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DIE KLASSISCHE ARBEIT AN DER HAND IM VERGLEICH


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 29/2018 vom 08.06.2018

In den Hofreitschulen in Wien, Jerez und Lissabon sowie im Cadre Noir von Saumur werden Pferde auch an der Hand ausgebildet. Interessant dabei ist, dass in der Herangehensweise bei allen vier Institutionen Unterschiede und Gemeinsamkeiten festzustellen sind. Welche das sind, erklärt Dressurausbilderin Anne Wölert. Außerdem sprachen wir darüber mit aktiven und ehemaligen Bereitern der Schulen im Interview.


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(Foto: Alain Laurioux, Die Schulen der Reitkunst, Cadmos)

Bei der systematischen, aber nicht schematischen Ausbildung wird in der Gewöhnungsphase damit begonnen, das Pferd an den Menschen und die zu ...

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Bei der systematischen, aber nicht schematischen Ausbildung wird in der Gewöhnungsphase damit begonnen, das Pferd an den Menschen und die zu nutzenden Ausbildungsgegenstände zu gewöhnen und es vom Boden aus vorbereitend mit dem Reiter, der Ausrüstung und den später unter dem Sattel angestrebten Lektionen vertraut zu machen.
Zusätzlich zum klassischen Longieren kann und wird mit dem Pferd an der Hand gearbeitet, wobei schon frühzeitig individuelle Talente der Pferde erkannt und gefördert werden können. Erklärend muss dazu gesagt werden, dass die klassische Arbeit an der Hand nur harmonisch ausgeführt werden kann, wenn ihr eine Grunderziehung am Boden vorausgeht. Diese Basisarbeit bezeichnen wir heute auch als „Bodenarbeit“. Ein gewisses Selbstverständnis im Umgang mit dem Pferd lässt viele Probleme gar nicht erst auftreten.

Kulturelle Unterschiede

Im System der klassisch barocken Reiterei ist die gewichtslose Arbeit an der Hand ein fester Bestandteil der Pferdeausbildung. Vermutlich beruht sie in allen Zentren der Reitkunst – sei es Wien, Jerez, Lissabon oder Saumur – auf einer ähnlichen historischen Grundlage. Allerdings ist es schwer zu sagen, wann man begonnen hatte, mit Pferden genau so an der Hand zu arbeiten, wie wir es heute tun. Position, Haltung, Ausrüstungsgegenstände, aber auch Ausdruck und Ausführung der gewünschten Lektionen ähneln einander in den vier großen Reitschulen. Dabei achten alle Institutionen darauf, die Arbeit individuell auf das Pferd abzustimmen.

Das liegt sicher auch daran, dass gute Ausbilder schon von jeher über den Tellerrand schauten und sich von anderen Ausbildern inspirieren ließen. Sicher auch ein Grund dafür, dass die Unterschiede in den vier Schulen größtenteils eher verwaschen sind. Dennoch bestimmen Traditionen heute noch länderspezifische Unterschiede im Umgang mit dem Pferd, wodurch die Arbeit mit ihm durchaus unterschiedlich auf den Zuschauer wirken kann. In der Spanischen Hofreitschule in Wien mutet die klassische Arbeit an der Hand gesetzter an als beispielsweise bei den oft temperamentvoller auftretenden Spaniern in Jerez.

Lektionen

Auch Unterschiede bei den Lektionen und deren Ausführung sind feststellbar. So wird in Jerez voller Stolz der Spanische Schritt präsentiert. Da er nach Auffassung der anderen Schulen im klassischen Sinne eher eine Zirkuslektion ist, gehört er in Wien und Lissabon nicht zum Repertoire. Diese Vorstellung basiert auf der Beobachtung, dass oftmals bei der Ausführung dieser Lektion das Vorwärts nicht erhalten werden kann. „Der Spanische Schritt gehört ebenso wie der Spanische Trab (…) zum eisernen Bestandteil der Zirkusschule. (…) Übergänge aus dieser fehlerhaften Gangart sind nicht durch flüssige Umwandlung des Taktes, sondern nur durch eine plötzliche Unterbrechung möglich.“ (Waldemar Seunig, „Von der Koppel zur Kapriole“, Olms Verlag, 2006) Heute wissen wir, dass der Spanische Schritt, wird er korrekt erarbeitet, zum Beispiel aus dem Schulschritt oder aus der Polka, durchaus einen hohen gymnastischen Wert für das Pferd hat und neben einer erhöhten Schulterbeweglichkeit zu einem geregelten Ablauf der Schrittfußfolge führen kann.

In Lissabon nutzen die Bereiter der EPAE statt der Longe einen langen Führstrick.


(Foto: Alain Laurioux, Die Schulen der Reitkunst‚Cadmos)

Die Pferderasse spielt eine Rolle

Auch die unterschiedlichen Rassemerkmale der von den einzelnen Schulen verwendeten Pferde sorgen fürAbweichungen in der Handhabung und der Ausführung der Lektionen. So zeigen iberische Pferde zum Beispiel öfter Schwierigkeiten bei Takt und Raumgriff in der Gangart Schritt, mit welchen der Lipizzaner weniger zu kämpfen hat. Die Pferde in Saumur sind sehr viel großrahmiger und damit sehr viel schwerer zu versammeln.

Schulen über der Erde

In allen vier Zentren der Reitkunst werden Schulsprünge an der Hand vorbereitet und gezeigt. Auch hier sind die Unterschiede eher fließend. Abgesehen von Saumur, wo die Pferde mit freiem Kopf auf Kandare bis in die Schulsprünge gearbeitet werden, sind die Pferde in den anderen Schulen alle durch seitliche Ausbinder begrenzt und werden am Kappzaum geführt, der vorwiegend hannoversch verschnallt ist.

Emotionen

Die Spanier feuern ihre Pferde lautstark an und teilen ihre Freude über gut gelungene Lektionen, insbesondere der Schulsprünge, gern dem Publikum mit.
In Portugal geht es schon gesetzter zu, während die Arbeit mit dem Pferd in der Spanischen Hofreitschule in Wien ruhig und ehrfurchtsvoll wirkt. Die Schule in Saumur ist als Einzige heute eine Militärakademie. Dadurch hat sich das Hauptaugenmerk hier seit der Gründung der Schule 1825 deutlich weg von der reinen Reitkunst nach dem Versailler Vorbild hin zu einer kavallerie- und sportgeprägten Gebrauchsreiterei entwickelt. In jeder der Reitschulen bekommt der Zuschauer ähnliche Ideen bei der Ausführung der Arbeit an der Hand zu sehen. Die Orientierung an historischen Vorbildern ist durch unterschiedliche Traditionen beeinflusst und lässt dem Zuschauer Interpretationsspielraum.
Alle Reitschulen zeigen, dass die Arbeit an der Hand Mittel zum Zweck ist, nämlich der Gymnastizierung des Reitpferdes bis zur höchsten Versammlung. Mit welchem Engagement hier die Schulen über der Erde erst an der Hand und dann unter dem Sattel gezeigt werden können, lässt durchblicken, dass eine systematische Ausbildung am Boden und unter dem Sattel dem Pferd Stolz und Ausdruck bis ins hohe Alter verleihen können und dem Ausbilder und Zuschauer Freude für die Reitkunst und die Erhaltung von Traditionen.

INTERVIEW MIT:

Claude Barry, João Pedro Rodrigues, Rafael Soto Andrade und Arthur Kottas-Heldenberg

FEINE HILFEN: Sehen Sie Unterschiede bezüglich der angewendeten Technik der Handarbeit zwischen Ihrer und den anderen drei großen Reitschulen? Wenn ja, welche, und wodurch sind diese entstanden?
Jean-Claude Barry: Der größte Unterschied ist, dass wir das Pferd auf Kandare zäumen für die Vorführungen. Sie werden feststellen, dass die Pferde in Lissabon, Wien oder Jerez oft am Kappzaum geführt werden. Der Reiter wirkt also nicht direkt auf das Maul des Pferdes ein, sondern über den Kappzaum auf den Kopf des Pferdes. Und das Pferd wird von vorn über die Ausbinder in Haltung gebracht. Das ist ein sehr wesentlicher Unterschied.
João Pedro Rodrigues: Die von der EPAE genutzte Handarbeit unterscheidet sich fast gar nicht von der, die die Wiener Hofreitschule oder die Königlich Andalusische Reitschule nutzt. Für diese Arbeit nutzen wir Zaumzeug inklusive Trense, Kappzaum mit entsprechendem Führstrick und Ausbinder. Die Zäumung und Schulungsart von Saumur basiert auf den Lehrmethoden des Reitsports des 17., 18. und 19. Jahrhunderts. In speziellen Fällen gehen wir auch so vor. Wir nennen diese Form der Handarbeit die „Arbeit mit der Gerte“. Wenn wir so arbeiten, möchten wir die Pferde hinsichtlich der Rotation von Kruppe und Schulter sowie im Hals flexibler machen.
Rafael Soto Andrade: Wie Herr Rodrigues schon sagte, gibt es zwischen Wien, Jerez und Saumur keine grossen Unterschiede. Die Arbeit an der Hand der drei Schulen dient der weiteren Ausbildung der Pferde, fördert die Versammlung, die Piaffe kann man so gut erarbeiten und auch die Schule über der Erde. Dafür hat man sich das Kampfverhalten der Hengste zu nutzen und schließlich durch die systematische versammelnde Arbeit mit dem Pferd kontrollier- und abrufbar gemacht.
Arthur Kottas-Heldenberg: In Wien liegt bei der Arbeit an der Hand das Hauptaugenmerk auf der Piaffe und den Schulsprüngen. Trotzdem wird das junge Pferd auch schon an der Hand auf diese Arbeit vorbereitet. Das wird erreicht durch Übertreten, Seitwärtstreten oder Vorhandwendungen und Rückwärtsrichten. Durch diese Lektionen werden Geschmeidigkeit und Verbesserung der Versammlung erleichtert. Für die Handarbeit wird immer mit Kappzaum gearbeitet, wobei die Ausbinder in die Trense eingeschnallt sind.

In Spanien wird mit Kappzaum gearbeitet…


(Foto: Alain Laurioux, Die Schulen der Reitkunst, Cadmos)

FEINE HILFEN: Wie sehen Sie die Unterschiede hinsichtlich der verwendeten Pferderassen?
Rafael Soto Andrade: Das spanische Pferd war im 18. Jahrhundert sehr in Mode. Es war und ist ein sehr vielseitiges Pferd mit sehr guten Charakter und viel Mut. Außerdem war es schon immer sehr versammlungsfähig und deshalb für die Hohe Schule geeignet. Auf alten Stichen kann man dieses barocke Pferd mit spanischem Ursprung gut erkennen. Saumur dagegen hatte als Militärakademie von jeher vollblutgeprägte Pferde und richtete sich sportlich aus: Springen und Vielseitigkeit stehen dort auf dem Programm und manche Schulsprünge werden anders ausgeführt. Die dort ausgeführte Croupade (das Ausschlagen nach hinten) haben wir gar nicht. Die Franzosen stehen zudem näher an der Schulter und zeigen Schulsprünge wie die Kapriole oder Courbette alleine und nicht zu zweit am Pferd. Bei ihnen wird vieles geritten und nicht nur vom Boden aus gezeigt. Seit kurzem sieht man in Saumur auch ein paar barocke Pferde. Normalerweise arbeitet Saumur aber mit großrahmigeren Pferden: Anglo-Araber, Vollblüter und Selle Français.
Jean-Claude Barry: Das stimmt. Außerdem haben wir uns in Frankreich auch durch den Baucherismus, der die Kieferflexionen direkt auf Kandare etc. mitbrachte, anders entwickelt. Die Größe der französischen Pferde ist aber definitiv eine Schwierigkeit in der Arbeit an der Hand, da die Probleme, die sich in der versammelnden Arbeit stellen, einfach andere sind.

FEINE HILFEN: Die Portugiesen berufen sich aber auch auf Baucher – sie hatten diesen Einfluss ja insbesondere über Nuno Oliveira.
Jean-Claude Barry: Ich denke trotzdem, dass die Arbeit der anderen Schulen sehr viel näher an der Schule von Versailles und von de la Guérinière geblieben ist. Für Puristen ist das die klassischste Lehre. Und auch Oliveira ist in dieser Tradition verhaftet geblieben. Auch wenn er Baucherismus betrieben hat, mit Kieferflexionen geritten und vom Boden aus, so ist seine Arbeit doch anders als die in Saumur.

FEINE HILFEN: Und der Cadre Noir ist die einzige Schule, die die Schulsprünge ohne Ausbinder durchführt.
Jean-Claude Barry: Genau. Aber das ist Teil derselben Entwicklung. Die Sprünge sind immerhin die Königsdisziplin der versammelnden Arbeit in der klassischen Reitkunst des 18. Jahrhunderts. Danach gab es sehr vielschichtige Entwicklungen in der Reiterei generell, aber vor allem bei uns in Frankreich. Ein bisschen aufgrund der sogenannten Anglomanie (Anm. der Redaktion: Anglomanie ist die Übersteigerung der Anglophilie, also der Liebe von Nichtengländern für Englisches) begann man in Frankreich mit der Parforcejagd. Auch die Kriegsführung änderte sich. Viele dieser Änderungen führten dazu, dass wir in der Arbeit mit dem Pferd generell und insbesondere bei den Schulsprüngen begannen, uns anders zu orientieren. Sie werden feststellen, dass die sogenannte Courbette, so wie wir sie ausführen, nichts mit dem zu tun hat, was in Wien oder Jerez als Courbette bezeichnet wird. Die Courbette ist ursprünglich eine Wiener Spezialität. Der einzige Schulsprung, der bei allen Schulen gleich ausgeführt wird, ist die Kapriole. Dass das so ist, hängt mit der Entwicklung in Frankreich zusammen und einer vermehrten Orientierung in Richtung Kavallerie. Als die Schule von Saumur 1825 gegründet wurde, gab es bei uns noch zwei Reitbahnen: eine akademische und eine militärische. In der akademischen Reitbahn gab es damals noch iberische Pferde.

PREs zeigen besonderes Talent für versammelnde Lektionen.


(Foto: Alain Laurioux, Die Schulen der Reitkunst‚Cadmos)

FEINE HILFEN: Das ist sehr interessant, hier auch den historischen Zusammenhang zu sehen. Wir kennen ja alle die Arbeit in den Pilaren, aber wann sich genau die Arbeit an der Hand in ihrer heutigen Form entwickelt hat, darüber gibt es offenbar wenige Quellen.
Jean-Claude Barry: Das stimmt. Bis zum 18. Jahrhundert hatte Frankreich großen Einfluss auf die Reiterei, weil die französische Schule vor allem unter Ludwig XIV. brillant war. Das war ungefähr auch die Zeit von François Robichon de la Guérinière, der ja für alle Schulen, und vor allem auch für Wien, Vorbild ist. Die Wiener sagen von sich selbst, dass sie das Erbe dieser Reiterei pflegen. Sie arbeiten auch heute noch mit demselben Pferdetypus. Es gibt aus dieser Zeit keine Quellen zur Arbeit an der Hand, weil man darunter früher etwas anderes verstand. Die Arbeit an der Hand, so wie wir sie heute kennen, ist eine relativ junge Disziplin. Man hat zwar irgendwie schon immer mit dem Pferd an der Hand gearbeitet, die heutige Form wurde aber erst etwa im 19. Jahrhundert entwickelt. Hier findet man Beschreibungen dieser Form des Trainings bei den großen französischen Ausbildern Kerbrecht, Baucher etc. Vorher reduzierte sich die Arbeit an der Hand auf die Arbeit in den Pilaren. Und die Schulsprünge betreffend, gibt es noch eine Besonderheit: Die Sprünge werden bei uns alle mit demselben Pferd ausgeführt. In den anderen Schulen gibt es ein Pferd, das die Kapriole springt, eines, das die Pesade ausführt, und eines zeigt ausschließlich die Courbette.

… in Frankreich auf Kandare mit Unterlegtrense.


(Foto: Alain Laurioux, Die Schulen der Reitkunst‚Cadmos)

João Pedro Rodrigues: In der EPAE orientieren wir uns prinzipiell an dem Werk von Manoel Carlos de Andrade, „Die edle Kunst des Reitens“, von 1790. Hierin finden sich verschiedene Illustrationen, die auf die Nutzung der Arbeit am Kappzaum für die Handarbeit hinweisen. Sie zeigt die Arbeit der „Picaria Real“, der königlichen Reiter, immer mit Pferden der Rasse „Alter Real“ des königlichen Reitstalls in Belém (Lissabon).
Arthur Kottas-Heldenberg: Wann genau die Arbeit an der Hand in Wien das erste Mal praktiziert wurde, ist mir nicht genau bekannt. Die Handarbeit kann allein oder mit einer Hilfe, also zu zweit, ausgeführt werden. Die Arbeit zu zweit hat ganz klare Vorteile: Zum Beispiel wenn wir auf Tournee und Pferde in neuer Umgebung etwas ängstlicher sind, kann das sehr hilfreich sein. Wir arbeiten allerdings auch nicht immer zu zweit. Das Ziel ist, dass die Pferde ohne die Person, die das Pferd vorn führt, sowohl die Levade als auch die Schulsprünge Kapriole und Courbette ausführen können.

FEINE HILFEN: Um auf die Unterschiede zurückzukommen: Die anderen Schulen nutzen tatsächlich alle immer Ausbinder?
João Pedro Rodrigues: Bei uns werden die Pferde bei Sprüngen in der Vorführung immer mit Ausbindern präsentiert. Sie sind dabei nur auf Trense gezäumt und tragen den dazugehörigen Kappzaum. Das gilt auch für die vorbereitende Arbeit zur Piaffe, Pesade, Ballotade, Kurbette und der Kapriole. Wir arbeiten mit den Pferden auch in den Pilaren. Hier nutzen wir die gleiche Methode, oder das Pferd trägt ein spezielles Pilarenhalfter, das an den Pilaren angebracht ist. Wie schon erwähnt, nutzen wir allerdings außerhalb der Vorführungen zur Ausbildung der Pferde von der Remonte an auch die klassische Handarbeit auf Trense oder Kandare mit Unterlegtrense und einer Gerte.
Rafael Soto Andrade: Ich benutze nicht immer Ausbinder. Es gibt Momente, in denen ich sie einsetze aber häufig auch nicht. Ich bevorzuge es, ohne Ausbinder zu arbeiten, weil die Pferde so mehr Freiheit haben, sich besser ausbalancieren können und es der Arbeit unter dem Sattel ähnlicher ist. Eine an der Hand ohne Ausbinder erarbeitete Piaffe ist später einfacher im Sattel nachzureiten.
Arthur Kottas-Heldenberg: Für mich ist es wichtig, dass die Pferde am Kappzaum gearbeitet und korrekt ausgebunden werden, in einer Haltung, wie sie sie unter dem Reiter auch einnehmen. Dazu gehört ein Longiergurt über dem Sattel oder auch ohne Sattel, an dem man in verschiedenen Höhen die Ausbinder einstellen kann. Die Ausbinder sollen das Pferd entsprechend seiner Ausbildungsstufe in eine korrekte Haltung bringen.

Dabei muss man immer darauf achten, dass das Pferd etwas auch wirklich schon leisten kann. Nicht der Reiter, sondern das Pferd bestimmt das Tempo der Ausbildung. Die Ausbinder dürfen nicht zu tief sitzen oder zu kurz sein, weil die Pferde dann die Muskulatur falsch ausbilden würden. Und es gibt immer Ausnahmen, in denen ich keine Ausbinder einsetzen würde. Das Pferd gibt hier den Weg vor, und wenn ein Pferd Ausbinder nicht verträgt, dann muss ich als Ausbilder einen anderen Weg finden. Wir haben allerdings selten Pferde, die sich nicht ausbinden lassen. Diese kann man dann aber stattdessen z. B. an der Doppellonge anpiaffieren.

FEINE HILFEN: Warum werden die Schweife der Pferde eingeflochten? Das ist ja etwas, das man bei allen Schulen sieht.
Jean-Claude Barry: Das erleichtert die Arbeit mit verschiedenen Touchierpunkten am Pferd. Man kann so auch viel besser mal hinter der Kruppe oder hinter dem Oberschenkel touchieren, ohne dass der Schweif einen stört. Neben diesem praktischen Aspekt hat das Hochbinden des Schweifes auch noch eine psychologische Komponente: Die Pferde fühlen sich anders mit hochgebundenem Schweif und sind dadurch sehr viel aufmerksamer.
Arthur Kottas-Heldenberg: Wir binden den Schweif hoch für die Handarbeit, damit wir die ganze Hinterhand erreichen. Da gibt es verschiedene Punkte an der Hinterhand: oberhalb oder unterhalb des Sprunggelenks, höher an der Kruppe usw. Dabei arbeiten wir also nicht nach einem Schema, sondern mit Gefühl.

JOÃO PEDRO RODRIGUES

(Foto: Alain Laurioux)

… ist Reitmeister und Oberbereiter an der Portugiesischen Schule der Reitkunst, der Escola Portuguesa de Arte Equestre. Neben seiner Tätigkeit in Queluz und Belém ist João Pedro Rodrigues international tätiger Trainer, Richter der APSL (Associação Portuguesa de Criadores do Cavalo Puro Sangue Lusitano, Verband der Züchter des reinrassigen Lusitanos), Dressurrichter und Mitglied der Körkommission. In Cascais hat er seinen eigenen Zucht- und Ausbildungsstall.

ANNE WÖLERT

(Foto: Annika Wolfraum)

… beschäftigt sich seit über 20 Jahren intensiv mit der klassisch-barocken Reiterei. Auf der Suche nach alternativen Möglichkeiten zum herkömmlichen Turniersport nahm sie Unterricht bei Neindorff-Schülerin Ruth Giffels und Richard Hinrichs. Heute ist sie selbst Trainerin A und wurde für ihre sehr guten Leistungen dreimal mit der Luetke-Westhues-Auszeichnung bedacht. In Frankfurt führt sie eine Reitschule mit 25 Lehrpferden.

Kontakt: www.barocktrio.de

FEINE HILFEN: Wie positionieren Sie sich zum Pferd? Sie, Herr Barry, haben die hintere Hand immer am Pferd. Das ist ein Unterschied zu den anderen Schulen, die die Hand vom Pferd entfernt tragen.
Jean-Claude Barry: Wichtig ist es, dem Pferd beizubringen, dass es Druck weichen soll. Etwas anderes ist es, wenn ich konstant mit meinem ganzen Körper in seinen Individualbereich dränge. Das darf nicht passieren. Jeder von uns hat seine eigene „Blase“. Ich muss das Pferd aber mit der Hand berühren können. Mein Ziel ist es, mich immer im Zentrum oder etwas hinter dem Schwerpunkt des Pferdes zu befinden. Eigentlich ähnlich wie beim Reiten. Ich bleibe also auf der Höhe, wo sonst Sattelgurt und Reiter sitzen, und habe dadurch das Pferd vor mir. Die große Schwierigkeit bei dieser Vorgehensweise ist, dass das Pferd sich stärker getrieben fühlt und somit eher vorwärtsdrängt. Als Reiter hat man es leichter weiter vorn am Pferd. Das Ziel sollte trotzdem immer das Vorwärts sein und die Möglichkeit, auch die Kruppe touchieren zu können, weil dort der Motor sitzt. Eine ideale Position gibt es nicht. Wir müssen uns immer danach richten, was das Pferd macht und braucht.

FEINE HILFEN: Und wie machen das die anderen Schulen?
Rafael Soto Andrade: Manchmal positioniere ich einen Schüler vorne am Pferd und bleibe selber dahinter, um die Kontrolle über das Pferd zu erhöhen. Ansonsten bleibe ich an der Schulter, fasse den inneren Zügel kurz und führe am äußeren, der über den Hals gelegt ist. Ich positioniere mich auch ab und zu noch weiter hinten, ungefähr auf Höhe des Sattels oder sogar leicht dahinter. So hat das Pferd mehr Freiheit nach vorne und ich kann dadurch Passage- und Piaffe-Passage Übergänge verbessern. Aber das ist mein ganz persönlicher Stil. Klassisch ist die Arbeit mit Kappzaum und Ausbindern oder direkt mit dem Zügel. Dabei befindet man sich anfangs etwas weiter vorne, um das Pferd kontrollieren zu können, später ungefähr auf Schulterhöhe.
João Pedro Rodrigues: Der Reiter führt das Pferd mit dem Führzügel am Kappzaum und positioniert sich in der Regel neben der linken Schulter des Pferdes. Unterstützt ein weiterer Bereiter, positioniert dieser sich hinter dem Pferd – auf der linken Seite – und nutzt ebenfalls eine Gerte und eine Longe, die auf der rechten Seite des Kappzaums befestigt ist.
Arthur Kottas-Heldenberg: Wenn ich allein arbeite, dann führe ich das Pferd erst einmal, um zu sehen, wie und worauf es am besten reagiert. Mein Körper kontrolliert das Pferd. Zu weit vorn sollte man sich aus Sicherheitsgründen vor allem im Hinblick auf die Arbeit mit Hengsten nicht positionieren, da Hengste sehr schnell mal nach vorn ausschlagen können. Wenn ich mit einem Partner arbeite, hat dieser vorn am Pferd die Aufgabe, mich zu unterstützen, zum Beispiel bei Übergängen, sodass ich mich auf meine Arbeit konzentrieren kann. Ich selbst befinde mich dann mit der Longe hinten seitlich am Pferd. Das Ziel sollte immer die Harmonie mit einem Partner Pferd sein. Dafür braucht man immer Hilfe. Es gibt niemanden, der so gut ist, dass er keine Korrektur mehr benötigt.

FEINE HILFEN: Vielen Dank für das Gespräch.

RAFAEL SOTO ANDRADE

Foto: Céline Rogé)

… ist mit 18 Jahren als Schüler in die Hofreitschule in Jerez eingetreten und erhielt vor 32 Jahren im Anschluss an seine Ausbildung eine Festanstellung als Bereiter. Seit 2006 ist er der Oberbereiter der Show-Abteilung. Davor führte er die Sport-Abteilung und startete selber erfolgreich im großen Sport. Mit seinen beiden besten Pferden Flamenco und Invasor konnte er über 25 internationale Siege verzeichnen.

ARTHUR KOTTASHELDENBERG

… trat 1960 in die Spanische Hofreitschule in Wien als Eleve ein und war von 1995 bis 2003 Erster Oberbereiter. Heute trainiert er Reiter und ihre Pferde weltweit.

www.arthur.kottas-heldenberg.at

JEAN-CLAUDE BARRY

(Foto: Éditions Lavauzelle)

… Jahrgang 1953, wird 1983 in das Cadre Noir von Saumur berufen und ist dort über 17 Jahre als Bereiter tätig. Sein besonderes Interesse für die Reiterei nach französischer Tradition führt unter anderem dazu, dass er mehrere Bücher schreibt. 2014 erscheint ein Titel, der sich ausschließlich mit der Arbeit an der Hand nach französischer Tradition befasst.