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Die gefährlichsten STÄDTE der WELT


HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 19.03.2020

Nirgendwo gibt es mehr MORDE: Kriminelle Banden terrorisieren in den Metropolen von Mexiko, Brasilien und Venezuela die Bevölkerung mit brutaler Gewalt


PATROUILLE

Artikelbild für den Artikel "Die gefährlichsten STÄDTE der WELT" aus der Ausgabe 2/2020 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 2/2020

Am Strand von Cancún ist es nicht sicher. Die Polizei zeigt Präsenz

ARMUT

Die Elendsviertel von Rio de Janeiro sind Brennpunkte des Verbrechens

DROGEN

Soldaten beschlag - nahmen in einer Favela Drogen

275.000 Menschen kamen seit dem Jahr 2006 allein in Mexiko als Opfer von Verbrechen ums Leben

Die Jungs spielten Basketball, als plötzlich eine Gruppe bewaffneter Männer auf den Platz stürmte. „Sie schleuderten uns zu Boden und nahmen uns Handys und ...

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... Geld weg“, erzählt Abel, einer der Jugendlichen. Dann musste er mit ansehen, wie sie einen seiner Freunde auf bestialische Weise töteten. „Sie packten ihn und hackten ihm mit einer Machete erst die Beine ab, dann die Arme. Als sie ihm den Kopf abschlugen, hatte er bereits das Bewusstsein verloren.“

DIE POLIZEI HAT KEINE KONTROLLE MEHR

Der junge Mann berichtete der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen von diesem Horrorerlebnis im mexikanischen Bundesstaat Guerrero, wo Mordopfer auf öffentlichen Plätzen abgelegt werden wie Müll. „Guerrero scheint außerhalb der Kontrolle der Polizei zu sein. Was in Mexiko passiert, lässt sich kaum in Worte fassen“, berichtet die Journalistin Xenia Böttcher. „Menschen werden zerhackt, gehäutet, verbrannt. Es werden Leichen ohne Kopf gefunden oder einzelne Arme und Beine“, sagt sie. Als Korrespondentin berichtet Böttcher seit drei Jahren für die ARD aus Mexiko und aus Mittelamerika – den gefährlichsten Regionen der Welt. Mehrfach geriet sie bei ihrer Arbeit selbst in Lebensgefahr.

Auf der Liste der gefährlichsten Städte der Welt (siehe auch Seite 21) findet sich Mexiko fünfmal in den Top Ten, Venezuela dreimal, Brasilien zweimal. Basis dieses unrühmlichen Rankings ist die Anzahl der Tötungsdelikte. In Brasilien und Mexiko sterben jährlich mehr Menschen durch Mord als weltweit in Kriegen. Drogenkartelle und kriminelle Banden terrorisieren diese Länder. Allein in Mexiko sollen seit 2006 laut Schätzungen 275.000 Menschen der organisierten Kriminalität zum Opfer gefallen sein, Frauen und Männer, Kinder und sogar Babys. „Die Menschen verschwinden spurlos und tauchen nie wieder auf“, so Böttcher. Ihre Überreste werden verscharrt, verbrannt, in Säure aufgelöst. Von den Leichen, die doch gefunden werden, können etwa ein Viertel nicht identifiziert werden. 60.000 Menschen werden in Mexiko offiziell als vermisst geführt. Die Dunkelziffer liegt viel höher. Experten rechnen mit bis zu 100.000 Vermissten.

@@Prosti tution gehört zum Geschäft der Kartelle, hier im Viertel Vila Mimosa


Soldaten durchsuchen die Favela in Jacarezinho in Rio de Janeiro


Xenia Böttcher ARD-Korrespondentin


FOTOS: S. 14 – 15: DPA PICTURE-ALLIANCE, ROBINSON/TEIXEIRA/GETTY IMAGES (2); S. 16 – 17: DANA/HERCULANO/TEIXEIRA/DPA PICTURE-ALLIANCE (3), PALACIOS/PIMENTEL/GETTY IMAGES (2), MORAES/REUTERS, ARD


„Wir haben es mit unsichtbaren Feinden zu tun, die uns immer im Blick haben.“


Rio de Janeiro, Caracas in Venezuela und auch ehemalige Traumziele wie Acapulco oder Cancún in Mexiko sind heute lebensgefährliche Orte, an denen Unbeteiligte jederzeit in eine Schießerei geraten können. Mit Maschinengewehren bewaffnete Polizisten patrouillieren am Strand zwischen Urlaubern, nicht selten liegen an der Promenade blutüberströmte Leichen. „Diese Touristenparadiese sind für die Kartelle interes- sant, weil die Hotelburgen, Casinos und Nachtclubs gute Möglichkeiten der Geldwäsche bieten“, erklärt Xenia Böttcher. „Und weil sich immer neue Kartelle bilden, die sich bekriegen und um Reviere streiten, eskaliert die Gewalt.“

BRASILIEN

In Rio de Janeiro eskaliert die Gewalt. Seit Präsident Bolsonaro Kriminellen den Krieg erklärt hat, sterben bei Schießereien immer mehr Unschuldige

Rios Krankenhäuser sind voller Opfer mit Schuss- und Stichverletzungen


Vor den Augen des Kindes suchen bewaffnete Soldaten nach Drogen


Hardliner: Rios Gouverneur Wilson Witzel und Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro (r.)


DURCH DAS LAND ZIEHT SICH EINE BLUTSPUR

Als gefährlichste Stadt der Welt gilt das mexikanische Tijuana mit 2640 Morden im Jahr 2018, das sind sieben bis acht pro Tag. Der Moloch mit rund zwei Millionen Einwohnern liegt an der Grenze zu den USA, wie auch Ciudad Juárez, Nummer 5 auf der Liste. In diesen Städten sammeln sich Menschen aus Guatemala, Honduras oder El Salvador. „Sie kommen aus ganz Lateinamerika, fliehen aus ihren Ländern, die zerfressen sind von Korruption und Gewalt. Sie flüchten vor Armut und der Perspektivlosigkeit und hoffen auf ein besseres Leben, auf Jobs als Kellner oder Putzfrau“, so Böttcher. 400.000 Frauen, Kinder und Männer machen sich jedes Jahr auf die gefährliche Reise in die USA. Den überfüllten Güterzug, mit dem sie 2500 Kilometer durch Mexiko fahren, nennen die Einheimischen „La Bestia“, die Bestie. Schon unterwegs werden viele ausgeraubt und ermordet. Statt ins Paradies fahren sie in die Hölle.

Denn auch wer es bis zur US-Grenze schafft, muss um sein Leben fürchten. „Dort geraten die Migranten in die Fänge der Coyoten“, sagt Böttcher. Coyoten werden die Menschenschmuggler genannt, die illegale Einwanderer in die USA bringen. „Ohne diese Schleuser haben sie keine Chance. Es ist lebensgefährlich, das auf eigene Faust zu versuchen.“ Für ihre Dienste fordern sie einen hohen Preis, der nicht immer in Bargeld gezahlt wird. „Das Einreiseticket ist oft ein Rucksack voller Drogen, der über die US-Grenze gebracht werden muss“, sagt Böttcher. Damit aber begeben sich die Flüchtlinge völlig in die Hand der Narcos, wie Mitglieder der Drogenkartelle genannt werden.

Beim Versuch, Drogenboss Ovidio Guzmán López (o.) zu verhaften, kam es zu Straßenschlachten. Die Nationalgarde ließ ihn schließlich frei, um Schlimmeres zu verhindern

Jeden Tag verschwinden Migranten spurlos. Sie werden entführt, ausgeraubt, ermordet, in Massengräbern verscharrt. Die Kartelle und Jugend-Gangs, die sogenannten Mara-Banden, kontrollieren die Routen, kassieren Wegzoll und erpressen Flüchtlinge, als Drogenkuriere zu arbeiten. Frauen werden zur Prostitution gezwungen. Die Kartelle erwirtschaften auf diese Weise jährlich Gewinne in dreistelliger Millionenhöhe.

Böttcher berichtet zwar aus ganz Mittel amerika, lebt aber vorwiegend in Mexiko-Stadt, von dort aus arbeitet auch ihre Redaktion mit sechs Mitarbeitern. Immer wieder wird sie von besorgten Menschen aus Deutschland gefragt, wie sie denn in einer derart gefährlichen Metropole wohnen könne. „Ich lebe hier eigentlich ganz normal“, sagt sie.

Doch was heißt schon „normal“ in einer Megacity, die samt der Randgebiete geschätzte 20 bis 25 Millionen Einwohner hat? Mexiko-Stadt hat massive Infrastrukturprobleme, das Wasser ist knapp, die Luft verschmutzt, der Verkehr chaotisch, Raubüberfälle und Diebstahl sind an der Tagesordnung. Nur ein Beispiel von unzähligen: Vor zwei Jahren erschossen maskierte Männer fünf Menschen und verletzten acht weitere, die gerade den Tag der Unabhängigkeit feierten – vermutlich die Racheaktion einer Drogenbande, weil deren Anführer zuvor verhaftet worden war.

Xenia Böttcher bewegt sich im Alltag dennoch meist ohne Angst: „Ich weiß natürlich, welche Viertel gefährlich sind. Die meidet man besser, besonders abends und nachts.“ Wichtig sei es auch, stets wachsam zu sein. „Man muss die Augen offen halten“, sagt die Reporterin. Ihre Apartmentanlage ist nicht gesichert – ungewöhnlich für Mexiko-Stadt. Die wohlhabenden Wohngegenden sind in der Regel eingezäunt und werden rund um die Uhr bewacht. „Die Kontraste sind extrem“, sagt Böttcher. „Die Stadt ist repräsentativ für das ganze Land, in dem es extreme Armut und unvorstellbaren Wohlstand gibt. Es herrscht ein ausgeprägtes Klassendenken, die Reichen behandeln die Armen herablassend.“

KRIMINELLE KARRIERE ALS WEG AUS DER ARMUT

Ober- und Unterschicht leben in streng getrennten Welten. Zum Beispiel in Santa Fe, einem Viertel von Mexiko-Stadt: Dort trennt eine Mauer die Slums von den Luxusvillen. Arm und Reich leben Wand an Wand, ohne sich zu begegnen. „Mexiko hat zwei Seiten“, sagt Böttcher. „Eigentlich ist es ein wunderschönes Land, das viel zu bieten hat. Die Menschen sind sehr warmherzig und hilfsbereit. Und gleichzeitig ist da die unfassbare Gewalt der Narcos. Es ist ein Land voller Widersprüche und extremer Gegensätze, Paradies und Hölle zugleich.“

Hautfarbe und Herkunft bestimmen über die Zukunftschancen. Für Kinder, die in den von Drogenkartellen beherrschten Armenvierteln aufwachsen, scheint eine kriminelle Laufbahn der einzige Ausweg aus der Not. Das gilt übrigens nicht nur für Mexiko, sondern für alle Länder in Süd- und Mittelamerika. Die Kartelle versuchen, Jugendliche für ihre illegalen Geschäfte zu rekrutieren.
Genauso wie die Mara-Banden, die sich in Mexiko und den USA ausbreiten und die insgesamt mehr als 100.000 Mitglieder haben sollen. Gruppierungen wie die Mara 18 oder Mara Salvatrucha bekämpfen sich gegenseitig – und konkurrieren zudem mit den Kartellen.

Viele Killer sind noch minderjährig. Xenia Böttcher hat einen von ihnen interviewt, während des Gesprächs lag ein Handtuch neben ihm auf dem Tisch. „Es war heiß und ich dachte, er braucht es, um sich den Schweiß abzuwischen. Aber dann griff er plötzlich danach und zog eine Pistole heraus, die er in dem Tuch eingerollt hatte.“ Die Gefahr ist bei ihrer Arbeit immer gegenwärtig. Bei Drehart beiten richtete ein Einheimischer hinterrücks eine Waffe auf sie, ohne dass sie es bemerkte. Ein Kollege erzählte es ihr hinterher. „Wir haben es mit unsichtbaren Feinden zu tun, die immer um uns sind. Sie beobachten uns, ohne dass wir sie sehen“, sagt Böttcher.

MEXIKO

In Mexiko werden 60.000 Menschen vermisst. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher. Die meisten wurden wahrscheinlich getötet

In Tijuana verbrennt die Bundespolizei sichergestellte Drogen


In Ciudad Juárez an der US-Grenze werden die Leichen von Flüchtlingen abtransportiert


Migranten versuchen, von Ciudad Juárez über die Grenze nach El Paso in die USA zu kommen


Demonstranten wollen auf das Verschwinden von 43 Studenten aufmerksam machen


Eine kriminelle Karriere beginnt als Falke. „Das sind die Späher“, erklärt Böttcher. Als nächster Schritt folgt der erste Mord. Der Killer erzählte Böttcher, dass die Kandidaten eine Waffe in die Hand gedrückt bekommen und aufgefordert werden, jemanden zu erschießen. „Wer da nur einen Moment zögert, wird selbst vom ,Drill Instructor‘ erschossen. Der gibt dem nächsten Anwärter die Waffe in die Hand, der ohne zu zögern töten muss.“ Wer diese Schwelle einmal überwunden hat, kennt keine Scheu mehr vor jedweder Art von Gewalt. Die Täter werden immer brutaler. Entführte Opfer werden gefoltert, manchen werden die Augen ausgestochen oder ihnen wird bei lebendigem Leib die Gesichtshaut abgezogen.

Zudem besitzen die Kartelle, die das ganze Land terrorisieren, oft modernere Waffen als die mexikanische Polizei. Die ist nicht nur machtlos, sondern in weiten Teilen auch korrupt. „Wenn ein Polizist vor die Wahl gestellt wird: Entweder wir entführen und ermorden deine Frau, deine Kinder oder deine Schwester. Oder du verdienst dir für kleine Gefälligkeiten monatlich Geld dazu – da dürfte den meisten die Antwort nicht schwerfallen“, beschreibt Böttcher die Zwickmühle, in der die unterbezahlten, schlecht ausgerüsteten und oft unter Lebensgefahr arbeitenden Gesetzeshüter stecken.

Auch Beamte, die Justiz und Politiker sind im Netz der Korruption verstrickt. Wer dagegen kämpft, lebt gefährlich. Vor den Wahlen 2018 wurden in einem Jahr 175 Politiker ermordet. Die Menschen verlieren das Vertrauen, zeigen Verbrechen nicht an, melden Vermisste nicht. „Gehen sie doch zur Polizei, dann wissen sie womöglich nicht, auf wen sie treffen. Es ist so gut wie immer einer in der Kette, der sie an die Banden verrät.“ Das sorgt für Angst und Apathie in der Bevölkerung. „Jeder, der sich wehrt und aktiv wird, riskiert sein Leben und ist in Gefahr zu verschwinden. Die Opfer werden in kleine Stücke gehackt, in Dieselfässern verbrannt und auf Feldern ausgeschüttet“, sagt Böttcher. Und die Täter werden so gut wie nie gefasst.

VENEZUELA

Im ganzen Land herrschen Chaos und Gewalt: Die Menschen leben in bitterer Armut, Aufstände werden brutal niedergeschlagen

Paramilitärische Gruppen versuchen, Demonstranten in Caracas einzuschüchtern


Bei einer Explosion in Caracas steht ein Demonstrant in Flammen


@@Die Bevölkerung in Caracas lebt im Elend und kämpft ums Überleben


Auch Xenia Böttcher setzt sich Risiken aus, wenn sie für Drehs im Land unterwegs ist. Um die zu minimieren, schließt sie sich mit Menschen vor Ort zusammen, die in der Region bekannt sind, etwa Mitarbeitern von NGOs, die sie begleiten. „Unterwegs werden wir immer beobachtet. An den Straßen sitzen überall Späher. Das sind oft Kinder, die mit Funkgeräten unseren Standort und unsere Route durchgeben.“ Die Narcos werden vorab informiert, dass ein Filmteam kommt. „Und wir müssen immer die Autoscheiben heruntergekurbelt lassen, damit unsere Gesichter zu erkennen sind.“ Andernfalls kann es zu lebensgefährlichen Verwechslungen kommen, denn Drogenhändler zögern im Zweifel nicht zu schießen. „Sofern wir nur über ihre Taten berichten, haben die Kartelle nichts dagegen. Sie glauben, dass sie dadurch ihre Reputation erhöhen. Wir dürfen aber keine Namen nennen“, sagt Böttcher. Investigative Journalisten leben besonders gefährlich, werden immer wieder Opfer von Anschlägen.

AUS NOT BEWAFFNEN SICH VIELE MEXIKANER

Weil sie keine Hoffnung mehr haben, dass die Polizei sie schützt, nehmen inzwischen immer mehr Mexikaner das Recht in die eigene Hand und bilden Bürgerwehren. Einige dieser bewaffneten „grupos de autodefensa“ sind aber selbst in den Ruf geraten, kriminell zu sein. Das Gewaltmonopol des Staates ist in Mexiko außer Kraft gesetzt.

Ein Straßenkind versucht, im Müll etwas Essbares zu finden


FOTOS: LLANO/DPA PICTURE-ALLIANCE, BARRETO/GETTY IMAGES, GUTIERREZ/SHUTTERSTOCK, GUADARRAMA/LAIF


„Venezuela ist völlig unberechenbar. Die Menschen haben Angst, getötet zu werden.“
Xenia Böttcher_ ARD-Korrespondentin


Ähnlich war die Situation bis vor Kurzem in Brasilien. Zählt man alle Morde seit 2001 zusammen, starben dort mehr Menschen als in den Kriegen im Irak und Syrien. Weil das Land viel Geld in die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 steckte, blieb danach wenig für die Sicherheit übrig. Gleichzeitig wuchs die Armut, die Gewalt eskalierte. 2017 wurden in Brasilien 63.000 Menschen getötet, davon fast 7000 in Rio. Der Bundesstaat rief vor drei Jahren den Ausnahmezustand aus und setzte im Kampf gegen Drogenbanden auch Soldaten ein.

Die Favelas, die Elendsviertel in Rio de Janeiro, gelten als Brutstätten der Gewalt. Kein Außenstehender traut sich in diese Stadtteile, in denen Gesetze nichts gelten. Ende 2019 wurde dort ein Schweizer Tourist angeschossen, vor einigen Jahren ein Deutscher nieder geschossen, weil er versehentlich einen Drogendealer fotografierte. Der Schütze soll minderjährig gewesen sein. Am Tatort fanden sich Munition und eine Granate, die der Täter zurückgelassen hatte.

POLIZISTEN HABEN DIE LIZENZ ZUM TÖTEN

In Maré, einer der größten Favelas der Stadt mit geschätzt 140.000 Einwohnern, gibt es keine Polizeistation. Banden, die sich gegenseitig bekriegen und immer mehr aufrüsten, agieren völlig unbehelligt. Auch in anderen Favelas regiert das Verbrechen. Mitten auf der Straße stehen junge Männer mit Maschinengewehren. Sie werden von den Kartellen rekrutiert, weil sie ehrgeizig sind, Respekt und Wohlstand wollen.

Früher wagte sich nicht einmal die Polizei in das Gewirr enger Gassen, in dem Banden ihre Drogen und Waffen verstecken. Doch seit im Oktober 2018 ein neuer Staatspräsident gewählt wurde, wird hochgerüstet. Jair Bolsonaro versprach einen harten Kampf gegen Kriminelle: „Diese Typen werden in den Straßen wie Kakerlaken sterben“, kündigte er an. Der Politiker, ein ehemaliger Fallschirmjäger und Hauptmann, lockerte das Waffengesetz. Bürger ohne Vorstrafen dürfen seitdem vier Schusswaffen besitzen – und benutzen. Für Polizisten, die Kriminelle „mit zehn oder 30 Schüssen töten“ forderte der Hardliner Auszeichnungen. Dank ihm haben Polizisten jetzt die Lizenz zum Töten.

Die 10 HAUPTSTÄDTE der GEWALTTATEN

DIE MEISTEN MORDE und Tötungsdelikte geschehen in diesen zehn Städten, die alle in Mexiko, Venezuela und Brasilien liegen. Armut und Not sowie die Gewalt mächtiger Drogenkartelle bestimmen das Leben in den Ländern. In Venezuela kommen die politische Situation und die Gewalt der Regierung dazu.

Dieses Vorgehen kommt bei einem Großteil der Bevölkerung gut an. Und auch bei vielen Polizisten, die martialisch auftreten. Sie patrouillieren mit Gewehren im Anschlag in den Favelas, fahren mit Panzerwagen in die Armenviertel, über denen gepanzerte Helikopter kreisen, an Bord Scharfschützen, die auf vermeintliche Verdächtige schießen.

SOGAR KINDER WERDEN IN RIO ANGESCHOSSEN

Viele Experten kritisieren die Brutalität der Einsätze, die zu einer weiteren Eskalation der Gewalt führt. Zwar sank die Zahl der Morde 2019 im ganzen Land um 19 Prozent. Doch die Zahl der Schießereien stieg in Rio de Janeiro um 25 Prozent. Dort nutzen Millionen Menschen eine App, die anzeigt, wo gerade geschossen wird. Aus gutem Grund: Immer wieder werden Unbeteiligte von Polizeikugeln getroffen. 2019 erschossen Polizisten allein in den ersten acht Monaten 1249 Menschen. Ein Fall sorgte für besondere Empörung: Die achtjährige Ágatha saß mit ihrer Mutter in einem Sammeltaxi, als ein Mann auf einem Motorrad Schüsse auf den Wagen abfeuerte. Das Kind wurde in den Rücken getroffen und starb vor den Augen seiner Mutter. Ágatha Félix war das siebzehnte Kind, das 2019 in Rio angeschossen wurde, fünf starben an ihren Verletzungen. In Ágathas Fall wurde ein Polizist angeklagt. Laut Untersuchungsbericht war ihr Tod ein Versehen, der Polizist hätte zwei Motorräder verfolgt und nur Warnschüsse abgeben wollen.

Dennoch feiert Rios Gouverneur Wilson Witzel, ein Freund von Präsident Bolsonaro, die Polizeieinsätze als großen Erfolg. Im Kampf gegen das Verbrechen setzt er auch Drohnen und versteckte Scharfschützen ein. Die sitzen in einem Turm mitten in der Stadt und zielen auf Bewohner der Favelas. Wer verdächtig erscheint, gerät in ihr Visier. „In einigen Fällen haben die Scharfschützen Gegenstände mit Waffen verwechselt. Dadurch sind Unschuldige gestorben, die einen Regenschirm bei sich hatten oder sogar nur eine Popcornpackung“,sagt João Luis von der Menschenrechtsorganisation „Rio de Paz“.

Noch schlimmer ist die Lage laut Xenia Böttcher in Venezuela: „Sie ist völlig unberechenbar. Da kann alles zu jeder Zeit passieren.“ Sind es in Mexiko und Brasilien vor allem bestimmte No-go-Areas, die lebensgefährlich sind, ist es in Venezuela überall bedrohlich. „Dort kannst du nicht einmal mit einem Smartphone am Straßenrand stehen. Wenn das jemand haben will, wirst du einfach umgebracht. Die Täter zucken nicht mit der Wimper, dich abzuschießen, um an dein Handy zu kommen.“


„Wer zögert, einen Menschen zu erschießen, wird selbst erschossen.“
Xenia Böttcher_ARD-Korrespondentin


Mitglieder der Jugendbande M18. Die verschiedenen Gruppen der Mara agieren in Süd-, Mittelamerika und den USAt


FOTOS: MAURITIUS IMAGES, BILD, DPA PICTURE-ALLIANCE, GOGA/REUTERS

DIE REPORTERIN WURDE BEINAHE GETÖTET

In dem Land, das über die größten Erdölreserven der Welt verfügt, aber unter Hyperinflation, Versorgungsengpässen und Armut leidet, wird die Bevölkerung nicht nur von kriminellen Gangs drangsaliert. Auch die Colectivos, paramilitärische Gruppen, die in geheimem Auftrag der Regierung arbeiten, verbreiten Angst und Schrecken. Böttcher: „Die tauchen bei jeder Demo auf. Meist schwarz gekleidet und vermummt, fahren sie auf Motorrädern durch die Menge und feuern einfach in die Gegend. Es gibt keine erkennbaren Gründe dafür, dass scharf geschossen wird. Es trifft irgendjemand. Es ist reine Willkür.“

Xenia Böttcher wurde selbst fast zum Opfer. Bei Dreharbeiten in Caracas verfehlte eine Kugel sie knapp. „Ich habe sie gehört, als sie an meinem Kopf vorbeiflog“, erinnert sie sich. Im gleichen Moment sackte neben ihr eine Frau zusammen, tödlich getroffen. „Die Kugel hätte genauso gut mich oder jemand aus unserem Team treffen können.“ Wer sie abgefeuert hatte, war nicht zu erkennen. Der Schuss kam aus dem Nebel, Paramilitärs hatten Rauchbomben gezündet. Die Colectivos sollen die Menschen einschüchtern, damit sie Demonstrationen gegen die Regierung fernbleiben.

Auf dem Höhepunkt des Machtkampfs zwischen Venezuelas Präsident Nicolás Maduro und Herausforderer Juan Guaidó Anfang 2019 sah es so aus, als könnte der Oppositionsführer die Regierung stürzen. Als das nicht gelang, wurden die Proteste immer weniger. Böttcher sieht den Hauptgrund in den brutalen Einschüchterungsmethoden der Colectivos: „Die Menschen haben Angst. Sie fürchten, von der Polizei oder vom Militär getötet zu werden.“


FOTOS: PEINADO/VERDUGO/TORRES/DPA PICTUREALLIANCE (4), ARIAS/GETTY IMAGES, SHUTTERSTOCK