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DIE GEWICHTSLOSE ARBEIT MIT DEM PFERD: HARMONIE DURCH TAKT UND SOUVERÄNITÄT


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 29/2018 vom 08.06.2018

Ein Grundstein der klassisch-barocken Ausbildung ist die gewichtslose Arbeit mit dem Pferd an der Hand, später die Überprüfung der bisher erfolgten Ausbildung in der Versammlung am langen Zügel. FEINE HILFEN fragte den bekanntesten Ausbilder für klassische Reitkunst in Deutschland, Richard Hinrichs, warum er die klassische Arbeit an der Hand so wichtig findet und wie er sie in der täglichen Arbeit einsetzt und vermittelt.


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(Foto:Andrea Zachrau)

FEINE HILFEN: Herr Hinrichs, warum und mit welchem Ziel nutzen Sie die klassische Arbeit an der Hand?
Richard Hinrichs: Vertrauen, Gehorsam und Gleichgewicht sind ...

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FEINE HILFEN: Herr Hinrichs, warum und mit welchem Ziel nutzen Sie die klassische Arbeit an der Hand?
Richard Hinrichs: Vertrauen, Gehorsam und Gleichgewicht sind Elemente jeder Sparte der klassischen Reiterei. Sie sind voneinander abhängig und können durch die gewichtslose Arbeit vorbereitet und gefördert werden. Das gilt schon beim Führen des Pferdes. Dazu folgende Beobachtung: Pferde im Gespann gleichen entsprechend ihrem Harmoniebedürfnis ihre Bewegungen einander an. Diese Tendenz kann der führende Mensch nutzen, wenn er durch angemessen gleichmäßiges Gehen dem Pferd Sicherheit gibt und damit bewirkt, dass das Pferd sich wohlfühlen kann. Schon diese Voraussetzung ist in der Praxis oft nicht gegeben, wenn der führende Mensch zum Beispiel selbst unsicher oder nervös ist. Man kann aber daran arbeiten, diese Unzulänglichkeiten abzustellen, und das Pferd daran gewöhnen, sich ohne Zügeleinwirkungen der Schrittfrequenz und Schrittlänge des Menschen anzupassen, anzuhalten und auch rückwärts zu gehen. Wenn man nach hinreichender Vorbereitung auch Übergänge Schritt – Trab – Schritt – Halten – Rückwärtsrichten – Angehen im Schritt oder Trab miteinbezieht, fördert man damit die Aufmerksamkeit des Pferdes für seinen Menschen und die Geschicklichkeit im Gebrauch des Körpers, die Feinmotorik. Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie ungleich sie gehen und dass sie selbst an ihrer Körpersprache arbeiten müssen, damit das Pferd ihre Wünsche erkennen und auf sie eingehen kann.

FEINE HILFEN: Wie motivieren Sie das Pferd bei dieser Arbeit?
Richard Hinrichs: Eine notwendige Voraussetzung dafür, dass die Übergänge zwanglos gelingen, ist die Motivation des Pferdes, seinem Menschen zu gefallen. Das kann erreicht werden, wenn das Pferd erkennt, dass es ihm gutgeht, wenn es eifrig kooperiert. Ein passender Aufbau der Arbeit, angemessen kurze Reprisen, Lob und Pause im richtigen Moment können die Kooperationsbereitschaft fördern. Viele Menschen müssen erst ein Zeitgefühl dafür bekommen, wann die Anforderung zu unterbrechen oder zu beenden ist, bevor die Konzentrationsfähigkeit des Pferdes nachlässt und ihm die Arbeit öde und sinnlos erscheint.
Die geforderte Reaktion ist dem Pferd angenehm zu gestalten. Für manche Pferde ist zum Beispiel das erste seitliche Übertreten an der Hand zunächst eine nicht einfache Koordinationsübung. Man kann mit ihr beginnen, indem man das Pferd beim Handwechsel an der Longe zunächst nach Art einer Vorhandwendung, später in der Vorwärtsbewegung mit Kreuzen der Vorderbeine in die neue Richtung weist. Entlässt man das Pferd danach als Belohnung in den ruhigen Trab auf der Zirkellinie, sieht es gleichsam „Licht am Ende des Tunnels“, dem es sich gern nähern und damit freudig vorwärtsgehen wird, ohne sich zu verhalten.

FEINE HILFEN: Wie wichtig ist in Ihren Augen die Körperhaltung des Menschen?
Richard Hinrichs: Es ist darüber hinaus auf das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz des Menschen zum Pferd zu achten. Der Mensch als Chef kann dem unsicheren Pferd durch seine Anwesenheit und souveräne Nähe Sicherheit vermitteln. Bei Pferden wie bei Menschen gilt aber: Der Ranghöhere wahrt die Distanz, der bisher Rangniedere versucht, durch Distanzlosigkeit das bisherige Rangverhältnis zu verändern und sich zum Ranghöheren zu machen.
Es kommt deshalb darauf an, durch eine ruhige Ausstrahlung dem Pferd Sicherheit zu vermitteln, ohne Distanzlosigkeit des Pferdes zuzulassen und damit Rangstreitigkeiten zu bewirken, die die Autorität des Menschen beeinträchtigen. Bei Rangstreitigkeiten junger Hengste auf der Weide kann man beobachten, dass der bisher Rangniedere versucht, den Ranghöheren in den Schulter-Vorderbein-Bereich zu beißen, danach ins Vorderfußwurzelgelenk. Wenn der bisher Ranghöhere dem durch eine Verbeugung ausweicht, ändert das die Rangfolge: Der bisher rangniedere Hengst wird durch die Verbeugung des anderen zum ranghöheren.
Der Mensch, der beim Führen seines Pferdes in spannungsgeladenen Situationen dessen Schulter berührt oder sich dort anlehnt, verliert damit Autorität, verbunden mit Vertrauen und Gehorsam. Die notwendige Distanz zum Pferd kann stattdessen durch Führen am langen Arm hergestellt und erhalten werden.
Wer sich dagegen beim Führen an der Schulter des Pferdes anlehnt und sich bei einem vorwärtsstürmenden Pferd mitziehen lässt, kann nicht erwarten, dass das Pferd weiterhin Vertrauen zu ihm hat und ihm gehorsam folgt.
Distanzlosem Verhalten des Pferdes kann auch durch passende Körperhaltung des Menschen vorgebeugt werden: Wer als Ausbilder den Leib einzieht, beugt sich in der Regel mit dem Oberkörper in Richtung auf das Pferd vor und liefert eine Ursache dafür, dass das Pferd seinerseits distanzlos wird und sich rüpelhaft benimmt. Dagegen kann eine angemessen variierte Körperspannung des Menschen von positiver Bedeutung sein. Wer zum Beispiel gleichzeitig mit dem Kommando zum Anhalten konsequent die Schulterblätter leicht zurücknimmt, wird dazu bald bei vielen Pferden auf eine Zügeleinwirkung verzichten können.
In diesem Zusammenhang kann auch die Position des Führenden am Pferdekopf von Bedeutung sein: Ein Pferd, das die Tendenz hat, nach vorn zu stürmen, kann aus einer Position des Menschen vor dem Pferdeauge beruhigt werden, während sich andere Pferde entspannt dem Menschen in der Position hinter ihrem Auge anpassen.

FEINE HILFEN: Welche Zäumung nutzen Sie für die klassische Arbeit an der Hand?
Richard Hinrichs: Entscheidend in diesem gerade genannten Zusammenhang ist auch die Wahl der passenden Zäumung, mit der der Weg des Pferdes ohne übertriebene Härte und ohne das Pferd abzustumpfen genau bestimmt werden kann. Die Zäumung kann dazu beitragen, dass der Abstand des Pferdes gleichbleibend eingehalten wird. Zweckmäßig kann ein Kappzaum sein. Ob das Pferd für die Handarbeit zusätzlich an der Trense mit Lauffer- oder Ausbindezügeln ausgebunden werden soll, hängt von den Randbedingungen ab:
Wer keine Übung in der Handarbeit hat, behandelt das ausgebundene Pferd möglicherweise besser als das nichtausgebundene, weil dem Pferd durch die Ausbindung eine Körperhaltung vorgegeben werden kann, ohne dass es insofern einer Einwirkung durch Zügelanzüge bedarf.
Andererseits gibt es Pferde, die so fein sind, dass sie sich bei einem Menschen, der keine gravierenden Einwirkungsfehler macht, nur auf Trense gezäumt ohne Ausbindung am besten entwickeln.
Die hier aufgezeigten Erkenntnisse mögen einfach sein. Beobachtungen von Schwierigkeiten in der Praxis zeigen jedoch, dass diese Zusammenhänge häufig nicht hinreichend beachtet werden.
Wer aber an der Hand sein Pferd vertrauensvoll und gehorsam mitarbeiten lässt, kann die positive Beziehung sowohl für die weiterführende gewichtslose Gymnastizierung als auch für die Arbeit unter dem Reiter nutzen.

Durch eine ruhige Ausstrahlung vermittelt der Mensch dem Pferd Sicherheit.


(Foto: Andrea Zachrau)

FEINE HILFEN: Was soll bei der Wahl der Gerte beachtet werden, und wie wird sie geführt?
Richard Hinrichs: Die Gerte soll sowohl dem Können des Menschen als auch der Sensibilität des Pferdes entsprechen. Wer nur wenig Übung in der Arbeit an der Hand hat, benutze eine nicht zu bewegliche Gerte, damit das Pferd nicht durch ungewollte Berührungen irritiert wird. Darüber hinaus soll die Gerte so lang sein, dass man die Position der die Gerte führenden Hand nicht nach hinten verlagern muss, um mit der Gerte die Hinterhand angemessen berühren zu können. Bei einem Pferd von mittlerer Größe hat sich eine Länge von circa 160 Zentimeter bewährt. Wer die Handarbeit beherrscht, kann davon abweichen und kommt möglicherweise bei manchen Pferden mit einem Stab von der Länge eines Kugelschreibers aus. Das ist aber die Ausnahme. In der Regel gilt: Je weiter die Gerte hinten am Pferd gehalten wird, desto stärker ist die vorwärtstreibende Wirkung. Wenn das Pferd ruhig bleiben soll, ist die Gerte in gleichbleibendem Winkel zum Pferd deutlich vor der Gurtenlage zu halten. Um den genau bestimmten Abstand des Pferdes zu gewährleisten, ist die Gertenspitze näher am Pferd zu halten als die gertenführende Hand. Hilfreich kann dabei die Vorstellung sein, dass die Energie des Ausbilders in die Gertenspitze fließt. Wer dagegen die Gertenspitze ängstlich vom Pferd abwendet, um es auf keinen Fall zu berühren, gleicht dem Dirigenten eines Orchesters, der bei aufkommenden Schwierigkeiten den Taktstock hinter dem Rücken verbirgt und sich als Zuhörer in die zweite Reihe setzen möchte.

FEINE HILFEN: Wann macht die Arbeit am langen Zügel Sinn?
Richard Hinrichs: Es gibt unterschiedliche Auffassungen dazu, unter welchen Voraussetzungen die Arbeit am langen Zügel sinnvoll ist. Nach Auffassung der Wiener Hofreitschule bietet sie die Möglichkeit, ein voll ausgebildetes Pferd auch im hohen Alter leistungsfähig zu halten, ohne es zu überfordern.

Auch in der Arbeit an der Hand sind Pausen ein wichtiger Bestandteil.


(Foto: Andrea Zachrau)

Darüber hinaus kann sie die Beziehung des Reiters zu seinem Pferd verbessern, weil der Einsatz der Hilfen auf Stimme, Zügel und Gerte beschränkt ist. Somit können Reaktionen des Pferdes unabhängig von Schenkel- und Gewichtshilfen beobachtet und für die weitere Arbeit ausgewertet werden.
Anders als bei der Arbeit an der Doppellonge ist Voraussetzung für die Arbeit am langen Zügel eine bereits entwickelte Versammlungsfähigkeit des Pferdes, möglichst an der Hand und unter dem Reiter, wenn nicht der Gedanke eines Laufsports für den Reiter im Vordergrund stehen soll.

FEINE HILFEN: Was empfehlen Sie unseren Lesern bezüglich der Zügelführung?
Richard Hinrichs: Priorität haben Sicherheitsaspekte. Der Ausbilder muss so dicht am Pferd oder so weit von ihm entfernt führen, dass er nicht geschlagen werden kann. Im Hinblick darauf ist zum Beispiel eine Position des Ausbilders etwa zwei Meter hinter einem großen Pferd bedenklich, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass es sich unter erhöhter Spannung verhält und nach hinten ausschlägt. Jede Position am Pferd hat seine Vor- und Nachteile. Auf einem Gemälde von Julius von Blaas aus dem Jahr 1890, „Morgenarbeit in der Spanischen Hofreitschule Wien“, wird ein brauner Lipizzaner direkt hinter der Schulter geführt, gleichsam am halblangen Zügel. Diese Führung ermöglicht eine exakte Einwirkung auf das Pferd. Nachteil ist, dass der Ausbilder es nicht als Ganzes sieht, sondern nur teilweise. Ein großer Abstand zum Pferd ermöglicht es dagegen, es vollständig zu beobachten. Die längeren Zügel und die entfallende Möglichkeit, die führende Hand an der Kruppe vorwärts- oder seitwärtstreibend an das Pferd zu drücken, beeinträchtigen jedoch die Exaktheit der Hilfengebung.
Am besten probiert man aus, mit welcher Führung man besondere Geschicklichkeit und die besten Erfolge entwickeln kann. Unabhängig von der Führposition gilt: Wer am langen Zügel führen will, kann mit sicherer Anlehnung die Bewegungsrichtung und den Takt genau bestimmen. Anlehnung und Takt schaffen Sicherheit.
Darauf kommt es auch an, wenn eng seitlich an der Kruppe des Pferdes geführt und eine Richtungsänderung, verbunden mit einem Seitenwechsel des Ausbilders am Pferd, vorgenommen werden soll. Die Positionsänderung muss ruhig und zügig verlaufen, ohne dass das Pferd durch plötzliche Bewegungen, ruckartige Zügeleinwirkungen oder stimmliche Spannungsäußerungen irritiert wird. Genauso wie bei der Arbeit an der Hand ist auch hier auf geregeltes Gehen mit angemessen großen Schritten ohne Unregelmäßigkeiten zu achten. Die Stabilität der Einwirkung kann durch Auftreten auf dem Absatz und Vorschieben der Mittelpositur abgesichert werden. Der Seitenwechsel ist zunächst im Schritt zu üben, weil so die notwendige Koordinationsfähigkeit des Führenden am einfachsten entwickelt werden kann. Sobald das erreicht ist, kann die Harmonie des Menschen mit dem Pferd am besten im Trab gefördert werden.

FEINE HILFEN: Gibt es Vorbilder, nach denen Sie selbst arbeiten?
Richard Hinrichs: Ich selbst habe für einzelne Bereiche der Reiterei Ausbilder, die mich geprägt haben, als Vorbilder. In diesem Zusammenhang stelle ich mir immer wieder die Frage, warum manche außergewöhnlichen Reiter besondere Leistungen erreichen, die sie einzigartig erscheinen lassen. Oft sind es scheinbar Kleinigkeiten, die von der jeweils herrschenden Lehre nicht erfasst werden und den besonderen Erfolg ausmachen. Diese Besonderheiten versuche ich in meine Arbeit zu integrieren, soweit sie mit meiner Einstellung zum Pferd vereinbar und mit meinen Möglichkeiten umsetzbar sind. Es ist eine alte Erkenntnis, dass gute Reiter sich nur weiterentwickeln, wenn sie immer wieder gute Reiter sehen. Wenn in der Praxis Schwierigkeiten auftauchen, überlege ich, wer von ihnen auf welche Art und Weise sie am besten beseitigen würde, und finde damit manchmal auch neue Problemlösungsansätze.

FEINE HILFEN: Gibt es spezielle Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Arbeit an der Hand und am langen Zügel, die Sie in Ihrer Zeit als Ausbilder gemacht haben, die Lesern weiterhelfen könnten?
Richard Hinrichs: Viele Pferde, mit denen ich auch gewichtslos arbeite, entwickeln schon an der Longe eine bessere Kooperationsbereitschaft, weil ich dabei vermehrt auf ihre Befindlichkeit eingehen kann. Insbesondere am langen Zügel kann ich außergewöhnliche Leistungen nicht erzwingen, sondern muss erreichen, dass sie – die Pferde – gern mit mir arbeiten, meine Wünsche erraten und diesen entsprechen wollen. Wenn es mir gelingt, sie stolz auf ihre Leistungen zu machen, habe ich gewonnen, weil sie dann auch unter schwierigen Randbedingungen abrufbar werden.

FEINE HILFEN: Können Sie unseren Lesern Beispiele für spezielle Probleme und Lösungsvorschläge mit auf den Weg geben?
Richard Hinrichs: Im Rahmen dieses Beitrags ist es nicht möglich, auf alle Probleme einzugehen, die in der Praxis auftauchen können. Hilfreich kann aber schon eine regelmäßige Videoanalyse sein.
Nach meinen Beobachtungen unterbleibt bei vielen Reitern die genaue Auswertung, weil sie sich mit ihren Unzulänglichkeiten nicht konfrontieren möchten und deshalb, selbst wenn es Videoaufnahmen gibt, diese nicht ansehen wollen. Folgende Fragestellungen können bei der Betrachtung aber auch in diesem Zusammenhang die Kooperation zwischen Mensch und Pferd verbessern:
1. Hat das Pferd verstanden, was ich möchte?
2. Kann es das ausführen?
3. Will es nicht? Warum?

Oft hat mich ein kooperationsbereites Pferd nicht verstanden, wenn es das nicht ausführt, was ich möchte. Dann probiere ich manchmal auch auf der Grundlage von Literaturrecherchen aus, wie ich mich verständlich machen kann. Dabei hilft mir die Erkenntnis: Viele Menschen verstehen viel weniger, als man denkt, und viele Pferde verstehen viel mehr, als man denkt!
Bei aller Freude an der gewichtslosen Arbeit mit dem Pferd gilt für mich aber: Das Wichtigste für einen Reiter ist, dass er nicht immer nur zu Fuß geht!

RICHARD HINRICHS

… – reiterlich durch seine Eltern und deren Verbindung zur Spanischen Hofreitschule geprägt – vertiefte seine Ausbildung bei Egon von Neindorff. Zur Zeit seines Jurastudiums in Wien war er Schüler des damaligen ersten Oberbereiters Arthur Kottas-Heldenberg und des ehemaligen Leiters der Schule, Professor Kurt Albrecht. Heute ist er einer der renommiertesten Ausbilder der klassisch-barocken Reitweise und Präsident des Bundesverbandes für klassisch-barocke Reiterei Deutschland.

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Richard Hinrichs
Die Bedeutung der Piaffe für die Gymnastizierung des Reitpferdes

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