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Die Islamdebatte braucht mehr Spiritualität


Tattva Viveka - epaper ⋅ Ausgabe 85/2020 vom 01.12.2020

In der Islamdebatte wird zumeist ein negatives Bild des Islams gezeichnet, obwohl der spirituelle Kern dieser Religion Friede im Innen und Außen anstrebt. Seit Jahren bemühen sich Muslime, dem mit Fakten zu begegnen. Hierzu gehört auch, über ihr eigenes Verhältnis zur Religion zu sprechen. Ein streitbarer, politisch-spiritueller und letztlich menschlicher Beitrag zur Schönheit des Islams von einer modernen Muslimin.


Warum wir den Islam kennenlernen sollten

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Neulich habe ich mir auf YouTube ein Experiment angeschaut. Passanten in einer deutschen Fußgängerzone sollten Zitate einordnen, in ...

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... denen es um Gerechtigkeit, Frieden und Feindesliebe ging. Die meisten waren überzeugt, die Weisheiten müssten aus dem Christentum oder dem Buddhismus stammen. Es waren allesamt Verse aus dem Koran. Eine ähnliche Befragung wurde in abgewandelter Form vor einigen Jahren schon einmal durchgeführt und ging viral. Verse, die zu Mord und Totschlag aufriefen und von Gewalt und Intoleranz zeugen, wurden damals mehrheitlich mit dem Islam assoziiert -doch es waren alles Zitate aus dem Alten und Neuen Testament.


Ein wahrer Gläubiger ist im Islam ein selbstlos Liebender.


Die Experimente zeigen: Viele Menschen wissen nicht nur verschwindend wenig über den Koran, sie wissen auch nicht mehr viel über das Christentum. Wahrscheinlich erscheint ihnen der Islam genau deswegen als Bedrohung. Bereits Sigmund Freud wusste: Das Unheimliche, das uns Angst macht, vor dem wir die Augen verschließen möchten, ist das verdrängte Eigene. Oft habe ich das Gefühl, die aus der Aufklärung erwachsene Befangenheit bezüglich Religion wird auf den Islam übertragen. Religion gilt seither als unvereinbar mit der Vernunft. Doch der Islam kennt eigentlich keine der Logik schwer zugänglichen Konzepte wie Erbsünde, Trinität und Sühnelehre. Gerade deswegen wurde er von großen Aufklärern wie Gotthold Ephraim Lessing als rationale Kontrastfolie zur christlichen Religion benutzt.

Die vernunftkompatible Stringenz des Islams wird jedoch gerne als »Einfachheit« abgetan - die christlich-abendländische Tradition darf dagegen als anspruchsvoll und intellektuell erscheinen. Diese Abgrenzung kennzeichnet grundsätzlich den Umgang mit dem Islam. Er wird gerne als Gegenbild zum Westen konstruiert, um sich vor dieser Negativfolie seiner eigenen Überlegenheit versichern zu können und ihn dann »im Gestus des pädagogischen Wohlmeinens« (Kermani) zu kritisieren. Das Ganze hat natürlich eine psychologische Funktion: Wer sich seiner eigenen Identität nicht mehr bewusst ist, muss sich über die Abgrenzung zum Fremden definieren.

Konstruktive Kritik ist lösungsorientiert, nicht verächtlich

Doch ist es wirklich so schlimm, wenn sich kaum noch jemand mit Religion auskennt? Schließlich leben wir in einer säkularen Welt, in der es eine Trennung von Politik und Kirche gibt. Der Glaube ist Privatsache, es muss ja auch nicht jeder Spezialist für ve-gane Ernährung sein. Was ist schon dabei, wenn das Allgemeinwissen über den Koran sich nicht selten auf die Kenntnis bestimmter Verse beschränkt, die vermeintlich zu Gewalt gegen »Ungläubige« aufrufen? Muslime wie Nicht-Muslime haben den Koran oft nicht gelesen, sie kennen ihn vom Hörensagen.

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Propheten waren nie Mitläufer - im Gegensatz zu ihren selbst ernannten Followern, die sich heute die Köpfe einschlagen.


Das Problem ist nur: Sie haben oft genug etwas darüber gelesen, wie der Islam zu verstehen sei. Und in Deutschland stammt dieses Wissen nicht selten aus den Händen populärwissenschaftlicher Beststeller. Meist sind sie geschrieben von vermeintlichen »Islamexperten«, die sich als »Islamkritiker« bezeichnen und im Islam wahlweise eine »faschistische Ideologie« (Abdel-Samad) oder die Ursache für einen erwarteten Untergang des Abendlandes sehen. Nun könne man einwenden, eine solche Kritik sei dringend notwendig angesichts des globalen Terrors, der von muslimischen Radikalen ausgeht. Das ist einerseits richtig. Doch konstruktive Kritik ist wohlwollend, sie ist lösungsorientiert, nicht verächtlich und ablehnend. Das kann sie dann sein, wenn es ein gemeinsames Fundament gibt, auf das man aufbauen kann. Deswegen ist das Gegengift für diese Art der Engführung: mehr spirituelle Substanz in der Islamdebatte!

Wir müssen viel mehr darüber sprechen, was die Religion des Islams ausmacht: über die konsequent gesellschaftskritische Botschaft von Gerechtigkeit und Solidarität, die der Koran formuliert. Über den Propheten, der von Muslimen als demütiger Visionär und weiser Revolutionär verstanden wird.

Über die Weisheiten der islamischen Mystiker, die im Tod des Egoismus das neue Leben besingen. Und über die vom Koran geforderte radikale Verpflichtung zur Wahrheit, die mit der hoffnungsvollen Vision einhergeht, dass erst in einer besonderen Empfindsamkeit für das Leid der Schwächsten Frieden zu finden ist. Darüber, dass es dem Islam im Kern um eine lebendige Beziehung zum Schöpfer und dem Dienst an seiner Schöpfung geht und wie sich jedes einzelne Gebot darauf zurückführen lässt - darüber müssten wir etwas wissen, wenn die Debatte Tiefe bekommen soll! Doch solche Inhalte finden selten ihren Weg in die Leitartikel. Über Religion spricht man nicht.

Über den Islam wird aber eben doch ständig gesprochen, oft auch aus theologischer Perspektive. Problematisch ist jedoch, wie und von wem diese (pseudo-) theologische Debatte geführt wird. Von selbst ernannten oder stark tendenziösen »Islamkennern« werden Verse des Korans so gedeutet, dass sie eine radikale Lesart als allgemeingültige Exegese präsentieren. Eine traumatische Biografie, negative Erfahrungen geschmückt mit selektiv ausgewählten Koranversen und einem irgendwie muslimischen Background reichen dann oft, um als Islamexperte des Vertrauens hofiert zu werden. Islamkritik als vermeintlich glaubwürdige Verifikation mehrheitsgesellschaftlich verbreiteter Vorurteile ist ein Geschäftsmodell. Dem Durchschnittsdeutschen suggerieren solche Abhandlungen, er sei bestens informiert, wie es um diese Weltreligion bestellt sei. Dabei war er nicht selten schon vorher von der Rückständigkeit des ihm fremden Glaubens überzeugt - eine intellektuell verbrämte Beglaubigung der eigenen Meinung liest jedoch jeder gerne.

Aufgebaute Weltbilder lassen sich nicht so leicht erschüttern. Das menschliche Gehirn denkt in Kategorien: Was nicht passend erscheint, wird notfalls passend gemacht. Und zwar mit aller Kraft. Ich erinnere mich an ein kognitionspsychologisches Seminar, das ich während meines Studiums besuchte. Mit meinem Dozenten besprach ich das Thema für ein Referat: die Schemata-Theorie. Sie besagt unter anderem, dass die menschliche Wahrnehmung dazu tendiert, Eindrücke, die nicht in ein bestehendes Schema passen, entweder als Ausnahmen abzuspeichern oder durch kognitive Tricks gedanklich an den Stereotyp im Kopf anzupassen. Am Ende der Besprechung fragte mich der Dozent nach meinem Nachnamen: Ob er aus dem Türkischen eingedeutscht worden sei? Eine Kopftuchträgerin mit einem urdeutschen Namen - das konnte nicht sein. Mit dieser Frage hatte er mir ein wunderbares Beispiel für die Schemata-Theorie verschafft! Der Vorfall wurde mein Einstieg ins Referat, was dem Dozenten sichtlich unangenehm war. Denn die Anekdote zeigt: Auch der klügste Professor ist nicht gefeit davor, Opfer seiner eigenen Stereotype zu werden.

Muslime müssen sich positionieren, erklären, rechtfertigen. Bio-Deutsche müssen das nicht.

Auch das kennzeichnet die Islamdebatte: Der Islam wird fast ausschließlich als exotisches, externales Problem diskutiert. Als Defizit, als Missstand, als Fremdobjekt, das von außen eindringt. Etwas, das nicht organisch dazugehört. Deswegen sollen Muslime sich positionieren, erklären, rechtfertigen. Biodeutsche müssen das nicht. Sie müssen sich nicht entschuldigen für Waffenexporte, Grenzpolitik, kapitalistische Ausbeutung. Und viele Muslime haben immer weniger Lust, sich an solchen Diskussionen zu beteiligen. Nicht zuletzt, weil jegliches Grundwissen über die Spiritualität des Islams in der Debatte fehlt. Grundlagen, die zu der Erkenntnis beitragen, dass die Werte des Islams nicht alle fremd sind, sondern es ein tiefes gemeinsames Fundament einer Ethik gibt, die Solidarität, Nächstenliebe und zwischenmenschliche Empathie als Kernanliegen jeden religiösen Handelns versteht.

Warum lesen wir etwa kaum etwas über Überlieferungen wie die folgende: Einst erklärt ein gläubiger Mann seinem Gefährten, für ihn gebe es aufgrund seiner Sünden keinen Ausweg mehr, er werde in der Hölle schmoren. Daraufhin antwortet Allah: »Wer ist es, der meiner Barmherzigkeit Grenzen setzt?«, und wirft den Gläubigen aufgrund von dessen Arroganz in die Hölle und lässt den Sünder in das Paradies eintreten. Es gibt unzählige solcher Überlieferungen, die davor warnen, andere zu verurteilen. Aber es gibt auch die Verse, die irritierend sind, die auf den ersten Blick im Widerspruch zu einem barmherzigen Gott zu sein scheinen - sie müssen verständlich gemacht und eingeordnet werden.

Schwerter können Territorien erobern, aber keine Herzen.

Denn der Islam wird auch politisch instrumentalisiert, er dient mitunter als modernes Herrschaftsinstrument, um die Bevölkerung zu unterdrücken und Privilegien zu sichern. Dabei erklärte der Prophet Muhammad, dass der »Dschihad « den Kampf gegen das eigene Ego meint. Der Prophet war unbequem und stellte die damals herrschende Gesellschaftsordnung radikal infrage. Kämpfte er nicht für eine spirituelle und soziale Revolution? Für Solidarität mit Armen, Schwachen und Entrechteten? »Gerechtigkeit ist die Blutsschwester des Glaubens «, sagte der Prophet des Islams. Propheten waren nie Mitläufer - im Gegensatz zu ihren selbst ernannten Followern, die sich heute die Köpfe einschlagen, vielleicht um ihn ja nicht benutzen zu müssen, den eigenen Kopf. Die Vorstellung, der Einzelne habe sich im Islam grundsätzlich dem Kollektiv unterzuordnen, ist eine autokratische Idee der Mächtigen, die vergessen haben, dass Religionen auch gekommen sind, um das korrupte System der Herrschenden zu stürzen.


Wenn Gott selbst dem Menschen die Freiheit gibt, zu wählen, und niemandem einen Glauben aufzwingt, wie kann der Mensch es wagen, Zwang anzuwenden?


Es gibt eine Passage im Koran, die sich mit dem Zusammenhang von Vernunft und Freiheit beschäftigt. Jedes Mal, wenn ich sie lese, frage ich mich, wie diejenigen sie ignorieren können, die meinen, der Islam erlaube Zwang oder Gewalt in Glaubensdingen: »Und hätte dein Herr Seinen Willen erzwungen, wahrlich, alle, die auf der Erde sind, würden geglaubt haben insgesamt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, dass sie Gläubige werden? Niemandem steht es zu, zu glauben, es sei denn mit Allahs Erlaubnis. Er sendet (Seinen) Zorn über jene, die ihre Vernunft nicht gebrauchen mögen.« (10: 100f.)

Die Passage macht unmissverständlich klar: Wenn der Mensch nicht von Herzen überzeugt ist, bleibt sein aufgezwungenes, formales Lippenbekenntnis nichts als ein Ausdruck von Heuchelei und Unterdrückung. Es zeugt von einer anmaßenden Hybris, wenn Gläubige meinen, sich erdreisten zu dürfen, die von Gott hingenommene Pluralität der Meinungen, Denkweisen und Religionen gewaltsam zu beseitigen. Wenn Gott selbst dem Menschen die Freiheit gibt, zu wählen, und niemandem einen Glauben aufzwingt, wie kann der Mensch es wagen, Zwang anzuwenden?

»Schwerter können Territorien erobern, aber keine Herzen, Gewalt kann Köpfe beugen, aber niemals den Geist«, schreibt der vierte Khalif der Ahmadiyya Muslim Jamaat, einer Reformbewegung innerhalb des Islams, Hz. Mirza Tahir Ahmad. Und er betont, dass der Koran die Glaubensfreiheit hochhält, heißt es doch »Es soll kein Zwang sein im Glauben. « (2: 257) und »Darum lasst den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will.« (18: 30). Koranpassagen, die Gewalt thematisieren, müssen in ihrem Kontext gelesen werden, denn sie beziehen sich auf einen Verteidigungskrieg und lassen sich nicht verallgemeinern. Es ging damals um den Erhalt der Glaubens- und Gewissensfreiheit, die es nicht nur für Muslime zu schützen galt, sondern allgemeingültig für alle Menschen auch anderen Glaubens gewährleistet sein sollte. Namentlich wird im Koran noch vor der Glaubensfreiheit der Muslime die der Christen und Juden erwähnt: »Und würde Allah nicht die einen Menschen durch die anderen im Zaum halten, so wären gewiss Klöster und Kirchen und Synagogen und Moscheen niedergerissen worden, worin der Name Allahs oft genannt wird. Allah wird sicherlich dem beistehen, der Ihm beisteht. Allah ist fürwahr allmächtig, gewaltig.« (22: 41)


Wer sich nur abhängig vom einzig vollkommenen Unabhängigen macht, ist so frei, wie man frei sein kann.


Eine Botschaft der Versöhnung

Man könnte fragen: Warum thematisiert der Koran überhaupt Krieg und Gewalt? Eine Antwort ist: weil es in der Geschichte der Menschheit immer auch kriegerische Konflikte gab, gibt und geben wird. Weil der Prophet Hz. Muhammad lange vor der Existenz eines humanitären Völkerrechts strenge ethische Verhaltensregeln für einen Kriegsfall formulierte - und weil er den Mekkanern nach dem Krieg bei seiner siegreichen Rückkehr mit einer Generalamnestie begegnete und ihnen vergab. Die übergeordnete Botschaft ist dann eine Botschaft der Vergebung.

»Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, / Als Mensch?«, fragt Nathan in Lessings »Nathan der Weise«. Diese zentrale Passage eines der wichtigsten Stücke der Aufklärung beschreibt einen humanistischen Grundgedanken, den der Prophet des Islams viele Jahrhunderte zuvor ganz ähnlich formulierte. Als ein Trauerzug vorbeikam, stand der Prophet aus Respekt auf. Man fragte ihn, warum er sich erhebe, da der Tote ein Jude war, der Prophet erwiderte: »War er denn kein Mensch?« In seiner berühmten Abschiedspredigt warnt der Prophet Muhammad eindrücklich vor Hochmut und Rassismus, ein fortschrittlicher, revolutionärer Gedanke im 7. Jahrhundert: »Ein Araber ist nicht vorzüglicher als ein Weißer, noch ein Weißer vorzüglicher als ein Schwarzer, außer durch Rechtschaffenheit (…) Wahrlich jedes Privileg, sei es aufgrund von Blut oder Besitz, ist aufgehoben. «

Wie komplexe Inhalte medienkompatibel erklären?

Wenn Muslime jedoch versuchen, medienkompatibel zu erklären, dass der Islam doch ganz anders ist als der verzerrte Ausschnitt der bad news in der Berichterstattung, erscheinen sie oft als hilflose Beschwichtiger. Ein sicherer Weg, Sympathien zu gewinnen und medial hofiert zu werden, ist hingegen, den Islam zu kritisieren, ihn als Feindbild zu zementieren und seine sichtbare Andersartigkeit abzulehnen: Das Kopftuch, die Moschee, das Gebet der Muslime stören. Das Bedürfnis, den Islam an deutsche Normen anzupassen, ihn in das bestehende Schema zu quetschen, ist groß. Bloß nicht um die Ecke denken, seinen Blick erweitern, die Perspektive wechseln müssen und sich mit der Komplexität dieser Weltreligion beschäftigen.

Genau das müssen wir, Muslime wie Nicht-Muslime aber, wenn die Islamdebatte nicht in den immer gleichen Narrativen und auf einem erschreckend niedrigen Niveau verharren soll. Artikel, die ich vor Jahren zu Islam-Themen geschrieben habe, kann ich fast unverändert wiederverwenden. Denn es sind die immer gleichen Debatten, die es sich zwischen der Dramatisierung radikaler Einzelfälle auf der einen Seite und der Kontextualisierung und Relativierung bestimmter Phänomene auf der anderen Seite gemütlich gemacht haben und damit ermüden und lähmen. Werden soziale Probleme »muslimisiert«, indem man die Ursachen für bildungs- und integrationspolitische Versäumnisse in der Religion sucht? Oder ist die Lehre des Islams der Grund für patriarchale Strukturen und Gewaltaffinität? Ein Diskurs, der zwischen Anklage und Verteidigung changiert. Es ist kein Diskurs auf Augenhöhe. Denn dafür fehlen die Grundlagen.

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Ich kenne viele Muslime, die sich diesem Diskurs nun vollends entziehen. Sie sind es leid, sich ständig erklären zu müssen. Ich glaube, dass dies vielen auch schwerfällt. Religion lässt sich nicht verständlich machen, sagen mir manche. Vielen fehlt schlicht selbst fundiertes Wissen über ihre Religion. Nicht jeder praktizierende Muslim ist auch theologisch versiert. Religion ist für viele einfach eine Gefühlssache, man muss sie spüren, sie ist intim und darf nicht in die Öffentlichkeit gezerrt werden, meinen sie. Doch unsere Religion ist längst dem Scheinwerferlicht des Medienrummels ausgesetzt. Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, zu zeigen, was sie ausmacht.

Zwischen äußerer Form und spirituellem Kern

Das folgende Beispiel soll illustrieren, dass oft nur das Dogma, das Formale, die äußere Hülle eines Ritus bekannt ist, ohne den spirituellen Kern der religiösen Handlung zu kennen. Viele Menschen wissen, dass Muslime nach Mekka pilgern, um die Pilgerfahrt - den »Hadsch« - zu vollziehen. Doch die wenigsten kennen islamische Erzählungen und Überlieferungen, die einordnen, worum es bei der Pilgerfahrt im Kern geht.


Erst wenn das Herz sich Gott hingibt, die Seele sich vor die Türschwelle Gottes wirft, sich selbst vollkommen aufgebend, dann ist es ein erfüllendes Gebet. Ein solches Gebet wird fast immer begleitet von Tränen.


So ist in einer bekannten islamischen Tradition beispielsweise überliefert, dass der Gelehrte Abdullah bin Mubarak einen Traum hatte, während er in der Nähe der Kaaba in Mekka schlief. Er träumte von zwei Engeln, die sich unterhielten: »Weißt du, wie viele Menschen dieses Jahr die Pilgerfahrt (Hadsch) vollzogen haben?« »600.000 waren es«, antwortet der zweite Engel, »doch von niemandem wurde der Hadsch angenommen. « Der erste Engel ist schockiert. Da ergänzt der zweite Engel: »Es gibt da einen Schuster in Damaskus. Er konnte nicht nach Mekka reisen, doch Allah hat seine Absicht zu pilgern angenommen. Allein seinetwegen wurde nicht nur sein Hadsch angenommen, sondern auch die aller anderen Pilger.«

Als Abdullah bin Mubarak aufwacht, ist er erstaunt über seinen Traum. Er entscheidet, nach Damaskus zu reisen, um besagten Schuster zu finden. Er möchte herausfinden, warum allein die Absicht dieses einen Schusters von derartigem Gewicht gewesen ist, dass sie allein von Allah angenommen wurde und wegen ihm auch alle anderen Pilgerfahrer von Gottes Barmherzigkeit kosten durften. Als er den Schuster trifft, erzählt dieser ihm: »Seit 30 Jahren wünsche ich mir, den Hadsch zu machen. Dieses Jahr hatte ich genügend Geld zusammengespart, doch ich konnte die Pilgerreise nicht antreten.« Abdullah bin Mubarak fragt ihn: »Was hinderte dich daran?« Zögerlich antwortet der Schuster: »Eines Tages besuchte ich meinen Nachbarn, seine Familie saß gerade zu Tisch. Obwohl ich nicht hungrig war, erwartete ich, dass mein Nachbar mich aus Höflichkeit zum Essen einladen würde, doch ich bemerkte, dass er bekümmert war und es vermied, mich zu bewirten. Nach einigem Zögern offenbarte mir mein Nachbar: ›Es tut mir so leid, ich kann dich nicht zu unserem Essen einladen. Wir hatten die letzten drei Tage keine Nahrung mehr im Haus. Ich hielt es nicht länger aus, meine Kinder hungern zu sehen. Auf der Suche nach etwas Essbarem fand ich einen toten Esel. In meiner Verzweiflung nahm ich das Fleisch des toten Tieres mit nach Hause, um es zu kochen.‹«

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Es ist uns ein Bedürfnis, unsere Liebe und Zuneigung auch mit unserem Körper auszudrücken. Mit der Liebe zu Gott ist es nicht anders.


Im Islam ist das Fleisch eines selbst verendeten Tieres, das nicht ausbluten konnte, haram, das heißt verboten - es sei denn, man befindet sich in einer ernsten Notlage. Das Fleisch war für den Nachbarn, der aus Not handelte, also erlaubt (halal), doch er konnte dem Schuster nichts davon anbieten, denn für diesen wäre es haram gewesen. »Als ich dies hörte«, fährt der Schuster fort, »blutete mein Herz. Ich stand auf und ging nach Hause und nahm meine gesamten Ersparnisse, die ich für meine Pilgerfahrt aufbewahrt hatte, und gab sie meinem Nachbarn.«

Beeindruckt von den Ausführungen des Schusters, berichtet ihm Abdullah bin Mubarak schließlich von seinem Traum. Der Hadsch eines Menschen, der die Pilgerfahrt formal nicht einmal vollzogen hatte, war als Einziger angenommen worden, denn er hatte die Botschaft des Islams verinnerlicht. Schließlich heißt es in einer Überlieferung des Propheten Muhammad: »Derjenige ist kein Gläubiger, der sich satt isst, während sein Nachbar hungert.« Die Pilgerfahrt der vielen anderen Gläubigen dagegen, die den Hadsch zwar körperlich vollzogen, aber offensichtlich nicht ihrem Geist entsprochen hatten, war wertlos und wäre ohne diesen Schuster nicht angenommen worden.

Die Erzählung zeigt, wie wichtig die Absichten und der Herzenszustand sind, jenseits von zur Schau gestellten Formalitäten und Ritualen. Daran erinnert auch folgende Geschichte aus der islamischen Tradition: Ein Weiser wurde einmal von einem reichen Mann zum Essen eingeladen. Der Reiche befahl seinem Bediensteten: »Bringt mir die Servierschale, die ich von meinem ersten Hadsch mitbrachte. « Kurze Zeit später ließ der reiche Kaufmann seinen Diener die Glasplatte holen, die er bei seinem »zweiten Hadsch gekauft« hatte. Und dann ließ er die dritte Servierschale bringen, nicht ohne unerwähnt zu lassen, dass er sie bei seinem dritten Hadsch erworben hatte. Der Weise, der das Geschehen beobachtete, sagte: »Wie unglückselig bist du nur! Du hast deine drei Pilgerfahrten mit nur drei Sätzen zunichtegemacht.« Die eitle Zurschaustellung vermeintlich guter Taten ist Allah so sehr verhasst, dass sie auch große Anstrengungen auf dem Wege Allahs zunichtemachen kann. Allah, so heißt es im Koran, »liebt keinen der eingebildeten Prahler« (57: 24), sondern »gebietet Gerechtigkeit und uneigennützig Gutes zu tun« (16: 91).

Der Islam als ganzheitliche Religion

»Der Glaube setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen«, sagte der Prophet des Islams. »Der eine besteht darin, Gott zu lieben, und der andere, die Menschheit so sehr zu lieben, dass das Leid anderer als das eigene Leid und die Sorgen und Nöte anderer als die eigenen Sorgen und Nöte empfunden werden.«

Es gibt so viele Geschichten, die wir in den Moscheen und von den Alten hören, sie alle fußen auf diesem Grundprinzip: dem Dienst am Menschen, dem Empfinden wahrer Empathie für alle Geschöpfe. Ohne diese Grundlage, so heißt es, kann der Gläubige sich Allah nicht nähern und Seine Liebe nicht finden. Erst in der Liebe zu den Mitmenschen in all seinen Formen lernt der Gläubige all jene Eigenschaften, die nötig sind, um Allahs Liebe zu erlangen. Alle Gebote und Verbote im Islam drehen sich letztlich darum, Frieden mit sich und seiner Umwelt zu finden und durch die Erlangung moralischer Tugenden spirituell zu wachsen.

Wer diesen Wesenskern vernachlässigt, findet ein hohles, sinnentleertes Gerüst aus Dogmen vor, ohne zu verstehen, welche Weisheit dahinterliegt. »Trink, was in dem Glas ist«, sagte der islamische Mystiker Jalaluddin Rumi. Die Form ist nicht entscheidend, es geht um das Wasser - doch ohne das Glas geht es auch nicht, das Wasser zerrinnt. Es ist dieses Zusammenspiel von Form und Inhalt, das den Islam zu einer ganzheitlichen Religion macht, die versteht, wie wichtig die Einheit von Körper und Geist ist. Deswegen wird das Gebet im Islam beispielsweise nicht nur im Herzen, sondern auch mit körperlichen Bewegungen vollzogen. Wer sich mehrmals am Tag mit seinem Körper vor Gott niederwirft, sich kleinmacht, der wird demütig, dem fällt es leichter, sich von seinem Hochmut zu befreien, auch wenn er innerlich noch nicht so weit war. Denn er gibt sich Gott erst körperlich hin und dann verlässt er auch seelisch seinen Stolz. Er ist nicht gebrochen, denn er hat den Größten zum Freund und muss nichts mehr fürchten. Wer sich nur abhängig vom einzig vollkommenen Unabhängigen macht, ist so frei, wie man frei sein kann.


Erst in der Liebe zu den Mitmenschen in all seinen Formen lernt der Gläubige all jene Eigenschaften, die nötig sind, um Allahs Liebe zu erlangen.


Die Ganzheitlichkeit des Gebetes, das im Islam mit Körper und Seele verrichtet wird, eröffnet neue Dimensionen und führt zu einer anderen Form der Intensität. Wir kennen diesen Effekt aus anderen Bereichen des Lebens: Warum küssen sich Liebespaare? Warum liebkosen wir unsere Kinder, kuscheln mit ihnen? Warum umarmen sich zwei Freunde, wenn sie sich begrüßen? Warum genügt uns nicht die rein geistige Liebe des Herzens? Wir handeln unwillkürlich, instinktiv: Es ist uns ein Bedürfnis, unsere Liebe und Zuneigung auch mit unserem Körper auszudrücken. Mit der Liebe zu Gott ist es nicht anders. Wer Gott liebt und ein wahres Verlangen nach Ihm empfindet, der wird seine Liebe und Sehnsucht auch durch eine äußerliche Handlung seines Körpers zum Ausdruck bringen wollen und dadurch leichter in seiner Spiritualität vorankommen. Unser Bewusstsein beeinflusst unseren Körper, aber unser Körper beeinflusst auch unser Bewusstsein. Es gibt einen reziproken Effekt, wenn wir unser Inneres äußerlich widergespiegelt sehen. Deswegen kennt das islamische Ritualgebet Bewegungen, Haltungen des Körpers und bedeckende, saubere Kleidung und formale Regeln. Feste Zeiten, eine Struktur, die Regelmäßigkeit fordert und Ernsthaftigkeit - dann kommt es zu kleinen, aber kontinuierlichen Fortschritten. Auch die körperlichen Bewegungen haben einen tiefen, spirituellen Kern und drücken einen inneren Zustand aus: stehend, mit verschränkten Armen, gebeugtem Kopf - wie ein Diener vor seinem König, hochachtungsvoll, geduldig. Die Verbeugung - ehrfurchtsvoll, wie bei der Begrüßung der Angebeteten, bereit, jede andere Liebe aufzugeben. Die Niederwerfung - der Höhepunkt, äußerste Demut und Hilflosigkeit, vollkommene Ehrerbietung. Das körperliche Gebet führt das seelische Gebet herbei. Es wirkt sich auf den Zustand unseres Herzens aus und vermag, ihn zu bewirken. Ein Gebet, dem dieser Höhepunkt der Niederwerfung fehlt, das Zu-Staub-Werden fehlt, erscheint mir unvollkommen und unbefriedigend. Erst wenn das Herz sich Gott hingibt, die Seele sich vor die Türschwelle Gottes wirft, sich selbst vollkommen aufgebend, dann ist es ein erfüllendes Gebet. Ein solches Gebet wird fast immer begleitet von Tränen. Zu weinen während der Niederwerfung des Körpers ist die Folge eines wahren Gebets, ja, bedingt das vollkommene Gebet. In einer Überlieferung heißt es über den Propheten Muhammad: »Ich besuchte den Propheten, als er gerade ins Gebet vertieft war. Ich hörte den Ton seines Weinens aus der Tiefe seiner Brust hervorklingen, als ob es der Ton eines kochenden Topfes war.«

Khola Maryam Hübsch Rebellion der Sehnsucht - Warum ich mir den Glauben nicht nehmen lasse. Herder, 208 S., Freiburg 2019, 18,00€



Das Tor zu Gott öffnet sich durch Tränen, Demut und Weichheit.


Wer es nicht vermag zu weinen, dem fehlt etwas, dessen Herz ist gewissermaßen verhärtet. Um es aufzuweichen, mag es helfen, künstliche Tränen zu weinen, bis die Krokodilstränen einen Zustand echter Demut herbeiführen. Weinen bis das Herz schmilzt, weinen wie der Säugling vor seiner Mutter, dessen Schreie die Milch in ihrer Brust erzeugen. Herzzerreißendes Weinen, wie das eines kleinen Kindes. »Wenn das Weinen vor Gott, dem Allmächtigen, in äußerster Demut geschieht, dann bewegt dies Seine Gnade«, schreibt Hz. Ahmad. Das Tor zu Gott öffnet sich durch Tränen, Demut und Weichheit. Das ist der Zeitpunkt, seine Gebete in seiner Muttersprache zu sprechen, das ist die Essenz des Gebetes.

Das Gebet ist im Islam die Sprache der Liebe, es ist das Gespräch unter Freunden, es ist der Schlüssel zur Gotteserkenntnis, »die Wahrheit ist, dass Gott nur durch das Gebet erkannt wird«, schreibt Hz. Ahmad, der Begründer der Ahmadiyya Muslim Jamaat. Allah gibt im Koran ein Versprechen: »Wenn Meine Diener dich nach Mir fragen (sprich): ›Ich bin nahe. Ich antworte dem Gebet des Bittenden, wenn er zu Mir betet.‹« (2: 187) Gott erhört die Gebete eines jeden, der zu Ihm betet, welcher Religion auch immer er angehören mag. Er ist lebendig und nah, kein abstraktes Wesen, das unerreichbar wäre. Er gibt allen die Möglichkeit, eine direkte Verbindung mit Ihm aufzubauen. Es wird kein Mensch als Mittler benötigt.

Auf der Suche nach Schönheit

Ein wahrer Gläubiger ist im Islam ein selbstlos Liebender, jemand, der nicht in Nützlichkeitskategorien denkt, der nicht nach Belohnung hechelt und sich vor Bestrafung fürchtet. Belohnungen braucht er nicht. Schafft Himmel und Hölle ab, und es wird den Gläubigen nicht davon abhalten, Gutes zu tun und sich nach Gottes Liebe zu verzehren. Er liebt nicht, um entlohnt zu werden, er liebt, weil er nicht anders kann. Er liebt Allah um Allahs willen, er tut das Gute um des Guten willen. Seine Liebe selbst formt sein Paradies.

Eine berühmte Erzählung über eine der bekanntesten muslimischen Sufis, die Mystikerin Rabea von Basra, berichtet davon. Befreit von jedem eigennützigen Kalkül sehnt sie sich einzig und allein nach der Ursache aller Schönheit. Es heißt, sie sei eines Tages mit einem Eimer Wasser in der Hand und mit einer brennenden Fackel unterwegs gewesen. Gefragt, was dies zu bedeuten habe, antwortet sie: »Ich will Wasser in die Hölle gießen und Feuer ins Paradies legen, damit diese beiden Schleier verschwinden.« Was meint sie damit? Ihr Gebet macht es deutlich: »O Herr, wenn ich Dich aus Angst vor der Hölle liebe, verbrenne mich dort, und wenn ich Dich in der Hoffnung auf das Paradies liebe, schließe mich davon aus, doch wenn ich Dich aus Liebe zu Dir selbst liebe, dann versage mir nicht Deine immerwährende Schönheit.«

Wenn Schönheit immer vom Ursprung her gedacht wird, ist jede Schönheit ein Abbild des Schönen, jede Schöpfung eine Manifestation der Schöpfers. »Ich habe die guten Dinge dieser Welt sehr lieb um der Erinnerung meines Herren willen«, sagt der Prophet Hz. Salomon im Koran beim Anblick edler Pferde (38: 33). Es ist nicht die Askese, die gelehrt wird, nicht die Ablehnung des Ästhetischen, nicht die völlige Abwendung von allem Weltlichen. Es ist vielmehr ein anderer Blick auf die Welt. Schönheit wird nicht mit den Augen der materiellen Begierde und um ihrer selbst willen betrachtet, sondern als Abdruck und Fingerzeig des Schöpfers wahrgenommen. Sie ist das Erkennungs-Zeichen des Künstlers, der dahintersteht, der tag zum masterpiece, die Signatur zum Meisterwerk. Eine Spur, die an Allah erinnert, der sie hinterlassen hat, um die Liebe zu Ihm zu entfachen.

Es gibt keine gute Islamberichterstattung, solange der Frame in den Köpfen ausschließlich negativ ist

Gerade weil wir in einer zunehmend säkularen Welt leben, ist es wichtig, eine säkulare Sprache für Spiritualität zu finden. Um Brücken zu bauen zwischen religiös Unmusikalischen, die sich ihr religiöses Gegenüber nur als naiven Esoteriker oder radikalen Fundi vorstellen können, und Gläubigen, die ihrem atheistischen Kritiker vorschnell Rassismus oder Arroganz vorwerfen.

Wenn spirituelle Weisheiten des Korans, Überlieferungen des Propheten, sufistische Erzählungen, die unser Herz und unseren Verstand weiten können, nicht ebenso Bestandteil des Allgemeinwissens sind wie das Wissen über Terroranschläge, die von Radikalen religiös begründet werden, entsteht eine gefährliche Schieflage. In dieser können es sich Rechtspopulisten und aufmerksamkeitsverliebte »Islamkritiker« bequem machen - denn sie vertreten letztlich beide dasselbe Islambild, dessen Propagierung langfristig die Gesellschaft spaltet.

Kritik an Religionen ist dennoch wichtig. Doch sie fruchtet nur dort, wo es ein grundsätzliches Gefühl des Angenommenseins und Wohlwollens auf beiden Seiten gibt. Wo respektvoll und unvoreingenommen diskutiert wird. Derzeit gibt es jedoch hartnäckige, dominante Frames, die die Debatte bestimmen. Eine sich als differenziert verstehende Berichterstattung sieht nicht selten so aus, dass drei islamkritische Stimmen einer muslimischen Stimme gegenübergestellt werden. Der Muslim verkommt dann zum Quotenverteidiger, der dem Setting hilft, den Anschein von Ausgewogenheit zu wahren. Doch so eine Situation kann niemals ausgewogen sein, weil das prägende Narrativ von einem bösen Islam ausgeht.

Der dominante Frame bestimmt die Wahrnehmung. Das ist auch der Grund, warum Buddhisten weiterhin als friedfertig gelten - auch ein Völkermord seitens radikaler Buddhisten in Myanmar vermag diesen Frame nicht zu brechen, und so dürfen Buddha-Statuen in deutschen Wellness-Oasen weiterhin für einen exotisch-spirituellen Hauch sorgen. Der dominante Frame bestimmt letztlich, welches Ereignis als »Ausnahme« und welches als »Norm« abgespeichert wird. Der »gute« Muslim ist im Zweifel ein Einzelfall, eine Ausnahmeerscheinung.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Und es gibt keine gute Islamberichterstattung angesichts eines grundsätzlich negativen Islamframes, der in den Köpfen spukt. Solange wir nicht viel häufiger und offener darüber sprechen, was uns am Islam fasziniert, was die Schönheit dieser Weltreligion ausmacht, dass es im Kern um den Dienst am Menschen geht und auch Toleranz in der islamischen Praxis lange Zeit tief verankert war, fehlt das Fundament für einen Diskurs auf Augenhöhe, der uns wirklich weiterbringen könnte. Auch berechtigte Kritik an Muslimen und bestimmten Handlungen kann dann nicht fruchten.

Wer den Islam verstehen will, muss ihn jenseits von Schönfärberei und Stereotypen auch aus der Perspektive der Muslime lesen. Verstehen heißt nicht, die Position von Muslimen zu übernehmen. Ich habe einmal einen Essay des Zeit-Journalisten Bernd Ulrich gelesen, in dem er beschreibt, warum er Veganer geworden ist. Sein Bekenntnis hat mich nicht zur Veganerin gemacht, und ich teile seine Meinung nicht. Doch die Art und Weise, wie Ulrich persönlich und eindrücklich seine Beweggründe beschreibt, vegan zu leben, hat dazu geführt, dass ich seine Haltung nachvollziehen konnte. Sie wurde mir sympathisch. Der Essay hat in mir ein neues Verständnis und damit einen neuen Respekt für den Veganismus geschaffen. Und genau deswegen müssen Muslime darüber reden und schreiben, warum sie sich für den Islam entschieden haben - persönlich, authentisch und nachvollziehbar.

Warum es dazu nicht kommt? Es mag zum einen an der Angst vor Apologetik und religiöser Infiltration liegen, an der Angst, über Religiöses im säkularen Raum zu sprechen. Vielleicht ist es aber auch die Angst vor dem Blick in den Spiegel, die Angst davor, durch die Auseinandersetzung mit dem spirituellen Islam mit dem verdrängten Eigenen konfrontiert zu werden. Plötzlich könnten sie wieder aus dem Unterbewussten hochkriechen, die großen Fragen nach dem Sinn.

Zur Autorin

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Khola Maryam Hübsch: Jahrgang 1980, geboren in Frankfurt am Main. Journalistin und Publizistin, Spoken Word Künstlerin, hält Fachund Publikumsvorträge zum Thema Islam. Studium der Publizistik, Psychologie und Germanistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, M.A.

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