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DIE HÖLLE VON AFGHANISTAN


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Clausewitz Spezial - epaper ⋅ Ausgabe 37/2022 vom 09.05.2022

Vom Wehrpflichtigen zum Veteran – ein Fallschirmjäger erzählt

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Bildquelle: Clausewitz Spezial, Ausgabe 37/2022

FERN DER HEIMAT: Vasili K.* hätte sich nie träumen lassen, dass er als Soldat auf Streife in Afghanistan unterwegs ist, so wie hier während einer Operation nahe Kabul 2007

*Name ist der Redaktion bekannt

Ich wollte nie zur Bundeswehr. Ich strebte es nie an und hatte in meiner Jugend auch nie Berührungspunkte zum Militär. Niemand aus meiner Verwandtschaft oder aus meinem Freundeskreis war bei der Armee und Soldaten, Panzer, Waffen und der Krieg, das war irgendwo ganz weit weg für mich.

Es war eine Welt, die ich nach dem 11.September mit Ehrfurcht und viel Respekt vor dem Fernseher verfolgte. Doch es war nicht meine Welt. Im Fernsehern sah ich US-Soldaten in den Krieg ziehen. In einem fernen Land, welches ich nie sehen würde. Denn ich war nicht aus dem Holz geschnitzt.

Ein paar Jahre später wurde ich Angehöriger der deutschen Fallschirmjäger-Truppe.

Ich blieb acht Jahre und absolvierte drei Einsätzen in Afghanistan. Ich erlebte und sah die hässlichste Fratze des Krieges: Leichen, Sprengfallen, Beschuss und ...

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... etliche Trauerfeiern mit Spalier, während der Sarg getöteter Kameraden an einem vorbeigetragen wurde. Doch ich erlebte auch das Privileg einer unfassbaren Kameradschaft, die sich mit nichts auf der Welt vergleichen lässt. Diese Zeit hat mich geprägt. Und sie hat mich kaputtgemacht. Sie hat mein Leben verändert und bestimmt auch heute noch, elf Jahre später, meinen Alltag. Doch ich bereue nichts.

Alles begann mit einer simplen Entscheidung. Ich war gerade 18 und hing noch sehr in meiner Jugend fest. Ich schloss eine Lehre zum Restaurantfachmann ab, ging ständig auf Partys und wusste damals nicht wirklich, wo die Reise einmal hingehen sollte. Ich hatte lediglich vor, nach der Lehre ins Ausland zu gehen. Schweiz, Österreich oder Italien.

Oder auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten.

Jobben und etwas von der Welt sehen.

Dann lernte ich meine Freundin und heutige Frau kennen und verwarf mein Vorhaben wieder. Und dann flatterte auch schon der Musterungsbescheid ins Haus. Die Wehrpflicht rief. Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde, jeder in meinem Alter wusste es damals. Und jeder wusste, wofür er sich entscheiden würde: zur Bundeswehr gehen oder Zivildienst leisten. Ich entschied mich ganz spontan, noch am Tag der Musterung in Aurich. Nach allen medizinischen Tests stand es einem damals frei, im Anschluss noch mit einem Einplaner zu sprechen. Oder man wartete einfach auf alles Weitere, doch dann bestand die Gefahr, dass sie einen weit weg von zu Hause einplanen, was ich vermeiden wollte. Also ging ich hinein.

Eine spontane Entscheidung

Ich wollte das alles hinter mir haben und bat den Einplaner, dass die Bundeswehr mich möglichst schnell in unmittelbarer Nähe einzieht, egal bei welcher Einheit. Wirklich beschäftigt hatte ich mich mit dem Thema allerdings nicht. Der Einplaner erzählte mir etwas von einer Grundausbildung in Wildeshausen und einer anschließenden sechsmonatigen Verwendung in Varel. Alles in einem Umkreis von 30 Kilometern von meiner Heimat entfernt. Es war perfekt für mich, also willigte ich ein, ohne überhaupt genau zu wissen, in welcher Einheit ich dienen würde.

Es war eine kleine, spontane Entscheidung, getroffen aus dem puren Wunsch nach heimatlicher Nähe, die mich, was für eine Ironie, am Ende an den Hindukusch nach Afghanistan führen würde.

Meine Ausbildung begann am 1. April 2005 bei der 7. Kompanie des Fallschirmjäger-Bataillons 313 (7./FschJgBtl 313) in Wildeshausen. Dass ich bei den Fallschirmjägern gelandet war, hatte ich erst wenige Tage vor Beginn meines Wehrdienstes realisiert.

Ich wusste nichts über diese Truppe.

Doch ich erfuhr einiges über die Härte und Traditionen des Verbands bereits am ersten Tag, als unser Zugführer, ein drahtiger, durchtrainierter Mann, eine Ansprache hielt: „Männer, in den folgenden Wochen und Monaten werden Sie die härteste Grundausbildung durchlaufen, die diese Bundeswehr zu bieten hat. Sie werden an Ihre Grenzen kommen, physisch sowie psychisch. Sie werden hinfallen, doch auch immer eine Hand sehen, die sie hochziehen wird. Sie werden Kameradschaft erleben und am Ende werden Sie mit stolz das bordeauxrote Barett tragen! Abgesehen davon, dass die Grundausbildung der Fallschirmjäger sich durch besondere Härte auszeichnet, befinden Sie sich in meinem Zug! Der II. Zug der 7./FschJgBtl. 313 wird, solange ich Zugführer bin, immer mehr und härter arbeiten als die anderen Züge. Und wir werden es Ihnen täglich zeigen und Sie spüren lassen!“

Na, super, dachte ich. Dabei wollte ich meine Bundeswehrzeit einfach nur schnell hinter mich bringen. Dass unser Zugführer keine leeren Worte von sich gegeben hat, bekam ich schnell zu spüren.

In den kommenden Tagen und Wochen durchliefen wir eine harte Ausbildung. Vieles davon im Laufschritt. Vieles unter Drill und unter lautem Gebrüll. Während andere Züge bereits Feierabend machen durften, trieben uns unsere Ausbilder noch zu einer Sporteinheit. Wir waren die ersten, die morgens wach waren, der Wecker klingelte um 4:30 Uhr, und wir waren die letzten, die abends auf die Stuben durften.

Es wurmte mich anfangs. Aber irgendwann begann in mir dieser Stolz aufzukeimen. Der Stolz, zu den Besten zu gehören. Der Stolz, zu denen zu gehören, die am härtesten trainieren. Es war der Beginn des Fallschirmjäger-Stolzes, der in mir aufloderte. Und die Traditionen der Einheit stärkten das Gefühl. Der Flur unseres Zuges war geziert von Malereien, Zitaten und Weisheiten aus der Geschichte der Fallschirmjäger-Truppe.

Sprüche wie „Klagt nicht, kämpft“ oder „Fallschirmjäger sein ist der Protest gegen das Gesetz des Durchschnitts“ prangerten an den Wänden des Flurs. Ich kenne alle Sprüche von damals noch heute auswendig und sehe sie vor meinen Augen. Sie prägten mich. Und sie wurden wichtig für mich.

Unsere Ausbildung umfasste neben den infanteristischen Grundlagen auch den ursprünglichen Kernauftrag der Fallschirmjäger: schnell und leicht durch den Wald. Unmotorisiert. Waldkampf. Handstreich.

Schanzen. Stellungssystem und Alarmposten. Es war eine Ausbildung, die auf einen großen vaterländischen Verteidigungskrieg ausgelegt war.

In der Grundausbildung gehörte ich anfangs zu den unsportlichsten meines Zuges und war einer von denen, die die Ausbilderimmer angetreiben mussten. Es ärgerte mich, daher ging ich nach Dienstschluss laufen, um den Anschluss zu gewinnen. Längst ging es mir nicht nur mehr darum, meine

Wehrdienstzeit irgendwie überstehen. Ich wollte dazugehören. Es mir beweisen. Und dazu musste ich kämpfen. Und ja, auf dem Weg dorthin musste ich auch fallen. Genau so, wie es mein Zugführer am ersten Tag vorausgesagt hatte.

Niemals aufgeben

Bei der Ausbildungsstation „Retten und bergen von Verwundeten“ kam ich sehr stark an meine Grenzen, so wie viele meiner anderen Kameraden auch. Bei drückender Hitze und Drill bargen wir im Wechsel Kameraden in sämtlichen Tragegriffen über eine Freifläche. Einige meiner Kameraden gaben vor Erschöpfung auf und unsere Ausbilder ließen es sich nicht nehmen, sie anzuschreien und zu verhöhnen. Es war eine andere Zeit damals. Ich wusste, dass auch für mich die Zeit gekommen war, die Hand zu heben, doch ich tat es nicht.

Ich wollte um jeden Preis durchhalten. Beim nächsten Durchgang brach ich dennoch nach der Hälfte der Strecke bewusstlos zusammen und wachte irgendwo im Schatten unter Bäumen auf. Meine Beine wurden auf einem Rucksack hochgelegt und ein Kamerad goss mir Wasser über mein Gesicht. Ich sah direkt in die Augen meines Ausbilders, der mir zurief: „Guten Morgen, haben wir auch mal ausgeschlafen?“ Doch ich erkannte etwas in seinen Augen. Etwas, was ich im Leben bis dahin nie bewusst wahrgenommen hatte. Ich erkannte Respekt. Und rückblickend war dies wohl der prägende und entscheidende Moment, warum ich entschied, zu bleiben.

In den folgenden Tagen und Wochen standen Formal-und Wachdienst sowie weitere wichtige Grundlagenkenntnisse der Infanterie auf dem Programm. Wie das Schießen. Es war ein komisches Gefühl, zum ersten Mal im Leben eine Waffe abzufeuern. Ich tat es mit einem Höchstmaß an Respekt. Wenn einem bewusst wird, dass man etwas in der Hand hält, was einen anderen Menschen binnen Millisekunden mit einer Fingerkrümmung töten kann, dann überkommt einen ein riesiges Verantwortungsgefühl. Ich habe damals nie ernsthaft darüber nachgedacht, dass ich jemals wirklich eine scharfe Waffe brauchen, geschweige denn abfeuern würde. Wir schossen schließlich nur auf Klappscheiben.

Das Ganze erschien mir immer noch wie ein anstrengendes Jugendcamp anstatt wie die Vorbereitung auf einen bewaffneten Konflikt.

Ein Jugendcamp, in dem man gute Freunde traf. Gute Kameraden.

Ich verstand mich auf Anhieb gut mit den Jungs aus meiner Stube. Mit einem meiner besten Kameraden aus der Zeit, Tim, bildete ich schnell eine Fahrgemeinschaft. Wir gingen hier und da mal mit weiteren Kameraden ein Bier nach dem Dienst trinken. Wir waren jung. Wir waren wild. Und wir hatten damals noch keine Ahnung wohin uns die Reise einmal führen würde ...

Geschweige denn, dass sich einer von uns mal angeschossen auf der Rettungstrage einer amerikanischen Black Hawk wiederfinden würde. Im Luftraum über Afghanistan. Mit einem Himmel voller Blei. Aber dazu komme ich noch.

Verhört und bedroht

Unsere Grundausbildung ging nach drei Monaten mit der extrem anstrengenden Abschlussübung, der Rekrutenbesichtigung, zu Ende. Am Abend danach bekamen jene das bordeauxrote Barett verliehen, die diese Prüfung bis zum Ende durchgezogen haben. Ich war einer davon und ich war so unglaublich stolz auf mich. Ich war stolz, ein Teil dieser Truppe gewesen zu sein, die in dieser kurzen Zeit zusammengewachsen ist. Die Kameradschaft in der AGA (Allgemeine Grundausbildung) ist eben etwas Besonderes. Nach einem feucht-fröhlichen Abschied in der Wildeshausener Kaserne wurde jeder in seine Stammeinheit versetzt. Ich verlor Tim nie aus den Augen, aber militärisch gingen wir nun getrennte Wege.

Kampf gegen irreguläre Kräfte

Ich kam in die 4.Kompanie des FschJgBtl 313 nach Varel und wurde von dort aus direkt zum Springerlehrgang nach Altenstadt kommandiert. Dort verletzte ich mich leider vor dem Erreichen aller nötigen Sprünge und musste den Lehrgang vorerst abbrechen. Geknickt und wütend kam ich zurück in meine Stammeinheit, doch es ging direkt weiter in eine mehrwöchige Spezial-Grundausbildung, bei der ich erste Berührungspunkte zu einer neuen Auftragstaktik bekam: den Kampf gegen irreguläre Kräfte.

In dieser Zeit stellte ich einen Antrag auf „Soldat auf Zeit“ und kam für einen freien Posten in die technische Gruppe unserer Kampfkompanie. Afghanistan war in der Kaserne damals ein großes Thema und es gab vereinzelt Kameraden, die mit den ersten Kontingenten schon dort gewesen waren.

Doch wir übten zu diesem Zeitpunkt so viel „Grünes“, dass ich gar nicht daran dachte, jemals wirklich einen Einsatz zu erleben.

Bis irgendwann die Gerüchte losgingen. Einige Tage darauf bestätigte unser Kompaniechef beim Antreten den Befehl für den Einsatz. Es sollte nach Afghanistan gehen. Das 14. ISAF-Kontingent in Kabul.

Es lief mir beim Antreten kalt über den Rücken, doch noch immer konnte ich es nicht begreifen.

„Dann man uns Arbeitslager. Einige wurden verhört, wurden Zeit dunklen Röhre gefangen-gehalten.“

Von dem Tag des Befehls an änderte sich unser Ausbildungs-Schwerpunkt schlagartig. In einer ausführlichen ZAEAKK (Zusatzausbildung Einsatz-vorbereitende Ausbildung für Konfliktverhütung und Krisenbewältigung ) schulten wir uns früh für die neue Auftragslage und den Kernauftrag im Einsatzland. Patrouillen fahren, Checkpoints betreiben und Gesprächsaufklärung über einen Dolmetscher waren bis dato nämlich kein Teil unseres infanteristischen Handwerks gewesen. Wir mussten lernen, und das war manchmal gar nicht so einfach. Fallschirmjäger kämpfen nicht gerne von Fahrzeugen heraus oder unter Einbezug motorisierter Kräfte.

Fallschirmjäger suchen den abgesessenen Kampf im Wald. Schnell und leicht. Es ist in der DNA der Truppe. Der Kampf gegen irreguläre Kräfte hingegen war etwas Neues. i n einer

Einige Monate vor Einsatzbeginn wurde es für unsere Truppe ernst. Für unsere Kompanie stand die „Generalprobe“ im Gefechtsübungszentrum Letzlingen an. Es war mitten im Winter bei 30 Zentimeter hohem Schnee, als wir für das Sommerkontingent in Afghanistan trainierten. Das Thermometer fiel auf bis zu minus zehn Grad herunter und wir schliefen nachts in Zelten. Es war hart und es war verdammt kalt. Doch auch wenn wir nicht unter realistischen klimatischen Bedingungen üben konnten, war die Übung unglaublich lehr-und hilfreich.

An verschiedensten Ausbildungsstationen wurden wir auf alle möglichen Einsatzszenarien trainiert.

Patrouille zu Fuß mit wechselnden Lagen und scharfem Schuss, Fahrzeugpatrouille mit Hinterhalt, Fahrzeugpatrouille mit IED-Anschlag (Improvised Explosive Device, zu Deutsch: improvisierte Sprengfalle), Massenanfall von Verwundeten und Verhalten bei Geiselnahme. Besonders letzteres bleibt einem lange im Kopf.

An dieser Ausbildungsstation wurden wir in einem Rollenspiel als Geisel genommen. Wir bekamen Säcke über den Kopf gezogen und wurden untereinander völlig isoliert. Dann brachte man uns in ein Arbeitslager. Einige wurden verhört, andere mussten körperliche Arbeiten erledigen oder wurden für einige Zeit in einer dunklen Röhre gefangengehalten. Ständig unter lautem Gebrüll und der Drohung, uns zu erschießen. Man wusste, dass es nur eine Übung war und dass einem nichts passieren konnte. Und dennoch bekam man ein beklemmendes Gefühl und war froh, als es nach wenigen Stunden vorbei war.

Wenige Monate nach der Übung war es dann soweit. Anfang Juli 2007 verlegten wir mit unserer Kompanie in den Einsatz nach Kabul. In der Nacht vor meinem Abflug verabschiedete ich mich am Kasernentor von Seedorf von meiner Freundin und meiner Mutter, ehe ich mit den Kameraden per Bus nach Köln/Wahn zum Flughafen rumpelte.

Es war ein Letztes „Ich bin bald wieder da“, welches meine Mutter auch nicht trösten konnte. Stunden später saß ich schon im Flieger Richtung Termez, Usbekistan. Erst im Flugzeug realisierte ich das erste Mal, dass es jetzt kein zurück mehr gab und dass es jetzt tatsächlich ins Ferne Afghanistan ging.

„Mein Herz machte ein Riesensprung. Panik stieg in mir auf. Ich schaute zu meinem Hauptfeldwebel, der mich mit großen Augen anstarrte.“

Ich blickte mich um. Das ganze Flugzeug war mit meinen Kameraden besetzt, auf dem Weg zu einem Einsatz, auf den wir uns etliche Monate vorbereitet hatten. Ich wollte tatsächlich nirgendwo anders auf der Welt sein als dort mit meinen Kameraden.

Als ich in Termez aus dem Flieger stieg, traf mich die Hitze beinahe wie ein Faustschlag. Es ist ein wirklich abnormal heißes Klima, das dort herrscht. Termez war für die Bundeswehr der logistische Dreh-und Angelpunkt nach Afghanistan und lag nur etwa fünf Kilometer von der afghanischen Grenze entfernt.

Nach einer Nacht im Transitbereich des Flughafencamps ging es am nächsten Morgen mit der Trall (Transall) weiter nach Mazar-e Sharif. Der Flug dauerte nur wenige Minuten, ehe wir afghanischen Boden erreichten. Ich war nun angekommen, doch Zeit, so etwas wirken zu lassen, hat man nicht wirklich. Und es sah dort auch ganz und gar nicht afghanisch aus.

Das Bundeswehrcamp „Marmal“ in Mazar glich optisch einer modernen Ferienanlage. Es war alles neu, sauber und steril. Direkt an der Rollbahn des Camps konnte ich nicht viel sehen von Kriegsgerät, von aufgerödelten Soldaten oder von den Spuren des Krieges. Nach ein paar Stunden in der Wartehalle ging es dann endlich mit der Trall weiter zur Endstation nach Kabul. Ich nahm neben meinem Teileinheitsführer Hauptfeldwebel GB (Name ist der Redaktion bekannt)

Platz, der bereits einen Einsatz in Afghanistan hinter sich hatte. Man schwieg bei diesen Flügen größtenteils. Die Umgebungsgeräusche machten ein Gespräch auch nicht wirklich leicht.

Ich war auf dem Flug nach Kabul grade in meinen Gedanken versunken, als das Flugzeug plötzlich sehr unruhig wurde und komische Geräusche zu hören waren. Ich sah gegenüber aus dem Fenster und konnte sehen, das unser Flugzeug „Flairs“ ausstieß.

Jene Täuschkörper, die die Zielerfassung von wärmesuchenden Raketen stören sollen.

Im Sturzflug runter

Noch ehe ich meinem Hauptfeldwebel etwas fragen konnte, ging unsere Maschine in den Sturzflug runter. Mein Herz machte ein Riesensprung. Panik stieg in mir auf. Ich schaute zu meinem Hauptfeldwebel, der mich mit großen Augen anstarrte und schrie: "Vasili, jetzt sterben wir! Ha, ha, ha!" Ich schaute ihn erstarrt und geschockt an. Es war völlig verrückt, doch ich konnte gleich einordnen, das wohl alles unter Kontrolle war. Unser Flugzeug flog eine unangekündigte „Sarajevo Approach“, ein Flugmanöver, bei dem man durch eine Sturzfluglandung möglichen Angreifern ein möglichst kurzes Zeitfenster für einen Angriff bietet. Ich kannte es nicht ... und ich war erst mal bedient.

Doch als ich aus dem Flugzeug stieg, traf mich der nächste harte Eindruck. Der Flughafen in Kabul holte mich schlagartig in die Einsatzrealität Afghanistans. Ich stieg aus und blickte direkt auf ein mit Einschusslöchern versehenes Terminal. Es war heiß und es herrschte ein wildes Treiben auf dem Flughafen. Amerikanische Black Hawks stiegen unweit von mir entfernt in den Himmel und wirbelten Staub auf, während ich mich weiter tief beeindruckt umsah.

Wir liefen zur Vorderseite des Flughafens und sollten dort warten, bis eine Patrouille uns abholt. Die Vorderseite des Flughafens war schwer befestigt. Sandsack-Stellungen mit Maschinengewehren und Hesco-Schutzwälle riegelten den Flughafen ab. Es war ein beeindruckendes, aber für mich damals auch Furcht einflößendes Szenario. Fahrzeugpatrouillen sämtlicher NATO-Partner fuhren vor unseren Augen auf und verließen das Haupttor Richtung gefährlicher Innenstadt. Schwer gepanzert und schwer bewaffnet. Mein Gott … ch war wirklich in Afghanistan.

Bittere Armut

Wir alle trugen zu der Zeit noch unser bordeauxrotes Barett, was durchaus die Blicke der NATO-Kameraden auf uns zog, denn es war jedem bekannt: airborne. Und mit dem Tragen des Baretts ging eine gewisse Erwartungshaltung auf uns über, die wir unbedingt im Einsatz erfüllen wollten. Doch nun mussten wir erst mal ankommen.

Nach einiger Zeit am Flughafen erschien unsere deutsche Patrouille am Haupttor. Ich wurde zum Transportpanzer „Fuchs“ gerufen und verlud meinen Rucksack hinten in den Kampfraum. Die vermummte Fahrzeugbesatzung war komplett in einem völlig verstaubten Kampfanzug aufgerödelt und schwer bewaffnet. Zwei Schützen an lafettierten Maschinengewehren und der Kommandant mit einer MP7 schauten oben aus dem Dach heraus, als sich die Patrouille Richtung multinationalem Camp Warehouse in Marsch setzte. Eine etwa halbstündige Fahrt.

Ich saß hinten ohne einen Blick nach draußen und blickte ehrfürchtig auf den hinteren Richtschützen, der konzentriert und hektisch nach draußen sicherte. In wenigen Tagen schon würde ich dort oben stehen, dachte ich. Ein Gedanke, der mir immer noch irgendwie surreal erschien.

Das multinationale Camp Warehouse stand 2007 unter französischem Kommando.

Es war grau und auf dem ersten Blick extrem unübersichtlich. Soldaten aus über 25 NATO-Staaten lebten und arbeiteten hier auf engem Raum zusammen.

Es dauerte ein paar Tage, bis ich mich eingelebt hatte, doch Zeit, um all die Eindrücke sacken zu lassen, blieb nicht. Wenige Tage nach meiner Ankunft in Kabul übernahm mein Trupp das Fahrzeug der Vorgänger. Einen Transportpanzer Fuchs, mit dem wir die sogenannte Gefechtsschaden-Instandsetzung und den Bergetrupp für unsere Einsatzkompanie stellen sollten und auf dem ich das vordere MG zu bedienen hatte. Schon oft hatte ich Fahrzeuge für Gefechtssituationen vorbereitet. Hatte mich unzählige Male zuvor auf Übungsplätzen aufgerödelt, meine Kampfweste und Einsatzjacke befüllt sowie meine Waffen vorbereitet und aufmunitioniert. Doch zum ersten Mal tat ich dies nun nicht mehr zum Üben. Zum ersten Mal tat ich dies für den Ernstfall. Es war ein denkwürdiger Moment.

Die erste Patrouille

Wenige Zeit später ging es das erste Mal raus auf Patrouille. Ich war sehr aufgeregt vor meiner ersten Ausfahrt, doch Angst hatte ich keine. Irgendwann will man auch einfach nur noch mit seinen Männern da raus. Als GSI/Bergetrupp war es fortan unser Auftrag, Patrouillen und Operationen unserer Kompanie zu begleiten. Dort waren wir in erster Linie stets Infanteristen.

Unsere Kompanie hatte den Auftrag, Präsenz in dem uns zugewiesenen Patrouillengebiet zu zeigen, zivile Aufbauprojekte zu sichern und humanitäre Projekte zu unterstützen. Es war etwas, was dem öffentlichen

Bild von „Brunnen bauen und Schulen sichern“ zumindest nahekam. Tatsächlich taten wir dies in Form von Patrouillenfahrten, Gesprächsaufklärung und dem Kontakt zum Volk. Das Gebiet war gesäumt von unwegsamem Gebirge.

Kabul liegt auf einer Höhe von über 1800 Metern über Normalnull und umherliegende Gebirgsstraßen konnten schon mal Höhen von mehr als 2.000 Metern erreichen.

Dies erschwerte viele unsere Fahrten und sorgte dafür, dass es auch im Sommer nachts ziemlich kalt werden konnte. Unser Patrouillengebiet um Kabul herum erstreckte sich zudem über eine extrem große Gesamtfläche. Wir waren daher eher so etwas wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, doch wir waren da und wir taten dabei auch sehr viel Gutes.

Des Öfteren fuhren wir mit unserem beweglichen Arzttrupp in entlegenste Dörfer, um die Menschen, insbesondere die Kinder, zu versorgen, was die Einheimischen auch rege nutzten. Das waren Momente, für die sich jeder Einsatz schon gelohnt hat und Momente, in denen ich sehr glücklich war mit meiner Entscheidung, Soldat zu werden.

Doch es waren auch Momente, die einen traurig stimmten, wenn man die bittere Armut der Menschen sah oder wenn der Arzt vor Ort erkannte, dass jede Hilfe für ein Neugeborenes bereits zu spät kam.

Im Jahr 2007 konnten wir bei vielen Patrouillen noch relativ frei agieren. Die Sicherheitslage in und um Kabul lag zwar mit „signifikant“ auf der höchsten Gefährdungsstufe für die ISAF-Missionen, doch waren Hinterhalte und Feuergefechte in der Gegend eher

Die mit Abstand größte Gefahr in Kabul ging aber von Selbstmordattentätern und vergrabenen Sprengfallen aus. Die Geheimdienste in Kabul hatten stets Erkenntnisse über Dutzende Attentäter, die sich täglich in Kabul ihre Ziele suchten oder sich auf dem Weg dorthin machten. Jede Woche kam es zu Anschlägen auf NATO-Kameraden in Kabul.

Wir konnten sie hören. Und wir konnten sie auch sehen, wenn wir wenig später an der verrußten und zerstörten Stelle des Anschlages vorbeifuhren. Oft waren US-Soldaten das Ziel, doch wir spürten es auch in unserem Camp Warehouse täglich.

Irgendwann wurde das Spalierstehen für tote NATO-Kameraden zur traurigen Routine. Den Sarg in der Landesflagge gehüllt. Die Hand zum Gruß. Es war, als wäre es jemand von uns. Eben weil es einer von uns war. NATO-Kameradschaft.

Wir Deutschen blieben vorerst verschont von den Angriffen der Aufständischen. Wir hörten viel, doch vom Feind sahen wir so gut wie nichts. Eines Nachts aber wurde unser Camp mit Raketen beschossen. Wir waren am Schlafen, als ich von der Detonation geweckt wurde, die ich erst gar nicht zuordnen konnte, bis die Sirenen anfingen zu heulen und wir zu unserem Transportpanzer rannten.

Der erste indirekte Beschuss. Das erste Mal den Feind gespürt. Es war aufregend.

Als wir den Transportpanzer wieder verließen und zum Schlafen in die Unterkunft gehen wollten, flog uns die nächste Rakete entgegen. Sie verfehlte uns, wenn auch nur knapp. Ich hörte ein Pfeifen in der Dunkelheit, gefolgt von einer lauten Detonation. Etwas, was ich später in den Einsätzen noch Dutzende Male hören würde. Und so komisch es klingt, aber man kann sich durchaus daran gewöhnen.

Die Einsätze werden fordernder

Irgendwann in den nächsten Tagen erwischte es unsere Feldjäger. Sie waren grade auf dem Weg vom Flughafen ins Camp Warehouse, als sich noch am Haupttor des Flughafens ein Selbstmordattentäter in die Patrouille drängte und seine tödliche Ladung zündete. Eine mächtige Detonation, die zum Glück nicht die Panzerung der Fahrzeuge durchdringen konnte. So langsam fragte man sich, wann es einen selber treffen würde.

Unsere Aufträge blieben nicht rein humanitärer Natur und beschränkten sich auch nicht mehr auf Patrouillen. Wir beteiligten uns stattdessen an zwei mehrtägigen US-geführten Operationen im Kohi-Safi-Gebirge.

Es waren offensive Einsätze gegen Waffenschmuggler und Attentäter, bei denen wir einen passiven Part einnahmen und strategische Ausweichrouten im Gebirge sicherten, während die US-Truppen den Feind durchs Gebirge trieben. Und es war echte Infanteriearbeit im Gebirge, mit verdecktem Leben im Felde. Streife laufen durch die Wüste.

Nachts im unbekannten Gebiet.

Es war aufregend und die Tage im Einsatz wurden nie langweilig. Kein Tag glich dort dem anderen und man wusste nie, was passieren würde. Eines Morgens stand ich in unseren Instandsetzungshallen. Ich war müde, denn in der Nacht zuvor hatten wir einen Einsatz, der die halbe Nacht andauerte.

Plötzlich kam mein Teileinheitsführer zu uns gestürmt. „Jungs, beeilt euch, es geht raus!

Es gab einen Anschlag mit mehreren Toten.“

Wir fragten nicht, wir handelten umgehend und machten uns fertig.

Es ging direkt mit einer großen Patrouille im Eiltempo aus dem Feldlager und durch die Stadt. Normalerweise besprachen wir uns vor jeder Patrouille. Diesmal nicht. Über Funk erfuhren wir, dass wir zu einem Anschlagsort fuhren, bei dem drei Deutsche ums Leben gekommen waren. Man hat nicht groß Zeit, darüber nachzudenken, wenn man am Maschinengewehr steht und im Fahrtwind darauf achtet, dass sich kein Selbstmordattentäter in die Patrouille drängt.

Und das war auch gut so. Die Anschlagsstelle lag am Rand von Kabul auf einer Schotterpiste, umgeben von einer großen Freifläche. Ein völlig zerstörter gepanzerter Geländewagen vom Typ Wolf SSA lag auf der Seite neben der Piste. Die Opfer waren deutsche BKA-Polizisten. Nur ein Mann hatte den Anschlag überlebt (siehe Foto oben).

Wir rückten als Bergetrupp nach vorne, doch schnell war klar, dass wir etwas Größeres brauchten, um das Wrack zu bergen. Und zunächst mussten wir die Toten bergen. Es dauerte eine lange Zeit und einiges an politischem Geplänkel, bevor wir damit beginnen konnten. Ich blieb oben am MG und sicherte aus einiger Entfernung, doch auch mir blieb der Anblick der Leichen und der Leichenteile, die am Boden zerstreut waren, nicht erspart. Die Überreste des Fahrers waren schlicht nicht mehr auffindbar. Die Detonation hatte sich direkt unter seinem Sitz ereignet. Er war einfach weg. Es war ein sehr denkwürdiger und prägender Tag für mich, der nach vielen Stunden irgendwann zu Ende ging. Mein Kopf war voll, doch ich war zu erschöpft, um zu realisieren, was da überhaupt geschehen war.

Plötzliche Panikattacken

Am nächsten Tag bekam ich mit einem unserer Schrauber den Auftrag, sicherheitsempfindliches Material aus dem Anschlagswrack zu entfernen, da das Wrack zur Sprengung vorbereitet werden sollte. Ich dachte gar nicht groß drüber nach, bis ich das Zelt, in dem das Wrack bei knallender Hitze stand, öffnete. Ein bis heute unvergessener Geruch strömte mir entgegen. Wir öffneten die Tür zum Wrack und alles möglich an Stücken und Fetzten kam uns entgegen: Dreck, Blut, Haare, Fetzen und vieles, von dem ich gar nicht wissen wollte, was es ist. Die Hitze, der Gestank, die Gedanken an dem vorherigen Tag und der pure Anblick der brachialen Zerstörung waren zu viel für ich in diesem Augenblick. Ich erbrach.

„Ich hatte anfangs keine Ahnung, ob ich in der Lage war, in einen weiteren Einsatz zu gehen. Ein Arzt hätte mir wahrscheinlich dringend davon abgeraten.“

Nachdem wir alles Wichtige ausgebaut hatten, verließen wir schnellstmöglich das Zelt. Richtig verlassen habe ich es aber nie. Eine Pause gab es nicht. Am nächsten Tag ging es direkt weiter. Nur, dass bei den nächsten Patrouillen oft die Angst mitfuhr.

Die nächsten Tage und Wochen ging es mir sehr schlecht. Ich bekam öfters Angstattacken und schlecht Luft, doch ich verheimlichte es und zog die restlichen Tage bis zum Einsatzende durch.

Daheim in Deutschland wurde es jedoch nicht besser. Ich war ein anderer Mann, als ich nach Hause kam, und konnte weder Nähe noch unübersichtliche Situationen aushalten. Selbst das Einkaufen im Supermarkt bereitete mir große Probleme. Und es wurde lange nicht besser. Auf einem Einsatznachbereitungs-Seminar vertraute ich mich einem Moderator an. Kurze Zeit später ging ich zur psychiatrischen Behandlung ins Bundeswehr-Krankenhaus in Hamburg, anonym.

Ich verheimlichte es damals vor meiner Einheit und nahm mir extra Urlaub dafür. Die Bundeswehr war damals noch nicht soweit. Viele verheimlichten ihre Probleme, weil sie nicht als Schwächlinge gelten wollten oder weil sie Karrierenachteile befürchteten. Ich brach die Therapie nach wenigen Sitzungen ab, da ich mich in Hamburg nicht gut aufgehoben fühlte. Ich wollte es alleine versuchen, doch es war ein schwieriger Weg, zumal ich mein Schweigen nicht aufgeben wollte.

Nach einer heftigen Panikattacke landete ich im Krankenhaus. Ich schwieg, während ein Arzt nach dem anderen versuchte herauszufinden, warum ich zusammengebrochen war. Sie schoben mich in die Röhre, sie machten EKGs und Bluttests. Doch sie fanden nichts.

Die nächsten Wochen und Monate lernte ich, meine Panikattacken besser zu kontrollieren, was mal mehr und mal weniger gut lief. In mir drin brannte es, doch nach außen hin schaffte ich es immer mehr, den Anschein zu bewahren, als wäre alles gut. Und irgendwann, im Jahr 2010, stand der nächste Einsatz an. Es sollte nach Kunduz gehen und es sollte kein Einsatz mit humanitärem Schwerpunkt sein.

Die Angst, zu versagen

In Kunduz wurde gekämpft und die Lage vor Ort spitzte sich immer dramatischer zu.

Unsere Vorgängerkontingente berichteten von regelmäßigen Hinterhalten und IED-Anschlägen der Taliban. Ich hatte anfangs überhaupt keine Ahnung, ob ich in der Lage war, in einen weiteren Einsatz zu gehen. Ein Arzt hätte mir wahrscheinlich dringend davon abgeraten.

Ich fuhr erst mal zweigleisig und machte die gesamte Vorausbildung zum nächsten Einsatz mit. Ich dachte, ich entscheide dann spontan, ob ich noch einen Rückzieher mache, weil ich nicht wusste, wie es mir gehen würde. Dabei hatte ich keine Angst vor dem Einsatz an sich. Ich hatte Angst, zu versagen und meine Männer im Stich zu lassen. Doch wenn man erst mal die Vorausbildung mit seinen Kameraden gemacht hat, dann gibt es kein Zurück. Dann folgt man diesen Männer überall hin. Und so schwieg ich und flog mit. Ein weiteres Mal Afghanistan.

Kunduz war eine völlig andere Welt. Das spürte man bereits auf den Hinflug von Mazar-e Sharif. Wir saßen in schusssicheren Westen und mit Helm im Flugzeug, als der

Pilot zu einer extremen „Sarajevo Approach“ ansetzte. Alles wackelte und wir flogen so steil und schnell nach unten, dass ich aus dem gegenüberliegenden Fenster den Boden immer schneller auf uns zu kommen sah. Ich krallte mich an meinem Sitz fest ... eine so extreme Landung hatte ich noch nie, und ich war mir nicht sicher, ob die Maschine noch tatsächlich unter Kontrolle war. Sie war es.

Wir landeten hart aber heil in Kunduz. Unser Spieß berichtete später in der Abendlage, dass die Maschine beim Landeanflug unter Beschuss geraten war. Eine tolle Begrüßung, doch sie zeigte uns auch deutlich, wo wir nun waren.

Um jeden Preis halten

In Kunduz gab es im Jahr 2010 kaum noch humanitäre Einsätze seitens der Bundeswehr. Diese war mit drei verstärkten Infanteriekompanien vor Ort, die den Auftrag hatten, dass Unruhegebiet Char-Darrah am Fuße der Stadt Kunduz unter Kontrolle zu halten und, wann immer möglich, den Einflussraum zu erweitern.

Char-Darrah lag rund acht Kilometer Luftlinie vom Feldlager Kunduz entfernt in einem Tal südöstlich der Stadt Kunduz und war von landwirtschaftlichem Terrain geprägt. Dank des Flusses Kunduz war das Terrain für afghanische Verhältnisse relativ grün und fruchtbar, doch schon wenige Meter auf dem dahinter liegenden Hochplateau glich die Landschaft einer tristen Sandwüste.

Das Gebiet war nicht nur für uns von hoher Bedeutung. Auch für die Aufständischen war es wichtig und sie wollten es um jeden Preis halten. Aufgrund der strategisch bedeutsamen Lage kämpfte hier schon um 1980 die sowjetische Armee gegen die Mudschahedin um die knapp 300.000 Einwohner zählende Stadt Kunduz. Und tatsächlich konzentrierten sich auch 2010 beinahe sämtliche Kämpfe in diesem Raum. Wer das Char-Darrah kontrollierte, kontrollierte Kunduz.

Daher hielten deutsche Truppen in dieser Zeit an gut 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr, strategisch wichtige Punkte: das Polizeihauptquartier Char-Darrah, die wichtigen Anhöhen 431 und 432 sowie weitere kleinere temporäre Vorposten und Beobachtungspunkte.

Das Halten dieser wichtigen Posten nannten wir „Raumverantwortung“ und im Kern wechselten sich unsere drei Infanteriekompanien dafür alle fünf Tage ab, wobei eine Kompanie für die eigentliche Raumverantwortung zuständig war, während eine andere ihren vergangenen Einsatz nachbereitete, Kleinaufträge durchführte und die Alarmbereitschaft stellte. Die dritte Kompanie unterstützte derweil temporär bei Operationen im Char-Darrah, nahm andere Aufträge wahr oder operierte in weiteren Distrikten rund um Kunduz.

„ Man hört es in der Ferne knallen, doch man kann es gar nicht zuordnen. Bis man das Pfeifen der Projektile hört und merkt, dass man unter Beschuss steht.“

An meinem ersten Abend in Kunduz ging ich mit einem weiteren Kameraden zu unseren Vorgängern, um ein wenig über den Auftrag und das Cha-Darrah zu erfahren. Unsere Vorgänger berichteten uns von zahlreichen Kämpfen, Hinterhalten und IED-Anschlägen.

Sie berichteten auch vom Töten. Mir ist noch heute im Ohr, wie einer unserer Vorgänger sagte: „Dann bin ich den Hügel rauf und hab die zwei weggemacht.“ Er erzählte es so beiläufig, mit einem Bier in der Hand, während er auf einer Bierzeltgarnitur saß. Nein, Kunduz war keine humanitäre Brunnenbaugeschichte mehr. Kunduz war für viele Krieg. Und Kunduz war töten und sterben.

Wenige Tage später fuhr unsere Kompanie in ihr erstes Gefecht. Es war eine Feuertaufe mit völliger Überlegenheit und ohne Hinterhalt. Wir unterstützten zivile Söldner bei einem Angriff der Taliban auf ihre befestigte Stellung. Es gab keine Verletzten auf unserer Seite, doch einige Kameraden meiner Kompanie schossen dort zum ersten Mal auf einen Feind. Es ist ein seltsames Gefühl, das erste Mal unter Beschuss zu stehen. Man hört es in der Ferne knallen, doch man kann es gar nicht zuordnen. Bis man das Pfeifen der Projektile hört und realisiert, dass man unter Beschuss steht.

Beim ersten Mal hatten wir da noch Scherze gemacht. Wir lachten sogar. Doch auch uns verging das Lachen irgendwann.

Es dauerte nicht lange und wir waren voll in unserem Auftrag drin. Doch wir merkten deutlich, dass es immer weniger darum ging, den Einflussbereich in Char-Darrah auszubauen. Wir waren zu sehr damit beschäftigt, unseren Bereich zu halten. Konkret hieß das, dass wir gefährliche Patrouillen, Gesprächsaufklärungen und mehrtägige Operationen im Feindesland durchführen mussten. Im Char-Darrah gab es zu der Zeit tatsächlich eine echte Frontlinie, die uns von der Hochburg der Aufständischen trennte.

Sie lag nahe dem Örtchen Isa Kehl, nur wenige Hundert Meter von unserer äußersten Stellung, der Höhe 432, entfernt. Eine Hochburg der Taliban, die traurige Berühmtheit durch den Schwarzen Karfreitag erhielt, an dem drei Kameraden unseres Schwesterbataillons fielen.

Ich war damals im Feldlager, als die Sirenen losgingen und von den schweren Gefechten über Lautsprecher berichtet wurde.

Unsere Kompanie rückte zur Verstärkung ins Char-Darrah ab, wobei sich unser Charlie-Zug nach Isa Kehl vorkämpfte, um die eingeschlossenen Teile herauszudrücken – und um die toten Kameraden zu bergen. Das gesamte Char-Darrah glich einem Schlachtfeld und durch ein tragischen Vorfall am PHQ (Polizeihauptquartier) starben am Abend weitere vier afghanische Polizisten durch „Friendly Fire“. Es war ein denkwürdiger und unendlich trauriger Tag. Und es lähmte uns. Die nächsten Tage trauerten wir und es wurde sehr ruhig. Berlin stoppte vorerst sämtliche Patrouillen. Man wollte weitere Schreckensnachrichten aus Kunduz vermeiden. Doch einige Tage später ging es einfach weiter.

Auf der ersten Patrouille nach dem Karfreitag hatte ich ein mulmiges Gefühl. Und es sollte sich bitter bestätigen. Wir waren mit einer kleinen Patrouille gerade auf dem recht sicheren Weg zum Polizeihauptquartier der Stadt Kunduz, als mich eine Detonation aus den Gedanken riss.

Ich schaute aus der Frontscheibe und sah nur noch eine grau-schwarze Wolke genau dort, wo unser Vorderfahrzeug sein sollte. „IED, IED, funkte mein Chef durch den Funkkreis. Vordere Teile durchstoßen. Hintere Teile rückwärts, Marsch.“

Das letzte Fahrzeug

Wir waren das letzte Fahrzeug. Also blieben wir ganz alleine vor Ort. Unser Vorderfahrzeug lag beschädigt und fahruntüchtig am Straßenrand. Als unsere Besatzung absitzen wollte, um nach möglichen Verletzten zu schauen, rief mein Chef: „Zurücksetzen! Das gefällt mir nicht.“ Er sollte recht behalten.

Während wir mit dem Fahrzeug zurücksetzten, detonierte eine zweite IED.

Eine weitere Sprengfalle, die für uns gedacht war. Für die Ersthelfer. Ich saß an der Waffenanlage und suchte das Vorfeld nach möglichen Angreifern ab, als mein Chef mir ein Ziel vorgab: „Feindlicher Schütze auf 4:00 Uhr, markante Baumreihe, bekämpfen!“

Ich drehte mein MG in die Richtung, und ich sah ihn, ein Mann mit Turban und Kalaschnikow. Ich entsicherte, doch irgendwas hielt mich davon ab, abzudrücken. Ich zögerte, während mein Chef schon ein weiteres Ziel vorgab. Plötzlich sah ich eine Polizeiuniform unter dem Turban aufblitzen. „Polizei!“, schrie ich und sah, wie der Mann langsam mit erhobenen Händen auf uns zukam. Es waren Millisekunden, in denen ich zu entscheiden hatte. Immer. Und beinahe hätte ich hier einen Unschuldigen getötet. Es war eine Situation, die mir lange in den Knochen saß, über die ich aber keine Sekunde nachdenken durfte. Denn es ging immer weiter.

Ein paar Tage später brachen wir zur härtesten Raumverantwortung unserer Kompanie auf. Die Lage im Char-Darrah nach dem Karfreitag war höchst angespannt. Es war eine Art Showdown im Unruhegebiet und der Feind griff uns nun beinahe täglich an.

Auch dort, wo wir es überhaupt nicht erwarteten.

Am Tag zwei unserer Raumverantwortung wurde ich durch die Detonation einer nahen IED geweckt, als ich im PHQ auf meinem Feldbett schlief. Es hatte unseren Charlie-Zug erwischt, der auf der Verbindungsstraße nach Kunduz patrouillierte. Es gab Verletzte.

Ich zog mich blitzschnell an und rannte zu meinem Fahrzeug, da ich mit meiner Besatzung als Quick-Reaction-Force eingeteilt war, eine schnelle Eingreiftruppe, die bei Anschlägen sofort zur Hilfe kommt. Keine zwei Minuten später fuhren wir zum Anschlagsort.

Auf halber Strecke hörten wir plötzlich Beschuss, der von der Anschlagstelle kam, gefolgt von einem hastigen Funkspruch des Zugführers vor Ort mit der Feindlagenmeldung. „Schneller!“, schrie mein Chef unseren Kraftfahrer an.

Als wir die Anschlagsstelle erreichten, nahmen wir den Feuerkampf mit auf und sicherten den rückwärtigen Ausweichbereich.

Das Gefecht flachte schnell ab und schon bald stieß auch die große Eingreiftruppe aus dem Feldlager Kunduz zu uns mitsamt dem Bergepanzer, der den zerstörten Dingo bergen sollte. Es war ein kleiner Moment zum Durchatmen, doch eine mächtige Detonation riss uns schlagartig aus der Ruhe. Ich spürte sie bis ins Mark, als kurz darauf der Funk unverständlich rauschte. Kurze Zeit später funkte der Zugführer noch einmal klar und deutlich: „Ich wiederhole, wir haben Tote im Bereich der Bergebereitschaft.“

Ein Funkspruch, den ich nie vergessen werde und der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Eine zweite IED hatte unseren Bergetrupp erwischt, als er gerade das Wrack an den Haken nahm. Erneut fielen Schüsse.

Uhren stehen still

„Vom Krieg zur Schlange an der Kasse von Lidl daheim. In zwei Tagen. Es war etwas, mit dem ich wieder einmal nicht zurechtkam.“

Als der Feind endgültig auswich, stellte sich heraus, dass sich der Zugführer Gott sei Dank geirrt hatte. Die Männer hatten überlebten, wenn auch zum Teil schwer verletzt.

In solchen Situationen scheinen die Uhren stillzustehen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir schließlich den Ort verlassen konnten.

Dann ging es weiter. Immer weiter. Nur kurze Zeit später explodierte die nächste IED. Binnen zwei Tagen geriet unsere Kompanie in drei Sprengfallen und drei Feuergefechte entlang der Verbindungsstraße und der Westplatte. Unsere Einheit zeichnete sich eigentlich immer durch ihre besonders hohe Moral aus, doch am Abend des dritten Tages war die Stimmung gespenstisch. Wir waren langsam durch. Körperlich und psychisch.

Unsere Moral litt vor allem unter der ständigen Defensive, in der wir uns befanden.

Dies änderte sich jedoch noch in derselben Nacht. Ich schlief wie immer unter freiem Himmel im PHQ, als mich eine extrem druckvolle Detonation aus dem Schlaf riss. Ich blickte mich ängstlich um, doch konnte ich keinen Einschlag erkennen. Überall liefen Kameraden in ihre Stellungen. Ich schnappte mir das wichtigste und rannte mit meinem Buddy zu unserer zugewiesenen Stellung an der Außenmauer.

Wir warteten.Worauf, das wussten wir nicht. Ich vernahm ein „Brummen“ hoch oben am Himmel und kurze Zeit später flogen tödliche Geschosse aufs Vorfeld, die dumpf, aber laut in wenigen Hundert Metern Entfernung uneinsehbar explodierten. Es war eine AC-130 Gunship der US-Luftwaffe. An der Spitze flogen F-16-Bomber, die zuvor mächtige 500-Pfund-Bomben auf feindliche Stellungen warfen, womit sie das schaurige, aber faszinierende Schauspiel eröffneten. Es dauerte nur wenige Minuten, doch in diesen Minuten fiel eine riesige Last von unseren Schultern.

Wir schossen aus unseren Stellungen heraus und feuerten die Himmelsteufel der US-Luftwaffe lautstark an. Es war ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann. Endlich bekamen sie den Arsch aufgerissen! Es war Genugtuung, es war großartig für uns.

Und am nächsten Tag waren wir wie ausgewechselt. Wir gingen wieder mit breiter Brust heraus. Mit erhobenem Kopf. Es war ein Ereignis, das wir gebraucht hatten, ein Wendepunkt für unsere Moral. Außerdem hatte uns der Luftschlag ein wenig Zeit und Luft verschafft. Es wurde nun ruhiger im Char-Darrah. Zumindest für ein paar Tage.

Und wenig später war mein Einsatz in Kunduz plötzlich zu Ende. Es ging nach Hause.Von heute auf orgen.

Vom Krieg zur Schlange an der Kasse von Lidl daheim. In zwei Tagen. Es war etwas, mit dem ich wieder einmal nicht zurechtkam. Aber diesmal auf eine andere Art und Weise als beim ersten Einsatz. Ich ließ mich für meine kurze Restdienstzeit heimatnah zur Logistikschule versetzen. Das war eine völlig andere Welt, doch ich wollte näher an der Familie sein.

Wieder nach Kunduz

Das war zumindest mein Plan. Tatsächlich war ich geistig immer noch in Kunduz und ich sah alles in der Heimat als sinnlos an. Und so kam es, dass ich mich wenige Wochen nach meiner Rückkehr freiwillig fürs nächste Kunduzkontigent meldete. Daheim fragte ich niemanden. Sie hätten es mir eh ausreden wollen. Wenige Wochen später flog ich wieder nach Kunduz. Alleine. Ohne meine Einheit. Mein dritter Einsatz in Kunduz begann gleich mit einer Schreckensnachricht. Gleich am ersten Tag suchte ich im Feldlager meinen alten Kameraden Tim aus der Grundausbildung. Ich wusste, dass er just in jener Zeit ebenfalls in Kunduz war und freute mich darauf, ihn zu überraschen.

Ich lief euphorisch zu seiner Einheit und erfuhr, dass er nach schweren Gefechten mit den Taliban schwer verletzt ausgeflogen wurde. Ein feindlicher Schütze hatte ihn an der Schulter getroffen, so schwer, dass er seinen Arm nie mehr richtig würde bewegen können. Das war sehr hart zu erfahren.

Vor Ort schloss ich mich dem deutsch-belgischen EOD-Trupp in Kunduz als Richtschütze im Transportpanzer (TPZ) an. „EOD“ ist die englische Abkürzung für „Explosive Ordnance Disposal“, das heißt, ich war nun bei den Bombenentschärfern. Und zwar für vier Monate, die Dauer meines Kunduz-Einsatzes. Es war eine gefährliche, aber sehr interessante Tätigkeit, ein Katzund Mausspiel mit den Bombenlegern aus Kunduz, doch ich fühlte mich dort mehr zu Hause als daheim in Deutschland.

Das Char-Darrah hatte sich zu dem Zeitpunkt völlig verändert, was nicht zuletzt an der großen Angriffsoperation „Halmazag“ lag, die kurz vor meiner Ankunft in Kunduz stattgefunden hatte. Das Char-Darrah war im Winter 2010/2011 nahezu feindfrei und wir Deutschen nutzten die Gelegenheit, um an Fläche zu gewinnen, indem wir unser Einflussgebiet durch neue Vorposten erweiterten, vorbei an der alten Frontlinie.

Es war ein unglaubliches Gefühl für mich, durch Isa Kehl zu fahren. Oder durch Rahmatbay. Einst Hochburgen der Aufständischen, die noch im Frühjahr uneinnehmbar waren. Meinem Kopf gab das einen unheimlichen Seelenfrieden.

Mein dritter Einsatz war gefährlich, doch verlief er ruhig und war geprägt von militärischen Fortschritten in der Region Kunduz.

Der Feind legte immer noch gerne Bomben in die Straßen, doch wir waren militärisch mittlerweile so überlegen, dass er nicht mehr das Gefecht suchte. Ich hatte das Gefühl, dass wir etwas erreichen würden. Dass all unsere Mühen und all unser Blut zu etwas führen konnte. Es war ein tolles Gefühl und ich habe es gebraucht, um mit meinen Einsätzen abschließen zu können.

Heute, mehr als zehn Jahre später, weiß ich es besser. Als Afghanistan im vergangenen Jahr fiel, tat es mir und vielen anderen Veteranen sehr weh und natürlich stellte ich mir sofort die Sinnfrage. War es das alles wert gewesen? Wofür sind meine Kameraden gefallen? Wofür habe ich mein Leben riskiert? Wofür habe ich meine Psyche geopfert?

Alles kaputt

Ich habe aufgehört, nach Antworten zu suchen und tröste mich mit dem Gedanken, dass ich zumindest in dem Augenblick, als ich dort war, den Menschen vor Ort helfen konnte. Ich erinnere mich an die Mädchen in Schuluniformen, die stolz vor ihrer Schule in Kunduz standen oder an die Kinder, die wir medizinisch in ihren Flüchtlingszelten versorgten. Für sie und für alle, die wenigstens 20 Jahre in Freiheit leben konnten, hat sich mein Einsatz gelohnt. Auch wenn heute einfach alles kaputt ist. Die Zeit in Afghanistan hat mein Leben verändert und wird mein Leben wohl für immer prägen.

Viele, viele Jahre lang hatte ich die Hoffnung auf ein freies, friedliches Afghanistan.

Ich hoffte auf einen Abschluss. Auch für mich. Doch heute muss ich erkennen, dass es so etwas für mich nicht geben wird. Nicht, solange der Taliban an der Macht ist. Ich kann nur damit leben.

HINTERGRUND

Zurück ins Leben

Für Vasili K. war es ein großer Schock, als er von der schweren Verwundung seines Kameraden Tim Focken erfuhr, den er schon seit der Grundausbildung kennt. Die Schusswunde führte dazu, dass Focken bis heute seinen linken Arm nicht mehr heben kann; außerdem plagen ihn chronische Rückenschmerzen. Focken gab sich jedoch nicht auf. Im Jahr 2011 nahm er an einem Sporttherapie-Programm der Bundeswehr teil, was ihm eine enorme Hilfe war. Seitdem ist er als Sportschütze regelmäßig Teilnehmer der Paralympics.