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Die Heimat der Störche


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plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 05.10.2022
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Im Nordosten Frankreichs

Das Elsass ist die kleinste Region Frankreichs, 90 Kilometer lang und 50 Kilometer breit, und liegt zwischen dem Rhein und den Vogesen. Die Hauptstadt ist Straßburg, 70 Kilometer entfernt liegt Colmar mit seiner pittoresken Altstadt.

SStörche haben offenbar feine Nasen. Erst vor wenigen Minuten hat der Bauer angefangen, seine Bergwiese zu mähen, als auch schon zwei der majestätisch großen Vögel in der Nähe seines Traktors landen. Wie alte Herren im Frack staksen sie, gemessenen Schrittes, hinter dem Balkenmäher her, halten dabei nach Insekten und aufgescheuchten Feldmäusen Ausschau. Offenbar ein Festmahl!

„Eigentlich wohnen die Störche auf den Dächern der alten Fachwerkhäuser unten im Tal“, erklärt Virginie Dischinger und lächelt. „Aber die Tiere sind schlau. Sie wissen halt auch, dass es hier oben bei uns besonders gut schmeckt.“ Die 45-Jährige ist Wirtin im Christlesgut. ...

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... Nur ein paar Wanderer sitzen noch auf der Veranda, die meisten haben sich bereits an den Abstieg hinunter nach Munster gemacht. Weil es abends hieroben auf 850 Metern meist schon recht kühl wird, deckt Virginie heute für die Besucher, die über Nacht bleiben, drinnen im urigen Gastraum. Auf den schlichten Holztischen liegen rot-weiß karierte Decken, darüber am Deckenbalken hängt eine Reihe bronzener Glocken, auf denen Namen und Geburtsdaten zu lesen sind.

„Für jedes neue Familienmitglied lassen wir eine große Glocke von Hand anfertigen, das ist bei uns so Tradition“, erklärt Virginie, während sie für den Aperitif eine Flasche Gewürztraminer entkorkt. „Unsere Kühe auf der Weide tragen natürlich viel kleinere und leichtere Glocken. Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich von ihrem leisen Bimmeln geweckt werde. Für mich ist ihr Glockenklang die Sinfonie der Berge.“

Ab ins Winterquartier

Viele „Fermes Auberges“, wie die Bergbauernhöfe auf Französisch heißen, haben nur von April bis Ende Oktober geöffnet. Traditionell packen danach die meisten Almhirten ihre Sachen und treiben die Tiere hinunter in ihre Winterquartiere. Denn die Höhen in den Vogesen sind nicht das ganze Jahr über bewohnt. Sogar die wichtigste Kammstraße, die „Route des Crêtes“, verschwindet im Schnee und zum Teil sogar unter den Skipisten.

In der Küche im Christlesgut klappern die Töpfe und aus dem kleinen Herz, das in die Holztür geschnitzt ist, strömt ein herrlicher Duft von deftig würzigem Fleisch. „Meine Mutter kocht heute für uns alle den typisch elsässischen Bäckeoffe“, erklärt Virginie. „Schon gestern Abendhat sie die verschiedenen Fleischsorten mit Möhren und Zwiebeln mariniert. Seit heute Mittag schmort das Gemisch jetzt schon in einem Sud aus Riesling auf dem Herd. Zum Nachtisch gibt es dann eine hausgebackene Tarte mit Heidelbeeren.“ Die Früchte hierfür hat Virginie selbst gepflückt.

Krustenbrot und Gugelhupf

Um sich ganz offiziell „Ferme Auberge“ nennen zu dürfen, müssen mindestens 60 Prozent der Zutaten für alle angebotenen Speisen selbst produziert werden. Die Köchin backt dunkles Krustenbrot und luftigen Gugelhupf und kocht Marmelade. Im Garten wachsen Pflaumen, Kirschen und Äpfel für Kompott, im Herbst ist der Wald voller Pilze. Das Fleisch und die Wurst kommen von Bruder Erics Rindern und den gelockten Mangalitza-Wollschweinen, die sich im Matsch vor dem Stall suhlen. Aus der Milch der Kühe, die täglich pünktlich um 17 Uhr eigenständig von der Weide nach Hause kommen, produziert Mutter Danièle Butter, Joghurt und natürlich den zart orange schimmernden Munster.

Dieser Käse ist in der Region berühmt und durchaus berüchtigt. Schließlich hat er so einen intensiven Geruch, dass für viele schon ein Probierstück zu einer kleinen Mutprobe wird. Wer nicht über Stunden von dem hartnäckigen „Odeur“ begleitet werden möchte, der sollte den Käse auf keinen Fall mit den Händen berühren, sondern Messer und Gabel benutzen.

„Die meisten Zutaten für unsere Gerichte produzieren wir selbst

Virginie Dischinger, Wirtin der Ferme Auberge Christlesgut

„Ja, unser Munster ist ein drakig’r Stink’r“, sagt Danièle in elsässischem Dialekt und grinst. „Das Rezept stammt aus dem 7. Jahrhundert und wurde von den Mönchen unten in der Abtei entwickelt. Die wussten, wie man Rohmilch auf köstlichste Art haltbar macht“, schwärmt die zierliche Frau mit der leuchtend roten Schürze, während sie das Lab in einem großen Topf auf 32 Grad erhitzt. „Für den charismatischen Duft ist die Rotschmiere verantwortlich. Auf dem Käse siedelt sich ein Bakterium an, das fleißig Eiweiß und Fett abbaut und dabei anfängt, ein wenig zu müffeln.“

Ein wenig zu müffeln? Das ist wirklich eine liebevolle Formulierung … Der Geschmack des Munsters ist aber überraschend mild und angenehm würzig. Trotzdem freut sich die Nase nach einem Besuch im Käsekeller über die frische Bergluft. Bei einer Wanderung auf den „Petit Ballon“ (auf Deutsch: Kleiner Belchen) begleitet uns der Duft aus Blumen und Kräutern.

Auf dem Weg wachsen Silberdisteln, seltene Bergnelken und ein paar knorrige Sträucher, die Wind und Kälte trotzen. Die Jüngere Dryas-Eiszeit brachte sogar die immergrüne Silberwurz aus dem hohen Norden bis hierher. Ihre weiß-gelben Blüten erinnern an Buschwindröschen und sind ein Magnet für viele summende Insekten.

Keltischer Sonnenkalender

Der Aufstieg führt über aussichtsreiche Bergpfade und große Weideflächen. Manch ein Streckenabschnitt geht in die Beine, aber insgesamt ist die Tour auch für Ungeübte gut machbar. Nach zwei Stunden erreichen wir schließlich den Gipfel, von wo aus der Blick über die Rheinebene, zum Schwarzwald und bei klarem Wetter sogar bis zu den Alpen reicht. Die Kuppe des „Petit Ballon“ auf 1 272 Metern ist kahl und abgerundet. Der Berg soll den Kelten einst als Orientierungsmarke für den Sonnenkalender gedient haben, mit dem sie die Jahreszeiten bestimmt haben. Von einem zentralen Aussichtspunkt in der Nähe gesehen geht die Sonne hier zur Sommersonnenwende auf, im Frühling und Herbst tut sie das über dem Schwarzwälder Belchen und imWinter steht sie dann über dem Schweizer Belchen.

„Unser Munster ist ein drakig’r Stink ’r - einfach herrlich

Danièle Dischinger, Bergbäuerin und Käserin aus Leidenschaft

Heute ist der „Petit Ballon“ kein Treffpunkt mehr für Astrologen, sondern für Modellflugfreunde – die Thermik ist für dieses Hobby ideal. Ein Dutzend bunter Leichtflugzeuge schwebt am blauen Himmel, bis sie zum nächsten Looping ansetzen.

Ein friedliches Fleckchen

Für ein besonders gekonntes Flugmanöver klatschen die Zuschauer begeistert Beifall. Einer von ihnen ist Bernhard Hahn, der 70-Jährige ist Dauercamper aus der Nähe von Stuttgart und wohnt, seitdem er in Rente ist, den Sommer über in einem Wohnwagen am Rhein.

„Unvorstellbar, dass sich Deutsche und Franzosen hier einmal bis aufs Blut bekämpft haben, oder?“, sagt er und winkt zu seinen Freunden herüber. Die kleine Gruppe kennt sich seit Jahren, zusammen sprechen sie einen Mix aus Deutsch und Elsässisch und sitzen oft beim Picknick zusammen. „Die Region ist heute so ein friedliches Fleckchen Erde. Wenn der liebe Gott in Frankreich zu Hause ist, dann bestimmt hier“, ist sich Bernhard Hahn sicher. Für ihn macht „die Kombination aus oben und unten“ den besonderen Reiz des Elsass aus. „Oben ist die Landschaft karg und aufgeräumt. Im Sommer ist es angenehm kühl, man geht wandern und entspannt. Zudem kommt von hier die gute Milch, aus der so viele feine Sachen gemacht werden“, schwärmt er. „Unten liegen dann zauberhafte mittelalterliche Fachwerkdörfer und viele Burgen und Ruinen. Da wird richtig aus dem Vollen geschöpft: Entlang der Straßen leuchten Kübel mit üppigen Geranien und auf den Feldern wächst es, dass es kracht.“ Das besondere Mikroklima macht die Region so fruchtbar. Es ist sonnig, es regnet wenig, aber kontinuierlich. Gut für Gemüse, Obst und natürlich für den berühmten Elsässer Wein.

Auf dem Rückweg trägt der Wind schon von Weitem das friedliche Läuten der Kuhglocken herüber. Die Tiere sindSpaziergänger gewöhnt, heben nur kurz die Köpfe, wenn sie auf den schmalen Wegen über ihre Weide gehen. Sie grasen sogar dann friedlich weiter, wenn mal ein mutiger Tourist für ein Foto dicht neben ihnen posiert.

„Unvorstellbar, dass sich Deutsche und Franzosen mal bis aufs Blut bekämpft haben

Bernhard Hahn, Elsass-Liebhaber und Modellflieger

Seltene Haustierrasse

Ihre Fell-Zeichnung macht die Vogesenrinder zu einem besonders beliebten Motiv bei vorbeikommenden Wanderern: Von der Stirn über den gesamten Rücken und über den Bauchbereich zieht sich ein unregelmäßiger weißer Streifen, das Fell an den Flanken glänzt schwarz.

Das Vogesenrind gehört zu einer vom Aussterben bedrohten Haustierrasse. Mittlerweile wird seine Arterhaltung deshalb vom französischen Staat und der Europäischen Union finanziert, sodass die Tiere immer häufiger zu sehen sind. Auch der Weißstorch, das Wappentier der Elsässer Region, wurde in einem groß angelegten Projekt erfolgreich wieder angesiedelt. Nachdem 1974 nur noch neun Brutpaare gezählt werden konnten, sind es heute zum Glück wieder mehr als 800 Storchenpärchen, die sich heimisch fühlen. „Ihr Klappern gehört zum Elsass so wie der Wein und das gute Essen“, erklärt Virginie. „Man sagt auch, wo der Storch zu Hause ist, da wohnt das Glück.“

Unterwegs im Elsass

Genießer, Naturliebhaber und Burgfans kommen hier auf ihre Kosten: Die besten Tipps und schönsten Orte im Elsass

Weinstraße

Die Elsässer Weinstraße führt auf 170 Kilometern durch die Départements Bas-Rhin und Haut-Rhin und durch viele verwunschene Weindörfer.

Winzer

Vor mehr als 20 Jahren haben Jean-Philippe und Martine Becker auf ökologischen Anbau umgestellt. Seither bauen sie ohne Einsatz von Chemie die traditionellen Elsässer Rebsorten an: Riesling, Pinot Blanc, Pinot Gris, Pinot Noir, Muscat d’Alsace, Sylvaner und Gewürztraminer. Ein Besuch in dem Weingut am Rand des Städtchens Zellenberg ist auch ohne Anmeldung möglich.

Haut-Koenigsbourg

Die Haut-Koenigsbourg bei Sélestat ist die berühmteste Burg der Region. Kaiser Wilhelm II. erfüllte sich einen Kindheitstraum, als er die im Dreißigjährigen Krieg zerstörte Burg Anfang des 20. Jahrhunderts aus ihren Ruinen wieder auferstehen ließ. Besucher begeben sich hier auf eine Zeitreise in den Burgalltag des 15. Jahrhunderts. www.

Alles über Käse

Im Maison du Fromage bei Munster erfahren Besucher alles über die Herstellung des berühmten Käses.

Störche hautnah

In Hunawihr befindet sich das Zentrum für die Wiedereinführung der Störche und Fischotter, ein fünf Hektar großer Tierpark, der sich für den Schutz der bedrohten Arten einsetzt.

Museumsdorf

Erleben, wie es früher war. Das Écomusée d’Alsace in Ungersheim ist das größte Freilichtmuseum Frankreichs mit 80 vollständig eingerichteten historischen Gebäuden, mit Handwerkern und Bauern, die vor den Augen der Besucher hier ihrer Arbeit nachgehen.

Übernachten

Die Ferme Auberge Christlesgut, fünf Kilometer vom Dorf Breitenbach entfernt, bietet einfache Zimmer mit Halbpension für 55 Euro pro Person und Nacht an.