Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 3 Min.

DIE HÖCHSTE EISENBAHN: Spieltrieb in der Schwerelosigkeit


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 14.08.2019

Wie kann man sich in diesen Zeiten einen naiven Blick auf die Welt bewahren? Vielleicht indem man im Sommer aufs Land fährt und Lieder aufnimmt, die nichts wollen, aber alles können. So wie die vier Musiker der Indie-Formation Die Höchste Eisenbahn.


Artikelbild für den Artikel "DIE HÖCHSTE EISENBAHN: Spieltrieb in der Schwerelosigkeit" aus der Ausgabe 9/2019 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Schicken Signale ins All: Max Schröder, Francesco Wilking, Moritz Krämer und Felix Weigt (v. links) sind Die Höchste Eisenbahn.


FOTO: MARCO-SENSCHE

1977 starteten die Raumson- den Voyager 1 und 2 ins Weltall mit dem Ziel, Außerirdische auf die Menschheit aufmerk- sam zu machen. Mit an Bord: vergoldete Datenplatten, auf denen neben Fotos, Grußbot- schaften in 55 ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von musikexpress. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2019 von MAKING-OF: HARTELIJK BEDANKT, MOEDER!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MAKING-OF: HARTELIJK BEDANKT, MOEDER!
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von THEMENINTERVIEW: Ezra Furman über Wut. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
THEMENINTERVIEW: Ezra Furman über Wut
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von FASHION KILLA: SCHÖN LANG, SCHÖN SCHLAU. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FASHION KILLA: SCHÖN LANG, SCHÖN SCHLAU
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von HIRNFLIMMERN: FEAR OF SCHEISSMUSIK. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HIRNFLIMMERN: FEAR OF SCHEISSMUSIK
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von Sparkling: RADAR. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sparkling: RADAR
Titelbild der Ausgabe 9/2019 von KIOSK KONZERTE: MITTENDRIN BEI DEN #SEATSOUNDS KIOSK KONZERTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
KIOSK KONZERTE: MITTENDRIN BEI DEN #SEATSOUNDS KIOSK KONZERTEN
Vorheriger Artikel
FASHION KILLA: SCHÖN LANG, SCHÖN SCHLAU
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel HIRNFLIMMERN: FEAR OF SCHEISSMUSIK
aus dieser Ausgabe

... Sprachen sowie Geräuschen von Schlammbla- sen, Hyänen und Küssen auch 90 Minuten Musik gespeichert waren. Auf den sogenannten Voyager Golden Records fin- den sich etwa Beethoven, Chuck Berry und Gesang der Navajo-Indianer.

ICH GLAUB DIR ALLES, das dritte Album der Berliner Band Die Höchste Eisenbahn, beginnt mit einer dieser Gruß- nachrichten: „Hallo. Wie geht es dir? Ich wünsche dir Frie- den, Gesundheit und Glück“, sagt eine Frau auf Kantone- sisch. „Das ist unser kleines Spielchen: Wir haben so getan, als sei unser Album auch eine Voyager Golden Record“, sagt Francesco Wilking, einer der beiden Sänger und Gitarristen des Indie-Rock-Quartetts. „Kinder spielen manchmal Gott. Und wir stellen uns eben vor, wir wären diese tolle Band, die Signale ins All schickt.“

Als Wilking, Sänger der Band Tele, und der Singel-uongwriter Moritz Krämer das Projekt 2011 gründeten, war schnell von einer „Super- group“ die Rede: Schlagzeu- ger Max Schröder war auch noch bei Tomte und Olli Schulz und der Hund Marie aktiv, Bas- sist Felix Weigt spielte bei Kid Kopphausen, anfangs traten auch Gisbert zu Knyphausen und Judith Holofernes mit den vier Musikern auf. Krämer und Wilking müssen bei Begriffen wie „Kritikerlieblinge“ schmun- zeln. Ohnehin beherrschen sie die Kunst, Dinge ernst zu neh- men, sich selbst aber nicht. Schon die EP „Unzufrieden“ von 2012 setzte den Ton, der für diese Band charakteris- tisch werden sollte: Frohsinn mit Abgrund. Die Höchste Eisenbahn zu hören ist, nun, wie Bahn fahren: Menschen, Momente, Geschichten ziehen an einem vorbei. Irgendwo zwischen Schrebergärten und Kreisverkehren schnappt man Fetzen fremden Lebens auf. Die Band klingt sehr, sehr leicht für ein sehr, sehr schwe- res Metier: Pop auf Deutsch. 2013 folgte das Debüt, SCHAU IN DEN LAUF, HASE, voller Indie-Perlen, 2016 der Nach- folger: WER BRINGT MICH JETZT ZU DEN ANDEREN war so eine Art Yachtrock für Fahr- radfahrer.


Frohsinn mit Abgrund: Die Höchste Eisenbahn klingt sehr, sehr leicht für ein sonst sehr, sehr schweres Metier: Pop auf Deutsch.


Für ICH GLAUB DIR ALLES haben sie erstmals Moses Schneider als Produzenten verpflichtet, alles im Studio live eingespielt, eine analoge Insel in einem digitalen Ozean. „Wir wollten rougher klingen. Uns gefallen die Talking Heads oder GRACELAND von Paul Simon“, sagt Krämer. „Unsere Texte sind diesmal assoziati-ver, ausgefranster, unsere Gedanken springen mehr in der Gegend herum“, ergänzt Wilking. Das könnte auch an einem Hof im Wendland lie- gen, wo sich die Männerclique im Sommer einquartierte und Ferienlager spielte. Couch raus in den Garten, Instrumen- te rein ins Wohnzimmer. Dort schrieben sie Songs fürs Album, ja, schon, aber es wur- de auch viel im See gebadet, „viel mehr Baden als alles andere“, sagt Krämer, und man trieb Sachen, die Wilking nicht verraten möchte. Dann gluckst er und erzählt doch eine Geschichte mit einer Liane an dem Baum am See und Schmerzen.

Die beiden erzählen, wie sie den „Quatsch“, den sie beim Jammen drauflosgesungen hatten, transkribierten und sich wunderten, wie manches davon Sinn ergab. Und von diesem Spannungsfeld, in dem Sätze entstehen, die man sich als Hörer sofort irgendwo notieren möchte: „Deine Kin- der sind alles, was du nicht bist“ aus „Überall“, „Ich hab Angst vor der Angst, ist dir das Angst genug?“ aus „Zieh mich an“ oder „Solange du nicht weißt, was du willst, sei ein- fach still“ aus „Rote Luftbal- lons“. Im Stück „37,5°“ scheint es, wieder sehr verspielt natür- lich, um das Klima zu gehen. „Greta Thunberg ist ein Geschenk“, sagt Wilking. „So etwas kann man sich kaum ausdenken.“ Diesmal flachsen die beiden nicht. „Es gibt nichts, was daran schlecht ist.“

Im Musikvideo zu „Aufre- gend und neu“ tanzt die Band – oder sie versucht es zumin- dest – in roten Overalls und mit goldenen Pompons in einem Feld, später fliegen Krä- mer und Wilking schwerelos durch die Luft. Sie haben ohnehin „Bock auf die große Geste“: Krämer gerät nun ins Schwärmen über die Star- kompetenzen von Bilderbuch und Billie Eilish. So gut. Aber auch: so entfernt. „Pop ist Show, Pop ist groß. Und wir sind halt die Jungs, die immer noch im T-Shirt auf die Bühne gehen. Vielleicht hätte ich auch gern eine Glitzerjacke an, aber ich glaube, da würde ich mich verkleidet fühlen.“

Ambivalenzen, die der Band stehen. Der Text zum Song treibt das These-Antithesl-upiel des Teams Wilking/Krä- mer auf die Spitze: „Alles ist verloren. – Quatsch, alles ist in Ordnung! – Wir haben uns gerade getrennt. – Nein, wir lernen uns gerade erst ken- nen!“ Im Video verwandeln sich die beiden schließlich in ein Sternenmeer. Ist das Unge- zwungenheit? Vielleicht ist es auch ein bisschen Schwerelo- sigkeit. Wie 1977 im Weltall.

Ariana Zustra Albumkritik S. 98