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Die Horizont-Erweiterer


Hohe Luft - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 07.05.2020

Seit Langem gilt die empirische Methode der Naturwissenschaften als der Königsweg zur Wahrheit. Hans-Georg Gadamer und andere Philosophen haben versucht, einen anderen Weg zu weisen: den Weg des Verstehens. Sie nennen ihn Hermeneutik.


Stellen Sie sich vor, Sie reisen in ein fernes Land. Die Menschen sehen dort anders aus, sprechen eine andere Sprache, haben andere Sitten und Gebräuche; es gibt dort andere Gerüche und Geräusche. Wie begegnen Sie all dieser Fremde?

VIELLEICHT SIND SIE eher der Typ Mr. Spock, distanziert, kühlen Blutes alles registrierend. Oder Sie tauchen ein, wollen mittanzen und ...

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VIELLEICHT SIND SIE eher der Typ Mr. Spock, distanziert, kühlen Blutes alles registrierend. Oder Sie tauchen ein, wollen mittanzen und mitlachen, sich möglichst mit Haut und Haaren in einen Einheimischen verwandeln. Für beide dieser Wege sprechen Gründe. Auf beiden Wegen gewinnt man etwas, das einem auf dem anderen Weg entgeht. Doch beide Wege gleichzeitig kann man nicht beschreiten.

Der Weg des Commander Spock ist der, den die Naturwissenschaft geht, um die Welt zu beschreiben. Gerade in den letzten 150 Jahren war er überragend erfolgreich; er ist zum Paradigma für Wahrheitssuche geworden. Aber dieser Weg, die »empirische Methode«, ist so einseitig wie der Charakter von Mr. Spock. Deshalb machten Philosophen wie Hans-Georg Gadamer (1900-2002) den anderen Weg stark: den Weg des Verstehens. Sie nannten ihn »Hermeneutik«, von altgriechisch hermeneuein für erklären, deuten, übersetzen.

Die Hermeneutik hat eine große Tradition, die bis weit in die Antike zurückgeht. Es gab damals eine ausgefeilte Praxis der Deutung von Orakelsprüchen, Träumen, Mythen, Schriften von Dichtern und Denkern, Gesetzen und Verträgen. Die Exegese der homerischen Epen war eine eigene Forschungsdisziplin. Der Schlüsselbegriff der damaligen Deutungspraxis war die »Allegorie« (von alla agoreuein für »etwas anderes sagen«). Es ging darum, aus augenscheinlich widersinnigen Aussagen die hypónoia zu lesen: die verborgene Bedeutung.

Solche Allegorese wurde vom sechsten vorchristlichen Jahrhundert über die Blütezeiten der stoischen und neuplatonischen Schulen bis ins frühe Mittelalter betrieben. Dann kam die Gepflogenheit des accessus ad auctores auf: eines Vorworts zu den Ausgaben und Kommentaren klassischer Autoren, das die Umstände und Absichten erhellen sollte, in denen der Autor das Werk verfasst hatte. In der frühen Neuzeit bauten Gelehrte wie der Theologe Johann Conrad Dannhauer (1603-1666) die hermeneutica (wie Dannhauer sie taufte) zu einer systematischen Wissenschaft aus, mit eigenen Lehrbüchern und einem ausgefeilten System von Deutungsregeln. Sie galt als Teilgebiet der Logik.

Den Grundstein der philosophischen Hermeneutik legte im 19. Jahrhundert der Theologe, Philologe und PlatonÜbersetzer Friedrich Schleiermacher (1768-1834), der sich in Verkennung der Werke Dannhauers und anderer zum Erfinder der Hermeneutik stilisierte. Er begann damit, den einzelnen Gedanken nicht mehr aus sich selbst heraus zu deuten, sondern aus dem großen Zusammenhang, in dem dieser Gedanke steht. Ihm zufolge gibt es in jedem Text zwei Ebenen: die grammatische und die psychologische. Erst wenn der Interpret beide Ebenen meistert, ihm also auch gelingt, sich in den Gemütszustand des Autors zu versetzen, kann er den Text richtig deuten.

AUS DEM EINZELNEN DEN GEIST DES GANZEN FINDEN

Schleiermacher formulierte jenes Grundprinzip der Hermeneutik, das als »hermeneutischer Zirkel« bekannt ist, manchmal auch »Grundgesetz der Ganzheit« genannt: »Das Grundgesetz alles Verstehens und Erkennens ist, aus dem Einzelnen den Geist des Ganzen zu finden und durch das Ganze das Einzelne zu begreifen.« So ist, sagte Schleiermacher, »jede Rede immer nur zu verstehen aus dem ganzen Leben, dem sie angehört, das heißt, da ja jede Rede nur als Lebensmoment erkennbar ist, und dies nur aus der Gesamtheit seiner Umgebungen, wodurch seine Entwicklung und sein Fortbestehen bestimmt werden, so ist jeder Redende nur verstehbar durch seine Nationalität und sein Zeitalter«.

Im 19. und 20. Jahrhundert verdichteten sich zwei gegenläufige Strömungen in der Philosophie. Naturalisten wie der Engländer John Stuart Mill (1806-1873) und der Franzose Auguste Comte (1798-1857) betrachteten menschliche Handlungen als physikalische Phänomene. Wenn ein Mensch etwas sagt, sei das letztlich nichts anderes, als wenn eine Glocke klingt. Wie eine Äußerung zu deuten wäre, ist für Naturalisten eine witzlose Frage. Dagegen wehrten sich »Interpretivisten« wie der deutsche Theologe und Philosoph Wilhelm Dilthey (1833-1911). Sie argumentierten dafür, menschliches Handeln kategorial verschieden von allem Naturgeschehen zu betrachten. Menschliche Handlungen haben eine Bedeutung. Sie haben Gründe statt Ursachen. Sie verlangen nach Interpretation. Und deshalb, sagte Dilthey, verlangen Menschen und Naturphänomene nach unterschiedlichen Weisen wissenschaftlicher Betrachtung.

Naturwissenschaften suchen Erklärungen. Geisteswissenschaften versuchen zu verstehen. Naturwissenschaft braucht Distanz. Verstehen braucht Nähe. Es bedeutet einzutauchen in das, was es zu verstehen gilt. Geschichts-, Sozial-, Literaturwissenschaften - die verstehenden Wissenschaften - sind Gegenstücke der Naturwissenschaften. Statt zu experimentieren und zu objektivieren, geht es in ihnen darum, sich einzulassen auf die Subjektivität.

Zum Verständnis eines Textes beispielsweise hielt Dilthey es für besonders wichtig, die Kluft zwischen den eigenen Lebensumständen und denen des Verfassers zu überbrücken, die Situationen und Eindrücke zu berücksichtigen, die den Verfasser prägten, den historischen und sozialen Kontext zu verstehen, die Sprache, die Sitten und Gebräuche der Entstehungszeit, sodass man in den Geist dieser Zeit eintauchen kann, vielleicht sogar eintauchen in die subjektive Wahrnehmung, in das Bewusstsein des Autors.

DIE GEFAHR? DIE DEUTUNGSHOHEIT DES INTERPRETEN

Ziel der Hermeneutik ist es also gerade nicht, aus einem Text oder einer Äußerung einen objektiven Gehalt zu destillieren. Statt die Umstände der Entstehung des Textes oder der Äußerungen zu eliminieren, geht es darum, anzuerkennen, dass das menschliche Dasein stets in solche Umstände eingebettet ist.

Bei manchen Äußerungen liegt das auf der Hand. Wer den Satz »Ich bin am Verhungern« von einem Menschen hört und à la Spock nur auf den propositionalen Gehalt dieses Satzes achtet, läuft Gefahr, ihn grob falsch zu verstehen. Es ist ein Unterschied, ob ein Pauschaltourist ihn vor dem Mittagsbuffet äußert oder ein nigerianisches Kind in einem Dürrejahr. Bei einem theologischen Text aus dem neunten Jahrhundert wird es schon schwieriger. Herauszuarbeiten, unter welchen Paradigmen der Autor arbeitete, aus welchen Perspektiven er die Welt sah, wird dann zur Wissenschaft.

In diesem Hineinversetzen liegt allerdings auch eine Gefahr. Es gibt keine Garantie, keine klaren Kriterien dafür, wann man den Verfasser eines Textes richtig verstanden hat. Der Interpret hat sozusagen Deutungshoheit über den Verfasser. Diese Kritik haben Gegner der Hermeneutik immer wieder gegen sie vorgebracht.

Für Dilthey war die Hermeneutik eine Form des Erkennens. Seine Nachfolger Martin Heidegger (1889-1976) und Hans-Georg Gadamer maßen ihr eine noch größere Rolle zu. Sie erklärten die Hermeneutik zum Fundament des Philosophierens schlechthin und vollzogen das, was Philosophen »die ontologische Wende« nennen. Heidegger wollte mit seiner »Hermeneutik der Faktizität« die traditionelle Ontologie ersetzen. Im Mittelpunkt seines Werks steht die »Frage nach dem Sinn von Sein überhaupt«. In seinem Ringen mit dieser Frage deutete Heidegger den hermeneutischen Zirkel ontologisch um.

In seinem Hauptwerk »Sein und Zeit« schrieb er: »Der ›Zirkel‹ im Verstehen gehört zur Struktur des Sinnes, welches Phänomen in der existenzialen Verfassung des Daseins, im auslegenden Verstehen verwurzelt ist. Seiendes, dem es als In-der-Welt-sein um sein Sein selbst geht, hat eine ontologische Zirkelstruktur.« Wenn man allerdings voraussetzt, dass eine Deutung stets klarer sein sollte als das Gedeutete, dann kann man bestreiten, dass Heidegger mit seiner Hermeneutik erfolgreich war. Manchen Lesern fällt das Verständnis von Heideggers Schriften nicht weniger schwer als die »Auslegung« des Daseins.

FÜR GADAMER WAR HERMENEUTIK EINE REGELLOSE »KUNST«

Heideggers Schüler Gadamer folgte seinem Lehrer zumindest teilweise darin, die Hermeneutik zum wahren Philosophieren zu erheben. Doch er tat es auf zugänglichere, weniger abschreckende Art und Weise. In seinem Hauptwerk »Wahrheit und Methode« (1960) entwickelte er eine philosophische Hermeneutik, mit der er das Wesen des Verstehens schlechthin erhellen wollte. Damit stellte er sich jedoch entschieden gegen die Tradition der klassischen Hermeneutik. Er wies die Vorstellung zurück, die Hermeneutik auf Regeln oder eine Methode zu gründen. Er nannte sie »eine Kunst«.


Naturwissenschaft braucht Distanz, Verstehen Nähe. Es bedeutet einzutauchen in das, was es zu verstehen gilt.


Verstehen ist ein Zwiegespräch mit dem zu Verstehenden; es ist selbst ein Geschehen, das es wiederum zu verstehen gilt. Wer sich mit Überlieferungen und Werten vergangener Zeiten auseinandersetzt, kann nicht nur sie zu verstehen lernen, sondern auch sich selbst und seine eigene Zeit. Gadamer sprach gern von der »Wirkungsgeschichte«: der Zugehörigkeit jedes Menschen mit seiner beschränkten Biografie zu einer viel größeren Geschichte, in die er hineingeboren ist, die sein Denken und Urteilen beeinflusst. »Sich in der Welt verstehen«, sagte er im Jahr 1990 in einem Vortrag, »das ist eigentlich das Thema. Und das heißt, sich miteinander zu verstehen. Und miteinander sich verstehen, das heißt, den anderen verstehen. Und das ist moralisch - nicht logisch - die schwerste menschliche Aufgabe überhaupt.«

DIE »HERMENEUTIK DES VERDACHTS«

Der französische Philosoph Paul Ricoeur (1913-2005) entwickelte Gadamers Gedanken, dass Hermeneutik stets Selbstverstehen ist, noch weiter: »Jede Interpretation geht, wie Schleiermacher sagte, zunächst vom Missverstehen aus«, schreibt er. »Hier haben wir die Grundlage für das, was ich an früherer Stelle die ›Hermeneutik des Verdachts‹ genannt habe; wir dürfen nie darin nachlassen, ihn bei der Wiedergewinnung des Sinns zu berücksichtigen. Unser Selbstverstehen muss von der Selbstaufgabe ausgehen, wir müssen uns von der selbstgefälligen Vorstellung verabschieden, dass uns der Sinn unmittelbar zugänglich ist.«

Dabei formulierte Ricoeur keine allgemeine Theorie der Hermeneutik, er spielte seine Weise des Verstehens an Texten und an anderen Beispielen durch, die sich wie Texte betrachten lassen. Sein spätes Werk »Le Juste« (zwei Bände, 1995/2001) ging aus seiner Teilnahme an einem Seminar für Richter hervor. Besonders interessierte Ricoeur sich dafür, wie Menschen aus verschiedenen Kulturen einander verstehen können. Er war während des Zweiten Weltkriegs in deutscher Kriegsgefangenschaft, lernte die deutsche Sprache, las deutsche Dichter und Philosophen und tat viel dafür, die Kluft zwischen französischer und deutscher Kultur zu überbrücken.

Doch nicht alle Philosophen sind begeisterte Hermeneutiker. Die Philosophen der Postmoderne halten nichtsvon der Hermeneutik. Sie bestreiten, dass menschliche Äußerungen eine eindeutige Bedeutung haben können. Für sie gibt es nur unterschiedliche Beschreibungen der Welt, die sich miteinander vergleichen oder »dekonstruieren« lassen.


Verstehen ist ein Zwiegespräch mit dem zu Verstehenden; es ist selbst ein Geschehen, das es wiederum zu verstehen gilt.


Auch vom anderen Ende des philosophischen Spektrums kommt Kritik. Der österreichische Logiker und Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller (1923-1991) stichelte mit Argumenten und Polemik gegen die Hermeneutik. Der hermeneutische Zirkel sei erstens ein uneindeutiges Prinzip, fand Stegmüller und extrahierte nicht weniger als sechs mögliche Bedeutungen. Zweitens sei er eigentlich überhaupt kein Prinzip, sondern ein Dilemma: Man kann das Einzelne nicht verstehen, ohne das Ganze verstanden zu haben, und das Ganze nicht verstehen, ohne das Einzelne verstanden zu haben. Wie soll man da weiterkommen? - Gar nicht, könnte ein Hermeneutiker erwidern, darum geht es auch nicht. Die Hermeneutik ist ein endloser Prozess des Verstehens: das Jetzt aus dem Damals, das Ganze aus dem Einzelnen und wieder zurück.

»Welt ist auch Horizont«, sagte Hans-Georg Gadamer, »diese lebendige Erfahrung, die wir alle kennen, die den Blick ins Unendliche gerichtet hält, und dieses Unendliche weicht mit jeder noch so großen Anstrengung und jeder noch so großen Geschwindigkeit immer nur weiter neuen Horizonten. Das heißt, die Welt ist in diesem Sinne für uns ein ganz großer Bereich, in dessen Mitte wir unsere bescheidene Orientierung suchen.« Man scheint sich im Kreis zu drehen, tatsächlich aber tastet man sich vorwärts.

Seltsam vielleicht aus der Sicht eines Logikers, aber darum geht es ja gerade: um das Unlogische, Uneindeutige, nur Angedeutete. Es wäre Zeit, den Zirkel des Verstehens tausend Jahre zurückzuschlagen, als Logik und Hermeneutik noch kein Widerspruch waren.

BEGRIFF

HERMENEUTIK. Der Name »Hermeneutik« kommt von Hermes, dem flinkfüßigen Götterboten der Griechen. Er überbrachte Nachrichten der Götter an die Menschen. Weil die Götter sich oft ziemlich unverständlich ausdrückten, war es nicht nur seine Aufgabe, diese Botschaften auszuliefern, sondern auch, sie zu deuten und in eine Sprache zu übersetzen, die Menschen verstehen.

LEKTÜRE

Hans-Georg Gadamer
WAHRHEIT UND METHODE
Mohr, 1975
Gadamers Hauptwerk, in dem er seine Philosophie des Verstehens entwickelt.

Paul Ricoeur
DAS SELBST ALS EIN ANDERER
Mohr, 2005
Ricoeurs Nachdenken darüber, dass Menschen sich selbst verstehen, indem sie andere verstehen, ist selbst praktizierte Hermeneutik.