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DIE GRÜNE BEWEGUNG


emotion - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 03.03.2021

Wie nie zuvor sehnen wir uns nach Natur. Kein Wunder also, dass sich viele jetzt einen eigenen Garten wünschen. Gemeinschaftsgärten, Gartenblogs und Greenfluencer-Seiten boomen und befeuern Trends wie Conscious Gardening. Das ist gut für die Umwelt – und die Seele


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Bildquelle: emotion, Ausgabe 4/2021

LAUBENLIEBE

Um Platz für seinen Bauerngarten zu haben, hat Ben Meyer sogar die Terrasse seiner Laube verkleinert. „Das Schöne ist, dass der Garten nie gleich aussieht”, sagt er. Das liegt vor allem an einjährigen Pflanzen, die sich immer neue Ecken zum Blühen suchen. Bens Tipp für Neulinge: Die Gartengrundgestaltung gleich am Anfang festlegen ...

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... und zur Inspiration botanische Gärten besuchen. @_neon_beige_

SCHREBERIN

In ihrem Happy Place baut Julia Depis seit drei Jahren Gemüse an. „Es gelingt immer etwas nicht“, sagt sie. Ihr erstes Kürbisbeet brachte zum Beispiel gerade mal einen Kürbis hervor. Aber man wächst schließlich mit seinem Schrebergarten. Für erste Erfolgserlebnisse empfiehlt Julia Kartoffeln, die sind sehr dankbar. Auch Zwiebeln und Radieschen bringen gute Erntelaune. Nur von Brokkoli würde sie Anfänger*innen abraten. @luette_und_huette

Auf einem Kühlschrankmagneten in meiner Küche steht „Gardening ist cheaper than therapy – and you get tomatoes.“ Und obwohl die Tomaten auf meinem Balkon nicht so recht gedeihen wollten, war dieser Satz selten so wahr wie im Jahr 2020. Meine Sehnsucht nach Natur war schon immer groß gewesen, doch noch nie war ich Großstadtbewohnerin so dankbar, regelmäßig auf dem Balkon und im Schrebergarten mit den Händen in der Erde wühlen zu können. Ich entwickelte – nicht obwohl, sondern weil ich reichlich Schreibtischarbeit und zwei Kinder im Homeschooling hatte – eine fast manische Gartenaktivität und schuf wilde Orte, in der die Natur einfach nur Natur sein darf: Ich legte einen Teich und eine Bienenwiese an und baute eine Trockenmauer für Insekten. Aus Kaulquappen wurden Frösche, ein Molch zog ein, und immer mehr Libellen kamen zu Besuch. Unser Garten wurde nicht nur Ersatz für ferne Urlaubsziele, zweites Homeoffice und ein gut belüfteter Raum für Treffen mit Eltern und Freund*innen. Sondern auch ein Ort, in dem die Natur auf wohltuende Weise verlässlich ihre kleinen Wunder vollbrachte, in einem Jahr, in dem nichts mehr planbar schien. Weil es vielen so ging wie mir, war 2020 für die Umwelt eigentlich kein so schlechtes Jahr: Gartenvereine wurde mit Bewerbungen überschüttet, Menschen fingen an, die Grünstreifen zwischen Asphalt und Gehweg zu bepflanzen. Wer keinen Garten oder Balkon hat, kann auch bei Aktionen des Bundes für Naturschutz mitmachen und etwa helfen, einen Bach zu renaturieren oder eine Schmetterlingswiese anzulegen. Das Bewusstsein dafür, wie sehr wir die Natur für unser Wohlbefinden brauchen und wie wichtig es ist, ihr etwas zurückzugeben, zeigt sich besonders in den Städten: Hier ergrünt eine Straße nach der anderen, teils finden Bienen in Metropolen mehr Nahrung als auf dem Land. Immer mehr Menschen machen sich darüber schlau, welche heimischen Blumen und Sträucher gut für Insekten und Vögel sind und welche nicht. Dieser Trend zum „Conscious Gardening“ zeigt sich in Beeten und auf Balkonen genauso wie in sozialen Netzwerken: #rewild war nach #balconygardening der häufigste GartenHashtag auf Instagram.

Auch Gartenbücher boomten. Die britische Psychiaterin Sue StuartSmith hat eines geschrieben, das jetzt auf Deutsch erscheint. In „Vom Wachsen und Werden“ erzählt sie, wie ihr Großvater sein Trauma aus der Kriegsgefangenschaft erst verarbeiten konnte, nachdem er begonnen hatte, sich eine Farm aufzubauen. Ihre Mutter wurde früh Witwe; auch ihr half ein verwahrloster Bauerngarten, um den sie sich kümmern konnte, mit der Trauer zurechtzukommen. StuartSmith sagt, dass es ein tief in uns verankertes Bedürfnis befriedigt, wenn wir Blumen, Gemüse und Sträucher pflegen.

AUF FELD UND WIESE

Das Bewusstsein für das Ursprüngliche wurde Swetlana Osmers in die Wiege gelegt. Heute bewirtschaftet sie als Selbstversorgerin die naturnahen Gärten und Obstbäume auf dem Mühlenhof der Familie. Auf ihrem Blog teilt sie ihre Begeisterung für die Natur, initiiert Projekte wie Saatguttausch und gibt Tipps für nachhaltigen Anbau. Sie sagt: „Es macht Spaß, sich auszutauschen, inspirieren zu lassen und die Leichtigkeit zu teilen, die die Auszeit vom Alltag im eigenen Grün bringt.” osmers.me

Der Garten oder auch nur die Kräutertöpfe auf der Fensterbank seien nicht nur ein physischer Raum, in dem wir uns körperlich betätigen, sondern auch ein mentaler, in dem wir wieder zu uns selbst finden, gerade in schwierigen Zeiten. „Er schenkt dir Ruhe – man kann geradezu seine eigenen Gedanken hören. Während wir uns um die Pflanzen kümmern, kümmern wir uns auch um uns selbst.“ Warum das so ist, erklärt der Biologe und Philosoph Andreas Weber in seinem Essay im NaturBildband von Johann Brandstetter „Über Leben“ (Oekom Verlag): „Zwei Denker, der Psychologe und Philosoph Erich Fromm und der Biologe und Philosoph Edward O. Wilson, haben den Begriff der Biophilie aufgegriffen, um zu beschreiben, dass die Liebe zum Leben das bestimmende Kennzeichen unserer Art ist. Fromm zufolge besteht unser tiefstes Anliegen darin, lebenspendend und somit schöpferisch zu handeln. Für Wilson können wir ohne anderes Leben (…) kein seelisches Gleichgewicht entwickeln. Kein Tier ist so biophil wie der Mensch. (…) kein anderes Tier umgibt sich mit anderen Lebewesen allein aus Leidenschaft zu ihnen.“

Kein Wunder also, dass 2020 neben Pflanzen für Balkon und Garten auch Hundewelpen und – ja – Hühner extrem gefragt waren. Einige hatte sich vergangenes Jahr zum Beispiel Moderatorin, Neugärtnerin und Homefarmerin Judith Rakers zugelegt. Ihre Fans verfolgten entzückt auf Instagram, wie Schatzi, Giovanni und das restliche Federvieh im Sand nach Sonnenblumenkernen scharrten und der Nachwuchs aus den Eiern schlüpfte.

Es ist aber nicht nur eine jahrtausendealte Verbundenheit mit der Natur, die viele Menschen jetzt wiederentdecken, sondern auch das gute Gefühl von Sicherheit, wenn wir uns selbst versorgen können. In neun der zwanzig meistverkauften Gartenbücher bei Amazon geht es um Selbstversorgung, Nachhaltigkeit und Omas Gartenwissen. Ursprünglich war Urban Gardening kein Hobby der Privilegierten. Städtische Kleingärten wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Großgrundbesitzern an die arme Bevölkerung gestiftet, ein Jahrhundert später begannen die Bewohner*innen, etwa in den Favelas von Rio de Janeiro oder in dem Slums von Mumbai, Gemüse in Säcken, Autoreifen und aufgeschnittenen Plastikflaschen zu ziehen. Der Impuls, der hinter dem jetzigen Boom bei uns steckt, während die Welt im Krisenmodus verharrt, ist derselbe, auch wenn wir in einem der reichsten Länder der Welt leben. Derzeit wollen Neugärtnernde nicht wissen, wie sie die schönsten Rosen züchten, sondern wie sie Hühner halten und Gemüse ziehen können, und das alles bitte artgerecht und ohne Chemie und Monokulturen. Auch in den sozialen Medien ist guter Rat deshalb jetzt sehr gefragt. So wie die Hühner von Judith Rakers in Deutschland trendete in den USA Timothy Hammond. Der Hobbygärtner aus Houston hatte im Netz zwei Jahre lang seinen Gemüseanbau dokumentiert und seine kleine FanCommunity mit Tipps und DIYVideos versorgt. Im vergangenen Frühjahr erweiterte sich seine Followerschaft plötzlich binnen weniger Wochen um 10 000.

Karen Freberg, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität von Louisville, glaubt sogar, dass Gartenexpert* innen den anderen Held*innen in den sozialen Netzwerken neuerdings Konkurrenz machen und die InfluencerKultur sogar nachhaltig verändern könnten – hin zu mehr Authentizität und Bodenständigkeit. Eine Graswurzelbewegung im wahrsten Sinn des Wortes.

MINIATUR-OASE

80 heimische Wildpflanzen auf acht Quadratmetern – Daniela Berg nennt das „Balkongärtnern für Faule“, weil man im Grunde nichts machen muss, außer zu gießen. Für Großstadtbienen ist ihr Kleinod in Berlin- Mitte ein Paradies, für das sie 2020 den #beebetter- Award für „Engagement auf kleinstem Raum“ gewann. @wasbluehtberlin

GARTEN IST ÜBERALL

Schöne Vorstellung: Nach einem langen Call schnell mal gucken, was der Salat macht, oder sich mit etwas Sonnenglück eine reife Erdbeere pflücken. Firmen können mit den Bio-Hochbeeten von Ackerhelden kleine Anbauflächen für die Mitarbeitenden schaffen. Macht entspannt, glücklich – und produktiv. Gleich in der nächsten Konferenz vorschlagen! ackerhelden.de


FOTO PHILIPP HOFSTETTER

FOTO PRIVAT

FOTO SWETLANA OSMERS

FOTOS WASBLUEHTBERLIN/INSTAGRAM, MIKE HENNING/ACKERHELDEN