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Die Gefährtin


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 52/2018 vom 21.12.2018

Religion Ein uralter Papyrus deutet darauf hin, dass die Christenheit heute anders aussehen könnte. Denn danach war Maria Magdalena wichtiger als die Apostel – doch der Text wurde von der Kirche aussortiert und blieb lange geheim.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 52/2018

Künstlerische Darstellung von Jesus und Maria Magdalena: Auch Frauen durften lehren und Gemeinden leiten


SAMSON / DER SPIEGEL

Sie ist die Hüterin eines Schatzes der Menschheit, eines Dokuments, das vor mehr als 1500 Jahren zum Geheimnis gemacht wurde und aus der Geschichte verschwand. Es ist ein Papyrus mit Teilen eines lange verschollenen Evangeliums.

Ganz vorsichtig schließt ...

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... Verena Lepper die schweren Metalltüren der Schleuse, die Staub und Pilzsporen abwehren soll, denn selbst durch Erschütterungen könnten ihre Schätze beschädigt werden. Nur noch das sanfte Rauschen der Klimaanlage ist jetzt zu hören, sie hält das Depot des Ägyp - tischen Museums konstant bei 20 Grad Celsius und 45 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Mitten in Berlin lagern hier kostbare Schriftstücke, und eines davon ist geeignet, das religiöse Weltbild der mehr als zwei Milliarden Christen auf der Erde wanken zu lassen. Es erzählt die Geschichte von Jesus und einer Frau, die ihm sehr nah war.

Nachdem Lepper sich weiße Handschuhe übergestreift hat, öffnet sie das Holzkästchen mit der Nummer P 8502 A. Sorgsam gerahmt zwischen Glasplatten lagern darin rissige und teilweise ausgefranste Blätter aus Papyrus. Sie waren einmal zu einem Kodex zusammengeheftet, einer Art Buch, der dunkle Ledereinband wird separat aufbewahrt. »Wir haben hier etwas von unschätzbarem Wert«, sagt die Professorin, während sie einen der Rahmen vor sich auf den Tisch legt.

Wer auch immer diesen Text geschrieben hat, benutzte eisenhaltige Tinte, und er nannte das Dokument in seinem kop - tischen Dialekt »eu aggelion kata marihamm «.

Lepper überträgt die uralten Schrift - zeichen, die überwiegend aus dem griechischen Alphabet stammen, auf ein Blatt Papier, und dann übersetzt sie: »Evange - lium nach Maria«. Um die Mutter von Jesus geht es darin nicht. Es sei, sagt Lepper, Maria Magdalena gemeint.

»Eu aggelion kata marihamm«: Es ist das einzige erhaltene Evangelium, das den Namen einer Frau trägt.

In der Bibel kommt es jedoch nicht vor. Mehr als ein Jahrtausend lang war dieses Evangelium aus dem Gedächtnis der Menschheit getilgt. Seit es in Ägypten entdeckt wurde, sind es vor allem Papyrus - experten wie Verena Lepper oder Theologen, die sich mit der alten Erzählung beschäftigen. Sie gehört zu den apokryphen Schriften der frühen Christen. Apokryph heißt geheim, von solchen Texten aus den Anfängen der Religion gibt es erstaunlich viele, erheblich mehr als im Neuen Testament.

Die Apokryphen erzählen von Jesus, seinen Anhängern und seiner Familie, von bösen Geistern und Engeln; mystische Gedanken sind in den alten Schriften genauso festgehalten wie erbauliche Le - genden. Die Weihnachtsmär, dass Ochse und Esel im Stall dem Jesuskind huldigten, steht in einem der apokryphen Dokumente.

Manches in den apokryphen Schriften ist nah an den vier Evangelien, die es in die biblische Sammlung geschafft haben, wie auch die Paulusbriefe und einige weitere Texte. Vieles weicht jedoch deutlich von der Bibel ab. Es ist ein eigener Kosmos ursprünglich christlicher Lehren, die aus machtpolitischen Gründen in den ersten Jahrhunderten der westlichen Zeitrechnung aus der Überlieferung der Kirche getilgt wurden – weil mächtige Männer bestimmen wollten, was ihre Anhänger glauben sollten.

Die meisten Gläubigen heute wissen wenig oder nichts über die dramatischen inneren Auseinandersetzungen der Anfangszeit. Das Christentum, so wie es fast alle kennen, stützt sich nur auf einen kleinen Teil der Überlieferungen. Und so bleibt weitgehend unbekannt, dass in den ersten Jahrhunderten ein anderes, vielleicht friedfertigeres und toleranteres Christentum möglich war und dass es einmal Zusammenschlüsse von Jesusanhängern gab, in denen auch Frauen lehren, predigen und Gemeinden leiten durften.


»Der Erlöser liebte Maria mehr als alle Jünger und küsste sie oft auf ihren Mund.«


Wenn heutige Christen auf die Entstehungsjahre zurückblicken, sehen sie vor allem eine Zeit der Märtyrer und Kirchenväter. Aber es hat auch jene anderen Gemeinschaften gegeben. Im Namen einer einzigen und einheitlichen Religion wurden sie unterdrückt, verboten, verfolgt und schließlich vergessen.

Wie die christliche Kirche wurde, was sie ist, geht nicht nur die Gläubigen etwas an. Diese Religion hat den Lauf der Geschichte mitgeprägt, Kriege wurden in ihrem Namen geführt, Millionen Menschen sind ihretwegen gestorben. Nach wie vor stehen die christlichen Werte in hohem Ansehen: Staaten berufen sich darauf, Präsidenten und Regierungschefs schwören ihren Amtseid mit der Hand auf der Bibel und machen Politik mit dem alten Buch, dessen Worte sie als Richtschnur für die Wahrheit nehmen.

Das apokryphe Evangelium der Maria Magdalena führt jedoch hinein in eine Zeit, als von unantastbaren Wahrheiten noch keine Rede sein konnte.

Stattdessen gab es Streit, allerdings auch Debatten auf höchstem philosophischem Niveau. Die neue Religion war erst im Werden. Überall im römisch beherrschten Mittelmeerraum fanden Gläubige zueinander, die sich von den Erzählungen über diesen Mann aus Galiläa begeistern ließen, Jesus von Nazareth, von dem es hieß, er sei der Gottessohn, der Erlöser.

Die Eingeweihten wussten vieles über ihn zu berichten: dass er ein wortgewal - tiger Rabbi gewesen sei, ein Weisheitslehrer, ein Prophet, auch ein mächtiger Heiler und Exorzist, einer, der das Böse und den Tod besiegt habe. Viele Männer seien ihm auf seinen Wanderungen am See Genezareth und nach Jerusalem gefolgt. Und auch viele Frauen.

Unter allen Jüngerinnen sei ihm keine andere so vertraut gewesen wie Maria Magdalena, dieses Bild zeichnet bereits die Bibel. Aber war da noch mehr? In einem apokryphen Evangelium heißt es, er habe sie oft auf den Mund geküsst. Was sollte das bedeuten? Körperliche Liebe oder geistige Nähe? Oder beides? Manche Überlieferungen berichten sogar, Jesus und seine Gefährtin seien mit - einander verheiratet gewesen. Eine große Nähe wird jedenfalls übereinstimmend beschrieben – darauf kommt heute auch die katholische Kirche wieder zurück.

Maria Magdalena hat die Christenheit von Anfang an fasziniert. Sie ist eine Heilige, zwölfmal wird ihr voller Name im Neuen Testament genannt, häufiger als die Namen der meisten Jünger. Sie ist aber auch eine Projektionsfläche männlicher Fantasien geworden und eine Symbolfigur für die Unterdrückung der Frauen durch den religiösen Machtapparat.

Wohl keine andere biblische Gestalt hat im Laufe der Zeit eine so brutale Verwandlung durchgemacht wie Maria Magdalena. Nach mehreren alten Darstellungen soll sie sogar über den männlichen Aposteln gestanden haben. Jahrhunderte später wurde sie von einflussreichen Männern zur reumütigen Sünderin umgedeutet, die in ihrem früheren Leben angeblich nichts anderes gewesen sein konnte als eine Prostituierte.

Weder im Neuen Testament noch in den apokryphen Schriften findet sich für diese Interpretation irgendein Beweis. Und doch bestimmt sie bis heute das Bild, das sich viele von Maria Magdalena machen. Mit ihr haben die Männer der Kirche nicht nur die Frau aus Magdala an den Rand gedrückt, sondern alle Frauen.

Vielleicht wären sie damit nicht durchgekommen, wenn die Geschichte auf dem Papyrus mit der Berliner Depotnummer P 8502 A nicht irgendwann aus der christlichen Überlieferung verschwunden wäre.

Die Päpstin

Judith Hartenstein hielt das Evangelium nach Maria zum ersten Mal Anfang der Neunzigerjahre in den Händen, als sie in Berlin für ihre Doktorarbeit forschte. »Der Papyrus lag in einem düsteren Keller auf der Museumsinsel im Ostteil der Stadt«, sagt die evangelische Theologin.

Seitdem hat die Geschichte jener Frau die Professorin aus Landau nicht mehr losgelassen, kaum jemand weiß so viel über die frühchristliche Schrift wie Hartenstein. Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft arbeitet sie derzeit an einer umfassenden Analyse des Mariaevangeliums.

»Der Text muss wichtig gewesen sein«, sagt Hartenstein. Aus dem Inhalt schließt sie, dass dieses Evangelium ursprünglich gegen Ende des 2. Jahrhunderts nach Christus entstanden ist. Andere Wissenschaftler hingegen vermuten, dass es früher geschrieben wurde, dass der oder die Autoren näher dran waren an den Ereignissen von Jerusalem.

Aus dieser Zeit ist kein Exemplar erhalten, nicht einmal ein kleines Fragment. Der Berliner Papyrus ist eine Abschrift, »wahrscheinlich waren Mönche eines christlichen Klosters in Ägypten während des 5. Jahrhunderts die Schreiber «, sagt Hartenstein. Die Datierung beruht vor allem auf Schriftanalysen und bleibt etwas unscharf. Sicher ist: Über einen längeren Zeitraum wurde das Mariaevange lium mehrmals abgeschrieben und auch übersetzt. Das, so Hartenstein, zeige seine große Bedeutung für frühe Christen.

Der in Leder eingebundene Kodex, der noch drei weitere Apokryphen enthält, wurde 1896 in Kairo von einem Handschriftenhändler zum Kauf angeboten. Woher der Mann ihn hatte, weiß niemand. Fast 60 Jahre vergingen, ehe die erste Edition des Textes mit einer deutschen Übersetzung veröffentlicht wurde, und auch danach blieb die Aufmerksamkeit weitgehend auf Fachkreise beschränkt.

Vollständig ist das koptische Berliner Exemplar nicht, der Anfang des Evan - geliums und einige Seiten in der Mitte fehlen. Es gibt auch noch zwei kürzere griechische Fragmente, die in Oxford und Manchester liegen. Sie wurden später entdeckt, aber früher geschrieben und stammen aus Handschriften, die im 3. Jahrhundert angefertigt wurden. Inhaltlich stimmen die erhaltenen Passagen weit - gehend überein.

Erzählt wird eine Geschichte, die vielem widerspricht, was in den Büchern des Neuen Testaments steht und von den Kirchenvätern zur alleinigen Wahrheit erklärt wurde. Zunächst erscheint nach dem apokryphen Evangelium der auferstandene Heiland nach der Kreuzigung seinen Anhängern, Frauen und Männern, er antwortet auf ihre Fragen und fordert sie auf, seine Heilsbotschaft unter die Menschen zu bringen. So weit, so vertraut.

Dann spricht laut dem alten Papyrus Maria Magdalena. Sie berichtet von einer Vision und einer Botschaft, die Jesus nur ihr mitgegeben habe. »Was euch verborgen ist, werde ich euch verkündigen«, sagt sie, das klingt selbstbewusst.

Petrus und sein Bruder, der Apostel Andreas, hören Maria mit wachsender Empörung zu. Während Andreas Zweifel am Inhalt der Vision hat, in der von mysteriösen Begegnungen der Seele mit »sieben Gewalten des Zorns« die Rede ist, wendet sich Petrus an die Gemeinde der Jesus - anhänger: »Hat er etwa mit einer Frau heimlich vor uns gesprochen? Hat er sie mehr als uns erwählt?«

Petrus fühlt sich zurückgesetzt, dabei ist er es doch, dessen Name »Fels« be deutet und zu dem Jesus laut Matthäusevangelium gesagt hat: »Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.« In all den Schriften, die später zum Kanon der Kirche gehören sollten, tritt Petrus als Mann mit großer Autorität auf, der die Jünger anführt.

Im Mariaevangelium wird er hingegen als Mann mit Schwächen beschrieben. Ein anderer Jünger, Levi, muss ihn im Duell mit Maria Magdalena zur Räson bringen. »Petrus, schon immer bist du jähzornig«, hält er ihm vor und verteidigt die herausgehobene Position Marias: »Wenn der Erlöser sie aber würdig gemacht hat, wer bist dann du, sie zu verwerfen? Sicherlich kennt der Erlöser sie ganz genau, deshalb hat er sie mehr als uns geliebt.« Damit scheint der Streit erst einmal beigelegt.

Von einer Gegnerschaft zwischen Petrus und Maria Magdalena berichten auch andere Schriften, die von den Kirchenvätern abgelehnt und als apokryph verfemt wurden. In »Pistis Sophia«, einem Text aus dem 3. oder 4. Jahrhundert, zürnt der Apostel im Gespräch mit Jesus: »Mein Herr, wir werden diese Frau nicht ertragen können, da sie uns die Gelegenheit nimmt und sie niemanden von uns hat reden lassen. « Maria wiederum beklagt sich, dass Petrus sie einschüchtere und überhaupt Frauen verachte.

Hat diese Auseinandersetzung einen historischen Kern? Ja und nein, meint Judith Hartenstein.

Die Wissenschaftlerin hält es für »ganz unwahrscheinlich, dass Maria Magdalena und Petrus wirklich so miteinander ge - redet haben; diese Schriften liefern uns keine historischen Informationen«. Etwas anderes sei die Situation zu frühchrist - licher Zeit, als das Mariaevangelium entstand. »Die Frage, welche Position Frauen in den Gemeinden einnehmen dürfen, war vor allem im 2. Jahrhundert ein heiß diskutiertes Thema, und auch in der religiösen Praxis gab es große Unterschiede.«

Sie hält es für gut möglich, dass Gruppierungen mit starken Frauen in Maria Magdalena ein Vorbild sahen, eine Kronzeugin, der sie eine Führungsrolle in der Glaubenslehre zuschreiben konnten. Hartenstein sagt: »Im Mariaevangelium wird sie als wichtigste Nachfolgerin Jesu beschrieben, als seine Stellvertreterin. Ihre Rolle lässt sich hier als die der ersten Päpstin interpretieren.«

Eine Frau als Oberhaupt der werdenden Kirche? Das kann eine Zumutung für die Männer in anderen Gruppen gewesen sein.

Aus eigenem Machtinteresse haben sich die Religionsführer in wichtigen Bistümern und vor allem in Rom auf die Seite von Petrus geschlagen: Die Päpste begreifen sich als seine Nachfolger, ihre herausragende Stellung leiten sie von der besonderen Nähe dieses Apostels zu Jesus Christus ab. Eine weibliche Kon kurrentin durfte – und darf – es da nicht geben.


»Ihre Rolle lässt sich hier als die der ersten Päpstin interpretieren.«


Papyrus des Mariaevangeliums: »Eine neue theologische Lehre«


ESPEN EICHHÖFER / DER SPIEGEL

So weit haben die Verfasser im 2. Jahrhundert zwar kaum denken können, aber langsam bildete sich damals eine feste Kirchenordnung heraus. Als erster Bischof von Rom wurde der 366 gestorbene Liberius in seiner Grabinschrift als »papa« bezeichnet, als Papst. Gelesen und sogar vervielfältigt wurde das Maria evangelium zu dieser Zeit weiterhin, es dauerte noch etwas, bis der Sprengsatz entschärft war.

Hartenstein interessiert sich nicht nur für den Frau-Mann-Konflikt im Mariaevangelium, sondern auch für die Sache mit der Seele, also für Marias Vision. Und da geht es um den religiösen Kern des uralten Textes. Auch der ist für gläubige Christen heutzutage schwer zu akzeptieren. »Die Frau, die Jesus nahestand, eignete sich gut als Gewährsperson, um eine neue theologische Lehre einzuführen«, sagt Hartenstein.

Die Textpassage schwelgt in esote - rischen Bildern. Nach dem Tod eines Menschen, beim Aufstieg der Seele ins Jenseits, überwinde die Seele mehrere Gewalten, heißt es im Mariaevangelium, darunter die Finsternis, die Begierde, die Unwissenheit, den »Eifer des Todes«, das »Reich des Fleisches«, die »närrische, fleischliche Klugheit« und die »jähzornige Weisheit«.

Am Ende erlange sie »Ruhe von der Zeit in Schweigen«.

Diese Version des Jenseits mutet ein wenig fernöstlich an. Eine fassbare Gottes - gestalt gibt es da nicht, schon gar keinen gütigen Gottvater, von dem Kirchenväter reden. Hartenstein sieht eine Verbindung zur sogenannten Gnosis, einer antiken Erkenntnis- und Erlösungslehre. Damit werfe das Mariaevangelium eine der drängenden religiösen Fragen jener Zeit auf: »Was meinen wir, wenn wir von Gott sprechen? Den Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat und damit auch alles irdische Leiden? Oder einen Gott, der noch jenseits davon ist?«

Eine Antwort gibt der Text nicht. Ma - rias theologische Aufgabe sei es, »einen bisher fremden Stoff in den christlichen Zusammenhang einzubinden«, sagt Hartenstein. Wie die damaligen Zuhörer darauf reagiert haben, ob sie begeistert waren oder ratlos oder empört, ließe sich wohl allenfalls mithilfe neuer Fundstücke klären.

Die Ruinen von Migdal

Eigentlich wollte die kleine, aber international organisierte Missionsgemeinschaft Legionäre Christi am Ufer des Sees Genezareth bloß ein Pilgerheim errichten. In der Ortschaft Migdal hatten die konser - vativen Ordensleute deshalb eine he - runtergekommene Ferienanlage namens »Hawaii Beach« erworben. Sie mussten nur noch den Untergrund auf archäo - logisch interessante Dinge prüfen, wie es die Israelische Altertumsbehörde verlangte. Kaum hatten die Arbeiter 2009 angefangen zu buddeln, stießen sie auf alte Mauern.

In den biblischen Evangelien wird ein Städtchen namens Magdala am See erwähnt, und es ist nach ihnen vermutlich die Heimat der Frau, die Jesus so nahesteht: Maria von Magdala wird sie genannt, weil sie eben aus dem Ort stammt, da sind sich fast alle Experten sicher. In der gängigen Lutherübersetzung wird daraus Maria Magdalena.

Ein halbes Dutzend der namentlich bekannten Frauen im Neuen Testament heißt Maria, der Vorname war schon damals sehr beliebt. Dass Maria Magdalena wohl nach ihrer Herkunft bezeichnet wurde und nicht wie zu der Zeit üblich nach einem Mann, könnte daran gelegen haben, dass sie unverheiratet oder bereits verwitwet war.

Die archäologischen Ausgra bungen im biblischen Magdala wurden lange Zeit kaum beachtet – bis die Legionäre Christi auf weitere Überreste stießen. Obwohl ihr Pilgerzentrum erst im nächsten Jahr fertig werden soll, kommen bereits jetzt Scharen von Besuchern, die sich die historischen Funde von Magdala anschauen wollen. Die freigelegten Steine lassen einen Fischmarkt, Hafenanlagen und jüdische Ritualbäder erkennen, Zeugnisse eines wohlhabenden Städtchens. Das Prunkstück ist eine zwei Jahrtausende alte Synagoge.

Zwischen Grundmauern und gestuften Sitzreihen haben die Archäologen einige Quadratmeter fein gearbeiteter Mosaikfußböden freigelegt. Ein mit Reliefs geschmückter Kalksteinquader zeigt Symbole des jüdischen Tempels in Jerusalem, der 70 nach Christus von den Römern zerstört wurde.

»Auf diesen Stufen müssen Jesus und seine Jünger gesessen haben, hier hat er gepredigt, hier sind sich Jesus und Maria Magdalena begegnet «, erzählt Celine Kelly, die gerade dort steht, wo einmal der große Gebetsraum der Synagoge war. Die Irin leitet seit zweieinhalb Jahren im Magdala-Zentrum Seminare.

Skeptiker nahmen lange Zeit an, dass es in Galiläa während der Jesuszeit noch keine Synagogen gegeben hatte. Die biblischen Passagen, in denen es heißt, Jesus habe in jüdischen Gebetshäusern am See Genezareth gepredigt, hielten sie für eine Erfindung. Die Ruinen von Magdala waren dann der Beleg, dass die Evangelien in diesem Punkt recht haben könnten.

Doch die Steine geben keine Auskunft über Maria Magdalena, alles, was über die Frau bekannt ist, haben einmal fromme Leute aufgeschrieben. Es gibt keine anderen Zeugnisse ihres Lebens, keine Erwähnung bei einem römischen Historiker, keine Grabinschrift.

Selbst wenn man den religiös inspirierten Quellen trauen will, ergibt sich bloß ein schemenhaftes Bild von ihrer Person: Sie könnte eine finanziell unabhängige, vielleicht sogar wohlhabende Frau gewesen sein, die sich der Jesusbewegung angeschlossen hatte. Sie unterstützte ihn und seine Anhänger. »Oft ging es dabei sicher um alltägliche Dinge, um neue Sandalen oder etwas zu essen«, sagt Kelly.

Eine von Marias Freundinnen hieß laut Bibel Johanna und war angeblich mit einem Beamten des galiläischen Herrschers Herodes Antipas verheiratet, der in Tiberias residierte. Kelly zeigt über das Seeufer nach Süden: »Tiberias liegt nur eine gute Stunde Fußweg von hier entfernt, Maria könnte an höfischen Festlichkeiten teilgenommen haben.«

Vielleicht weil sie Jesus ein neues Leben verdankte, soll die Frau aus Magdala ihm treu ergeben gewesen sein: »Sieben Dämonen« habe er ihr ausgetrieben, heißt es in jenen Evangelien, aus denen das Neue Testament entstand. Möglich, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelte, von der sie geheilt wurde.

Illustration der Auferstehungsszene: Die erste Zeugin


SAMSON / DER SPIEGEL

Anders als einige der männlichen Jünger scheint sie nie an Jesus gezweifelt zu haben. Laut Bibel soll sie auch dann noch in seiner Nähe sein, als er in Jerusalem gekreuzigt wird, sie gehört auch zu denen, die sich um eine ordent liche Bestattung seines Leichnams kümmern, ehe der Sabbat anbricht. Dann ist der Sabbat vorbei, und Maria Magdalena erlebt als Erste das wohl tollste Wunder der Christenheit: die angebliche Auferstehung. Das Grab ist leer, davor sieht sie einen Mann, den sie für den Gärtner hält. So erzählt es das biblische Johannesevangelium. Als Jesus sie bei ihrem Namen nennt, erkennt sie ihn, und er befiehlt ihr: »Geh zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich gehe auf zu meinem Vater.«

Was immer man von der Geschichte halten mag, auf diese Vorstellung gründete sich dann die neue Religion: Jesus, der von den Toten Auf erstandene, zeigt sich als Mensch und Gott. Und es ist nach allen relevanten Texten Maria Magdalena, die als erste Zeugin davon berichten kann: »Ich habe den Herrn gesehen.«

Einigen Kirchenlehrern in den Jahrhunderten danach entging das natürlich nicht: »Apostola Apostolorum« wurde sie von ihnen ehrfurchtsvoll genannt, Apostelin der Apostel.

Andere fanden es offenbar ungehörig, dass eine Frau so wichtig sein sollte. Sie brauchten nur noch einen Dreh, um die missliche Passage zu entwerten.

Die Kirche wird groß und macht die Frauen klein

Eva, natürlich, mit ihr ließ sich etwas anfangen: Die Person, die im Paradies einst die Sünde in die Welt gebracht hatte, war ja wohl nicht zufällig eine Frau. Unter den frühen Theologen, die als Kirchenväter gerühmt werden, gab es einige, die den Einfluss von Frauen zurückdrängen wollten. Und um Maria Magdalena kleiner zu machen, als sie in den Schriften dargestellt wird, kam Eva gerade recht.

Gregor von Nyssa setzte die beiden Frauen kurzerhand gleich: Als erste Zeugin der Auferstehung habe Maria Magdalena »durch ihren Glauben wieder aufgerichtet, was sie durch ihren Sündenfall umgestürzt hatte«, schrieb der Kirchenlehrer aus Kappadokien, dem heutigen Anatolien. Sie habe also bloß einen Fehler wiedergutgemacht und dadurch ihre heilsgeschichtliche Rolle erfüllt. Mehr durften Frauen in der Kirche eines Gregor von Nyssa nicht erwarten.

Ein anderer wichtiger Wortverdreher war Petrus Chrysologus. Der Bischof von Ravenna behauptete im 5. Jahrhundert, dass die Apostelin Maria »nicht als Frau, sondern als Kirche« gesprochen habe. Denn bei anderen Gelegenheiten habe sie ja den Mund gehalten, wie es sich gehöre: »Sodass sie dort wie eine Frau schweigt, hier wie die Kirche verkündigt und redet.«

Historisch betrachtet haben Männer wie Gregor und Petrus einen entscheidenden Vorteil: Sie stehen auf der Gewinnerseite. Ihre Schriften blieben erhalten. Die der Verlierer wurden jedoch dem Volk vorenthalten, gerieten in Vergessenheit oder verschwanden völlig. Elisabeth Schüssler Fiorenza, Theologin in Harvard, kommt deshalb zu dem Schluss: »Wir können annehmen, dass uns viele Traditionen und Informationen über den Beitrag der Frau im Urchristentum verloren gegangen sind.«

Eine der Frauen hieß Marcellina. Sie lebte zunächst in Alexandria, stieg zur Anführerin einer christlichen Gruppe auf und zog um 160 nach Rom. Ausdrücklich berief sie sich auf Maria Magdalena. Marcellina predigte soziale Gerechtigkeit und verehrte neben Jesus auch griechische Philosophen wie Platon und Aristoteles.

Alles, was über Marcellina bekannt ist, stammt allerdings aus den Schriften ihrer Gegner. Der wichtigste war Bischof Irenäus von Lyon, der eine klare Meinung über die Frau hatte: »Sie führte viele auf den falschen Weg.«

»Adversus haereses« nannte Irenäus seine Schrift, in der er sich mit denen ausein - andersetzte, die aus seiner Sicht Irrlehren verbreiteten. »Gegen die Häresien«, verfasst um 180, wurde zu einem der einflussreichsten Werke der frühen Kirchengeschichte. Das Wort Häresie bedeutete ursprünglich »Wahl« oder »ausgewählte Richtung «, doch die Neutralität ging jetzt verloren: Der Weg, den die anderen gewählt hatten, wurde für falsch und böse erklärt.

Das Urteil traf auch die Gruppe der sogenannten Montanisten: »In der charismatischen Gemeinschaft waren Frauen und Männer gleichberechtigt«, sagt der Heidelberger Theologe Peter Lampe, der viel über die Montanisten geforscht hat.

Bis in die Mitte des 6. Jahrhunderts hatte die Bewegung Zulauf rund ums Mittelmeer, dann war ihre Kraft erschöpft. »Für eine Weile sah es so aus«, sagt Lampe, »als hätte diese charismatische Form des Christentums eine Chance, zur herrschenden Version des christlichen Glaubens im Römerreich zu werden.« Mit unabsehbaren Folgen für den Verlauf der Geschichte.

Dass es anders kam, hat viel mit Kaiser Konstantin zu tun. Er stammte aus dem heutigen Serbien und gelangte 306 auf den römischen Kaiserthron. Mit Konstantin dem Großen begann der Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion.

Die Verfolgung der Christen war fast vorbei, ihnen winkten nun Ämter und Pfründe. Die vom Kaiser geförderte Kirche wuchs zu einer machtvollen Institution heran. Aber erst einmal sorgte Konstantin für Ordnung unter den vielfach verfeindeten Gläubigen.

Einem Bischof seines Vertrauens trug er auf, 50 kostbare Bibeln für den kirchlichen Gebrauch anfertigen zu lassen, »auf gut zubereitetem Pergament« und mit den Schriften, »die du am meisten als notwendig erachtest«. Es war ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Kanon des Neuen Testaments.

Zum Dank für solche Gunst schrieb der Bischof über den Kaiser eine Biografie, in der er ihn über die Maßen lobte. Konstantin habe »die Spaltungen beseitigt und der Kirche Gottes völlige Eintracht gegeben«. Die »fluchwürdige und verderbliche Zwietracht der Häretiker« habe er bekämpft und im ganzen Reich befohlen, »auch nach den Büchern jener Menschen« zu fahnden.

Spätestens jetzt konnte es gefährlich sein, mit Werken wie dem Mariaevange - lium erwischt zu werden. Viele der heute bekannten Apokryphen blieben danach nur deshalb erhalten, weil sie während der Antike versteckt wurden, etwa in einem versiegelten Tonkrug.

Aus dem historischen Ablauf wird klar: Apokryph, also »geheim«, waren Schriften wie das Mariaevangelium nicht von Anfang an. Bis angeblich richtige und falsche Geschichten amtlich unterschieden waren, verging viel Zeit. Dann herrschte Strenge: »Dieses sind die Quellen des Heils«, verkündete 367 der Patriarch von Alexandria. »Niemand soll ihnen etwas hinzufügen oder etwas von ihnen fort - nehmen.«

Für Frauen, die jetzt noch in den Gemeinden aktiv waren, wurde es eng. »Im Lauf des 4. Jahrhunderts, als das Christentum im Römischen Reich zu einem Machtfaktor wurde, bekamen die Frauen erhebliche Probleme, sie wurden von Ämtern ausgeschlossen«, sagt die Theologin Silke Petersen von der Uni Hamburg.

Allerdings sei die Unterdrückung des Weiblichen keine Besonderheit der Reli - gion gewesen. »Das Christentum hat einfach nur die antike Misogynie konser viert«, sagt Petersen. Frauen abzuwerten habe im Altertum als normal gegolten.

Ein christlicher Religionsgelehrter konnte jetzt so weit gehen, jede weibliche Amtsausübung als Häresie anzuprangern: Nachdem er das Alte Testament durchforstet hatte, schrieb Epiphanius von Salamis triumphierend: »Nirgends diente eine Frau als Priesterin.« Und so müsse es bleiben, denn: »Das weibliche Geschlecht ist leicht verführbar, schwach und ohne viel Verstand. « Von Katholiken und Orthodoxen wird dieser Mensch bis heute als heiliger Kirchenvater verehrt.

Der Rufmord

Angeblich lebte Ephraim der Syrer, auch er ein Kirchenvater, im 4. Jahrhundert nur von Haferbrot, Gemüse und Wasser. Das dürre Männlein besaß allerdings einen starken Willen, und ein geschickter Propagandist war er auch. Um seine Glaubensbotschaft unter die Leute zu bringen, nutzte er Dichtungen und populäre Musik, »Harfe des Heiligen Geistes« nannten sie ihn damals.

In einem seiner Bibelkommentare erledigte er Maria Magdalena. Er setzte sie mit zwei anderen Frauenfiguren gleich, mit Maria von Bethanien und einer namenlosen »Sünderin« aus dem Lukasevangelium. Darin weint die reumütige Frau Jesus die Füße nass, trocknet sie mit ihren Haaren und küsst und salbt sie. Dem Herrn gefällt es: »Dir sind deine Sünden vergeben.« Was sie einst getan hat, bleibt offen.

Der mächtigste der frühen Päpste, Gregor der Große, knüpft 591 an Ephraims Fälschung an. Dass Maria Magdalena mit der reuigen Sünderin identisch sei, erklärt er zur kirchlichen Lehrmeinung. Und macht damit den Rufmord perfekt.

Die sieben Dämonen, von denen es heißt, dass Jesus sie aus Maria ausgetrieben habe, regen den Papst zum Fabulieren an: »Da nämlich durch die sieben Tage die ganze Zeit zusammengefasst wird, wird durch die Siebenzahl mit Recht die Gesamtheit abgebildet.« Das lasse, so Gregor, nur einen Schluss zu: »Maria war voll von sämtlichen Lastern.«

Und dann fantasiert er weiter, wie sich Maria Magdalena früher auf schändliche Weise aufgedonnert habe, mit kostbarem Salböl und aufreizender Frisur. Belege braucht er dafür nicht, er ist ja Papst. So kommt die Idee in die Welt, dass die hei - lige Frau früher eine Hure war. Die christliche Vorbildrolle der Apostola Apostolorum schrumpft auf die einer Büßerin zusammen.

Und die Frau weckt männliche Fantasien. Schon gegen Ende des Mittelalters sehen Künstler in der Gestalt der Maria Magdalena bald eine ideale Vorlage: Sie können einen weiblichen Körper lustvoll inszenieren und zeigen doch angeblich nur das, was in den frommen Büchern steht.

Bei Tilman Riemenschneider, dem genialen

Holzschnitzer des 15. Jahrhunderts, sind Marias Formen noch weitgehend von ihrer lockigen Haarpracht bedeckt. Doch dann kommt mehr Haut zum Vorschein, und bei dem Franzosen Jules-Joseph Lefebvre im 19. Jahrhundert sieht die »Sünderin « bloß noch aufreizend aus.

So weit war es mit der Verkünderin des Glaubens, der religiösen Anführerin aus der Frühzeit des Christentums gekommen. Ephraim der Syrer und Gregor der Große hatten ganze Arbeit geleistet.

Erst 1969 rang sich die katholische Kirche dazu durch, den Unsinn der beiden Alten aus ihrem liturgischen Ka - lender zu streichen. Viele Kirchgänger haben das bis heute allerdings nicht mitbekommen.

Waren Jesus und Maria verheiratet?

Ende 1945 gruben zwei Brüder ein Stück abseits des Nils in Oberägypten nach Sabakh, einem nitratreichen Dünger für ihre Felder. Plötzlich, so erzählte es der Ältere später, sei der Jüngere mit der Hacke auf etwas Hartes gestoßen. Zum Vorschein sei ein großer, sorgfältig versiegelter Tonkrug gekommen.

Frühchristliche Anführerin Maria Magdalena: Kirchenväter haben aus ihr eine reuige Sünderin und Ex-Prostituierte gemacht


Hatten sie einen vergrabenen Goldschatz entdeckt? Nach einigem Zögern hätten sie den Krug zerschlagen, aber nur einen Haufen alten Schriftkram gefunden.

Für Archäologen und andere Wissenschaftler allerdings war die Entdeckung in der Nähe der Ortschaft Nag Hammadi viel wertvoller als Gold.

Der Krug enthielt Evangelien und Apokalypsen, Gebete und weitere Schriften auf Papyrus, gebündelt zu mehr als einem Dutzend Kodizes. Abgeschrieben wurden sie um 350, wer sie wann versteckt hat, ist unbekannt. Für die römische Staatskirche dürften es Häretiker gewesen sein.

Auch Maria Magdalena kommt in den Papyri von Nag Hammadi prominent vor. Das Philippusevangelium beschreibt eine enge Verbundenheit zwischen ihr und Jesus. Sie sei seine »Gefährtin«, heißt es darin, und: »Der Erlöser liebte Maria Magdalena mehr als alle Jünger, und er küsste sie oft auf ihren Mund.«

Verfasst wurde das Philippusevange - lium wohl am Ende des 2. Jahrhunderts oder später, lange nach dem Tod der realen Personen. Es ist wenig wahrscheinlich, dass der unbekannte Autor etwas über eine biografische Wahrheit wusste, die in sämtlichen früheren Evangelien ausgespart worden war. Die in Harvard lehrende Theologin Karen King, die sich intensiv mit dem Philippusevangelium beschäftigt hat, kommt zu dem Ergebnis: »Es liefert keinen zuverlässigen historischen Beweis, dass Jesus verheiratet war.«

Ausgerechnet Karen King, eine weltweit anerkannte Expertin für die Welt der Urchristen, fiel dann auf einen mutmaß - lichen Schwindel herein. Durch den angeblichen Mittelsmann eines verstorbenen Sammlers bekam sie einen Papyrusschnipsel in die Hände, nicht größer als eine Visitenkarte. Als sie das Fragment 2012 in Rom vorstellte, galt es als Weltsensation.

Bruchstückhaft ist darauf ein Dialog notiert, der Name Maria fällt, und dann folgt der Satz: »Jesus sagte zu ihnen: ›Meine Frau … sie kann meine Jüngerin sein.‹«

King taufte den Papyrusfetzen auf den Namen »Evangelium der Frau von Jesus«, blieb in ihrer Deutung sonst jedoch vorsichtig. Wie im Fall des Philippusevangeliums liefere es »keinen Nachweis, dass der historische Jesus verheiratet war«. Während der frühchristlichen Auseinandersetzung über die Rolle der Frauen habe der Text zeigen sollen, dass Ehefrauen und Mütter »würdig und in der Lage sind, seine Jüngerinnen zu sein«.

Naturwissenschaftliche Untersuchungen, darunter zwei Radiokarbonanalysen, schienen die Echtheit des Papyrus zu bestätigen. Trotzdem wurden die Zweifel lauter. Kollegen von King kritisierten, dass der Text zum Teil ein seltsames Schriftbild zeige, das auf einen ungeschickten Fälscher hindeute. Inzwischen geht King selbst von einer Fälschung aus, obwohl sie nicht »absolut sicher« sei.

Die Legende, nach der Maria aus Magdala zumindest die Geliebte Jesu war, kursiert seit Jahrhunderten in christlichen Kreisen. In der mittelalterlichen Sekte der Katharer, die eine ihrer Hochburgen in Südfrankreich hatte, raunten sich die Eingeweihten davon zu. Weil die Papstkirche mit äußerster Brutalität gegen die Katharer zu Felde zog, blieb nur wenig Authentisches von ihnen erhalten. Im 13. Jahrhundert notierte ein Chronist: »In geheimen Zusammenkünften lehren sie, dass Maria Magdalena die Gemahlin Christi war.« So ähnlich steht es in weiteren zeitgenössischen Quellen.

In seinem Roman »Der Da Vinci Code« hat Dan Brown die nicht ganz so heilige Familie farbig ausgemalt: Das französische Königsgeschlecht der Merowinger gehe auf Jesus und Maria zurück, ihre Nachfahren lebten bis heute unter uns. Das Buch wurde ein Weltbestseller.

Einmal im Jahr, am 22. Juli, wird in Saint-Maximin-la-Sainte-Baume deran gebliche Schädel von Maria Magdalena feierlich durch die Straßen getragen. Er ruht sonst tief unten in der Kathedrale des südfranzösischen Städtchens.

Tempelstein in den Ruinen von Magdala: Zeugnisse eines wohlhabenden Städtchens


JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL

Ob die Knochen echt sein könnten, ist wie bei den meisten Reliquien nicht nachprüfbar. Und ins Reich der Legenden gehört wohl auch Marias vermeintliche Reise nach Frankreich: Zusammen mit anderen frommen Christen sei sie von Juden auf ein Schiff ohne Segel und Ruder verfrachtet worden, damit sie alle zugrunde gingen. Aber Gott habe sie gerettet und weit übers Meer nach Marseille geführt. Später habe Maria sich in die Einsamkeit zurückge - zogen.

Eine Höhle in den Bergen nicht weit von Aix-en-Provence wird bis heute von Pilgern besucht, es heißt, diese Höhle sei die letzte irdische Behausung der Frau aus Magdala.

Eine andere Kirche

Im »Osservatore Romano«, der Tageszeitung des Apostolischen Stuhls, waren vor Kurzem deutliche Worte zu lesen: Die Kirche hat ein Problem mit Frauen. In einem Gastbeitrag berichtete der Jesuitenpater Matt Malone von einer Umfrage unter mehr als 1500 katholischen Frauen in den USA, die er in Auftrag gegeben hatte.

Das Ergebnis der Befragung findet Malone »besorgniserregend«: »Frauen fühlen sich in der Kirche nicht gut angenommen, weil sie nicht für Positionen mit Autorität oder Führungsverantwortung infrage kommen.«

Aber Priesterinnen wird es bei den Katholiken so bald wohl nicht geben, da bleibt der Vatikan hart, wie auch die Orthodoxen und neuerdings wieder die Anglikaner. Die römische Kongregation für die Glaubenslehre, einst berüchtigt unter dem Namen Heilige Inquisition, betrachtet den Versuch, eine Frau zu weihen, noch immer als eine der »schwerwiegenderen Straftaten« gegen das Kirchenrecht.

Als eines der entscheidenden Argumente gegen die Weihe von Frauen führt der Vatikan an, dass dies gegen die Traditionen verstoßen würde. Aber stimmt das?

Die Hamburger Theologin Petersen, eine Protestantin, sagt: »Wenn man nachweisen kann, dass es im frühen Christentum Amtsträgerinnen gegeben hat, ist das Traditionsargument hinfällig.« Aus Gesprächen mit katholischen Kolleginnen wisse sie: »Viele sind sehr vorsichtig, wenn sie über solche Fragen oder auch über Maria Magdalena schreiben. Sie haben Sorge, dass ihnen von Rom die Lehrbefugnis für Theologie entzogen wird.«

Wären Frauen aus leitenden Positionen der Kirche nicht verdrängt worden, hätte sich die Menschheit vielleicht anders entwickelt. Weniges hat die Geschichte in Europa und darüber hinaus so geprägt wie der durch und durch männliche christliche Machtapparat, der mit staatlichen Instanzen verwoben war.

Das frühe Christentum mit seinen häufig esoterisch angehauchten Gruppen zeigt, dass für eine kurze Zeit eine andere Kirche möglich war. Mehr auf die persönliche Spiritualität ausgerichtet als auf Missionierung und Eroberung.

Was wäre aus diesem sanfteren Christentum ohne den kriegerischen Paten Konstantin geworden? Petersen warnt davor, sich die Dinge allzu rosig vorzustellen: »Wenn das Christentum nicht Staatsreli - gion geworden wäre, dann ist die Frage nicht, hätten wir ein anderes Christentum, sondern: Hätten wir überhaupt noch eines? « Die Machtstrukturen seien die Garantie dafür gewesen, dass die Kirche sich festigen und behaupten konnte.

Und manchmal geht es selbst im Vatikan ein Stück voran. Vor zwei Jahren erließ Papst Franziskus ein Dekret, um Maria Magdalena weiter zu rehabilitieren: Sie wurde liturgisch den männlichen Aposteln gleichgestellt. Der 22. Juli, bisher nur ein »gebotener Gedenktag«, gilt nun als kirchliches »Fest«. Für Radio Vatikan war die kleine Geste »ein großer Schritt für die Wertschätzung der Rolle von Frauen in der Kirche«.

Dabei müsste es nach dem alten Papyrus über diese Maria aus Magdala längst Päpstinnen geben.

Twitter: @DiPiep

Video

Hier soll Maria Magdalena gewohnt haben


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