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Die goldene Mitte


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Golfpunk - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 05.11.2021

NELLY KORDA

Artikelbild für den Artikel "Die goldene Mitte" aus der Ausgabe 5/2021 von Golfpunk. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Golfpunk, Ausgabe 5/2021

Über das Jahr 2021 wird im Hause Korda sicher noch in Jahrzehnten gesprochen werden, denn was Regina Rajchrtovás und Petr Kordas Nachwuchs in dieser Saison leistete, dürfte das beeindruckendste Kalenderjahr einer Familie in der Geschichte des Profisports gewesen sein. Aber wen kann das schon verwundern, wenn die Mutter eine ehemalige Weltklasse-Tennisspielerin und Olympionikin und der Vater einst die Australian Open gewann und 1992 denkbar knapp am Sieg in Roland Garros vorbeischrammte? Kein Wunder, dass die drei Korda-Geschwister Wettkampfsport in die Wiege gelegt bekamen.

Jessica, mit 28 Jahre die Älteste im Bunde, läutete 2021 mit einem Sieg beim Tour - nament of Champions der LPGA Tour im Janu ar ein. Es war ihr bereits sechster Triumph auf der Tour, seit sie 2010 ins Profilager wechselte. Im Mai zeigte Nesthäkchen Sebastian bei den French Open in Paris, dass er in Sachen Talent ...

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... seinem Vater in nichts nachsteht, und kämpfte sich bis in die vierte Runde, in der es keinen Geringeren als den späteren Champion Raphael Nadal brauchte, um den 20-Jährigen zu stoppen. Wenige Wochen später gelang ihm in Wimbledon das gleiche Kunststück und sein Aus in der vierten Runde beim ältesten Tennisturnier der Welt stellte sicher, dass sich der Amerikaner mit tschechischen Wurzeln zum ersten Mal unter die Top 50 der Tennis-Weltrangliste mischen durfte.

Doch all diese Glanzleistungen verblassen angesichts der phänomenalen Saisonbilanz der mittlerweile 23 Jahre alten Nelly. Um nur die Highlights zu nennen: Nach 15 sieglosen Monaten dominierte Nelly beim Gainbridge LPGA in Boca Rio ein Weltklassefeld und verwies die Superstars Lydia Ko und Lexi Thompson auf die Plätze. Diesem Saison - einstand nach Maß folgte im Juni der nächste Sieg auf der LPGA Tour und eine Woche später sicherte sich Nelly bei der Women’s LPGA Championship nicht nur ihren ersten Major-Titel, sondern gleichzeitig noch den Sonnenplatz an der Weltrangliste. Fünf Wochen später ging es dann zu den Olympischen Spielen nach Tokio, und wie dort das Golfturnier der Frauen ablief, dürften die meisten Golffans auch hierzulande vor den Fernsehern verfolgt haben.

Als Nummer eins der Welt und mit einer Goldmedaille im Gepäck ging es zum Solheim Cup, in dem zum ersten Mal in diesem Jahr zu erkennen war, dass Nelly Korda kein unschlagbarer Golfroboter ist, denn das beim letzten Solheim Cup noch absolut unschlagbare Duo bestehend aus den beiden Korda-

Schwestern musste sich den Europäerinnen geschlagen geben. In den Singles stellen Jessica und Nelly mit zwei Siegen dann zwar wieder klar, welche Familie im Moment im Frauengolf das Sagen hat, der Solheim Cup ging dennoch zurück nach Europa.

Nach 15 Events in aller Welt war es an der Zeit, sich eine Pause zu gönnen, schließlich geht selbst an einem topfitten Spitzenathletenkörper und der dazugehörigen Psyche ein solches Marathonjahr nichts spurlos vorüber. Doch als Nelly Korda nach vier Wochen Seele baumelnlassen im Oktober 2021 wieder zurück auf die Tour kam, machte sie genau dort weiter, wo sie im Sommer aufgehört hatte: ganz oben.

Wie sehr hast du die freien Wochen nach dem Solheim Cup herbeigesehnt? Bist du gut erholt?

Ja, sehr gut. Ich haderte mit eine Schulterverletzung, die ich nun hoffentlich auskuriert habe, um das Jahr gebührend zu beenden.

Ich hoffe, die Verletzung war nichts allzu Ernstes!

Nein, es war schlicht Überbelastung. Ich ha - be dieses Jahr so viel gespielt, war so viele Wochen auf Reisen und habe so viel Gepäck von Förderbändern an Flughäfen gezerrt, dass der Körper irgendwann gesagt hat:

Mach mal eine Pause!

Wenn du auf deine unglaubliche Saison 2021 zurückblickst, fällt dir da ein Wort ein, das die vergangenen Monate am besten beschreibt?

Es war tatsächlich ein sehr besonderes Jahr und deshalb ist es schwierig, das Ganze in einem Wort zu beschreiben. Aber wenn du schon fragst, fällt mir höchstens „sur real“ ein.“

„Meine Schwester Jessica hatte einen großen Einfluss auf mich, schließlich konnte ich sie schon früh dabei beobachten, wie sie auf der Tour spielte. Ich habe ihr definitiv schon sehr früh nachgeeifert und wollte in ihre Fußstapfen treten.“

Die Liste der sportlichen Höhepunkte ist lang, aber was war dein ganz persönliches Highlight 2021?

Das waren ganz klar mein erster Major-Sieg, der dazu geführt hat, dass ich es zum ersten Mal auf Rang eins der Weltrangliste geschafft habe. Und dann natürlich der Sieg bei den Olympischen Spielen und dabei ganz besonders der Moment auf dem Podium, als mir die Goldmedaille überreicht wurde.

Seit Rio haben es mir vor allem die Bil - der von Golfern in Trainingsanzügen bei den Siegerehrungen angetan, da man die Topstars unseres Sports vorher noch nie in „richtigen“ Sportklamotten gesehen hat. Was ging dir durch den Kopf während der Siegerehrung?

Es war sehr heiß in Japan, im Trainingsanzug auf dem Podium zu stehen war deshalb eine schweißtreibende Angelegenheit – allerdings ist die Siegerehrung in den Trainingsanzügen meiner Meinung nach eine der coolsten Traditionen bei den Olympischen Spielen überhaupt. Es ist etwas ganz Besonderes, dass jedes Nationalteam seine eigenen Outfits für die Siegerehrung hat. Es erfüllt einen mit enormem Stolz, wenn man dieses anziehen und zur Siegerehrung gehen darf.

Du bist in diesem Sommer von Kontinent zu Kontinent geflogen, um bei Major-Turnie ren und den Olympischen Spielen anzutreten. Was tust du während eines solch heißen Sommers abseits des Platzes, um abzuschalten und runterzukommen?

Ich habe mir ein Gaming-Laptop gekauft und zocke ein wenig. So versuche ich, auf andere Gedanken als nur Golf zu kommen. Manchmal braucht es einfach ein wenig Ablenkung und ich dachte mir, Gaming könnte helfen.

Darüber hinaus ist es wichtig, genügend Erholungsphase einzuplanen und sich immer wieder daran zu erinnern, die Dinge auch mal entspannt anzugehen. Während der stressigen Wochen im Sommer besteht die Gefahr, sich selbst zu viel Druck während der Events aufzubauen, besonders was die mentale Seite des Spiels angeht. Zehrt man sich mental zu sehr aus, das habe ich in der Vergangenheit gelernt, dann geht irgendwann gar nichts mehr, man ist einfach ausgezehrt.

Welche Spiele zockst du?

Im Moment „Call of Duty – Modern Warfare“. Als Kind mochte ich Kartenspiele sehr gerne, deshalb werde ich mir wahrscheinlich auch bald einige Kartenspiele runterladen. Oje, jetzt kommt gerade der komplette Nerd in mir zum Vorschein... [lacht]

Wenn ich richtig informiert bin, warst du als Kind auch wirklich gut im Eiskunstlauf und Kunstturnen. Denkst du, du hättest es auch in einer dieser Disziplinen bis an die Weltspitze schaffen können?

Als Kind habe ich wirklich viele Sportarten ausgeübt und hatte daran eine Menge Spaß. Ich habe mich aber sehr früh für Golf entschieden und meinen Fokus voll und ganz darauf gerichtet. Wenn ich all die Energie und Zeit in eine andere Disziplin gesteckt hätte, dann – da bin ich recht zuversichtlich – könnte ich mir schon vorstellen, heute in diesem Feld erfolgreich zu sein.

Wer war in jungen Teenager-Zeiten dein Vorbild in Sachen Golf? Deine Schwester?

Meine Schwester Jessica hatte einen großen Einfluss auf mich, schließlich konnte ich sie schon früh dabei beobachten, wie sie auf der Tour spielte. Ich habe ihr definitiv schon sehr früh nachgeeifert und wollte in ihre Fußstapfen treten. Allerdings war mein Idol wie für viele andere Kids auch von Beginn an Tiger Woods.

Kannst du dich daran erinnern, als du Jes sica zum ersten Mal auf dem Golfplatz geschlagen hast?

Da Jess fünf Jahre älter ist als ich, haben wir als Kinder eigentlich nie gegeneinander gespielt. Das erste Mal, dass ich sie unter Wettkampfbedingungen geschlagen habe, war beim LPGA Event auf den Bahamas während meiner Rookie-Saison auf der Tour.

Nach deinem Major-Sieg hast du sichtlich gerührt erzählt, wie wichtig Jessica für dei ne Entwicklung als Golferin war und ist. In welchem Sinne hat sie dir am meisten geholfen?

Sie hat ein Herz aus Gold. Sie ist die selbstlo seste Person, die ich kenne. Da sie fünf Jah re älter ist als ich, hat sie mich schon früh „inside the ropes“ auf der LPGA Tour genommen und mir das Innenleben des Profi-Golf gezeigt. Ich hatte großes Glück, schon früh solche Einsichten zu haben, denn nicht viele Spielerinnen bekommen solche Gelegen heiten. Wenn ich Probleme habe, ist sie für mich da. Ich kann ihr nicht genug danken für alles, was sie getan hat!

In der Woche vor deinen beiden Siegen in Michigan und bei der Women’s LPGA Championship dieses Jahr bist du mit deinem Vater ins Trainingslager gefahren. Wie sieht so ein Trainingscamp aus?

Ja, das war ein kleines Bootcamp mit Papa K. [lacht] Ehrlich gesagt ging es dabei hauptsächlich darum, etwas Struktur ins Training zu bekommen. Meine gesamte Kindheit und Jugend war immer sehr gut organisiert und strukturiert. Manchmal, wenn man allein beim Training ist, kann es passieren, dass man zum Golfplatz fährt und sich denkt:

„Was mache ich heute?“ Dann schlägt man meistens für ein paar Stunden Bälle auf der Range und spielt vielleicht noch neun Löcher. Mein Vater dagegen hat immer einen ausgearbeiteten Plan für mich, dem ich dann folge. Das gibt mir ein sehr gutes Gefühl und hilft enorm!

Was würdest du selbst als die Stärken und die Schwächen deines Golfspiels identifizieren?

Ich denke, dass mein Golfspiel sehr ausgeglichen ist und ich keine dezidierten Stärken oder Schwächen habe. Daher bin ich auch überzeugt davon, dass ich mich noch in sämtlichen Aspekten des Spiels verbessern kann.

Egal wie groß der Druck auf dem Platz auch sein mag, du wirkst immer total cool. Wie schaffst du es, auch unter Stress immer fokussiert zu bleiben?

STECK- BRIEF

NAME_ NELLY KORDA

ALTER_ 23 JAHRE

GEBURTSORT_ BRADENTON (FL), USA

PROFI SEIT_ 2016

LIEBLINGSTEAM_ L.A. KINGS (NHL)

ERFOLGE_

2018_

LPGA TAIWAN CHAMPIONSHIP (LPGA TOUR)

2019_

WOMEN’S AUSTRALIAN OPEN (LPGA TOUR)

TAIWAN SWINGING SKIRTS (LPGA TOUR)

2021_

GAINBRIDGE LPGA AT BOCA RIO (LPGA TOUR)

MEIJER LPGA CLASSIC (LPGA TOUR)

WOMEN’S PGA CHAMPIONSHIP (MAJOR)

OLYMPISCHE SOMMERSPIELE (GOLDMEDAILLE)

„Wenn ich selbst auf dem Platz stehe, habe ich Einfluss auf das, was passiert. Wenn meine Schwester oder mein Bruder spielen, sieht das ganz anders aus und das stresst mich wirklich sehr.“

Ja, meine Mimik gibt vielleicht keine Emotionen preis, aber in mir drin sieht es zeitgleich ganz anders aus. Im Inneren bin ich ein sehr emotionaler Mensch auf dem Golfplatz. Dann hilft es auch, einen guten Part - ner dabeizuhaben, einen großartigen Caddie. Schon als Kind habe ich stets versucht, ruhig zu bleiben, wenn es um mich herum hektisch wurde, und mich nicht davon anstecken zu lassen. Im Golf muss man Schlag für Schlag denken und dann sehen, was passiert. Ich versuche deshalb, stets im Moment zu bleiben und geistig der Situation nicht vorauszueilen.

In dieser Hinsicht habe ich immer zu Roger Federer aufgeblickt, denn er scheint auf dem Court nur einen Gemütszustand zu kennen: Er bleibt immer ruhig und kontrolliert. Auf dem Weg dorthin habe ich aber noch eine Menge zu lernen, glaub mir!

Haben Jessica und du schon mal mit anderen berühmten Geschwistern, die es an die Spitze der Sportwelt geschafft haben wie zum Beispiel den Williams-Schwestern oder Eli und Peyton Manning, über die fast einzigartige Situation, in der ihr euch befindet, gesprochen?

Mit anderen Sportlergeschwistern haben wir tatsächlich noch nie gesprochen. Ich sehe unsere familiäre Situation auch nicht wirklich als besonders oder einzigartig. Für uns fühlt sich das total normal an, da wir es nicht ande rs kennen. So sind wir aufgewachsen. Wir sind nicht nur sehr stolz aufeinander, Familie ist uns auch unglaublich wichtig, weshalb ich mir ein Familienleben gar nicht anders vorstellen könnte.

Was war der beste Rat, den dir dein Vater jemals gegeben hat, in Bezug auf Sport auf höchstem Level?

Im Sport muss jeder seinen eigenen Weg ge hen und seinem eigenen Zeitplan folgen. Man muss sich auf die Gegenwart konzentrieren und dabei versuchen, die Höhepunkte aber auch die Zeiten, in denen es nicht so gut läuft, zu genießen.

Was fühlt sich für dich stressiger an: bei einem Major-Turnier am Sonntag um den Sieg mitzuspielen oder deiner Schwester oder deinem Bruder zuzuschauen, wie sie um einen Sieg kämpfen?

Ganz klar: Jess oder Sebi zuzuschauen. Es ist viel härter, Zuschauer zu sein, als selbst zu spielen, da man keinerlei Kontrolle über das Geschehen hat. Wenn ich selbst auf dem Platz stehe, habe ich Einfluss auf das, was passiert. Wenn meine Schwester oder mein Bruder spielen, sieht das ganz anders aus und das stresst mich wirklich sehr.

Abgesehen von deinem Golfbag, wie viel Gepäck checkst du ein, wenn du zu einem Turnier fliegst?

Ich reise immer mit zwei Koffern und einer Golftasche. In dem einen Koffer befindet sich mein ganzer Freizeit- und Fitness-Kram und im anderen meine Klamotten. Normalerweise bringe ich acht verschiedene Golf-Outfits

zu einem Turnier plus einige Teile für unvorhersehbar kaltes Wetter und eventuelle Regenkleidung.

Findest du es gut, dass Profi-Golfer die Möglichkeit haben, ein wenig mit ihren Outfits zu experimentieren? Im Basketball oder im Fußball zum Beispiel ist das Trikot ja vorgegeben und fertig.

Ja, das gefällt mir schon ganz gut. Die Möglichkeit, das Outfit selbst wählen zu können, hat aber Vor- und Nachteile, schließlich kann die Kleiderwahl am Morgen auch in Stress ausarten. [lacht] Aber es ist natürlich toll, dass wir die Chance haben, unseren eigenen Fashion-Geschmack in den Wettkampf mit einzubringen.

Wie sieht dein Tagesablauf während einer Woche zu Hause ohne Turnier aus?

Ich verlasse das Haus morgens nach dem Frühstück, um auf der Range oder dem Platz zu trainieren. Danach geht es ins Fitnessstudio für das Work-out. Wenn die Trainings arbeit getan ist, verbringe ich den Rest des Tages normalerweise mit der Familie.

Was ist dein Lieblingsreiseziel, wenn du keine Golfschläger im Gepäck hast?

Die Bahamas, würde ich sagen.

Stellt sich nach solch einer Traumsai son das Gefühl ein, nun alles erreicht zu haben? Oder bist du schon dabei, dir neue Ziele zu setzen?

Nein, so ein Gefühl hatte ich bisher nicht. Es war ein tolles Jahr und ich hatte bisher noch kaum Zeit, das alles zu verarbeiten und ernsthaft darüber nachzudenken. Aber natürlich setzt man sich neue Ziele und will auch im kommenden Jahr wieder erfolgreich sein. Nun werde ich mich aber erst einmal eine Weile hinsetzen und genießen, was in den letzten Monaten alles passiert ist.