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DIE GEHEIMEN: TERRORAKTEN


HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 16.01.2020

Terrorismus erklären, Gruppierungen 14 Report Terrorismus gilt als eine WELTWEITE BEDROHUNG. Experten erklären, warum Rechtsextremisten, Islamisten und andere Gruppierungen so gefährlich und so schwer zu fassen sind


Artikelbild für den Artikel "DIE GEHEIMEN: TERRORAKTEN" aus der Ausgabe 1/2020 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 1/2020

Bilder des Terrors, v. l. im Uhrzeigersinn: schwer bewaffnete IS-Kämpfer, Geiseln von Boko Haram, Christchurch nach dem Anschlag, der mutmaßliche Attentäter von Halle


Es war eine scheinbar gute Nachricht, die im vergangenen November durch die Medien ging: Die Zahl der weltweiten Terroropfer hat sich seit 2014 mehr als halbiert. Das geht aus dem Globalen Terrorismus-Index (GTI) der Denkfabrik ...

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... Institute for Economics and Peace hervor. Grund zur Entwarnung gibt es dennoch nicht: 2018 starben noch immer 15.952 Menschen durch Terrorismus, 2016 waren es 25.673. Die Autoren des Berichts führen den Rückgang auf die militärischen Erfolge gegen die beiden Terrororganisationen Islamischer Staat (IS) und Boko Haram zurück. Sie weisen aber auch darauf hin, dass derzeit überdurchschnittlich viele Länder unter Terroranschlägen leiden: In 71 Staaten gab es 2018 Terroropfer, das ist die zweithöchste Anzahl seit 2002. Und sie warnen vor der wachsenden Bedrohung durch rechtsextreme Täter.

WIE JUNGE MENSCHEN ZU TERRORISTEN WERDEN

Grundsätzlich gilt: Dort, wo bereits Konflikte bestehen und der Staat schwach und instabil ist, kann sich Terrorismus besonders leicht ausbreiten. Ein Beispiel dafür ist das Erstarken von Boko Haram, einer islamistischen Gruppierung, die der GTI als viertgefährlichste Terrororganisation der Welt und gefährlichste im Afrika südlich der Sahara einstuft. Boko Haram ist am aktivsten im Nordosten von Nigeria, im Bundesstaat Borno, verübt aber auch Anschläge in Nachbarländern wie Kamerun. „Nigeria ist ein potenziell sehr reiches Land, aber es wird schamlos ausgeplündert durch eine hochkorrupte politische Klasse. Für die Bevölkerung dagegen gilt: Mehr als die Hälfte lebt in extremer Armut und muss mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen“, sagt Stefan Klein, der zwölf Jahre für die „Süddeutsche Zeitung“ aus Afrika berichtete und kürzlich das Buch „Boko Haram: Terror und Trauma“ (Kunstmann, 20 Euro) veröffentlichte.

Die Boko-Haram-Terroristen gehen überaus brutal vor, seit 2009 töteten sie Zehntausende. Millionen Menschen wurden vertrieben, mehr als die Hälfte der Schulen der Region zerstört oder geschlossen, Brunnen und Stromleitungen sabotiert, das öffentliche Gesundheitssystem brach fast vollständig zusammen. „Sofern junge Männer nicht zwangsrekrutiert werden, ergibt sich der Zulauf zu Boko Haram ganz wesentlich aus den sozialen Verwerfungen des Landes“, erklärt Klein. „Zwei Drittel der Bevölkerung ist unter 25, die Hälfte sogar unter 18. Aber regiert werden sie von einem alten kranken Mann, der auf die 80 zugeht. Seine Regierung hat den jungen Menschen so gut wie nichts zu bieten.“

Sechs Millionen drängen jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt, doch nur ein winziger Bruchteil kommt dort unter, die meisten überleben gerade einmal so, etwa als Hilfsarbeiter oder Straßenhändler. Anders als der Staat hat Boko Haram ihnen einiges zu offerieren, so Klein: „Eine Waffe – Waffen bedeuten Macht. Geld – Kämpfer werden immer mal wieder bezahlt. Und jede Menge Frauen und Mädchen, die man zur Heirat drängen oder zwingen kann.“ Für Entsetzen sorgte 2014 die Massenentführung von 276 Mädchen aus einer Schule in Chibok, von denen viele zwangsverheiratet wurden. Unter dem Hashtag #bringbackourgirls setzten sich weltweit Menschen für ihre Freilassung ein.


DER IS-CHEF Abu Bakr al-Baghdadi war wie Osama bin Laden, der 2011 unter Obama getötet wurde, bei seiner Eliminierung, politisch bereits tot.“


GILLES KEPEL Nahost-Experte


FOTOS S. 14 – -15: ALAMY, BAKER/DECK/DPA PICTURE-ALLIANCE (3), GIFFORD/GETTY IMAGES (2); S. 16 – 17: ASSOULINE/LAIF, WEYS/DPA PICTURE-ALLIANCE (2), SOULEIMAN/EL KUBEYSI/GETTY IMAGES (3), IMAGO

Dennoch schließen sich ungewöhnlich viele Frauen und Kinder der Terrorgruppe an, was Klein u. a. auf zerstörte Sozialstrukturen, den Zusammenbruch von Recht und Ordnung und patriarchalische Traditionen zurückführt. Zwei Drittel der Selbstmordattentäter von Boko Haram sind weiblich, jede dritte Attentäterin minderjährig. Weil Frauen und auch Kinder als weniger verdächtig gelten und seltener durchsucht werden als Männer, setzten Terrorgruppen sie immer öfter für Anschläge ein. Laut GTI stieg die Zahl der Selbstmordattentäterinnen von 2013 bis 2018 um 450 Prozent.

Einen baldigen Sieg über Boko Haram hält Klein für unwahrscheinlich: „Im Wesentlichen kämpft die nigerianische Armee diesen Kampf allein. Sie ist schlecht aufgestellt, wird von hochkorrupten Generälen befehligt und hat möglicherweise ein Interesse daran, diesen Konflikt in die Länge zu ziehen, denn Krieg und damit verbundene Waffenkäufe sind immer auch eine Gelegenheit, Gelder in private Taschen umzuleiten.“

ONLINE-PROPAGANDA IM STIL VON VIDEOSPIELEN

Fortschritte gibt es bei der Bekämpfung des Islamischen Staats. Auf dem Höhepunkt seiner Macht verfügte der über ein Kalifat auf irakisch-syrischem Gebiet, das Ende Juni 2014 ausgerufen wurde und flächenmäßig so groß wie Großbritannien war. Doch im März 2019 verlor der IS auch die letzte von ihm kontrollierte Region in Syrien. „Die Arbeitsweise des Islamischen Staats ist heute zum einen durch die Zerstörung des Kalifats geschwächt und dysfunktional. Zum anderen, weil es jetzt möglich ist, die Kommunikation über Messengerdienste wie Telegram zu verfolgen und stärker zu beobachten, was jemand im Internet tut“, sagt Prof. Gilles Kepel im Gespräch mit HÖRZU WISSEN. Der Nahost-Experte ist Autor des Buchs „Chaos – Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen“ (Kunstmann, 28 Euro).

Der Tod von IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi, des meistgesuchten Terroristen der Welt, der Ende Oktober 2019 von US-Spezialkräften in Syrien aufgespürt worden war, wird laut Kepel dagegen kaum Auswirkungen haben: „Er war zum großen Teil ein Hologramm. So wie bin Laden, der im Mai 2011 unter Obama getötet wurde, war er bereits politisch tot“, sagt der Arabist und Soziologe.


ISLAMISCHER STAAT Wie GEFÄHRLICH ist er ohne sein Kalifat?


IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi starb am 26. Oktober 2019


Militärparade des IS 2014 in der syrischen Provinz Raqqa


Szene in einem von Kurden geführten Camp für Familien von IS-Kämpfern in Nordsyrien, 2019


Kämpfer 2014 in Raqqa, als der IS auf dem Höhepunkt seiner Macht ist


DAS SELBST AUSGERUFENE KALIFAT im Irak und in Syrien ist zerschlagen, der Kalif tot, auch finanziell ist der IS geschwächt, etwa durch den Verlust von Ölquellen, die er kontrollierte. Allerdings läuft die PROPAGANDA über die sozialen Medien weiter. Der IS ist dabei, sich in ein transnationales Terrornetzwerk zu verwandeln, das in vielen Ländern Anschläge verübt. Auch ohne ein staatliches Gebilde bleibt eine globale Idee, der sich jeder anschließen kann.

Anbar, Irak, 2014: Bei einem Gefecht mit irakischen Sicherheitskräften haben IS-Milizen ein Fahrzeug in Brand gesetzt



TALIBAN Verantwortlich für die meisten TERROROPFER im Jahr 2018


Oben: eine Polizeiwache in Kabul nach der Explosion einer Autobombe am 7. August 2019 Unten: Schauplatz eines Selbstmordattentats in Kabul am 25. Juli 2019 Der afghanische Inlandsgeheimdienst verhaftete im Januar 2019 Milizen der Taliban in Dschalalabad


FÜR 6103 TOTE zeichneten die Taliban 2018 verantwortlich, allein bei einem Angriff auf die Stadt Ghazni in AFGHANISTAN starben 466 Menschen. Der Grund für den Gewaltexzess: Die Taliban streben eine territoriale EXPANSION durch bewaffnete Belagerungen strategisch wichtiger Städte an. Nicht nur in ihrem traditionellen Kampfgebiet im Süden, sie operieren inzwischen in allen Provinzen im Norden, Osten und Westen.

Dennoch sollte man die Gefahr, die weiterhin vom IS ausgeht, nicht unterschätzen. „Er ist online immer noch sehr aktiv, und seine Medienproduktion geht weiter“, sagt Jakob Guhl, Experte für Online-Extremismus am Institute for Strategic Dialogue in London. Laut Guhl war die Terrorgruppe bahnbrechend in der Nutzung sozialer Medien und entwickelte hochprofessionelle Inhalte, etwa mit GoPro-Kameras bei Gefechten gefilmte Videos, die optisch an Computerspiele erinnerten. Allerdings seien Volumen und Qualität nach der Tötung von Schlüsselpersonen im IS-Propagandaapparat seit 2016 deutlich gesunken.

Zudem unterhält die Terrororganisation ein Netz von Kanälen bei dem verschlüsselten Messagingdienst Telegram. „Deren Zahl ist jedoch zurückgegangen, nachdem Europol kürzlich einen erheblichen Teil dieser Kanäle aus dem Verkehr gezogen hat“, erklärt Guhl. Manche Propaganda-Inhalte lagere der IS auch in einem breiten System von Webseiten. Guhl: „Obwohl sie noch vorhanden sind, sind sie für reguläre Internet-User mittlerweile schwieriger zu finden, da die größeren Social-Media-Plattformen offizielle IS-Inhalte besser erkennen und schnell entfernen können, zum Teil mithilfe automatisierter Tools.“

Auch wenn IS-Anhänger ständig neue Wege finden, um ihre Botschaften zu verbreiten, reicht allein das Konsumieren von extremistischen Inhalten nicht aus, damit aus Sympathisanten tatsächlich aktive Mitglieder einer Terrorgruppe werden. Wie viele bekannte Fälle zeigen, muss noch ein persönlicher Kontakt hinzukommen. „Daher verteilen sich extremistische Bewegungen häufig auf bestimmte geografische Gebiete, in denen charismatische Rekrutierer besonders aktiv sind“, sagt Guhl. „Aus relativ kleinen Städten wie Dinslaken, Hildesheim und Wolfsburg kamen beispielsweise überproportional viele IS-Auslands kämpfer.“ Zudem spielten bereits bestehende Freundschaftsnetzwerke eine Rolle, so Guhl: „Andere zu kennen, die zu Auslandskämpfern geworden waren, war einer der wichtigsten Faktoren dafür, sich in Syrien und dem Irak dem Islamischen Staat anzuschließen.“

Doch seit der Zerschlagung des Kalifats wollen viele IS-Anhänger in ihre Heimatländer zurückkehren, und die am 9. Oktober 2019 gestartete Militäroffensive der Türkei in Nordsyrien verschärfte die Situation noch: Tausende, die bisher von Kurden in Lagern und Gefängnissen in Nordsyrien festgehalten wurden, könnten frei kommen. Die Bundesregierung scheute lange davor zurück, deutsche IS-Terroristen wieder ins Land zu lassen. Nun könnte es ganz schnell gehen: Die Türkei kündigte im November 2019 an, verstärkt Kämpfer und Sympathisanten des IS abzuschieben. Insgesamt sollen sich über 130 aus Deutschland ausgereiste IS-Anhänger in Nordsyrien, im Irak und in der Türkei befinden, 95 davon mit deutschem Pass.

GEHEIMAKTEN SOLLEN IS-KÄMPFER ÜBERFÜHREN

„Die entscheidende Frage für die kommenden Monate ist: Wie gefährlich sind deutsche Rückkehrer, die sich durch das Angebot des Kalifats angezogen gefühlt haben? Nicht jeder ist mit dem Wunsch dort hingegangen, zu kämpfen und zu töten“, sagt ARD-Terrorismus-Experte Holger Schmidt. „Für einige war es wohl nur der Wunsch, ein anderes, streng salafistisches Leben zu führen.“

Die Motive von Rückkehrern zu überprüfen und das Sicherheitsrisiko einzuschätzen, das sie darstellen, ist eine überaus schwierige Aufgabe. Im vergangenen Dezember wurde bekannt, dass das Bundeskriminalamt Beamte auf eine US-Militärbasis in Jordanien schicken wird, die dort am Geheimprojekt „Gallant Phoenix“ mitarbeiten sollen. Es gilt, Zehntausende Dokumente zu sichern und zu sichten, die der IS hinterließ, darunter Krankenakten, Urteile von Scharia-Gerichten, Fotos, Videos, Handys, Festplatten. Die Idee entstand, als 2016 „Einreisebögen“ des IS auftauchten, die mittlerweile in Strafverfahren als Beweismittel dienen – die Terrorgruppe agierte akribisch und bürokratisch. Mindestens 25 Nationen sollen bereits Verbindungsbeamte nach Jordanien entsandt haben, darunter Europol und der Bundesnachrichtendienst. Anders als die BND-Agenten können die Polizisten vom BKA jedoch in zukünftigen Gerichtsverfahren problemlos aussagen, was sie aus den „Gallant Phoenix“-Dokumenten ermitteln konnten.

Video, das angeblich Boko-Haram-Chef Abubakar Shekau zeigt


BOKO HARAM Zehntausende TOTE und Millionen VERTRIEBENE


Leichenbergung nach einem Anschlag durch Selbstmordattentäter 2017 in Maiduguri, Nigeria


EINEN GOTTESSTAAT nach den Regeln der Scharia will Boko Haram errichten. Die Gruppe agiert vor allem im nigerianischen BUNDESSTAAT BORNO und hat der westlichen Bildung den Kampf angesagt: Sie ermordete Lehrer und zerstörte Schulen, aber auch Polizeistationen, Geschäfte, Banken, Kirchen. Boko Haram hat seit dem Jahr 2009 etwa 27.000 Menschen getötet, 1,8 Millionen mussten flüchten.

Frauen und Kinder, die von den Islamisten entführt und 2015 befreit wurden



ISALAMISTISCHER TERROR IN DEUTSCHLAND Was tun mit den RÜCKKEHRERN?


ZWÖLF MENSCHEN starben am 19. Dezember 2016 beim ersten großen islamistischen Anschlag in Deutschland, als Anis Amri einen Sattelzug auf einen Berliner Weihnachtsmarkt steuerte. SIEBEN ANSCHLÄGE sind laut BKA seitdem vereitelt worden. Zu einer Herausforderung werden derzeit deutsche IS-RÜCKKEHRER: Gegen 33 laufen Verfahren beim Generalbundesanwalt, weitere 28 sind als Gefährder eingestuft.

Im Juli 2019 fiel das erste Urteil gegen eine deutsche IS-Rückkehrerin (l.): fünf Jahre Haft


Vier Tage nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin wurde Attentäter Anis Amri (l.) in Italien erschossen


VERSÄUMNISSE BEI DER LISTE DER GEFÄHRDER

Im Vergleich zu Ländern wie Syrien ist die Zahl der Terroropfer im Westen gering, für 2018 registrierte der Globale Terrorismus-Index in Europa 62 Tote. Das bisher schwerste islamistische Attentat in Deutschland ereignete sich am 19. Dezember 2016, als Anis Amri auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz mit einem Sattelzug zwölf Menschen tötete. Seitdem wurden sieben Anschläge vereitelt, wie Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts, im Oktober 2019 mitteilte.

„Ich glaube nicht, dass die Gefahr geringer geworden ist, aber es ist tatsächlich in vielen Fällen gelungen, Dinge rechtzeitig zu entdecken – wenn wir über den Bereich Islamismus reden. Wenn wir aber über das komplette Phänomen terroristischer Anschläge reden, muss man sagen: In Halle haben wir einfach unfass bar Glück gehabt“, sagt ARD-Terrorismus-Experte Holger Schmidt. In der Stadt in Sachsen-Anhalt hatte ein Rechtsextremist am 9. Oktober 2019 versucht, in eine Synagoge einzudringen, um die dort am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur versammelten Gläubigen zu töten. Als das nicht gelang, ermordete er auf der Flucht zwei Menschen. „Man mag sich nicht vorstellen, was passiert wäre, hätte diese Synagogentür nicht gehalten. Wir hätten eine komplett andere Diskussion, deswegen halte ich eine Entwarnung nicht für angebracht“, so Schmidt.


IN HALLE haben wir unfassbar Glück gehabt. Hätte die Synagogentür nicht gehalten, hätten wir jetzt eine komplett andere Diskussion.“


HOLGER SCHMIDT ARD-Terrorismus-Experte


FOTOS: KAPPELER/MURAT/ZUCCHI/DECK/DPA PICTURE-ALLIANCE (5), SCHWEIGERT/SWR, SCHLUETER/GETTY IMAGES, DDP

Erst langsam setzte sich bei Sicherheitsbehörden die Erkenntnis durch, dass man rechten Terror nicht unterschätzen dürfe, so Schmidt weiter. Auch der Fall des am 2. Juni 2019 von einem Rechtsextremisten erschossenen hessischen CDU-Politikers Walter Lübcke zeuge von Nachholbedarf: „Mindestens zwei der drei Beschuldigten waren zuvor in der Neonazi-Szene massiv aufgefallen, der unmittelbare Mörder von Herrn Lübcke mit Ermittlungsverfahren wegen versuchtem Mord und Landfriedensbruch. Wenn es mutmaßlich diesen beiden Menschen gelingt, sich zu verabreden, Waffen zu besorgen und einen Landespolitiker zu töten, muss ich schon fragen, ob hier die Mechanismen richtig funktioniert haben.“

Auch bei der Liste der Gefährder herrscht starkes Ungleichgewicht. Darauf werden Personen geführt, durch die es nach Überzeugung der Landeskriminalämter zukünftig zu Anschlägen kommen könnte. Mitte Oktober 2019 wurden 688 Personen aus dem Bundesgebiet als islamistische Gefährder eingestuft, nur 43 als rechtsextremistische. Der Verfassungsschutz aber geht davon aus, dass ca. 12.000 Salafisten im islamistischen Spektrum 12.700 gewaltbereite Rechtsextreme gegenüberstehen. Eine Recherche von Holger Schmidt und seinem Kollegen Michael Götschenberg ergab: Thüringen führt keinen einzigen rechtsextremen Gefährder, obwohl die Neonazi-Szene dort bekanntlich sehr stark ist.

Die Tür der Synagoge in Halle hielt dem Angriff stand


Ein Rechtsextremist versuchte am 9. Oktober 2019, die Synagoge in Halle zu stürmen, und erschoss zwei Menschen


WAS REGIERUNGEN GEGEN DEN TERRORISMUS TUN

Rechter Terror ist weltweit auf dem Vormarsch: In Nordamerika, Westeuropa und Ozeanien stieg die Zahl rechtsextremer Angriffe zwischen 2014 und 2019 um 320 Prozent. Und: Viele dieser Täter behaupteten, keiner organisierten terroristischen Gruppe anzugehören – was es für Sicherheitsbehörden noch schwieriger macht, sie vorab zu entdecken. „Mit ihren Livestreams und Manifesten versuchten sie jedoch ausdrücklich, Nachahmer zu inspirieren und im Fall von Halle sogar Instruktionsmaterial für Personen zu liefern, die möglicherweise in Betracht ziehen, Anschläge durchzuführen“, so Jakob Guhl. „Wir beobachten seit Jahren, wie diese Akteure an eine zunehmend transnationale, digitale rechtsextreme Bewegung ohne klare Organisationsstrukturen appellieren.“

Wie Regierungen rechten und linken Extremisten und religiösen Fanatikern am besten begegnen sollten, darüber streiten die Experten. Während etwa die USA den „War on Terror“ erklärt haben und Härte demonstrieren, verfolgt Singapur einen völlig anderen Ansatz: keine Panik, kein Hass. Zur Antiterrorstrategie des südostasiatischen Stadtstaats gehört es, dass sich ein Bündnis aus mehreren Organisationen um die Wiedereingliederung von Häftlingen und ihren Familien in die Gesellschaft kümmert – Verständnis als Waffe gegen Terror. Ein Konzept, das mancher für naiv halten mag – das sich aber bereits als erstaunlich effektiv erwiesen hat.

Der hessische Politiker Walter Lübcke wurde am 2. Juni 2019 ermordet


Der mutmaßliche Attentäter von Halle, Stephan B., wird aus einem Hubschrauber zur Haftprüfung nach Karlsruhe gebracht


RECHTSEXTREMER TERROR IN DEUTSCHLAND Haben ihn die BEHÖRDEN zu lange unterschätzt?


NACHHOLBEDARF besteht im Kampf gegen rechte Gewalt, wie Innenminister Seehofer im Zusammenhang mit dem Mordfall Walter Lübcke einräumte. Einzeltäter sind kaum vorab aufzuspüren, wie auch der Anschlag auf die SYNAGOGE VON HALLE zeigte. Mit Livestreams und Manifesten wollen sie zudem Nachahmer inspirieren.