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DIE HEIMLICHE HELDIN VOM PIKES PEAK


Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 11.08.2021

Artikelbild für den Artikel "DIE HEIMLICHE HELDIN VOM PIKES PEAK" aus der Ausgabe 5/2021 von Laufzeit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Laufzeit, Ausgabe 5/2021

Es ist ja so eine Sache mit dem Sport und belegten Rekordzeiten bei Marathons. Schauen wir dazu kurz auf das Jahr 1967, genauer gesagt, auf den 19. April. Damals findet der 71. Durchgang des Boston-Marathons statt.

Dort fällt das grelle Scheinwerferlicht der Geschichte auf die legendäre Läuferin Kathrine Switzer, denn die gilt später über Jahrzehnte als erste Frau, die einen Marathonwettkampf läuft und ihn beendet. Switzers Füße sind danach in einem schrecklichen Zustand. Ihre Zehennägel? Gespalten und wo der Nagellack abplatzte, schauen die Blutblasen durch. Schälende Haut hängt von ihren Sohlen und zwischen den Zehen. Und da sind da noch die verkrusteten großen Schwielen, wie es in einer US-Tageszeitung später dazu heißt. Kathy ist damals 20 Jahre alt. Doch ihre Teilnahme ist illegal; denn der von ihr gewählte Boston- Marathon war, wie andere Rennen auch, für Frauen tabu. Was heute unvorstellbar ...

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... klingt: Als man Switzer zu Beginn des Rennens entdeckt, versuchen Offizielle, ihr die Startnummer 261 vom grauen Sweatshirt zu rupfen und sie so zu verjagen. Aber sie beendet das Rennen stoisch in vier Stunden und 20 Minuten und wird damit zum Beweis dafür, dass Frauen jene Distanz laufen können, ohne krank zu werden, wie man zuvor arg chauvihaft vermutete.

Also war Switzer die erste Frau? Dann wäre der Text hier zu Ende und ja, dies nahm man über 50 Jahre lang an. Doch die Geschichte stimmt so nicht. Rückblick: 2009 macht sich der Präsident des Pikes-Peak-Marathons, Ron Ilgen, die Mühe und schaltet eine Anzeige in der lokalen US-Tageszeitung. Er sucht die Läuferin Arlene Pieper Stine. Denn die ist bereits zuvor den legendären Pikes-Peaks-Marathon zu Ende gelaufen – im Schlepptau ihre damals neunjährige Tochter. Doch: Arlene wusste ihren lieben langen Lebtag nichts davon. Erst Jahrzehnte später erfuhr sie bei einem Telefonanruf von der Sache. Aber der Reihe nach.

Arlene und Kathy laufen dann mal los

Am 7. August 1959 beendet Arlene Pieper Stine den Pikes-Peak-Marathon, was vor ihr noch keiner anderen Frau gelungen war. Der zermürbende Berglauf beginnt und endet in Manitou Springs im US-Bundesstaat Colorado. Jenes Örtchen liegt auf 2.000 Metern über dem Meeresspiegel. An jenem Freitag rennt sie zum bis zu 4.302 Meter hohen Gipfel hinauf und flitzt denselben Weg in einer Gesamtzeit von neun Stunden und 16 Minuten wieder hinunter. 2017 sagt sie über ihre Leistung: „Im Ziel fühlte ich mich ziemlich gut und bin mir sicher, dass ich ein bisschen müde war, aber nicht völlig erschöpft. Und ich erinnere mich immer noch daran, als wäre es gestern gewesen und war sehr verwundert darüber, dass ich Tage später alle Zehennägel verlor.“ Was ihr immer noch im Gedächtnis bleibt: „Damals hatten wir kein Wasser dabei und es gab keine Versorgungsstationen.“ Tochter Kathy bestätigt heute, dass sie neun Jahre ist, als ihr der Aufstieg in einer Zeit von fünf Stunden 44 Minuten und 52 Sekunden mit ihrer Mutter gelang. Der eigentliche Plan: Die Mama nur ein Stück des Weges zu begleiten, aber als sie auf halber Strecke im „Barr Camp“ ankommt, fragt ihr Vater, wie es ihr geht. Ihre Antwort: „Ich fühle mich ziemlich gut.“ Dann fragt er noch:

„Willst du auf den Gipfel?“ Und Tochter Kathy sagt: „Da war ich noch nie. Warum nicht?“ Über die eigene Motivation, sich diese irre Bergstrecke aufzuhalsen, sagt Arlene später: „Man kann eine wunderbare Ehefrau und Mutter sein, aber mein Lauf hat mir gezeigt, dass, wenn es etwas gibt, was man wirklich tun will, man es tun sollte.“ Ihr Credo lautet an jenem Tag: „Es ist ein schöner Tag für ein Rennen.“ Jenen Satz schleuderte die Läuferin allen anderen Teilnehmern entgegen, die sie überholten. Was Arlene auch auszeichnet, ist ihr Stil. Sie trägt eine weiße, ärmellose Bluse, weiße Shorts, dann die weiße Kopfbedeckung und Tennisschuhe aus dem Grabbelsupermarkt Woolworth. Während sich heutige Marathonistas in hochgezüchteten, teuren Tand quetschen, reicht der Amerikanerin die Minimalausstattung.

Aber warum durfte eine Frau den Pikes Peak Marathon laufen, Jahre bevor beim Boston Marathon Frauen zugelassen wurden? Renndirektor Ron Ilgen antwortet pragmatisch, dass der Pikes Peak Marathon eben nur ein kleines lokales Rennen sei, kein großer sanktionierter offizieller Marathon wie Boston. Er erinnert sich weiter: „Arlene wollte nur den Pikes Peak Ascent laufen, eine Halbmarathondistanz zum Gipfel des Pikes Peak. Dort angekommen, beschloss sie, dass sie wieder hinuntergehen würde. Und es gab keine Regeln oder Rennleitung, die sie davon abhielt.“

Damit hat Arlene ganz zufällig und unbeabsichtigt Laufgeschichte geschrieben.

Die Suche nach Arlene

Im August 2009 stehen die Mitglieder des passenden Komitees vor einem großen Dilemma. Sie feiern „50 Jahre Marathonläuferinnen“, aber wissen nicht, was aus Arlene, der ersten Marathonläuferin, geworden ist. Seit vier Jahren suchen sie nach ihr und engagieren sogar einen Privatdetektiv, dessen Bemühungen erfolglos bleiben. Weniger als zwei Wochen vor dem Marathon unternimmt man den letzten Versuch und schreibt in der Lokalzeitung eine Belohnung von satten 250 US-Dollar für jeden aus, der dabei hilft, Arlene zu finden. „In der Regel lese ich den Sportteil der Colorado Springs Gazette nicht. Dann fiel mir der kleine Artikel ins Auge.

Suchen kann Spaß machen, sagt dazu die lokale Ahnenforscherin Linda Masden Vixie. Sie hat eine Reihe von Adoptions- und anderen Ahnenforschungen in Aufzeichnungen des 20. Jahrhun- derts und der Gegenwart gemacht und sie kontaktiert die Truppe um den „Pike-Peaks-Marathon“ Präsidenten Ron Ilgen. „Fast eine Woche, nachdem der Artikel in der Zeitung erschienen war, sprach ich mit Arlene. Sie war eine reizende Frau und für ihr Alter von gut 80 Jahren bei feiner Gesundheit. Damals ging sie immer noch drei Tage in der Woche ins Fitnessstudio, hob Gewichte und lief auf dem Laufband“, sagt die Frau, die sich erfolgreich an die Fersen von Arlene heftete. „Meine Mutter konnte es nicht fassen, dass andere Läufer auf sie zukamen und ihr sagten: ‚Kannst du einfach meine Hand berühren, um Glück zu haben?‘ Oder ‚Es ist so schön, dich wiederzusehen.‘ Sie erinnerte sich an jeden und wollte ihnen allen etwas sagen. Sie konnte kaum zehn Schritte auf dem Bürgersteig gehen und die Leute riefen ihr zu: ‚Kann ich ein Foto von Ihnen machen oder ein Autogramm bekommen?‘ Es war einfach der Nervenkitzel ihres Lebens, als Ron Ilgen sie mit der Hilfe der Ahnenforscherin fand.“ Ilgen sagt im Telefonat mit der LAUFZEIT: „Sie war so eine feine und im Umgang angenehme Lady. Ihr machte es sichtlich Freude, im Herbst ihres Lebens noch zu so einer Ehre gekommen zu sein.“

Im zweiten Anlauf

Geboren wird die Läuferin am 18. März 1930 in Studio City, Kalifornien. Die New York Times schreibt in einem Nachruf: „Ihr Vater Armin besitzt eine Möbelfirma und ihre Mutter arbeitet als Telefonistin. Arlene lernt Wallen R. Pieper, einen Bodybuilder und Footballspieler, in der Highschool kennen. Er bringt Gewichte ins Haus und sie trainierten in der Küche. Sie sind noch Teenager, als sie heiraten. Dann ziehen sie nach Colorado Springs und eröffnen flugs Arlene‘s Modern Life and Health Studio.“ Dann hat Mr. Pieper da so einen Einfall. Und schlägt seiner Frau später einfach vor, ihr frisches und unbekanntes Geschäft bekannter zu machen, indem sie am Pikes-Peak-Lauf teilnimmt. 1958 startet der erste Anlauf. Doch Pieper Stine hört auf, nachdem sie den Gipfel erreicht – und wird disqualifiziert. „Das brachte sie völlig aus der Fassung“, sagt deren Tochter Kathy heute dazu. 1959 hat sie einen anderen Ansatz, weshalb sie an den Start geht und aus Versehen zur Legende wird. Arlene tritt in einer Fernsehsendung in Colorado Springs auf und nimmt an dem Lauf teil, um für die Sendung zu werben – und, „um Frauen zu zeigen, dass sie etwas anderes tun können, als Kinder aufzuziehen“, sagt die Ahnenforscherin Vixie zu LAUFZEIT. Und weiter: „Nicht, dass sie etwas gegen Kinder hatte, aber sie wollte den Müttern der Babyboomer-Generation zeigen, dass sie eigene, lohnende Aktivitäten und Interessen haben konnten.“

Die Lauflegende stirbt am 11. Februar 2021, einen Monat vor ihrem 91. Geburtstag. Wie so oft in diesen Tagen ist das Corona- Virus letztlich für den Tod der freundlichen Dame verantwortlich. Hintergrund: Die hatte nach ihrem langen Kampf gegen COVID-19 versucht, wieder zu Kräften zu kommen, was ihr leider misslang. „Zuvor bekam sie noch Karten und Briefe von Läufern aus aller Welt und das bedeutete ihr so viel“, sagt Kathy. Und so endet die Geschichte von der legendären Läuferin, die nichts von ihrem Glück wusste, bis da einem findigen Renndirektor die famose Idee mit der Anzeige in der Tageszeitung einfiel, um mit einem geschichtlichen Fauxpas in der US-Laufgeschichte aufzuräumen.