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Die Hände stets fest am Lenker


Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 7/2021 vom 24.06.2021

Ein bisschen wacklig wirkt es, als Andreas Scheuer von der CSU mit dem Fahrrad um die Ecke seines Bundesverkehrsministeriums biegt. Dennoch strahlt der Mann unter seinem knallgelben Helm enorme Selbstsicherheit aus. »Einen positiven Aspekt sehen wir in Corona- Zeiten«, sagt er: »Wenn wir uns schon nicht auf den Staat verlassen können, unsere Waden stehen stramm zu uns!« Mit seinem »Nationalen Radverkehrsplan 3.74« wolle er den Menschen in diesem Land endlich wieder ein Ziel geben, das weiter entfernt ist als die nächste Teststation. Auch Scheuer ist anscheinend nicht groß rausgekommen in letzter Zeit, sagt er doch: »Die Fahrradstadt Berlin wird uns dabei ein Vorbild sein.«

Begleitet wird der Minister auf seiner Tour ins Ungewisse von Alois Weichfelg. Der sagt so Sachen wie: »Als Gott den Fahrradfahrer erschuf und dann aus einer leicht verbogenen Speiche gleich noch die Fahrradfahrerin hinzu, hatte ...

Artikelbild für den Artikel "Die Hände stets fest am Lenker" aus der Ausgabe 7/2021 von Das Satiremagazin EULENSPIEGEL. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 7/2021

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... er Wesen im Sinn, die sich lautlos bewegen, mit den Füßen leicht überm Boden.« Für einen Moment schaut Weichfelg beseelt – bis sich seine Miene verfinstert: »Leider ist Gott dabei einiges durcheinandergeraten. Kein Wunder, war schließlich sein achter Tag.«

Und es ist durchaus erstaunlich. Radfahrende gleichen Berlinern tatsächlich in vielem: Sie sind ungeduldig, haben es ständig eilig und dazu stets ein wenig höflich klingendes Sprüchlein auf den Lippen.

»Als gebürtige Berlinerin kenne ich das«, bekennt Nina Spurbrei. »Von mir selbst. Und weil also radfahrende Berliner eine Potenzierung dieser Eigenschaften sind, bin ich irgendwann nur noch gelaufen, um meine Mitmenschen vor mir selbst zu schützen.« Heute ist Spurbrei Vorsitzende des Vereins »Schritt & Go«. »Laufen ist sportlicher als Radfahren, gerade in der Stadt«, sagt sie. »Da ist das Extremsport. Nicht allein, weil du auf dem Bürgersteig ständig wem ausweichen musst, weil die Straße fürs Fahrradfahren viel zu gefährlich ist.« – Der Logik der Verdrängung folgend, müssten Fußgänger auf die Gebäude ausweichen, sich an den Fassaden entlang hangeln und von Dach zu Dach springen.

Was die Fußgängerlobbyistin im Spaß formuliert, käme Wiebke Flügelthier sehr entgegen. Das Vorstandsmitglied des ADAC setzt auf ungebremstes Fahrradfahren, seitdem ihr Verband versucht, ein jüngeres, urbanes Klientel an sich zu binden.

»Radfahren macht nämlich herrlich wütend«, sagt Flügelthier. »Überall nur Amateure!« Die meisten Radfahrenden hätten keinerlei Geschwindigkeitsbewusstsein. »Die trödeln durch die Stadt, als hätten sie keinen Termin, und immer etwas zu weit links auf dem Radweg«, schimpft Flügelthier. »Hat man sich dann mit seinem Rad knapp zwischen ihrer Riesengepäckträgerkiste und den auf der Bordsteinkante abgestellten E-Scootern hindurchgezwängt, holen sie dich an der nächsten Ampel wieder ein und bleiben bei Rot natürlich nicht stehen. Und – zack – sind sie wieder vor dir!«

Der Zustand Berliner Radwege hat auch Fahrradpfarrer Weichfelg in seinem Glauben erschüttert. »Die sind ja holpriger als bei uns die Innleiten!«, staunt er. Die Steilwandstrecken am Inn würden nur von erfahrenen Mountainbikern bewältigt. »Und hier in Berlin weißt du zudem nie, was als nächstes kommt. Hast du dein Radel gerade so unter Kontrolle gebracht, taucht wie aus dem Nichts ein weiß-rotes Sperrblech auf!«

Nina Spurbrei von »Schritt & Go« kennt das Problem der vernachlässigten Bürgersteige, auf die vor Jahrzehnten zusätzlich Radspuren gemalt worden sind. »Keiner weiß, ob die blassen Markierungen überhaupt noch gelten«, sagt sie und ist ebenfalls genervt von überall unmotiviert aufgestellten weiß-roten Absperrschranken. »Die waren vermutlich übrig. In Berlin ist ja so manches übrig. Würde mich nicht wundern, wenn an manchen von den Dingern Zettel kleben: ›zu verschenken‹«.

Radwege sind auch dem ADAC ein Dorn unter dem Reifen. »Mir wäre es ja lieber, Fahrräder würden mit Autos gleichgestellt«, sagt Wiebke Flügelthier. »Der Wettbewerb gehört auf die Straße. Stattdessen sind in Berlin die Radspuren plötzlich grün! Soll das jetzt bio sein? Oder gar vegan?«

Das weiß selbst Andreas Scheuer nicht. »Wie beim Veggieburger ist hier wohl äußerste Vorsicht geboten. Bitte nicht daran lecken!« Er lacht. Der als unverbesserlicher Autofreund verschriene Verkehrsminister zeigt sich seit Wochen stets gut gelaunt mit Helm auf dem Kopf. Ihn freue die neue Lust am Radeln. Um das komme man gerade in Berlin kaum noch herum. »Fährt ja sonst nix. Das dafür aber überall.«

Darüber ärgert sich wiederum die Fußgängerlobbyistin. »Wenn mal keine Autos die Gehwege zuparken, stehen jetzt überall Leihbikes«, sagt Spurbrei. »Also dort, wo keine E- Scooter sind!«

Gerade die Option, überall und spontan ein Rad mieten zu können, gefällt Fahrradpfarrer Weichfelg. »Bei uns in Niederbayern bist du schnell mal einen halben Tag und 1000 Höhenmeter unterwegs, bis du irgendwo einen klapprigen Drahtesel aufgetrieben hast.«

Beim ADAC freut man sich genauso über diese flexible Mobilitätsvariante. »Die lassen sich mieten für kleines Geld«, sagt Flügelthier. »Und wo in Berlin gibt es sonst noch Mieten für kleines Geld? Ich bin sicher, bald werden Wohnungssuchende die Freude am Sattel auf Zeit zu schätzen wissen.«

Andreas Scheuer geht da noch einen Schritt weiter. »Immer mehr Radler entdecken die Möglichkeit, sich fortbewegend ein paar Taler hinzuzuverdienen«, sagt der Minister. »Obendrein bekommen sie einen feschen, quadratischen Rucksack gestellt. Im Ausliefern von Essen sehe ich gerade für sozial Benachteiligte eine Riesenmöglichkeit, dass auch die hin und wieder einen Blick erhaschen in die Wohnungen, die sie sich selbst nicht leisten können!«

Und so wie in Berlin bereits aus jeder Einfahrt unverhofft Fahrräder schießen, stellt sich der Minister die Zukunft der ganzen Republik vor. »Wir wollen Deutschland zum Fahrradland machen. Eine Nation immer auf Achse, also auf zweien, ja mei!«, sagt Scheuer und nestelt an seinem Helmgurt. Für einen Moment sieht es so aus, als bekäme er die Schnalle nicht gelöst. Lieber schwingt er sich aufs Mountainbike. »Und wenn sogar die Ausländer bei uns radeln, wird es endlich Zeit für eine neue Maut!« Ein letztes Grinsen, dann holpert er mit festem Griff am Lenker zurück um die nächste Ecke, wo sein Dienstflugtaxi auf ihn wartet.

Nicht jedem behagt die Vorstellung, den Berliner Radverkehr auf das ganze Land übertragen zu sehen. Nina Spurbrei von »Schritt & Go« ist so eine. »Seit der Kindheit aufgestaute Aggressionen werden wach, sobald der Biker auf Wettbewerber trifft. Auf die Dauer kann das nur schlimm enden. Sieht man ja an uns Berlinerinnen und Berlinern.«

Alois Weichfelg hingegen erkennt darin eine große Chance. »Wem es in Berlin gelingt, auf dem Sattel ausgeglichen zu sein wie Jesus, dem passiert im Leben nichts Arges mehr.« Und so selig wie der Fahrradpfarrer lächelt, scheint er sich inzwischen durch Berlin zu bewegen, ohne in größere Pöbeleien zu geraten. »Wenn man so durch die Straßen hier radelt, könnte man fast meinen, Gott hätte diese Stadt erschaffen, als er merkte, dass er sich beim Paradies nicht genügend Mühe gegeben hat.«

THILO BOCK