zu planen.

Dann nahm Sven den Hörer. „Wenn du das Gas hier einströmen lässt, sind wir geliefert! Die Schlingen werden uns strangulieren.“

AUFNAHMEN AUS DER BANK ZEIGEN: GEISELN UND GEISELNEHMER UNTERHALTEN SICH WIE ALTE FREUNDE

JANNES Überraschungsmanöver brachte den Plan der Einsatzkräfte ins Wanken. Polizeichef Lindroth musste eine Entscheidung treffen. Wie konnte er seiner Mannschaft den Befehl geben, Gas einzuleiten und den Tresorraum zu stürmen, wenn die Gefahr bestünde, dass die Geiseln stranguliert würden? Könnte die Polizei sie rechtzeitig von den Schlingen befreien und herausbringen, bevor das Gas ernsthafte Schäden verursachte oder Janne in Panik geriet und sie erschoss?

Lindroth ordnete eine Unterbrechung an. Sie würden sich in neun Stunden wieder treffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

In der Zwischenzeit nutzten Geiselnehmer und Geiseln die Zeit, die ihnen wie eine Gnadenfrist erschien. Beim späteren Anhören der Aufnahmen staunten die Beamten: Janne, Clark und die vier Geiseln unterhielten sich wie alte Freunde. Sie sprachen über ernste, aber auch über ganz alltägliche Dinge.

„Es ist verdammt verqualmt hier drinnen“, sagte Janne.

Sven überlegte laut, wann er mit dem Rauchen aufhören sollte.

„Das geht jederzeit.“

„Wenn es so einfach wäre“, seufzte Sven, „dann würde jeder aufhören.“

Janne fragte die anderen, wie lange sie jetzt schon in diesem Verließ säßen. Sie versuchten, die Zeit zu schätzen.

Sven wollte von Janne und Clark wissen, wohin sie mit dem Lösegeld gehen wollten. Janne sprach von Südamerika oder Südafrika. Clark wollte lieber nach Beirut. Dorthin war er nach einem Gefängnisausbruch geflüchtet: „Da habe ich mich richtig zu Hause gefühlt.“

Janne meinte, er wäre es langsam leid, hier rumzusitzen. „Du und Clark, ihr seid die Einzigen, die diese Quälerei beenden können“, sagte Elisabeth. Janne lachte nur. Dann nahm er ein Stück Butter von einem belegten Brot und ölte damit seine Waffe ein.

Als Lindroth und sein Beraterstab am Montagnachmittag wieder in der Bank zusammenkamen, beschlossen sie, an ihrem Plan festzuhalten. Am Abend wurden weitere Öffnungen gebohrt, damit sich das Gas gleichmäßig verteilen würde.

Das Kühlwasser für den Bohrer tropfte von der Decke und bildete Pfützen. Janne und Clark wuschen sich damit und löschten ihren Durst. Die Geiseln, die zwischendurch die Schlingen ablegen durften, machten es ihnen nach.

Am Dienstag, dem sechsten Tag der Geiselnahme, ließ die Polizei in den frühen Morgenstunden eine Lampe in den Raum herunter. Bis acht Uhr hatte die Polizei drei neue Löcher gebohrt. Janne schoss durch eine Öffnung und traf einen Techniker an der Hand. Der Mann wurde schnell ins Krankenhaus gebracht.

Als der Zwischenfall im Radio gemeldet wurde, drang über die Mikrofone Jubel aus dem Tresorraum. „Endlich haben wir einen erwischt!“, hörte man jemanden sagen.

WÄHREND DIE POLIZEI ihre Vorbereitungen für den Gaseinsatz abschloss, versuchten Psychologen eindringlich, sie davon zu überzeugen, den Bankräuber mit den Geiseln gehen zu lassen: Er sei verzweifelt und hätte absolut „nichts mehr zu verlieren“. Die Behörden hätten keine andere Wahl, als auf seine Bedingungen einzugehen. Aber die Polizei blieb bei ihrem Plan.

Um 20.55 Uhr fuhren sechs Krankenwagen vor der Bank vor. Polizisten brachten Tragen ins Gebäude. Scharfschützen und Polizeibeamte in kugelsicheren Westen mit Maschinenpistolen kauerten hinter Sandsäcken.

Um 21.05 Uhr kam das verschlüsselte Signal zum Beginn der Operation: „Schaltet das Licht an!“

Eine graue Wolke strömte in den Tresorraum. Janne befahl den Geiseln, ihre Schlingen umzulegen, aber es war zu spät. Hustend und würgend rangen sie nach Luft. Birgitta vergrub ihr Gesicht in einer nassen Decke.

„Wir geben auf!“, brüllte jemand.

„Macht die Tür auf!“, schrie eine der Geiseln.

Janne hängte seine Waffe an einen Haken, und die Polizisten zogen sie durch das größte Loch nach oben. „Ich bringe euch nicht um“, sagte er den Geiseln. „Das war nie meine Absicht.“

Die Polizei wunderte sich, warum Janne, Clark und die Geiseln den Tresorraum nicht verließen, denn die Stange, die die Tür verriegelte, war entfernt worden. Die Geiseln sollten zuerst herauskommen – aber sie weigerten sich. Birgitta sagte, sie wollten Janne und Clark zuerst gehen lassen, „denn sie haben uns sehr anständig behandelt.“

Aber Stahlschränke blockierten die Tür noch von innen. Hustend und mit brennenden Augen räumten Janne, Clark und Sven sie zur Seite. Janne befahl allen, sich an das andere Ende des Raumes zu stellen, falls die Polizei auf ihn schießen würde. Kristin und Elisabeth umarmten und küssten ihn, Birgitta bat ihn, ihr zu schreiben.

Nach 131 Stunden hatten die Qualen ein Ende. Janne, Clark und die vier Geiseln verließen den Tresorraum und gingen zu den bereitstehenden Tragen. Am Dienstag, den 28. August, verbreitete Radio Schweden um 21.40 Uhr die Nachricht: Das Bankdrama war vorbei.

1974 wurde Janne Olsson wegen Entführung, Erpressung, schwerer Körperverletzung und Raubüberfall zu zehn Jahren Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis verurteilt. Er wurde 1980 wegen guter Führung vorzeitig entlassen und danach nie mehr straffällig. Er arbeitete in seiner Heimatstadt Helsingborg als Gebrauchtwagenhändler und ist mittlerweile pensioniert.

Clark Olofsson wurde wegen Beihilfe zu schwerem Raub und Erpressung verurteilt. Er legte Berufung ein und konnte sich in allen Punkten erfolgreich verteidigen. Nach seiner Flucht aus dem Gefängnis in Norrköping, wo er die Strafen für seine früheren Verbrechen absaß, beging er im März 1976 den größten Ein-Mann-Banküberfall in der schwedischen Geschichte.

Nach 40 weiteren Jahren mit vielen Gefängnisaufenthalten wurde Clark im August 2018 im Alter von 71 entlassen und lebt heute an einem unbekannten Ort in Schweden.

Birgitta Lundblad arbeitete bis zu ihrer Pensionierung 2003 weiter für die schwedische Kreditbank. Sie wohnt mit ihrem Mann in Stockholm.

Auch Sven Säfström blieb bei der Bank. Er ging 2011 in den Ruhestand. Einige Monate nach der Geiselnahme besuchte er Janne im Gefängnis.

Elisabeth Oldgren verließ die Bank und wurde Krankenschwester.

Kristin Enmark studierte Sozialarbeit mit Schwerpunkt Psychotherapie und hat heute eine Praxis für Familientherapie in Stockholm. Sie stand mit Clark im Briefkontakt, als er ins Gefängnis zurückkehrte, und traf sich mit ihm während eines Freigangs im Oktober 1974 in Stockholm.

Die Bankfiliale Norrmalmstorg schloss 1974 und ist heute ein Ausstellungsraum für ein schwedisches Bekleidungsunternehmen.

Am 4. Februar 1974, weniger als ein Jahr nach der Geiselnahme in Stockholm, wurde Patricia Hearst, Enkelin des Medienmoguls Randolph Hearst, von der „Symbionese Liberation Army“ in Kalifornien entführt. Zwei Monate später wurde sie dabei gefilmt, wie sie zusammen mit ihren Kidnappern eine Bank überfiel. Für viele war es ein Fall von „Stockholm-Syndrom“, ein Begriff, den der Psychologe Harvey Schlossberg nach der Geiselnahme am Norrmalmstorg geprägt hatte.

FBI-Agent Thomas Strentz beschrieb das Phänomen in seiner Forschungsarbeit 1980 als „eine Störung, wonach Entführte eine Bindung zu ihren Entführern aufbauen oder ihnen gegenüber Loyalität bekunden, um ihr Leben zu retten oder ihre Qualen zu erleichtern“. Heute wird das „Stockholm-Syndrom“ immer noch in Medienberichten im Zusammenhang mit Geiselnahmen genannt. Es gibt jedoch nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen darüber, und der Begriff wird auch nicht in aktuellen psychiatrischen Klassifikationssystemen geführt.