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Die Geschichte meines Lebens


plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 05.01.2022

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Bildquelle: plus Magazin, Ausgabe 2/2022

Einfach anfangen und schauen, wohin die Reise geht, rät Biograf Dr. Andreas Mäckler

„Oma, erzähl mal von früher!

Mit so einer Bitte fängt es oft an. Wer seine Lebensgeschichte aufschreibt, sorgt dafür, dass wertvolle Erinnerungen nicht verloren gehen. Macht sich auf die Suche nach seinen Wurzeln, entdeckt neue Perspektiven und erfährt viel über sich selbst

Die Sommer im böhmischen Ronsberg gehören für Dorothea Pfrogner zu ihren schönsten Erinnerungen an die Kindheit: Barfuß streift sie mit ihren Schwestern durch Wiesen und Wälder, sie pflücken Blaubeeren und sammeln Pilze, die sie bei einem tschechischen Bäcker gegen Brot tauschen. Eines Tages fällt ihnen der Laib Brot in den Fluss. „Mit Wagemut, etwas Glück und ein paar Stöcken konnten wir das durchnässte Brot zurück ans Ufer fischen“, hat Dorothea Pfrogner in ihren Erinnerungen notiert. Blieb die Angst vor der Tante, „weil wir ihr das so bitter benötigte Brot nass und ramponiert bringen mussten. Die aber lachte fröhlich und ...

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... steckte das Brot zum Trocknen ins Backrohr, damit wir es später erleichtert verzehren konnten.“

Schon vor einigen Jahren hat die 84-Jährige begonnen, ihre Lebensgeschichte festzuhalten. „Immer wenn ich von früher erzählte, vom Sudetenland oder der Vertreibung, haben mich meine Kinder und Enkel gedrängt: Schreib das doch endlich auf “, sagt sie. „Deshalb habe ich angefangen.“

Es sind kurze Texte und Gedichte, in denen die ehemalige Buchhändlerin, die seit 60 Jahren in der Nähe von Rosenheim lebt, aus ihrem Leben erzählt. „Ich schreibe, damit die Erinnerung für meine Familie nicht verloren geht“, erklärt sie. „Doch das Spannende ist, dass ich dabei auch viel über mich selbst erfahre.“

Schreibkurse sind in Mode

Dass sie nur selten verreiste und es ihr immer schwerfiel, Dinge wegzugeben, die sie nicht mehr braucht, führt sie heute darauf zurück, dass sie einst ihre Heimat verlor. „An meiner neuen Heimat musste ich mich offenbar festkrallen“, vermutet sie.

„Erinnerung ist Gegenwart“, davon ist der Biograf und Publizist Dr. Andreas Mäckler überzeugt. „Dass wir uns erinnern, zeigt, dass das Vergangene auch im Hier und Jetzt präsent ist und uns prägt.“ In Schreibkursen unterstützt er Menschen dabei, ihre Lebensgeschichte zu Papier zu bringen (siehe Interview S. 18). Das Interesse an den Kursen ist groß. Auch Volkshochschulen, Schreibwerkstätten und kirchliche Einrichtungen haben Biografie-Seminare im Programm. Andreas Mäckler freut diese Entwicklung: „Ginge es nach mir, sollte jeder sein Leben aufschreiben.“

Astrid Ann Jabusch ist gelernte Uhrmacherin und Elektrotechnikerin, arbeitet in Berlin als Lektorin und ist selbst Autorin. Zurzeit schreibt die 62-Jährige an ihrer Lebensgeschichte – vor allem erzählt sie von den 23 Jahren, die sie mit ihrem Partner, einem Schriftsteller, verbrachte. Martin soll er in ihrer Erzählung heißen, aus Rücksicht auf die Familie möchte sie seinen echten Namen noch nicht gedruckt sehen.

Ich schreibe, damit für meine Fa milie die Erinnerung nicht verloren geht

Dorothea Pfrogner (84) erfährt dabei auch viel über sich selbst

Was viel mit der Geschichte zu tun hat, die sie gerade verfasst, und damit, dass Martin vor eineinhalb Jahren gestorben ist. Als sie sich kennenlernten, waren beide verheiratet. Immer wieder, sagt Astrid Ann Jabusch, hätten sie versucht, die Beziehung zu beenden. Um ihre Ehen zu retten und auch der Kinder wegen. „Aber wir sind nicht gegen unsere Gefühle angekommen.“ Sie blieb bei ihrem Mann, er bei seiner Frau. Erst als die Partner verstorben waren, zogen sie zusammen.

Seit einigen Monaten nun schreibt die Berlinerin über ihr Leben mit Martin. „Ich will die Erinnerung an ihn bewahren, solange sie noch lebendig ist.“

Manchmal fällt ihr das Schreiben schwer, erzählt sie. Weil Gefühle sie überwältigen und sie dann tagelang nicht weiterarbeiten kann. Aber es gibt auch Momente, in denen sie lächeln muss, wenn sie ein besonders schönes Erlebnis in Worte fasst. „Emotional ist das sehr anstrengend“, sagt sie, „aber ich habe das Gefühl, dass mir das Schreiben dabei hilft, Martins Tod besser zu verarbeiten.“

90% der Teilnehmer an Dr. Andreas Mäcklers Schreibkursen sind Frauen

Es gibt viele Gründe, warum Menschen ihre Lebensgeschichmeinete aufschreiben. Weil sie Trauer verarbeiten, etwas erklären oder berufliche Erfolge ins richtige Licht rücken wollen. Häufig aber kommt der Anstoß aus der Familie, weiß Andreas Mäckler, und gerade dort sind diese Biografien von unschätzbarem Wert. „Die kommenden Generationen sehen sich in den Berichten gespiegelt; sie erfahren darin nicht nur etwas über die Oma mütterlicherseits, sondern auch jede Menge über sich selbst.“ Viele Menschen bedauern es, wenn ihre Eltern oder Großeltern nichts Schriftliches über ihre Lebensgeschichte hinterlassen haben. „Für Kinder und Enkel bleibt hier eine große Lücke auf die Frage nach dem eigenen Werden und Wachsen.“

So weit wollte es die Familie von Hans Mahl gar nicht erst kommen lassen. Weihnachten vor zehn Jahren schenkte Laura ihrem Opa ein Buch mit leeren Seiten, das er füllen sollte mit Geschichten und Fotos aus seinem Leben. „Da ging die Arbeit los“, erzählt der 73-Jährige aus Lienz in Osttirol. Sechs lange Jahre, im Nachhinein kann Hans Mahl das selbst kaum glauben, hat es gedauert, bis seine Enkelin das Buch schließlich zurückbekam. „Ich habe ständig korrigiert und nachgebessert“, sagt Hans Mahl. „Ich wollte, dass es perfekt wird.“

Das Verfassen meiner Biografie war eine Reise zu mir selbst

Eva Michaylow (69) erzählt von Kindheit und Mauerfall

Neue Perspektiven öffnen

Womit der ehemalige Druckerei- Chef nicht gerechnet hat: Wie sehr ihn dieser Ausflug in die Vergangenheit aufwühlen würde. Inzwischen hat er sich schon ein zweites Mal an seine Lebensgeschichte gesetzt. Diesmal schreibt er über seine Großmutter, die ihm als Kind die Katze wegnahm, weil sie Angst um die Vögel hatte, die sie im Garten fütterte. „Da nutzten keine Tränen, die Katze musste weg.“ Er schreibt von seiner Mutter, mit der er sich erst versöhnte, als sie pflegebedürftig wurde. Und von seinen zwei gescheiterten Ehen. „Ich habe mir viel Last von der Seele geschrieben“, erzählt Hans Mahl, „und mich danach viel leichter gefühlt.“

Aber auch viele schöne Erlebnisse sind wieder aufgetaucht, als Hans Mahl in seinen Erinnerungen gegraben hat. Fast akribisch zählt er die „wunderbaren Reisen“ mit seinen Söhnen auf. Und schildert, wie er im Jahr 2010 in einem Forum für Senioren Erika aus Berlin kennenlernte, von der er anfangs dachte, die sei so weit weg von Österreich, da könne sein Herz nicht ernsthaft in Gefahr geraten. Er irrte sich – zum Glück. Längst ist Erika seine „Herzallerliebste“ und Ehefrau Nummer drei. „Meine Geschichte aufzuschreiben war Tortur und Wohltat zugleich“, bekennt Hans Mahl. „Ich habe dabei viel über mich und mein Leben gelernt. Mit einigen Erinnerungen konnte ich abschließen, das hat mir für mein Leben neue Perspektiven eröffnet.“

Dass Schreiben helfen kann, bedrückende Erfahrungen zu verarbeiten, wissen Experten schon länger. Etwa 200 Studien über Schreib- und Poesie-Therapien gibt es. Die meisten stammen aus den USA, wo das heilsame Schreiben längst als Therapieform anerkannt ist. In Deutschland ist die Ärztin und Autorin Prof. Silke Heimes eine der wenigen Expertinnen für die Poesie-Therapie, in Darmstadt leitet sie das Institut für kreatives und therapeutisches Schreiben. „Schreiben entlastet, weil sich dabei das Innere einen Weg nach außen bahnt“, erklärt sie. „Im schriftlichen Formulieren finden Gedanken Ordnung, weil wir Distanz zum Erlebten gewinnen und uns selbst besser kennenlernen.“

Was niedergeschrieben ist, wiegt nicht mehr so schwer, so die Poesie-Therapie, vorausgesetzt, die Gedanken werden ehrlich und ungeschönt aufs Papier gebracht. Genau das ist der Vorteil des Schreibens, sagt Heimes. „Im Gespräch überlegen wir uns, welche Dinge wir ansprechen wollen. Beim Schreiben dagegen betreten wir einen Schutzraum, zu dem wir allein Zugang haben. Das ist befreiend, gerade in Zeiten persönlicher Krisen.“

Als Eva Michaylow vor sieben Jahren ihre Biografie verfasste, steckte sie in einer solchen Krise. Sie hatte ihre Stelle als Erzieherin verloren, zudem zerbrach ihre langjährige Beziehung. Ein Freund habe sie damals zum Schreiben ermutigt, sagt die 69-Jährige. „Ich dachte mir, wenn ich schon schreibe, dann über etwas, von dem ich Ahnung habe.“ So entstand ihre Lebensgeschichte.

Aufbruch lag in der Luft

„Meine Reise zu mir selbst“ nennt die Berlinerin die sechs Monate, in denen sie ihre Geschichte in den Computer tippte – für sich, ihren Sohn und ihre Freundinnen. Sie schildert darin ihre Kindheit in Greifswald, den Alltag in der DDR und den Abend des Mauerfalls, den sie mit Zahnschmerzen im Bett verbrachte, weshalb sie erst am Morgen danach erfuhr, dass die Grenze offen ist. „Auf einmal lag Aufbruch in der Luft, Pläne wurden geschmiedet und Vorhaben angekündigt, die einen Tag vorher nicht denkbar gewesen wären“, erinnert sich Eva Michaylow an die damalige Stimmung. Sie selbst musste sich nach der Wende ein neues berufliches Standbein suchen.

Meine Geschichte aufzuschreiben hilft mir, den Tod meines Partners zu verarbeiten

Astrid Ann Jabusch (62) will die Erinnerungen an ihren geliebten Martin festhalten

So wird die Biografie zum Buch

Wie wird aus dem Manuskript ein Buch? Soll ich meine Lebensgeschichte überhaupt veröffentlichen? Ein paar Tipps

Für die Familie Druckereien und Selbstverlage wie Books on Demand (BoD), Epubli und Tredition bieten den Druck von Büchern an. Text druckfertig hochladen, Buchcover gestalten, fertig. Bestellt werden kann eine beliebige Anzahl von Büchern für den Eigenbedarf. Ein Buch mit festem Einband (Hardcover) und 250 Seiten kostet etwa 13 Euro.

Für alle Wer sein Buch veröffentlichen will, ist bei einem Selbstverlag wie Books on Demand gut aufgehoben. Vorsicht, wenn ein Druckkostenzuschuss gezahlt werden soll. Das kann teuer werden. Seriöse Verlage listen das Buch kostenfrei oder gegen eine geringe Gebühr im Handel. So erhält der Autor pro verkauftem Buch einen kleinen Betrag. Bei einem Hardcover mit 250 Seiten, Verkaufspreis 18,99 Euro, beträgt die Marge bei BoD 1,81 Euro.

Achtung Wer eine Biografie veröffentlicht, muss die Persönlichkeitsrechte der genannten Personen beachten, sonst drohen Klagen.

Extra Lektorat, Schlussredaktion oder Marketing-Maßnahmen können bei vielen Selbstverlagen kostenpflichtig dazugebucht werden. Unbedingt Angebote vergleichen.

Mein Sohn sagte nach dem Lesen: Jetzt verstehe ich dich

Hans Mahl (73) hat sich auch Last von der Seele geschrieben

Aufgeben ist keine Option

Mit ihrem Mann eröffnete sie einen Imbisswagen, mit dem sie durchs Land tingelten, bis sie in Potsdam einen festen Stellplatz fanden. Sechs Jahre lebten sie dort im Wohnwagen neben ihrem Imbiss. „Ein Wahnsinn eigentlich“, findet Eva heute. „Aber damit haben wir unseren Lebensunterhalt verdient.“

Als sie ihre Biografie abschloss, war sie erleichtert – und stolz. „Sich vor Augen zu führen, was man alles schon geschafft hat, welche Menschen man treffen durfte, das tut einfach gut“, erzählt sie. Das Schreiben ihrer Geschichte habe sie in ihrem Lebensmotto bestärkt: „Egal, welche Steine mir das Schicksal in den Weg legt: Aufgeben ist keine Option.“

Vor fünf Jahren wurde ihre Lebensgeschichte in einem kleinen Verlag veröffentlicht. „Finanzieller Erfolg war es keiner“, sagt Eva Michaylow, „aber darum ist es mir auch nie gegangen.“

Sie will weiterschreiben, genau wie Dorothea Pfrogner, die für ihre Gedichte gerade einen Verlag sucht. Auch Astrid Ann Jabusch überlegt, ihre Lebensgeschichte zu veröffentlichen. „Aber nur, wenn sie gut wird“, schränkt sie ein. Hans Mahls Erzählungen dagegen sollen in der Familie bleiben. „Mein älterer Sohn meinte nach dem Lesen zu mir: ,Papa, jetzt endlich verstehe ich dich‘“, sagt Hans Mahl. „Was will ich mehr?“

Beatrice Oßberger