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DIE GETUNTE ELITE


manager magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 21.12.2018

GESELLSCHAFT Aus Kindern sollen Digitalhelden werden. Die Schulen versagen, Eltern nehmen die Sache zunehmend selbst in die Hand.


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Bildquelle: manager magazin, Ausgabe 1/2019

FAMILIEN - BANDE RatePay-GründerinMiriam Wohlfahrth wollte, dass ihre TochterHannah mal sieht, was Coden ist, und hat die Hacker School ins Haus geholt


Was es jetzt braucht, ist Geduld. „Ich kapier’ das nicht.“

„Doch, du willst nur nicht.“

„Ich mach nicht mit.“

Sieben kleine Mädchen, den Nachmittag über haben sie schon Roboterautos zusammengebaut und mit Federn beklebt, Erdbeerkuchen gegessen und Apfelsaft getrunken, aber jetzt, viertel nach vier, wird es kompliziert. Auf ...

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... MacBooks sollen sie Tasten programmieren, um ihre Autos fernzusteuern. Vorwärts, rückwärts, rechts, links, Tempo machen, abbremsen.

Die beiden Trainerinnen (das Wort Lehrer benutzt in der Szene niemand mehr, es heißt nur noch Coach, Mentor oder gar Inspirer) lassen nicht locker. Und tatsächlich: Allmählich bekommen die Mädchen es hin. Eine Taste nach der anderen wird belegt, und am Ende steuern sie ihre Autos per Computer durch ein Labyrinth. Alle glücklich.

Samstagnachmittag, 15 Uhr. Kindergeburtstag in der Haba Digitalwerkstatt. Jetti wird acht. Ein flacher Vorbau, Mittelweg 155 in Hamburg-Rotherbaum, ein großes Schaufenster, dahinter ein einziger Raum, ein roter USM-Spind voll mit Computern, ein 3-D-Drucker, viel Hightechspielzeug.

Jetti hätte auch auf einem Pferdehof feiern können, in einer Theaterwerkstatt oder auf einem Indoor-Spielplatz. Aber die Mutter arbeitet für eine Stiftung, der Vater ist in der Finanzbranche und viel im Ausland, und beide finden es wichtig, dass Kinder früh programmieren. Vor allem Mädchen.

Hacken statt Holzklötzchen, Programmieren statt Ponyhof, Laptop statt Lagerfeuer – die digitale Revolution erreicht die Kinder. Computerkurse (wer zeigen will, dass er sich auskennt, spricht von Coden) sind die neueste Umdrehung in der Maschinerie, mit der die Wirtschaftselite ihren Nachwuchs fit machen will für die Zukunft. Die richtige Privatschule, das richtige Internat in der Schweiz oder England, das richtige College in den USA, private Englisch- und am besten auch Chinesischkurse, kreatives Schreiben bei der Kinderbuchautorin, Klavier, Hockey, Fechten – alles gut und schön. Aber das heißeste Thema für die zukunftsbesorgten deutschen Eltern lautet: Coden.

Miriam Wohlfarth (48), Gründerin des hochgelobten Fintech-Start-ups RatePay, einer Plattform für Raten - zahlungen im Onlinehandel, hat jüngst auf eigene Faust die Hacker School aus Hamburg für ein Wochenende gebucht, befreundete Eltern samt Kindern zusammengetrommelt und ein paar Räume ihrer Firmenzentrale in Berlin-Charlottenburg freigeräumt. Tochter Hannah (14), eigentlich eher für Tennis und De battierklub zu haben, brauchte ein paar Stunden Überzeugungsarbeit, dann brachte sie ihre ganze Clique mit.

Stephan Grabmeier (47), Innovations - chef bei der Personal- und Managementberatung Kienbaum, fährt seit drei Jahren immer wieder mit Sohn Benedikt (13) am Wochenende zu Coding-Workshops, wo sie etwa mit Scratch (einer einfachen Programmiersprache für Kinder) kleine Programme schreiben oder mit Virtual-Reality-Brillen experimentieren. Inzwischen organisiert Grabmeier mit der Next Entrepreneur Initiative Start-up-Programme für Schüler, um Kindern „die Werk - zeuge für den Erfolg in der digitalen Welt mitzugeben“.

Fränzi Kühne (35), Mitgründerin der Berliner Digitalunternehmensberatung TLGG und Aufsichtsrätin beim Telekom - unternehmen Freenet, verkündet fröhlich, sie könne es „kaum erwarten, mit meiner Tochter zu coden“. Und gibt dazu gleich ein ganzes Interview im Magazin „Coding Kids“, das seit 2017 online ist, demnächst womöglich auch am Kiosk, mit Beiträgen wie „Jedes Kind ein Mini-Start-up“.

Wer, so der Glaubenssatz der Gemeinde, in Zukunft mitspielen will, zumal global, braucht Coden als Kernkompetenz. Nicht nur über das Smartphone wischen, Whatsapps tippen, daddeln, sondern: selbst program - mieren können. Macher, nicht bloß User. Die Angst: Das Kind könnte im weltweiten Talentwettbewerb den Anschluss verpassen, an das Silicon Valley und digital Asia. Die digitale Form der Fomo macht sich breit, die „Fear of Missing out“, wie man sie sonst vor allem aus der Kunstbranche kennt.

CODEFANS

AUFMISCHERIN
FürFränzi Kühne, Digitalberaterin, ist es völlig klar, dass ihre Tochter bald coden wird.

ALLEIN UNTER JUNGS
Catherine (2. v. l.), Tochter von Wirecard-Aufsichtsrätin Anastassia Lauterbach, ist bei Robotikkursen in San Diego oft das einzige Mädchen.

ALTE SCHULE
Der Berliner Unternehmer und LobbyistMartin Leidig glaubt, dass SohnNicolas Programmieren künftig genauso braucht wie humanistische Bildung.

Diese Fomo ist gut belegt: 90 Prozent aller Berufe werden in Zukunft digitale Kompetenzen erfordern (EU-Studie). Ab 2020 werden digital qualifizierte Fachkräfte hohe Ge - hälter erzielen. Alle anderen: sin - kende Gehälter, unsichere Jobs (Unternehmensberatung Bain). Die deutschen Schüler der achten Klasse sind selbst beim Umgang mit Smartphone und Tablet weltweit nur Mittelmaß (Bildungsstudie ICILS, 2014). Nur ein gutes Viertel der Schüler ab 14 beherrscht die Grundlagen einer Programmiersprache wie Java, Scratch oder Logo; von den Lehrern sogar nur 21 Prozent. (Studie „Schule Digital“ der Initiative D21, 2016).

Daran wird auch der Fünf-Mil - liarden-Euro-Digitalpakt der Bundesregierung – so er denn jemals kommt – wenig ändern. Er zielt nur auf die technische Ausstattung der Schulen, von einem echten Schulfach Coden für alle Klassen ist nicht die Rede. Gerade mal 21 Smart Schools listet der IT-Verband Bitkom im Jahr 2018 als Vorreiter in digitaler Bildung auf.

Die politische Mehrheitsmeinung ist bestimmt von der traditionellen German Angst vor neuer Technik. Es gibt immer noch viele Eltern, die finden, die Kinder „daddelten“ sowieso schon zu viel. Die sie nach wie vor lieber in Theater-AGs oder Musikschulen schicken und die ihrer zehnjährigen Tochter nach Cyber-Mobbing („Du Hure“) das iPhone am liebsten wegnehmen würden.

Andere Teile der Welt haben sich anders entschieden. In Großbritannien, Luxemburg und Digitalisierungsmusterland Estland ist Computing ab der ersten Klasse Pflicht. In Australien hat fast jedes Kind einen Computer, und Coden steht schon in den Grundschulen auf dem Lehrplan. Im Silicon Valley ist Coden selbst in manchen Vorschulen Standard, mit acht hocken die Kinder Bildschirm an Bildschirm, lernen Python oder Java und werden oft noch für 200 bis 400 Dollar im Monat zum privaten Nachmittagsunterricht in Coding-Schools geschickt. Bis 2020 soll das auch im Rest der Staaten so aussehen. In China ist man schon beim Schulfach künstliche Intelligenz angelangt.

Das Motto in Deutschland dagegen: dann eben ohne Schule. In den vergangenen zwei, drei Jahren ist eine regelrechte Lernindustrie entstanden. Jede Menge Initiativen, meist gegründet von Start-up-Unternehmern, Stiftungen, Jugendarbeitern oder Wissenschaftlern, viele gesponsert von Konzernen und mit geringen Teilnahmegebühren, damit Coden kein Elitethema wird. Selbst der Chaos Computer Club macht mit: „Chaos macht Schule“.

Code your Life, Open Roberta, Junge Tüftler, Hacker School, Jugend hackt, Code + Design, um nur mal die Großen zu nennen – quer durch die Republik werden zunehmend Nachmittagsunterricht, Wochenendworkshops oder Feriencamps veranstaltet. Allein Hamburg hat derzeit mehr als 20 Initiativen.

Es gibt Coding-Schulen in Düsseldorf, München, Berlin, Hamburg oder Dortmund. Im Internetportal Juvigo für Kinder- und Jugendreisen boomt die Nachfrage nach Ferienlagern mit Computern und Robotern. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind gleich in den Sommerferien zum Coding-Kurs ans MIT oder ins Silicon Valley (siehe Kasten „I, Robot“ Seite 121).

Anastassia Lauterbach (46), früher Telekom-Bereichsvorständin und mittlerweile in zahlreichen Aufsichtsräten, unter anderem beim Dax-Aufsteiger Wirecard, nimmt ihre Tochter Catherine (9) seit drei Jahren mit ins Silicon Valley. Während Mama arbeitet, besucht die Tochter Programmier- und Robotikkurse an die University of California in San Diego. Das einzige Mädchen zwischen lauter chinesischen und indischen Jungs.

Die Stanford University in der Valley-Zentrale Palo Alto etwa offeriert speziell für Mädchen Unterricht in künstlicher Intelligenz. Preis: 6000 Dollar für drei Wochen. Mal kurz über den Sommer – bei echten Professoren – die Grundlagen im Programmieren lernen: 14.426 bis 17.054 Dollar. Stanford statt Sylt.

In der deutschen Nerdhauptstadt geht es dagegen noch deutlich handgestrickter zu. Für „Minecraft“, das Spiel, mit dem viele Kinder ins Coden einsteigen, gibt es in Berlin mittlerweile einen Stammtisch, immer dienstags um halb fünf im Café „The Digital Eatery“, Unter den Linden 17.

Wer wissen will, wie es dagegen in Sachen Digitalisierung an Deutschlands Schulen aussieht, kann mit Cara reden. 16 Jahre alt, Schülerin aus einem Dorf tief im Rheinland, die ihren Informatiklehrer (immerhin) beständig gefragt hat: „Können wir nicht mal was anderes machen?“ Immer nur Java. Irgendwann dachte sie: „Sieh zu, wie du es selbst hinbekommst.“ Seit der siebten Klasse bringt sie sich eine Programmiersprache nach der anderen bei, ist auch nach Schulschluss ewig im Computerraum.

NEUE LEHRER

CHEFHACKER
Die Marketing - expertenBenjamin Heberling, Andreas Ollmann undDavid Cummins (v. l.) von der Hacker School. Seit sieJulia Freudenberg (2. v. l.) an Bord geholt haben, starten sie richtig durch.

ANTREIBER
Früher hatThomas Bachem Firmen gegründet, heute betreibt er eine Uni und Camps zur Ausbildung des IT-Nachwuchses.

HEISSSPORN
Designprofessorin und Ex-Digital - botschafterinGesche Joost war eine der ersten, die das Thema erkannten, und hat den Mikrorechner Calliope ent - wickelte. Dann verhedderte sie sich im politischen Gestrüpp.

Aus Spaß hat sie mal ein bisschen im Netzwerk der Schule rumgeguckt (nicht gesichert) und die Zeugnisse gefunden. Angemeldet mit dem Namen einer Schülerin, die längst nicht mehr auf der Schule war, deren Account man aber nicht gelöscht hatte (vergessen). Irgendwann hatte sie so viele Tabs offen, dass der Server überlastet war und die Schule tot, Licht, Türen, nichts ging mehr. Sie ist einfach aufgestanden und gegangen (Computerraumverbot).

Cara erzählt das alles freimütig im Code + Design Camp in Köln. Kurze Haare, eckige knallgrüne Brille, ein zupackendes, gut gelauntes Mädchen. Sie spielt Geige im Schulorchester, reitet. Kein blasses Nerdkind. Morgens hat sie sich per YouTube-Crashkurs HTML beigebracht, jetzt baut sie eine Website für Katzen; „’ne ideale Werbeplattform für Tierfutter“. Sie will Landärztin werden. In dem Beruf ist auch noch viel Digitalisierungsluft nach oben.

Es ist ihr siebtes Camp, sie ist schon durchs ganze Land getourt, am Handgelenk hat sie von jedem noch das Bändchen, wie man es sonst von Musikfestivals kennt. Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Avantgarde-Clique.

Zu den Feriencamps kommen Anfänger und Fortgeschrittene, Rich Kids treffen Techkids. Manche denken sich zusammen ein Projekt aus, andere arbeiten weiter an ihren eigenen Sachen und kommen, um sich Hilfe zu holen. Es wird gefachsimpelt, nach Lösungen gesucht („Das ist alles Sauerei. Da kommst du auf keinen grünen Zweig“). Manche waren früher Teil nehmer und sind heute Coaches. Eine Techcommunity mitten in Deutschland.

Der Plan von Thomas Bachem (33) scheint aufzugehen. Er ist eine Ikone der deutschen Start-up-Szene und für viele das große Vorbild. Bachem, ein ruhiger Typ, der eher still am Rand steht und bedächtig spricht, ist selbst einer, der sich mit zwölf das Programmieren beigebracht hat, der schon neben Schule und Studium Firmen hochgezogen und verkauft hat (das Videoportal Sevenload, das Avatarspiel „Fliplife“ und Lebenslauf.com).

Mit seinen Kumpels, die sich zum Teil aus Studienzeiten kennen, hat er vor zwei Jahren die Feriencamps für Schüler gegründet und parallel die Code University in Berlin, die erste private Programmierer-Uni der Republik. Wer in den Camps ist, will später meist auf „die Code“.

Praxis ist Programm, alles auf Marktfähigkeit: Guten Entwicklernachwuchs gebe es genug in Deutschland, findet Bachem, aber ein „falsches Mindset“. Es gehe zu sehr um Wissen und zu wenig darum, Wissen zu nutzen.

Lektion eins bei den Camps ist denn auch: „Es gibt keine Person, die alles weiß. Das Wissen, das ich brauche, muss ich mir holen.“ Und: „selbst Ziele setzen“. Kein Frontalunterricht, allenfalls mal kurz hinsetzen und Java oder Unity durch - gehen. Wenn die Coaches nicht weiterwissen, wird das Problem auf weltweite Onlinehilfsplattformen von Entwicklern gestellt. Einer wird schon antworten.

1200 Schüler hat man mit den Camps bisher erreicht, schätzt Bachem, die Nachfrage steigt und steigt. Anfangs gab es nur ein paar solcher Treffen im Jahr, jetzt sind es schon 18, nächstes Jahr noch mehr. Immer öfter buchen auch große Firmen die Camps, wie jüngst Porsche für die Kinder seiner Stuttgarter Beschäftigten und wer aus der Nachbarschaft sonst noch Lust hatte.

Natürlich gibt es renommierte Pädagogen, die das alles für Teufelszeug halten: „Eine idiotische Idee übereifriger Eltern. Der nächste Irrsinnshype nach Chinesisch im Kindergarten“, sagt einer, will sich damit aber nicht zitieren lassen. An dere Koryphäen der Zunft schauen temperierter auf das Phänomen, wie Klaus Hurrelmann (74), Bildungsforscher an der Hertie School of Governance in Berlin und Autor zahlreicher Jugendstudien: Digitalisierung sei für unser Leben so relevant, dass es längst ein Schulfach verdient habe. Dass sich die öffentlichen Schulen dem verweigern, sei äußerst riskant. Das liege ganz profan daran, dass fast die Hälfte der Lehrer über 50 sei und „eine große Distanz gegenüber dem Digitalen“ habe. Man kaschiere sein eigenes Unwissen.

Viele Eltern begreifen das digitale Upgrade für ihre Kinder deswegen als Selbsthilfe. Coden werde „eine Grundfähigkeit wie Lesen und Schreiben“, es sei „das Beste, was ich meinen Kindern mitgeben kann“. Fabian Braun (46), lange Partner bei der Unternehmensberatung Simon-Kucher &Partners, heute Inhaber einer Vermögens - beratung, schickt die Älteste seiner drei Töchter zum Girls Club der Codingschule in Düsseldorf: „Sie soll die Technik nicht nur nutzen, sondern selbst gestalten können.“ Inzwischen, sagt er, hilft ihm Fanny (11), wenn er über einem Codeproblem brütet: „Mensch, Papa, mach’s doch mal so.“

Martin Leidig (47), in dritter Generation Reifenhändler in Berlin, Lobbyist des Branchenverbands EFR und Vater von zwei Söhnen, Leo (14) und Nicolas (11), hält eigentlich wenig von Smart phones, dafür umso mehr von einer bilingualen Grundschule („Englisch ist Grundausstattung“), einem humanistischen Gymna sium („damit sie verstehen, wo unsere Kultur herkommt“) und ein paarmal in der Woche Hockey und Basketball. Leidig kommt viel rum. Jüngst war er in Moskau und beeindruckt, wo die Russen schon überall auf digital machen. Jetzt hat er ein positiveres Bild von „Minecraft“: Damit bringen sich seine Jungs das Programmieren bei! Der Ältere nimmt nun neuerdings alle zwei Monate für ein Wochenende an einem Robotikprogrammierworkshop teil, gefördert vom Berliner Senat.

Manche Unternehmer nutzen das Spielfeld, um ihren Nachwuchs gleich auf die richtige Schiene zu setzen: Fynn Bludau (13) und sein Bruder Luis (11) haben bei einem Workshop von Next Entrepreneur eine Plattform für Hausaufgabenhilfe entwickelt. Der Prototyp war so erfolgreich, dass sie jetzt ein Start-up gründen wollen – und mit einem der Mentoren der Wochenendveranstaltung weiter Coden pauken: „Ich muss doch als Unternehmer etwas von meinem Produkt verstehen“, sagt Fynn. Über Skype bastelt er mit dem Trainer jetzt an der technischen Umsetzung seiner Geschäftsidee.

Das Unternehmergen liegt in der Familie: Vater Oliver Bludau (47) hat schon rund 20 Firmen gegründet oder geleitet. Sein Meisterstück: Aus dem Familienbetrieb, dem Maschinenbauer Berghoff aus Drolshagen im Sauerland, 1984 als Einmann-Drehteile-Bude gegründet, hat Bludau ein Hightechunternehmen (50 Millionen Euro Umsatz, 220 Mitarbeiter) gezimmert, das Komponenten für die Chipmaschinen von ASLM oder Flugzeuge von Airbus liefert.

Den großen Techkonzernen kommt die Anschluss-verpassen-Angst der Eltern ge - rade recht. Sie haben ihre eigene Fomo und sind auf den Zug aufgesprungen: Entwickler für die Zukunft heranziehen – und vielleicht auch Kunden. Apple hat seit einigen Jahren eine App für Kinder ab sechs, mit der sie die Apple-Sprache Swift lernen sollen. Um die auch gleich ins Curriculum zu pu - shen, kooperiert der Konzern europaweit mit 267 Lehrinstituten. In den Stores gibt es Kids-Hours, kostenlose Programmiersessions wie die Sphero-Labyrinth-Challenge; 2017 nahmen daran europaweit rund 50.000 Kinder teil.

SAP hat für Schüler Coding-Programme wie Meet and Code aufgelegt, in dem allein 2018 mehr als 52.000 Kinder und Jugendliche in 22 Ländern an rund 1100 Hackathons, Programmierspielen oder Roboterbaukursen teilnahmen. Eigens für Kinder haben SAP-Mitarbeiter gemeinsam mit Studenten der Berkeley University die Sprache Snap! entwickelt, erzählt Bernd Welz (54), Chief Knowledge Officer des deutschen Softwarekonzerns. Ehrensache, dass seine Tochter (21) auch ein Coding-Kid war. Sie gewann sogar einen Lego-Programmierwettbewerb.

Der Erzrivale Oracle hält da - gegen und versucht, seine Sprache Java an den Schulen weiter zu etablieren, über Plattformen wie Alice und Greenfoot, mit denen Schüler 3-D-animierte Objekte programmieren können. Klar gibt’s auch Workshops für Lehrer.

Microsoft hat sich hinter eine öffent liche Initiative gestellt, die bis vor drei Jahren „Schlaumäuse“ hieß. Mit ihr wollte der Berliner Förderverein für Jugend- und Sozialarbeit (FJS) ganz all gemein die „Zukunftsfähigkeit von Jugendlichen“ stärken. Dann entdeckte der Leiter Thomas Schmidt, Lehrer für Mathe, Physik und Informatik, das Thema Coden, benannte es um in „Code your life“. Seitdem geht das Ganze durch die Decke.

Der Einfluss der Wirtschaft wird, das ist nun mal Teil des Deutschland-Codes, als heikle Sache angesehen. Bestes Beispiel: Calliope, ein Minicomputer mit Display, Schnittstellen, Lämpchen, Sensoren, Mikrofon, Lautsprecher und zwei programmierbaren Knöpfen. Das Ganze in Form eines Seesterns, dem man mit dem Einfachprogramm „Open Roberta“ Befehle erteilen kann. Als wertvoll klassifiziert vom Fraunhofer-Institut IAIS, mit dem Ziel, es an alle Schüler zu verteilen.

Aber leider: Entwickelt und vermarktet von der Designprofessorin Gesche Joost, die ihre Interessen recht undurchsichtig organisiert, sponsored by Google. Länder wie Baden-Württemberg lehnen die Rechnerlein wegen des unerwünschten Einflusses von Unternehmen auf Schulen ganz ab, Sachsen hat wettbewerbsrechtliche Bedenken. Gerade mal 50.000 sind im Umlauf.

Selbst Berufspredigern der Digitalisierung ist angesichts der wild wuchernden Coding-Szene für Kids mitunter unwohl. Es wäre „viel schöner“, wenn Kinder das alles in der Schule lernen würden, man wisse ja nicht, „ob die Konzerne die richtigen Werte vermitteln“, sagt Ratepay-Gründerin Wohlfarth.

Auf der Fahrt im Auto zu ihrem Wochenendseminar mit der Hacker School geht sie selbst auch lieber noch mal auf Nummer sicher. Ihrer Tochter Hannah und deren Freundinnen erklärt sie, was sie Samstag und Sonntag zu erwarten hätten, „wie cool Technologie sein kann, damit es ganz viel coole Kids gibt, die coole Jobs machen können“.

Die Arbeitsumgebung ist adäquat – in Wohlfahrts Berliner Firmenzentrale sieht es mit dicken blauen Kissen und zitronengelben Sesseln so teenagermäßig aus wie in den meisten Start-ups. Gut 70 Kinder, das eine oder andere mit iWatch, sind gekommen. Bei der Frage, wer schon mal programmiert habe, gehen bestimmt 20 Hände hoch.

Sonntag, kurz vor Schluss, ist die Stimmung, als würde gleich der Countdown bei einer Spielshow ablaufen, alle konzentriert bei der Sache, schnell noch fertig werden, manche erstaunlich versiert. Hannah hat ein bisschen Java gelernt, eine kleine Wetterstation mit Sensoren gekoppelt, die Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Druck misst und angeht, wenn man pfeift. Nichts, was sie jetzt immer machen will, sagt sie, aber gut, dass sie es mal kennt.

Was ein Kind in der digitalen Welt brauche, sagt der altgediente Pädagoge Hurrelmann, sei eigentlich ganz einfach: „Lesen, Schreiben, Rechnen – nur halt auf allen Kanälen.“ Und immer wichtiger werde „die Fähigkeit, die Lernneugier selbst zu dirigieren, sich eigene Ziele zu setzen und die dann diszipliniert zu verfolgen“.

Es geht, wie immer in der Erziehung, um Anreize und Freiräume. Mal ist das eine wichtiger, mal das andere. Unter den superreichen Digitalmanagern des Silicon Valley, deren Welt vom Coden diktiert wird, sind derzeit Waldorf-Schulen der letzte Schrei. Dort sind Computer verboten. Die Schüler lernen Häkeln statt programmieren. Mit Sicherheit haben die Eltern Angst, dass ihnen die Europäer sonst den Rang ablaufen.


Foto: Jan Philip Welchering für manager magazin

Fotos: Alexandra Kinga Fekete / photoselection, Privat, Jan Philip Welchering für manager magazin

Fotos: PR, Jörg Müller / Agentur Focus, Max Lautenschläger / WirtschaftsWoche