Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 4 Min.

Die gelenkte Wut der Stuttgarter Alten


LIFT - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 26.02.2020

WAS IST DRAN AM GENERATIONENCLASH? FAKT IST: DER FRUST DER ALTEN NUTZT VOR ALLEM DEN RECHTEN


Artikelbild für den Artikel "Die gelenkte Wut der Stuttgarter Alten" aus der Ausgabe 3/2020 von LIFT. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: LIFT, Ausgabe 3/2020

Marcus Faust wirkt nervös, als er die Teilnehmer auf dem Stuttgarter Schlossplatz begrüßt. Zeitgleich finden in ganz Deutschland etwa 100 weitere Mahnwachen von „Fridays gegen Altersarmut“ statt, einer Bewegung, der sich auf Facebook innerhalb kürzester Zeit mehr als 300.000 Leute anschlossen. In Stuttgart kommen an diesem Tag rund 60 zumeist ältere Menschen. Manche von ihnen tragen gelbe Westen und waren genau wie Faust bei den letztjährigen Dieselprotesten dabei.
Etwas abseits stehen aber auch einige junge, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von LIFT. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2020 von SEITE DREI: ENDLICH…. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SEITE DREI: ENDLICH…
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Ausgebufft oder ausgepufft?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ausgebufft oder ausgepufft?
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Formel 1 trifft Star Wars. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Formel 1 trifft Star Wars
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Macht doch, was ihr wollt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Macht doch, was ihr wollt
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Regio-News im März. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Regio-News im März
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von She’s a Driftbeast. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
She’s a Driftbeast
Vorheriger Artikel
Macht doch, was ihr wollt
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Regio-News im März
aus dieser Ausgabe

... bullige Typen in Hoodies, die kaum den Eindruck erwecken, sich um ihre Rente zu sorgen. Altersarmut:Das klingt nach einemwichtigen und verständlichen Anliegen. Aber gilt das auch, wenn rechtsextremistische Parteien zu den Mahnwachen laden?Faust gibt sich unpolitisch, er verbittet sich Parolen und ärgert sich über einen Zeitungsartikel, der ihn in die rechte Ecke stellte. Redet man mit den Menschen vor Ort, hört man berechtigte Sorgen, etwa von einer alten Dame, die wieder bei ihrem Sohn lebt, weil ihre Rente nicht reicht. Von einer anderen hört man dagegen, sie sei als Patriotin hier - und dass die jungen AktivistenumGreta Thunberg alles nur noch schlimmer machen.Deutlichere Worte findet man in den Beiträgen auf Facebook, in denen wiederholt Stimmung gegen die Politik, Ausländer und Fridays for Future gemacht wird. Martin Gross, Initiator vom Stuttgarter Bündnis gegen Altersarmut, distanziert sich klar davon: „Dahinter stecken Scharlatane, die keine Lösung finden wollen, sondernnur Hass schüren. Damitwollen wir nichts zu tun haben.“Marcus Faust in Zukunft offenbar auch nicht mehr: Obwohl Fridays gegen Altersarmut vielerorts fortgesetzt wird, will der 43-Jährige in Stuttgart keine weitere Mahnwache veranstalten und sich „aus gewissen Demos zurückziehen“. Ein Interview will er nicht geben. Die Vorwürfe, er sei rechts, haben ihm zugesetzt - so sehr, dass sich der Winnender Benjamin Sauter auf seinem Youtube-Kanal „Gemeinsam geradeaus“, auf dem er sonst gerne von Dieseldemos und Bauernprotesten berichtet, bemüßigt fühlte, ihn in Schutz zu nehmen.In seinem Facebook-Profil zeigt sich Sauter gemeinsammit Faust bei einer Veranstaltung der Online-Plattform „Hallo Meinung“. Auch diese gibt sich überparteilich und als scheinbar neutrales Bürgerforum, unterstützt wird sie aber unter anderem von rechten Influencern wie dem Youtuber Niklas Lotz aka „Niki Neverforgetniki“. Pikantes Detail: „Hallo Meinung“ war maßgeblich an der Skandalisierung von „Oma Gate“ beteiligt - dem angeblichen Aufstand der Alten aufgrund des satirischen, vomWDR produzierten „Umweltsau“-Songs. Vor dem Sender demonstrierten daraufhin nicht nur Rentner, sondern auch waschechte Nazis. Möglich, dass einer wie Faust, dem man seineDistanzierung zur AfD durchaus abkauft, gar nicht weiß, auf wen er sich da einlässt.Gehen die Alten also nur rechten Rattenfängern auf den Leim-oder gibt es ihn trotzdem, den Generationenclash zwischen Alt und Jung, Boomern und Greta-Anhängern?


Die Rechten wollen die Wut instrumentalisieren


Ein Indiz könnte das Ergebnis der letzten Europawahl sein: Von den 18- bis 24-Jährigen wählten 35 Prozent die Grünen und nur zwölf Prozent die Union, die 60- bis 69-Jährigen wählten dagegen zu 31 Prozent schwarz und nur zu 17 Prozent grün. Noch eklatanter war die Kluft bei der AfD: 70 Prozent der Wähler waren älter als 45 Jahre.
„Es lässt sich eine Polarisierung des gesellschaftlichen Diskurses wahrnehmen“, sagt der Politikwissenschaftler Patrick Bernhagen von der Universität Stuttgart. „Das zeigt sich besonders an der aufgeheizten Klimadiskussion, bei der viele Menschen, aber auch Unternehmen und Verbände, eine feindselige Haltung bereits zu sehr bescheidenen Reformbestrebungen einnehmen.“
Er sieht zwar nicht, dass diePolarisierung zwischen Gruppen wie jung und alt verläuft, „allerdings haben Teile der Gesellschaft nachvollziehbare Gründe, sich um ihre Erwerbsgrundlage sowie ihren Lebensstil zu sorgen und auch das Gefühl, gesellschaftlich an Anerkennung zu verlieren“, so Bernhagen. Ein fruchtbarer Boden für die AfD: „Als rechtsextreme Partei zielt sie primär auf die ab, deren Privilegien bedroht scheinen.“
Kein Wunder, dass die Rechten auch die Wut der Dieselverbotsgegner in Stuttgart instrumentalisieren wollten: Der Kopf der Bewegung Ioannis Sakkaros setzte sich dagegen zur Wehr: „Ich habe Parteilogos untersagt und Oliver Hilburger von der rechtsextremen Gewerkschaft Zentrum Automobil ein Redeverbot erteilt“, so Sakkaros. Auch lehnte er das Angebot der AfD ab, für die Demos einen Glühweinstand zu spendieren. Zielgruppe dort waren einmal mehr die Alten: „Im letzten Jahr waren bei 1.000 Teilnehmern vielleicht 50 Junge dabei“, so der Initiator.
Für die nächsten Demos steht er im Kontakt zur Bewegung „Fridays for Hubraum“, die ebenfalls massivmit rechterUnterwanderung zu kämpfen hatte. „Im Prinzip ist das eine Anti-Greta-Bewegung“, so Sakkaros. „Jede Mobilitätseinschränkung ist ein Verbot, wir brauchen andere Lösungen als die der Grünenund linken Ökos. Die Leute wollen sich nicht als Schlechtmenschen darstellen lassen.“
An den Pranger gestellt fühlen sich auch die Bauern, die bei der Protestbewegung „Land schafft Verbindung“ (LSV) mit ihren Traktoren regelmäßig gegen Verbotspolitik und schlechte Rahmenbedingungen demonstrieren. „Die Landwirtschaft wird zwischen der Politik und den neuen ökologischen Anforderungen der Gesellschaft zerrieben“, sagt Martin Schäberle, Landwirt aus Tailfingen und Beirat von LSV. Die Sorgen der Bauern sind berechtigt - erhört werden sie aber vor allem von der AfD, die deren Forderungen praktisch eins zu eins in ihr Programm übernahm.
Immer wieder muss die Bewegung AfD-Redner von Demos ausladen oder sich von vereinzelten rechtsradikalen Plakaten wie jüngst in Nürnberg distanzieren. Den Agraringenieur Schäberle ärgert es glaubhaft, dass LSV so in ein falsches Licht gerückt wird.
An seinem Frust ändert das nichts: „Die Politik führt einen Wirtschaftskrieg gegen die eigene Bevölkerung-Deutschland schafft sich ab. Es will Vorbild für die ganze Welt sein, wird dafür aber weltweit ausgelacht“, sagt Schäberle. Und das klingt nicht nur nach echter Wut - sondern auch nach einer Saat, die irgendwann aufgehen wird.

„Wir werden laut, weil ihr uns die Rente klaut“


Illustration: Paulina Eichhorn, Foto: Ronny Schönebaum