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DIE GEFÜHLE DER DEUTSCHEN – ESSAY: Fühlen die was? MITTEL


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 23.01.2019

Sie zeigen ihre Gefühle nicht, sagen viele über die Deutschen. Stimmt das? Von Barbara Kerbel. Illustrationen: Sebastian Schwamm


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Weltschmerz
Weltschmerz .Schadenfreude .Angst . Wenn die Sprache etwas über die Seele eines Landes verrät – was sagen dann diese drei Wörter über die Deutschen? Es sind Begriffe für so spezielle Gefühle, dass sie auch in anderen Sprachen auf Deutsch benutzt werden.Weltschmerz : die tiefe Melancholie über das eigene Leben und die Welt.Angst : keine normale Reaktion auf eine Gefahr, sondern eine irrationale, krankhafte Sorge.Schadenfreude : die Freude darüber, dass bei ...

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Weltschmerz
Weltschmerz .Schadenfreude .Angst . Wenn die Sprache etwas über die Seele eines Landes verrät – was sagen dann diese drei Wörter über die Deutschen? Es sind Begriffe für so spezielle Gefühle, dass sie auch in anderen Sprachen auf Deutsch benutzt werden.Weltschmerz : die tiefe Melancholie über das eigene Leben und die Welt.Angst : keine normale Reaktion auf eine Gefahr, sondern eine irrationale, krankhafte Sorge.Schadenfreude : die Freude darüber, dass bei jemandem etwas nicht klappt. Schöne Gefühle sind das nicht.

Können die Deutschen eigentlich auch Lebensfreude empfinden? Begeisterung? Leidenschaftliche Liebe? Menschen aus anderen Ländern glauben oft: Sie können es nicht. Immer wieder hört man die Beobachtung: Die Deutschen zeigen ihre Gefühle nicht. Die Atmosphäre in Deutschland finden viele Ausländer unpersönlicher und kälter, als sie es aus ihrer Heimat kennen. Das kann ein Schock sein. Wie für die Israelin Shani Ahiel, die weinen musste, als zum ersten Mal die Polizei in ihrem Berliner Restaurant stand: Nachbarn hatten sich beschwert, dass die Gäste zu laut lachten (sieheDeutsch perfekt 8/2018).

Selbstverständlich darf auch in Berlin laut gelacht werden – aber nur bis 22 Uhr. Danach ist es Lärm. Alles zu seiner Zeit: Dieses Prinzip gilt in Deutschland oft auch für Emotionen. Euphorisch ist man im Karneval und auf dem Oktoberfest, im Urlaub (in Spanien oder Italien) und wenn die Nationalmannschaft gewinnt. Romantik passt zu Weihnachten und zum Hochzeitstag. In der restlichen Zeit dominiert das Pflichtgefühl: In Umfragen sagen viele Menschen, dass die Arbeit außer der Familie für sie das Wichtigste im Leben ist.

Selbstverständlich sind nicht alle Deutschen ernst, ängstlich und vor allem an der Arbeit interessiert. Aber viele Klischees sind auch ein bisschen wahr. Psychologen, Soziologen und Kulturwissenschaftler haben in Studien gezeigt, dass Kultur und Gesellschaft Emotionen beeinflussen – und zwar nicht nur die Art, wie Menschen Gefühle ausdrücken. Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen aus verschiedenen Kulturen wirklich unterschiedlich empfinden. „Gefühle sind Kulturprodukte“, sagt die Historikerin Ute Frevert, die untersucht, wie sich Gefühle im Lauf der Epochen verändern (siehe Interview ab Seite 24).

Über diese Kulturprodukte verrät auch die Sprache viel. Im Deutschen gibt es wunderschöne Wörter für negative Gefühle. Ein unzufriedener Mensch istmürrisch . Wer sehr oft schlechte Laune hat, ist einGriesgram . Eine leichte Traurigkeit heißtTrübsinn . Die Sprache zeigt auch, aus welcher Perspektive man auf etwas schaut. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“, sagt man im Deutschen. Im Italienischen gibt es die gleiche Redewendung, aber mit anderer Betonung. „Mal comune, mezzo gaudio“, heißt es dort: Gemeinsames Leid ist halbe Freude. Italiener freuen sich also fast schon wieder, wenn sie ihr Leid teilen können; Deutsche leiden nur weniger.

Typisch deutsch ist die Idee, dass es für Gefühle eine richtige Dosis gibt: weder zu viel noch zu wenig. Auch für diese Haltung gibt es ein Wort:Gefühlshaushalt . Werhaushaltet , so das Verb, kalkuliert Einnahmen und Ausgaben – mit dem Ziel, sparsam zu sein. Das passt schlecht zur Idee unkontrollierter Leidenschaft.

Aber es gibt Hoffnung. Für die sogenannte Vermächtnisstudie unter Leitung der Soziologin Jutta Allmendinger, Direktorin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, stellten Wissenschaftler im Jahr 2015 mehr als 3000 Menschen in Deutschland Fragen zu ihrem Lebensgefühl, ihren Einstellungen und ihren Wünschen für die Zukunft. Dabei benutzten die Forscher eine innovative Methode: Sie stellten nicht nur Fragen, sondern ließen die Teilnehmer auch an vier Düften riechen, vier Oberflächen fühlen und vier Rhythmen anhören. Die Personen sollten sich jeweils für einen der vier Sinnesreize entscheiden und das mit ihren eigenen Worten und Gefühlen begründen.

Die Forscher erlebten eine Überraschung. Um ihr aktuelles Leben zu beschreiben, wählten 82 Prozent die Düfte Grapefruit oder Rose, die sie als sehr angenehm empfanden. Als Begründung zeigten die Befragten eine „spontane Reaktion großen Wohlbefindens“, wie Jutta Allmendinger in ihrem Buch zur Studie schreibt: Sie nannten Worte der Liebe und des Glücks. Das hatten die Forscher nicht erwartet. Und auf die Frage, was für folgende Generationen wichtig sein soll, sagten 84 Prozent der Teilnehmer außer Arbeit auch: das Leben zu genießen.

Die Deutschen können sie also vielleicht doch empfinden, die Lebensfreude.

Warum ärgern die sich so?

Zeigen die Deutschen wirklich weniger Gefühle als andere? Wenigstens beim Ärger stimmt diese These eher nicht, glaubt Michael Boiger. Wenn der Psychologe seinen Kollegen in Japan vom Straßenverkehr in Berlin erzählt, verstehen die gar nicht, was da passiert: Radfahrer schimpfen über Fußgänger, die auf dem Radweg laufen. Fußgänger schimpfen über Radfahrer, die auf dem Gehweg fahren. „,Mach Platz!‘ ist ja noch das Harmloseste, was gerufen wird“, sagt Boiger. Auf Berliner Straßen wird viel geschrien. „Für Japaner ist Harmonie viel wichtiger. Die würden sich nie so aufregen, sondern lieber außen herumfahren oder -laufen.“

Boiger hat schon viel gesehen von der Welt. Er hat in den USA, in Japan und in Belgien gelebt; zurzeit pendelt er zwischen Berlin, wo er als Therapeut arbeitet, und Amsterdam, wo er im Frühling Professor an der Universität wird. Er erforscht, wie Gefühle von einer Kultur beeinflusst werden. Und in seiner Praxis berät er interkulturelle Paare. Kulturelle Unterschiede interessieren ihn sehr.

Das Gefühl, das er auf Berliner Straßen beobachtet, nennt Boiger „gerechtfertigte Entrüstung“: Man merkt, dass jemand anderes etwas falsch macht – zum Beispiel als Fußgänger auf dem Radweg läuft – und regt sich auf. Und weil der Radweg ja eigentlich eine Regel vorgibt, ist man überzeugt davon, recht zu haben. Oder man beschwert sich – im Hotel, im Restaurant –, weil man glaubt, etwas Besseres verdient zu haben. Diese spezielle Form, sich zu ärgern, hat der Psychologe so vor allem in seiner Heimat Deutschland beobachtet.

Die deutsche Sprache kennt viele Wörter für Ärger:Empörung ,Entrüstung ,sich über etwas aufregen ,sauer werden ,vor Wut kochen . Im Jahr 2010 erfanden Journalisten das WortWutbürger und meinten damit ruhige, konservative Menschen, die plötzlich laut auf der Straße protestieren – 2010 gegen das Bauprojekt für den Bahnhof Stuttgart 21. Die Gesellschaft für deutsche Sprache wählteWutbürger sofort zum Wort des Jahres.

Ist das nicht peinlich?

Ausländer, die zum ersten Mal in einer deutschen Sauna sitzen, denken vielleicht, dass den Deutschen überhaupt nichts peinlich ist. Frauen und Männer schwitzen zusammen – und alle sind nackt. Niemand schämt sich.

Scham ist das Resultat einer Normverletzung: Wer die Regeln seiner Gruppe verletzt, schämt sich. Oft erwartet die Gruppe, dass er seine Scham auch zeigt. In allen Kulturen gab und gibt es deshalb Rituale öffentlicher Demütigung – vom Pranger im Mittelalter bis zur Online-Denunziation heute. Scham ist ein soziales, moralisches Gefühl. Für deutsche Saunen heißt das: Wenn alle nichts anhaben, muss sich niemand schämen.

Das heißt aber nicht, dass sich die Deutschen für gar nichts schämen. Im Gegenteil, es gibt ein Wort für das Gefühl, dass man empfindet, wenn andere etwas sehr Peinliches machen:sich fremdschämen . Und über Geld zu sprechen, ist für viele Deutsche nicht nur peinlich, sondern tabu.

Die schwierige Liebe zur Heimat

„Man schaut immer aus seinem Kinderzimmer in die Welt“, sagte Katrin Bauerfeind vor Kurzem in einem Interview. Die 36-jährige Autorin, Moderatorin und Schauspielerin lebt in Berlin. Geboren ist sie aber nicht in der Hauptstadt, sondern in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. Also sagte sie der LokalzeitungHeilbronner Stimme , dass sie Schwäbin bleibt – „bis zum Ende meiner Tage“.


Selbstverständlich darf auch in Berlin laut gelacht werden – aber nur bis 22 Uhr. Danach ist es Lärm.
saisonale Freude


Bauerfeind ist ein typisches Beispiel für ihre Generation, in der viele von der Provinz in die Metropolen ziehen. Wenn sie über ihre Heimat spricht und dabei Sätze in breitem Schwäbisch integriert, ist das ziemlich lustig und selbstironisch. Und es klingt sehr liebevoll.

Mit der Heimatliebe der Deutschen war es lange eine schwierige Sache. Nach dem Krieg war Patriotismus in der Bundesrepublik tabu. Zu schlimm waren die Verbrechen der Nationalsozialisten im Namen Deutschlands. Über Heimatliebe wurde lange fast nicht gesprochen.

Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Über kaum einen Begriff wird so stark gestritten wie überHeimat (sieheDeutsch perfekt 4/2018). Was ist deutsch? Was ist Heimat? Je mehr Menschen aus dem Ausland nach Deutschland ziehen, umso intensiver werden diese Diskussionen. Rechtspopulisten und Rechtsextreme benutzen den BegriffHeimat , um Stimmung gegen Migranten zu machen. Und Politiker, Intellektuelle und Medien starten selbst Debatten. Sie wollen das Thema nämlich nicht den Rechten überlassen (sieheDeutsch perfekt 9/2017).

Heimatliebe ist für viele Menschen mit Nostalgie verbunden: mit der Sehnsucht, dass alles wieder wird „wie früher“. Die global vernetzte Welt ändert sich extrem schnell – als Kompensation suchen viele Menschen die Idylle im Kleinen. Großstädter kaufen regionale Produkte auf dem Bauernmarkt, stricken ihre Pullover selbst und machen es sich zu Hause gemütlich. In Berlin bringt ein Start-up die schmutzige Wäsche seiner Kunden aufs Land, wäscht sie – mit Bio-Waschmittel – und lässt sie an der Luft trocknen. „Der Duft draußen getrockneter Wäsche ist aus unserem Leben leider fast verschwunden“, erklärt die Firma auf ihrer Website. „Wir holen ihn zurück.“

Dass dieses nostalgische Gefühl auch in der Kunst angekommen ist, zeigt ein Blick in die Buchläden: Literatur zum Thema Heimat boomt. Aus jedem noch so kleinen Winkel des Landes gibt es Regionalkrimis. Romane, die in der Provinz spielen, werden zu Bestsellern. InUnterleuten erzählt zum Beispiel Juli Zeh sehr spannend und ironisch von einem fiktiven Dorf in Brandenburg, in dem alle aufeinanderprallen (sieheDeutsch perfekt 8/2016): desillusionierte Arbeitslose, verbitterte Nostalgiker, hassende Nazis, ein unseriöser Investor aus dem Westen – und idealistische Stadtbewohner, die nach Unterleuten ziehen, um dort ein ökologisch bewusstes Leben in der Natur zu führen. Eine explosive Mischung, die einen Nerv getroffen hat: Das Buch stand mehr als ein Jahr lang auf derSpiegel -Bestsellerliste.

Was ist deutsch an der German Angst?
Krieg, Terror, Naturkatastrophen, Krankheiten: Gründe, Angst zu haben, gibt es genug, nicht nur in Deutschland. Aber viele sehen die Deutschen als das ängstlichste Volk der Welt: als überbesorgt, politisch zögerlich, übervorsichtig.German Angst – der Begriff wird fast überall verstanden.

Die Historikerin Bettina Hitzer forscht am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zur Geschichte der Gefühle. Sie hat sich viel mit dem Umgang mit Angst in verschiedenen Epochen beschäftigt. Den BegriffGerman Angst sieht sie skeptisch – und erinnert an seine eher zufällige Entstehung. „Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard hat im 19. Jahrhundert die existenzielle Angst ins Zentrum seiner Philosophie gestellt“, sagt sie. Weil es für dieses Gefühl keine passende Übersetzung gab, wurde das deutsche Wort ins Englische übernommen. So kamAngst in die Welt.

In den 80er-Jahren sprachen die US-Amerikaner dann vonGerman Angst , wenn sie über die politischen Ängste der Menschen in der Bundesrepublik sprachen: die Angst vor dem Atomkrieg, die Sorge um die Umwelt.

Heute wird im Ausland vonGerman Angst gesprochen, wenn die deutschen Politiker mal wieder vorsichtiger entscheiden als Politiker anderer Länder. So hat Deutschland als einziges Land kurz nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima im März 2011 entschieden, seine Atomkraftwerke abzuschalten. Deutschland ist auch das einzige Land, in dem Google das Projekt Street View nach der ersten Phase gestoppt hat – die deutschen Sorgen um die gesammelten Daten waren zu groß. Der BegriffGerman Angst macht es Kritikern nach Ansicht von Hitzer aber zu leicht, berechtigte Sorgen einfach zurückzuweisen: „Dann muss man sich mit dem Inhalt gar nicht mehr beschäftigen“, sagt sie. „Ist ja alles nur German Angst.“


Nur in Deutschland hat Google das Projekt Street View gestoppt – dort waren die Sorgen um die Daten zu groß.
German Angst


Vielleicht sind die Deutschen ja wirklich ängstlicher als andere. Aber sie haben auch große Lust an einer ganz besonderen Form der Angst: demGrusel . Während viele in Umfragen sagen, dass ihnen die Nachrichten im Fernsehen zu schockierend sind, sind die „Tatort“-TV-Krimis seit vielen Jahren eine der populärsten Sendungen im Fernsehen. Fiktive Angst ist gute Angst.

Glauben die Deutschen an die Liebe?
Na bitte, geht doch: „Die Ideale der romantischen Liebe gelten noch“, sagt der Soziologe Jan Wetzel, der an der Vermächtnisstudie von Jutta Allmendinger mitgearbeitet hat. Die Wissenschaftler fragten die Teilnehmer auch nach der Liebe und ihren Ideen zu Beziehungen – und wurden wieder überrascht. Obwohl die Bedeutung der Ehe seit Jahren abnimmt und die Scheidungsraten in Deutschland hoch sind, glauben die Menschen an die Liebe: Für 60 Prozent ist die Ehe „ein ganz besonderer Ausdruck von Liebe“. Die Idee verschiedener Partner für unterschiedliche Lebensphasen lehnen 59 Prozent ab, Polygamie ist für 82 Prozent nicht akzeptabel.

So deutlich haben das die Soziologen gar nicht erwartet. „Die Diskussion in der Forschung ist offen. Viele sind davon überzeugt, dass die Dauerhaftigkeit von Beziehungen abnimmt“, sagt Wetzel. Er spricht auf der Basis der Studiendaten eher vom Konzept der „seriellen Monogamie“: Man hat vielleicht nicht nur den einen Partner für das ganze Leben, sondern mehrere Beziehungen. Aber jedes Mal ist es Liebe.

Das Wir-Gefühl der Deutschen
Die Schlagzeile ist eine der berühmtesten in der Geschichte derBild : „Wir sind Papst!“ schrieb die Boulevardzeitung am 20. April 2005, nachdem der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger in Rom zum Papst gewählt worden war. Der erste deutsche Papst seit 482 Jahren! An diesem Tag konnten sich auch viele Nicht-Katholiken ein bisschen mit dieser Schlagzeile identifizieren. Bei der Wahl zum Wort des Jahres kamWir sind Papst auf den zweiten Platz.

Was hält die Menschen zusammen? Es sind besondere Momente, wenn sehr viele Menschen in Deutschland sich gemeinsam freuen oder gemeinsam trauern. Fußball ist ein wichtiger Identifikationsfaktor – lange Zeit war er fast der einzige. Anders Patriotismus: Er war nach dem Krieg sehr lange tabu; in den ersten Jahren danach galten Gefühle in Politik und Öffentlichkeit prinzipiell als unpassend (siehe Interview ab Seite 24).

Ganz anders war das in der Deutschen Demokratischen Republik. Für die ostdeutsche Regierung war ein neues Wir-Gefühl von Anfang an die Basis für die sozialistische Gesellschaft – und dieses Gefühl musste geweckt werden. Die Historikerin Juliane Brauer hat analysiert, wie wichtig dafür das Singen war: Kinder und Jugendliche sangen gemeinsam sozialistische Lieder – das stärkte die Gruppe. Anders im Westen des Landes: Dort war es nach dem Krieg lange Zeit verpönt, deutsche Lieder zu singen. Denn auch für die Nationalsozialisten war das gemeinsame Singen ein Ritual.

Als Angela Merkel im Herbst 2015 ihren berühmt gewordenen Satz „Wir schaffen das“ sagte, appellierte sie an das Wir-Gefühl und die Hilfsbereitschaft ihrer Landsleute bei der Aufnahme von Hunderttausenden Geflüchteten. Ungefähr zur gleichen Zeit befragten die Wissenschaftler für die Vermächtnisstudie mehr als 3000 Menschen in Deutschland – und fragten auch nach dem Wir-Gefühl.

Das Ergebnis ist ermutigend, aber auch ein bisschen traurig. Die Forscher fanden deutliche gemeinsame Werte: Fast allen ist ihre Arbeit sehr wichtig, außerdem ihr Besitz und die Familie. Sehr wichtig ist den meisten auch der Sozialstaat und das traditionelle Solidarprinzip der Sozialversicherung. 80 Prozent sagten, dass ihnen ein Wir-Gefühl sehr wichtig ist. Aber nur 17 Prozent sagten Ja auf die Frage, ob es in der deutschen Gesellschaft ein starkes Wir-Gefühl gibt.


Typisch deutsch ist die Idee, dass es für Gefühle eine richtige Dosis gibt.
Gefühlshaushalt



In einer Umfrage sagten die meisten, dass die Zukunft in vielen Bereichen schlechter wird als die Gegenwart. Experten sagen aber: Die Menschen sind gar nicht besonders pessimistisch, sondern unsicher.


Ein Jahr später befragten die Forscher einige Teilnehmer ein zweites Mal – und über das Ergebnis waren sie nicht froh: Vor allem Menschen mit Migrationserfahrung in der Familie erlebten 2016 ein geringeres Wir-Gefühl als im Jahr davor. Es sieht danach aus, dass sich auch Migranten, die schon lange in Deutschland leben, durch die oft aggressive Diskussion um Migration diskriminiert fühlen. Den Wissenschaftlern macht das Sorgen. „Die Stimmung ändert sich“, sagt Wetzel.

Optimismus, Pessimismus und Hoffnung
Wie schauen die Menschen in Deutschland in die Zukunft? Diese Frage stand im Zentrum der Vermächtnisstudie. Die Forscher fragten die Menschen, was sie sich eigentlich für die Zukunft wünschen – und was sie wirklich erwarten. Viele wünschen sich, dass vieles so bleibt, wie es ist. Das wünschen sie folgenden Generationen.

Allerdings glauben die Befragten, dass die Zukunft in vielen Bereichen schlechter wird als die Gegenwart. Das interpretieren die Wissenschaftler aber nicht als Pessimismus. „Wir haben eher den Eindruck, dass man Fragezeichen setzt“, sagt Wetzel. Die Menschen in Deutschland sind also, glauben die Forscher, gar nicht besonders pessimistisch, sondern unsicher. „Die Deutschen sind keine Jammerlappen“, schreibt Allmendinger.

Die Befragten sollten aber auch spontan einen Duft auswählen, der zu ihren Erwartungen an die Zukunft passt. Anders als bei der Frage nach ihrem aktuellen Leben entschieden sich bei dieser Frage die wenigsten für die angenehmen Düfte Grapefruit oder Rose. Jutta Allmendinger schreibt: „Die Zukunft riecht für die meisten nach Leder.“