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Die große Sehnsucht nach NATUR


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 18.05.2022
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ZURÜCK ZUM URSPRUNG Das echte Leben: In der Natur geben wir die Kontrolle ab, suchen authentische Erfahrungen und spüren uns endlich wieder selbst

An einem Junitag stehe ich neben dem Fischer Vincent Comes am Ufer einer Lagune und schaue ins grünlich schimmernde Wasser. Um uns herum ist baumlose, flache Weite, es ist heiß. Vincent Comes, der sein langes Leben lang der Sonne getrotzt hat, deutet auf die Netze, in denen Aale gefangen werden.

Vor allem nachts, sagt er, wenn sie zwischen Oktober und Februar Richtung Meer schwimmen. Er ist kein Mann großer Worte, und doch ist es, als verleihe er der Lagune für einige Stunden einen gläsernen Boden. Als beugten wir uns gemeinsam über eine Unterwelt, in der sich Vincent Comes auch im Dunkeln zurechtfindet. Ich präge mir seine Worte ein, die Aale gehen mich genauso etwas an wie die Flamingos in der Ferne, als könnte ich etwas von ihnen lernen. Es ist meine erste Reiserecherche seit Beginn der Pandemie; sie hat mich nach Spanien ins Ebrodelta geführt, wo mehr Tiere als Menschen leben. Und während ...

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... Vincent Comes über den Lebensrhythmus der Aale spricht, begreife ich die Natur als vollkommen. Ich bin ihr nahe und fühle mich in ihr aufgehoben. Frieden breitet sich in mir aus.

Ein Frieden, den ich regelmäßig suche. Noch nie war meine Sehnsucht nach Natur so stark. Wochen, an denen ich nicht mal über den ausgetrockneten Rasen eines städtischen Parks gelaufen bin, beunruhigen mich. So sehr habe ich mich daran gewöhnt, unter Bäumen zu gehen und an ihnen die Jahreszeiten abzulesen. Stehenzubleiben, wenn eine vorlaute Amsel ruft, oder den Enten dabei zuzusehen, wenn sie aus sicherer Entfernung vor meinem alten Hund warnen. Meine Schritte sind langsamer als früher, mein Blick ist genauer. Mich zieht an, was ich früher als Pflicht erlebt habe: die Bewegung im Freien.

Es ist eine Sehnsucht, die in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Die ich an manchen Tagen unwillig betrachte wie ein altmodisches Tuch, das ich nicht umbinden mag: Verhalte ich mich jetzt wie ein Mütterlein, das glücklich ist, wenn es Vögel beobachtet? Das sich erholt, wenn es dem Rauschen der Bäche zuhört? Bin ich dem Tempo der Gegenwart nicht mehr gewachsen? Mich tröstet, dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin. Umfragen zufolge gehen mehr Menschen häufiger raus als früher, und das nicht erst seit der Pandemie. Was steckt hinter unserer Sehnsucht, was erhoffen wir uns von der Natur?

Eine junge Frau bin ich, als ich ihr zum ersten Mal bewusst begegne. Im Glacier Express fahre ich von St. Moritz nach Zermatt. Durch die Panoramafenster sehe ich Gebirge, Schluchten und Täler, Brücken in schwindelerregender Höhe. Ich begreife, wie mächtig die Natur ist. Wie grausam sie sein kann. Dass, wer sich ihr aussetzt, sein Leben riskiert. In Zermatt gehe ich über den Friedhof und lese, was auf den Grabsteinen steht. Sie erzählen von kurzen Leben, von dem Reiz und der Gefahr des Gipfelstürmens. Unberührte Wildnis, erkenne ich, hat immer auch eine dunkle Seite, von unserer folkloristischen Perspektive verdrängt. Ich verneige mich vor den Felsen, als ich zurückfahre, vor der Tapferkeit der Arbeiter, welche die Viadukte gebaut haben. Ab und an verlasse ich nun die Stadt München, um mit meinen Töchtern im bergigen Umland zu wandern.

Noch ist die Natur für mich nur ein Ort der Freizeit, an dem sie sich frei bewegen können. Wir umrunden Seen, fahren Seilbahn, im Winter Schlitten. Erst Jahre später, als ich allein wandere, soll ich eine neue Beziehung zu ihr entwickeln.

„Ich streiche über Sternenmoos, prüfe mit den Händen, wie kalt das Wasser in Bächen ist. Bald empfinde ich das Gehen als tröstlich.“

Dass sie uns guttut, wissen wir schon lange. Seit zwei Jahrhunderten suchen wir in den Wäldern, an Flüssen, Seen und Meeren einen Ausgleich zum technisierten Alltag. Die Digitalisierung hat diesen Impuls noch einmal verschärft, die Natur gilt als Ort des Rückzugs. Draußen unter Bäumen erholen wir uns schneller von unseren Sorgen, wie wissenschaftliche Studien belegen. Vogelstimmen und fließendes Wasser beruhigen unsere Nerven, Blutdruck und Puls senken sich. Im Grünen beugen wir depressiven Verstimmungen vor und werden nach Krankheiten schneller gesund. Und doch scheinen wir mehr als Erholung zu suchen. Mehr als die von Zeitschriften inszenierte Landidylle, die uns für die Dauer eines Cappuccinos lockt. Unser Interesse ist heute ein ernsthafteres, ausgelöst durch die Folgen des Klimawandels, die wir deutlich spüren.

Wir lesen Bücher über das geheime Leben der Bäume, deren Wurzeln sich untereinander vernetzen. Wir tauchen ein in Essays über Krähen, Schmetterlinge, Bienen und Wale, deren soziales Verhalten uns überrascht und inspiriert. Es ist, als hätten wir die Tiere als Mentorinnen und Mentoren entdeckt, als bräuchten wir sie, um uns zu erinnern, wie authentisches Leben geht. Was es bedeutet, sich sozial zu verhalten und aufeinander zu achten. Wir suchen nach Ähnlichkeiten und staunen über ihren unerschütterlichen Lebensrhythmus, während wir selbst das Gefühl haben, uns immer schneller durch diese Welt bewegen zu müssen, allen Lockdowns zum Trotz. Scheint so, als entwickelten wir einen neuen Respekt vor den Lebewesen um uns herum, als verändere sich unser Verhältnis zu ihnen grundlegend. Vor dem höchsten Gericht im US-Bundesstaat New York wird verhandelt, ob Tiere Rechtspersonen sein können, wie der „New Yorker“ kürzlich berichtete. Schon länger beschäftigt uns als Gesellschaft die Frage, ob es eine Rolle spielen darf, wie intelligent Tiere sind, wie empfindsam, um ihnen mehr Rechte zusprechen und sie besser schützen zu können.

Auslöser für unsere Beschäftigung mit der Natur ist meist eine Krise, beobachte ich. Wir spüren, dass wir nicht weitermachen können wie bisher. Oft ohne es zu wissen, sind wir in diesen Momenten von uns selbst erschöpft, unfähig, uns mit den bisher angewandten Methoden aufzurichten. Davon erzählt die britische Schriftstellerin Helen Macdonald, die sich nach dem Tod ihres Vaters zurückzog, um einen Greifvogel zu zähmen und auf diese Weise ihre Trauer zu verarbeiten. „H wie Habicht“ heißt ihr Roman, er hat sich millionenfach verkauft. Der südafrikanische Tierfilmer Craig Foster entschied sich nach einem Burnout, jeden Tag vor der Ostküste des Kaps von Afrika zu tauchen. Ohne Neoprenanzug setzte er sich der Kälte des Ozeans aus und lernte, sich unter Wasser zurechtzufinden. Er freundete sich mit einem Tintenfisch an („Mein Lehrer, der Krake“), der bald seine Scheu vor ihm verlor und mit seinen Armen vorsichtig ertastete, wer ihn regelmäßig besuchte. Ein Moment, der genauso berühren muss wie die Schilderungen der Australierin Sam Bloom, die nach einem Unfall ihren Lebensmut verlor und ihn beim Aufpäppeln einer Elster zurückgewann.

Unserer Sehnsucht liegt die Suche nach Lebendigkeit zugrunde, sagt der Hamburger Biologe und Psychologe Andreas Weber: „Wir suchen authentische Erfahrungen und wollen uns selbst spüren. Das ist etwas, das wir uns in einer Welt der Kontrolle aberkannt haben.“ Indem wir uns in die Natur begäben, versuchten wir intuitiv, wieder etwas zu fühlen. In Resonanz gehen nennt es der Politikwissenschaftler und Soziologe Hartmut Rosa und meint damit einen bestimmten Beziehungsmodus. In seinem Buch „Unverfügbarkeit“ schreibt er, dass Resonanz voraussetzt, dass wir uns berühren lassen, auf diese Berührung reagieren und akzeptieren, dass sich Resonanz im Gegensatz zu anderen Dingen im Leben nicht willentlich herstellen lässt, also unverfügbar ist. Unmöglich ist es uns, Naturerfahrungen zu planen. Welche Vögel wir beobachten, ob wir ein Rudel Rehe sichten oder seltene Pflanzen entdecken, ist kaum zu beeinflussen. Das bedeutet, dass wir loslassen müssen, um der Natur eine Chance zu geben, uns zu berühren und damit zu verändern. Nicht jedem von uns gelingt es auf Anhieb, sich dem Ungewissen hinzugeben, es erfordert Übung.

Als ich aufbreche, um zu Fuß die Alpen zu überqueren, bin ich müde vom Schreiben, unglücklich liebend und mutlos. Es ist, als hätte ich das Gespür verloren für die Frau, die ich bin, oder die, die ich einmal sein könnte. In mir hat sich Leere ausgebreitet. Ich fühle mich schwer und gehe los in der Hoffnung, die äußere Bewegung möge eine innere Entsprechung finden. Nach einigen Tagen verabschiede ich mich von meinem Anspruch, im Gehen Antworten zu finden auf meine Fragen. Ich setze einfach einen Fuß vor den anderen. Betrachte den Wald. Bleibe stehen, wenn ich dicke oder schief gewachsene Stämme entdecke. Ich streiche über Sternenmoos, prüfe mit den Händen, wie kalt das Wasser in den Bächen ist und beuge mich über orangefarbene Flechten, die aussehen wie gemalt. Bald empfinde ich das Gehen als tröstlich, es erinnert mich daran, dass ich sehr wohl handlungsfähig bin: Es steht mir frei aufzubrechen, meine Füße tragen mich. Als ich nach acht Tagen Südtirol erreiche, weiß ich immer noch nicht, welche Richtung ich meinem Leben geben soll. Aber es ist, als hätte die Natur meine Intuition gestärkt, mir Zuversicht verliehen.

Seitdem zieht es mich raus. So oft es geht, spaziere ich unter jahrhundertealten Bäumen und lege meine Hände auf ihre knorrige Rinde. Dass sie hier schon standen, als ich noch ein Kind war, denke ich dann. Dass sie hier noch stehen werden, wenn mei-ne Töchter längst erwachsen sind. Diese Gedanken beruhigen mich, still ist der Zuspruch, den mir die Natur spendet. Und der werde in der Lebensmitte wichtig, erklärt die Psychologin Hanne Seemann: „In der ersten Lebenshälfte sind wir damit beschäftigt, Karriere zu machen und den Vorstellungen anderer zu entsprechen. In der zweiten Lebenshälfte geht es um unsere seelischen Bedürfnisse, also um unsere Sehnsucht nach Schönheit, nach Verbundenheit, Liebe, innerer Ruhe. Und genau das finden wir in der Berührung mit der Natur – im Großen wie im Kleinen.“ Wie Hartmut Rosa geht auch Hanne Seemann davon aus, dass wir in der Natur in Resonanz gehen – auch zu unserer eigenen Vergänglichkeit, die uns vom Werden und Vergehen in der Natur gespiegelt würde und, wenn es gut gehe, uns mit ihr versöhne. Ein Grund, warum viele Menschen die Natur als sinnstiftend, mitunter religiös erleben. Sie stellt Zusammenhänge her in einer Welt, die wir gewöhnlich über ihre Einzelteile erklären.

Nirgends lässt sich das besser beobachten als im Ebrodelta. Nicht nur das Wasser scheint das Schwemmland in sich aufzunehmen, beobachte ich auf meiner Reise, sondern auch seine Bewohner. Sie sind mit ihm verwoben und haben verinnerlicht, dass das ökologische Gleichgewicht einen Einfluss auf das seelische hat. Auf ihren Alltag, ihre Existenz. Weil Arten verschwinden oder neue auftauchen. Weil sich das Klima erwärmt, Zug-und Wandervögel ihre Routen ändern oder ganzjährig bleiben, wie zum Beispiel die Störche. An meinem letzten Tag begegne ich an einer Brücke einem kecken Vogel. Weiß ist sein Federkleid, schlank sein Wuchs. Ein Seidenreiher ist es, wie ich später herausfinde. Er dreht eine Runde, landet neben mir und fängt in Sekunden, zack, einen Fisch. Weil er’s kann, nicht weil er muss. Er legt den Fisch auf einem Stein ab und plustert sich auf, guckt, kämmt sich. Mir gefällt unsere Unterhaltung, ich lache laut. Ich mag die komische Schau meines Freundes, das selbstbewusste Stimmengewirr der Vögel im Schilfgürtel hinter mir, das mich daran erinnert, dass ich hier am Rande der zivilisatorischen Welt mitten im Naturreservat ihr Gast bin.

Autorin Lisa Frieda Cossham hat einen neuen Stimmungsbooster entdeckt: Vogelstimmen. Seit sie umgezogen ist und unter alten Bäumen wohnt, steht sie jeden Morgen am Fenster und redet mit ihren geflügelten Freunden.