Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 15 Min.

DIE KLEINEN UNTERSCHIEDE: Ladies and gentlemen


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 100/2019 vom 06.09.2019

Im Umgang oder bei der gemeinsamen Arbeit mit dem Pferd zeigen sich häufig deutlicheUnterschiede zwischen denGeschlechtern . Doch auch wenn vieleVerhaltensmuster von Hormonen gesteuert werden, ist jeder Vierbeinerindividuell zu betrachten


Artikelbild für den Artikel "DIE KLEINEN UNTERSCHIEDE: Ladies and gentlemen" aus der Ausgabe 100/2019 von Mein Pferd. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 100/2019

Typisch Stute oder typisch Hengst …?


Bis zu einem gewissen Grad bestimmen vor allem die Hormone das Verhalten unserer Pferde


Der Reiter bittet die Stute, befiehlt dem Wallach und konsultiert den Hengst“ – so lautet ein altes Sprichwort. Stuten gelten oft als zickig und Hengste als eher schwierig im Umgang – doch dabei handelt es sich lediglich um ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Mein Pferd. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 100/2019 von NEWS SZENE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEWS SZENE
Titelbild der Ausgabe 100/2019 von NEWS SPORT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEWS SPORT
Titelbild der Ausgabe 100/2019 von Was wurde aus …: … Neapolitano Nima I.?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Was wurde aus …: … Neapolitano Nima I.?
Titelbild der Ausgabe 100/2019 von Auf den Spuren der Eroberer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Auf den Spuren der Eroberer
Titelbild der Ausgabe 100/2019 von LESERBRIEFE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE
Titelbild der Ausgabe 100/2019 von FESSELTRÄGERSCHADEN: Und jetzt?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FESSELTRÄGERSCHADEN: Und jetzt?
Vorheriger Artikel
Was wurde aus …: … Neapolitano Nima I.?
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Auf den Spuren der Eroberer
aus dieser Ausgabe

... Pauschalurteile. Es gibt Hengste, die so gut wie kein Imponiergehabe zeigen und völlig problemlos gemeinsam mit Stuten in einer Reithalle geritten werden können. Dann wiederum gibt es die „Macho-Männer“: Hengste, die um das weibliche Geschlecht buhlen und sich kaum noch auf den Reiter konzentrieren, wenn sie von ihrem Sexualtrieb übermannt werden. Umgekehrt benehmen sich auch manche Wallache trotz Kastration hengstig, oder sie sind weitaus sensibler als so manche Stute in der Rosse. Dennoch: Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist gar nicht so klein. Dabei wird das Verhalten eines Pferdes keineswegs nur von seinen Hormonen, sondern auch von den jeweiligen Haltungsbedingungen sowie dem Umgang beeinflusst.

Fürsorglich und ernsthaft

In sämtlichen Pferdesportdisziplinen erbringen Stuten Höchstleistungen und stellen so manchen männlichen Kontrahenten in den Schatten. Sie haben oft einen enormen Willen, gepaart mit einem besonderen Durchsetzungsvermögen. Kein Wunder, denn in der freien Wildbahn übernehmen Leitstuten häufig die Führungsrolle. Ranghohe Stuten können dazu neigen, auch im Umgang die Führung an sich zu reißen, und brauchen einen entschlossenen, liebevoll konsequenten, fairen Reiter. Wer eine Stute zu etwas zwingen will, zieht meist den Kürzeren. Besonders bei sensiblen Vertreterinnen ist viel Einfühlungsvermögen und Verständnis gefragt. Eine Stute mit starkem Charakter und eigenem Kopf lässt sich bei der Arbeit gerne mal bitten, wenn eine bestimmte Aufgabe für sie keinen Sinn ergibt. Auch das soziale Verhalten unter Geschlechtsgenossinnen ist vielfach deutlich ausgeprägter als bei Hengsten und Wallachen: Stuten tragen Streitigkeiten anders aus. Meist stehen sie quiekend Kruppe an Kruppe, drücken sich gegenseitig weg oder keilen aus. In der Regel können bei gleichem Raumangebot wesentlich mehr Wallache als Stuten in einer Gruppe gehalten werden, da weibliche Pferde mehr Freiräume für sich beanspruchen. Auffällig ist zudem, dass sie weniger miteinander spielen. Wallache und Hengste integrieren sich zum Beispiel deutlich intensiver in Laufspiele. Es lassen sich regelrechte Wettrennen beobachten, die immer mal wieder von kleinen Kampfspielen unterbrochen werden. Dennoch schließen einzelne Stuten immer wieder feste Freundschaften mit Wallachen.

Es ist auch eine Frage des Charakters, der Haltung und des Umgangs


Tipps to go Unsere Tipps können Sie gratis auf Ihr Handy laden: Einfach diesen QRCode scannen und Datei speichern!

Stuten während der Rosse

Zyklusbedingt zeigen sich bei manchen Stuten deutliche Schwankungen, wobei sich der hormonelle Einfluss anders auf das Verhalten auswirkt als bei männlichen Pferden: Während der Rosse können sie unter Umständen sehr empfindlich (vor allem am Schenkel), launisch, schnell abgelenkt und weniger rittig sein. Manche Ladys halten dann aktiv Ausschau nach einem potenziellen Partner und wirken dadurch schnell abgelenkt oder unkonzentriert, wobei sich der hormonelle Einfluss nicht bei jeder Stute bemerkbar macht. „Ich hatte sowohl Stuten, bei denen man nichts gemerkt hat, als auch andere, die deutlich empfindlicher waren“, sagt die erfahrene Ausbilderin Silke Hembes. „Meine Stute Esperanza ist ein sehr kerniges, energetisches Pferd und sehr reizbar. In der Rosse ist sie das sanftmütigste, freundlichste Pferd der Welt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sehr stutige, kernigen Vertreterinnen in dieser besonderen Zeit oft sanftmütiger und die freundlichen, ausgeglicheneren eher mal ein bisschen anders als sonst sind.“ Eine Stute hat Silke Hembes in der Rosse gar nicht geritten, da sie sehr gestresst auf Impulse am Schenkel reagierte. „Ich hätte sie sehr energisch reiten müssen, was ich nicht wollte, denn ansonsten war sie ein sehr feines Pferd. Also habe ich sie in den ersten Tagen der Rosse einfach anders beschäftigt“, betont die Expertin. Nathalie Penquitt hat mit ihren Stuten durchweg die Erfahrung gemacht, dass sich die Rosse kaum bemerkbar machte, obwohl sie mit Wallachen in einer gemischten Herde standen. „Die Sensibilität hängt meiner Meinung nach nicht nur mit dem Geschlecht zusammen, sondern auch mit der Art des Umgangs mit dem Pferd. Eine gewisse Rassedisposition gibt es sicher auch“, sagt die Ausbilderin.

STUTEN IN DER ROSSE

In der Rosse zeigen Stuten ganz unterschiedliches Verhalten. Manche werden deutlich sensibler, andere ruhiger und verschmuster


Während manche Pferdedamen während der Rosse sensibler reagieren und sich deutliche Stimmungsschwankungen bemerkbar machen, werden andere Stuten in dieser Zeit anhänglicher und rittiger. Manche Pferdebesitzer bemerken hingegen nicht einmal, dass ihre Stute rosst. Doch was passiert eigentlich während der Rosse, und wie verhalten Sie sich am besten?

Mit etwa 18 Monaten sind Stuten geschlechtsreif. Ihr Zyklus wird hormonell gesteuert, aber auch durch Faktoren wie Tageslichtlänge, Temperatur, Fütterung und Haltung beeinflusst.
Mit Rosse wird der Zeitraum im Sexualzyklus bezeichnet, in dem die Stute paarungs- und empfängnisbereit ist.
Die allgemeine Zykluslänge liegt bei etwa 21 bis 22 Tagen, wobei die Dauer der Rosse sehr unterschiedlich sein und zwischen zwei bis zwölf Tagen schwanken kann.
Die Hauptrossezeit liegt zwischen April und Juni. Von November bis Februar haben viele Stuten keinen Eisprung, zeigen jedoch trotzdem manchmal Rosseverhalten.
Zu den klaren Anzeichen der Rosse zählen: Zurseitestellen des Schweifes, Breitstellen der Hinterbeine und das Anschwellen der Schamlippen. Oft blitzen Stuten dann mehrfach mit den Schamlippen und setzen kleine Mengen Harn, vermengt mit Schleim, ab. Das Blitzen kann auch extremer ausfallen.
Manche Stuten bieten sich nicht nur Hengsten, sondern auch Wallachen oder anderen Stuten an, indem sie den Schweif zur Seite stellen.
Achten Sie darauf, eine rossige Stute von Hengsten fern zu halten, da sie ein starkes Sexualverhalten provozieren kann.
Ebenso sollten Sie beim Kontakt mit anderen Pferden darauf achten, dass Sie nicht vor der rossigen Stute stehen, da es sein kann, dass diese beim Beschnuppern mit den Vorderbeinen ausschlägt.
Am besten gehen Sie stets zügig an anderen Pferden vorbei.
Reinigen Sie die Stallgasse mit Wasser von möglichem Urinabsatz, denn allein der Geruch kann die männlichen Vertreter um den Verstand bringen.
Rossige Stuten können sehr kitzelig sein, beim Reiten klemmig auf den Schenkel reagieren oder sich allgemein klemmig zeigen. Es gibt auch Stuten, die anhänglicher, verschmuster und rittiger werden.
Unter Umständen kann es sinnvoll sein, besonders empfindliche Stuten während der Rosse nicht zu reiten, sondern sie anders zu beschäftigen. So vermeiden Sie es, ein fein gerittenes Pferd unnötig zu stressen.
Silke Hembes hat in solchen Fällen sogar darauf verzichtet, an Turnieren teilzunehmen. Inwieweit die Rittigkeit von der Rosse beeinflusst wird, ist von Pferd zu Pferd verschieden.

Starke Kerle mit sozialen Kompetenzen

So mancher Hengst ist sozusagen ständig auf Droge: Die männlichen Geschlechtshormone wie Testosteron steuern den Sexualtrieb und sorgen für ein dominantes, zum Teil auch aggressives Verhalten, wobei eine gewisse Aggression völlig natürlich und artgerecht ist. Die Hormone wirken anabol und fördern den Aufbau von Muskelmasse. Optisch fallen Hengste dadurch häufig durch eine ausgeprägte Halsung auf. Auch durch ihr Verhalten lassen sie erkennen, dass sie starke Kerle sind. Wobei hier nicht die zu unrecht als typische Hengstmanieren angesehenen Verhaltensauffälligkeiten gemeint sind, denn diese sind vor allem Ausdruck einer falschen Haltung beziehungsweise eines unsachgemäßen Umgangs. Hengste sind gleichzeitig auch Beschützer der Stuten, Bewacher der Fohlen und Aufpasser für ihre Artgenossen. Sie sind also nicht einfach nur Chef, sondern sehr sozial engagierte Pferde. Allerdings konkurrieren sie auch mit anderen „echten Männern“ der Pferdewelt um die Gunst der Stuten. Dann zeigen sie Imponiergehabe und Kampfverhalten. Sowohl im Kampf als auch bei Kampfspielen sind die Abläufe sehr ritualisiert: Dazu gehören gegenseitiges Ansteigen, Niederknien, Umkreisen und Bisse in die Hinterhand. Gleichzeitig sind Hengste ohne die Anwesenheit der holden Ladys anderen Wallachen und Hengsten gegenüber meist sehr duldsam. In Deckherden spielen sie sogar oft sehr vorsichtig und hingebungsvoll mit jungen Fohlen.

Stuten haben in der freien Wildbahn eine wichtige Aufgabe. Deshalb sind sie häufig ernster, aber auch fürsorglicher als ihre männlichen Artgenossen


In einigen Hengsten steckt ein kleiner Macho, der keine Chance auslässt, die Pferdeladys zu beeindrucken oder den Chef zu spielen


Bei empfindlichen Stuten kann es sinnvoll sein, während der Rosse auf das Reiten zu verzichten und auf Longen- oder Bodenarbeit auszuweichen


Souveräner und konsequenter Umgang

Hengste fordern ein konsequentes Handeln des Menschen, das nicht mit Zwang oder Druck zu verwechseln ist. Ein souveräner, erfahrener Reiter begegnet einem Hengst mit Respekt und Einfühlungsvermögen. In der Regel fordern die echten Kerle immer wieder die Führungsqualitäten ihrer Bezugsperson ein. Das geschieht meist nicht durch offene Kampfansagen, sondern sehr subtil und beständig. Doch auch hier sind nicht alle männlichen, unkastrierten Pferde gleich. Ein Hengst, der Sport- und Freizeitpartner werden soll, lernt bestenfalls bereits im Fohlenalter, auf den Menschen zu achten. Eine wichtige Rolle spielt auch die Haltung: „Leider werden viele Hengste hierzulande nicht artgerecht gehalten, sondern in die letzten Ecken des Stalls gestellt“, kritisiert Silke Hembes und fügt hinzu: „Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass es zu Problemen kommt.“ Hingegen lassen sich die auftretenden Hengstmanieren bei sozial kompetenten und artgerechten echten Kerlen durch ein souveränes und unbeirrtes Verhalten der Bezugsperson meist sehr gut korrigieren. „Ich kenne viele Hengste, die im Umgang und im Training sehr leicht zu leiten sind, sich bemühen, ihrem Reiter zu gefallen und eine beeindruckende Energie mitbringen, die, richtig kanalisiert, zu einem tollen Reitgefühl führt“, sagt unsere Expertin. Immerhin können Imponiergehabe, Selbstbewusstsein sowie der Mut von Hengsten zu einer besonderen Ausdruckskraft beitragen.

Hengste als Light-Version

In manchen Wallachen steckt noch ein kleiner Hengst: Durch die Kastration wird ihnen zwar die Hauptquelle für männliche Sexualhormone genommen, und sie sind nicht mehr fortpflanzungsfähig. Jedoch zeigen sie abhängig davon, wann sie gelegt werden, noch entsprechende Verhaltensweisen oder Körpermerkmale. So kann es beispielsweise sein, dass sie mit anderen männlichen Pferden um die Gunst der Stuten kämpfen. Nicht immer ist das Verhalten im Training oder Umgang der Grund, warum ein Hengst gelegt wird. „Ich habe einen Wallach, der erst neunjährig kastriert wurde“, erzählt Silke Hembes. „Er war nicht sehr hengstig, aber in Bezug auf sein Verhalten ein starkes Pferd. Irgendwann fing er an, auf der Weide hin- und herzurennen, und wir hatten Angst, dass er sich verletzt. Für mich war es nie eine leichte Entscheidung, einen Hengst legen zu lassen, da es sein kann, dass er im Erwachsenenalter viel von seiner Ausstrahlung verliert. Ich kenne sogar Pferde, die nach der Kastration regelrechte Anzeichen einer Depression zeigten.“ Laut der Ausbilderin käme es dabei auch darauf an, wie der Eingriff verlaufe. Bei dem besagten Pferd verlief alles gut und als Wallach hatte er deutlich weniger Stress.

Verspielt und friedfertig

In der Regel sind Wallache aber sehr friedfertig, einfach im Umgang und oft sehr verspielt bis ins hohe Alter. Sie zeigen weniger Dominanzgehabe und sind einfacher artgerecht in eine Herde zu integrieren. Ebenso wie Hengste und Stuten leisten auch Wallache Großes im Sport. Gleichzeitig sind sie hervorragende Freizeitpartner. In der Erziehung und Ausbildung sind sie meist eher unkompliziert und stellen den Rang des Menschen nicht ständig infrage. Dafür kann es jedoch sein, dass sie weniger aufmerksam und sensibel sind als ihre weiblichen Artgenossen. Doch auch beim dritten Geschlecht lassen sich keine Pauschalaussagen treffen. Nathalie Penquitt hält in ihrer gemischten Herde nur Wallache und Stuten, und auch Silke Hembes weiß deren Qualitäten zu schätzen: „Ich war immer schon ein Fan von Stuten, und ich suche gerade eine neues Nachwuchspferd. Ich habe mich bewusst für einen Wallach entschieden.“ Der Grund: Die Ausbilderin möchte gerne an allem teilnehmen, worauf sie Lust hat. Von der Freiheitsdressur bis zur Rinderarbeit. Als Vorteile nennt sie unter anderem den Spieltrieb und die unkomplizierte Haltung von Wallachen. „Ich habe den Anspruch, einen Wallach so zu reiten, dass andere sich fragen: Ist es ein Hengst oder ein Wallach? Ich habe eine gemischte Gruppe von fünf Pferden und einen alten Hengst, der 29 Jahre alt ist und mittlerweile sehr nah an den anderen steht, da er altersmilde geworden ist. Früher wäre das nicht möglich gewesen. Noch einmal einen Hengst mit Abstand zu den anderen Pferden zu halten würde mir sehr leidtun, da mir das Leben mit den Pferden wichtiger ist als das Potenzial, das ich dann eventuell ausreizen könnte.“

Individuell trainieren

„Ich kann nicht sagen, dass ich eine spezielle Übung ausschließlich für Stute, Hengst oder Wallach empfehle“, sagt Silke Hembes, und dem stimmt auch Nathalie Penquitt zu. Als Reiter sei es wichtig zu spüren, ob ein Pferd in der Arbeit mit der Zeit durch eine Übung wachse und dabei schöner und stolzer werde, oder ob es sich nur noch verspanne. Unabhängig vom Geschlecht ist es wichtig, dass das Vertrauen zwischen Reiter und Pferd hergestellt wird und der Umgang von Respekt, liebevoller Konsequenz und Fairness geprägt ist. „Ich möchte, dass meine Pferde aus sich herauskommen, dass sie ihr Wesen und ihren Charakter zeigen“, betont Silke Hembes und fügt hinzu: „Reiter sollten sich immer mit der Natur des Pferdes beschäftigen und sich Zeit nehmen, ihr Pferd kennenzulernen. Dabei gilt es natürlich auch, die geschlechtsspezifisch möglichen Unterschiede zu beachten.“ So kann es gut sein, dass Stuten schneller lernen und sowohl Wallache als auch Hengste öfter abgelenkt sind. Dass Stuten häufig ernsthafter sind und weniger Spieltrieb zeigen, liegt in ihrer Natur. Aufgrund dessen müssen sie gegebenenfalls auch anders motiviert und ausgelastet werden als die männlichen Artgenossen. Während sich ein Wallach vielleicht darüber freut, einen Gymnastikball durch die Halle zu rollen und sich in der Freiarbeit verspielter zeigt, arbeitet eine Stute möglicherweise lieber konzentriert in kurzen Reprisen oder entspannt sich bei einer Runde durchs Gelände ohne große Anforderungen durch den Reiter.

Wallache und Hengste sind meist verspielter als Stuten. Wie sich der Spieltrieb auf das Verhalten auswirkt, hängt auch von der Persönlichkeit des Pferdes ab


Zeit, Geduld und Spaß

„Bei Stuten dauert es manchmal etwas länger, bis der Mensch ihr Vertrauen gewonnen hat, dafür ist danach auf sie Verlass“, so Silke Hembes. Da Vertrauen nicht erzwungen werden kann, ist es wichtig, Geduld mitzubringen. „Gehen Sie im Training frei und offen ohne eine feste Erwartung ans Pferd“, rät die Expertin. „Probieren Sie aus, woran Ihr Pferd Spaß hat und wie Sie es motivieren können.“ In diesem Zusammenhang muss auch das Exterieur, eine gewisse Rassedisposition und der Charaktertyp des jeweiligen Vierbeiners beachtet werden. Es gibt nämlich nicht nur die mutigen, starken Hengste, die sensiblen Stuten und die verspielten Wallache, sondern auch eher ängstliche, verhaltene echte Kerle, hengstige Stuten oder ernsthafte Wallache. Denken Sie daran: Wenn eine Übung sinnvoll und biomechanisch durchdacht eingesetzt wird, dann dient sie dem Pferd. Wenn eine Übung erzwungen wird, damit sie abgehakt werden kann, dann ist das Gegenteil der Fall.

UNSERE EXPERTEINNEN

SILKE HEMBES ist eine erfahrene Reiterin, Trainerin und Pferdephysiotherapeutin, die mit Hengsten, Wallachen und Stuten unterschiedlicher Rassen gearbeitet hat. Ein fairer Umgang mit dem Partner Pferd und eine artgerechte Haltung stehen für sie dabei immer im Vordergrund.www.silke-hembes.de

DR. MED.VET. NATHALIE PENQUITT Spezialgebiete sind die Bodenarbeit und Zirkuslektionen. Die Autorin und Ausbilderin bietet Kurse für Reiter und Pferdefreunde an. Sie hält eine gemischte Herde mit Wallachen und Stuten.www.penquitt-pferdeschule.de

LOSGELASSEN ANS ZIEL

Auch wenn viele Hengste von Natur aus einen starken Willen und einen besonderen Ausdruck mitbringen, ist es wichtig, stets Wert auf Losgelassenheit und Durchlässigkeit zu legen


Auch wenn sich so mancher Hengst aufgrund seiner Aufregung äußerst spektakulär bewegt, eine Stute mit ihrer Konzentrationsfähigkeit glänzt und ein Wallach gutmütig immer wieder Fehler des Reiters über sich ergehen lässt: Unabhängig vom jeweiligen Geschlecht, der Persönlichkeit und dem Charakter darf das gute Reiten nie zu kurz kommen.

„Gutes Reiten ist immer erst mal eher unspektakulär“, betont Silke Hembes und fügt hinzu: „Hingegen dient beispielsweise das spektakuläre Strampeln eines aufgeregten Hengstes dem Pferd weder biomechanisch noch dressurmäßig.“ Jedes Pferd ist ein Individuum mit einer einzigartigen Persönlichkeit und einem ebenso einzigartigen Charakter. Die Vorzüge, die ein Vierbeiner mitbringt, sollten als Geschenk gesehen werden. Vergessen Sie als Reiter daher nicht, auch die Grenzen Ihres Partners zu achten. So sind Kraft und Willen zwei tolle Eigenschaften, die aber schnell dazu führen, dass aus positiver Spannung Verspannung wird. Legen Sie unabhängig vom Geschlecht Ihres Pferdes immer Wert auf eine gute dressurmäßige Grundausbildung und ein entsprechend abwechslungsreiches Training. Ein verspielter Wallach wird dabei andere Anforderungen an den Reiter stellen als eine sensible Stute oder ein leicht erregbarer Hengst. Die Losgelassenheit wird aber auch von anderen Faktoren wie der Haltung beeinflusst. Gerade bei Hengsten gestaltet sich diese oft schwierig. Beim Pferdekauf sollten Sie daher auch immer bedenken, ob Sie den natürlichen Bedürfnissen des Pferdes gerecht werden können.

BUCHTIPP

Silke Hembes erklärt in ihrem Buch„Der Weg zum guten Reiten“ korrektes, pferdefreundliches Reiten detailliert und aus kleinen Bausteinen zusammengesetzt. Ihr Ziel ist es, dass Reiter die innere Logik der Reiterhilfen verstehen. Dann gelingt es, ein Pferd so zu führen, dass es gerne bereit ist, zu tun, was der Reiter möchte. In kurzen Exkursen geht sie auch auf Faktoren wie das Exterieur des Pferdes ein und stellt einzelne Übungen vor.Kosmos; 248 Seiten; 30,00 Euro; EAN: 9783440148808

HENGSTIGE STUTEN

Bei Stuten, die ein deutliches Hengstverhalten zeigen, ist es ratsam, den Hormonstatus und die Eierstöcke untersuchen zu lassen


Stuten und Wallache können in einer gemischten Herde gehalten werden. Das ist ein großer Vorteil für Pferd und Reiter


Es kann vorkommen, dass Stuten nicht nur Hengstverhalten wie Imponiergehabe zeigen, sondern auch Hengstzähne bilden. In diesem Fall hat Silke Hembes einen Tipp!

„Ich kenne mehrere Stuten, die manchmal nicht von einem Hengst zu unterscheiden waren. In der Arbeit haben sie meistens wirklich geglänzt und eine unheimliche Kraft mitgebracht. Teilweise wurden sie jedoch auch gegenüber anderen Pferden aggressiv und übergriffig im Unterricht. In solchen Fällen ist es ratsam, den Hormonstatus überprüfen und die Eierstöcke untersuchen zu lassen. Bei drei mir bekannten Stuten lag eine Eierstockdysfunktion vor.“

ZEIT ZUM ZAHNEN

Im Alter von etwa vier bis fünf Jahren brechen die Hengstzähne durch und können zu Rittigkeitsproblemen führen


Wenn die Hengstzähne durchbrechen, kann es zu Rittigkeitsproblemen kommen. Das sollten Sie wissen:

Die Hengstzähne liegen im Unter- und Oberkiefer des männlichen Pferdes, genauer im vorderen Drittel der Lücke zwischen Schneide- und Backenzähnen.
Sie können auch bei Stuten vorkommen, dann sind sie meist jedoch wesentlich kleiner und oft nur unter dem Zahnfleisch zu ertasten.
In der Regel brechen sie im Alter von vier bis fünf Jahren durch die Schleimhaut, was zu Schmerzen führen kann.
Da Hengstzähne unter natürlichen Bedingungen als Kampfzähne fungieren, mit denen dem Gegner erhebliche Verletzungen insbesondere an den Beinen zugefügt werden können, sind sie oft sehr scharf und können beim Reiten Zunge und Lippen verletzen.
Viele Pferde haben in dieser Zeit Probleme mit dem Gebiss. Darauf sollte bei der Ausbildung Rücksicht genommen werden.
Es kann sinnvoll sein, in dieser Zeit auf eine gebisslose Zäumung auszuweichen und das Pferd mit Bodenoder Handarbeit zu beschäftigen.
Hengstzähne können ganz oder teilweise abbrechen, zum Beispiel bei Rangeleien auf der Weide oder durch das Beißen in Halfter, Gitter, Heunetze und Co. Ebenso können zu tief verschnallte Gebisse einen Hengstzahn verletzen.
Die Rittigkeit sowie das Allgemeinbefinden des Pferdes können auch durch Entzündungen und Traumen eines Hengstzahnes beeinträchtigt werden.
Lassen Sie die Zähne Ihres Pferdes regelmäßig überprüfen und geben Sie ihm ausreichend Zeit zum Zahnen.

SPIEL MIT MIR

Beginnen Sie am besten zunächst am langen oder kurzen Seil mit Bewegungsspielen, damit Ihr Pferd die Regeln versteht


Wallache und Hengste sind meist verspielter als Stuten. Diese Eigenschaft können Sie nutzen, um die Bindung zu Ihrem Pferd zu stärken und es gleichzeitig zu motivieren. Wie Vierbeiner am liebsten spielen, ist auch eine Frage der Persönlichkeit.

Auf Endeckungsreise
Ihr Pferd öffnet gerne die Putzbox oder klaut andere Gegenstände? Dann beschäftigen Sie Ihren Vierbeiner doch öfter mal mit Erkundungsspielen. Diese sind aber nicht nur für neugierige Pferde geeignet. Auch ängstliche Artgenossen profitieren von der Beschäftigung fürs Köpfchen. So können Sie zum Beispiel einen Gymnastikball mit in die Reithalle nehmen, und Ihr Pferd darf ihn zunächst mit der Nase erkunden. Rollen Sie den Ball anschließend zuerst von Ihrem Vierbeiner weg und wecken Sie so die Neugier. Mit einem Lob im richtigen Moment motivieren Sie Ihr Pferd dazu, den Ball weiter anzuschubsen. Eine andere tolle Beschäftigungsmöglichkeit ist das Apportieren von Gegenständen.

Lauf mit mir
In der freien Natur laufen Pferde gerne um die Wette, toben und wechseln abrupt die Richtung. Bewegungsspiele eignen sich vor allem für lauffreudige Vierbeiner. Beginnen Sie nicht direkt im Freilauf, denn bestimmte Regeln sind wichtig. So muss sicher sein, dass Ihr Pferd genug Respekt vor Ihnen hat und es Sie nicht plötzlich umrennt. Deshalb ist es ratsam, zunächst mit Führübungen am langen und kurzen Seil zu beginnen und nicht sofort draufloszulaufen. Auch in die Longenarbeit lassen sich Bewegungsspiele einbauen: Stellen Sie Pylonen oder Tonnen auf dem Zirkel auf und üben Sie Slalom, Übergänge oder Halten. So schulen Sie auch gleichzeitig Ihre Körpersprache und verbessern die Kommunikation mit Ihrem Pferd. Genau wie beim Reiten sollten Sie auch beim Spielen mit einfachen Übungen beginnen und die Anforderungen langsam steigern.

Was fürs Köpfchen
Intelligenzspiele helfen, die Aufmerksamkeit, Konzentration und Motivation des Pferdes zu fördern. Das kann vor allem bei Vierbeinern helfen, die sich leicht ablenken lassen und sozusagen mit dem Kopf in den Wolken stecken. Eine einfache Übung ist das Suchen von Leckerlis: Dazu stellen Sie zunächst zwei Eimer auf den Kopf und verstecken unter einem die Futterbelohnung. Am besten suchen Sie sich einen Helfer, der Ihr Pferd währenddessen festhält, damit es Sie beobachten kann. Anschließend muss es den richtigen Eimer mit dem Leckerli finden. Steigern Sie mit der Zeit die Anzahl der Eimer oder stellen Sie diese an unterschiedlichen Stellen auf.

Spiegle mich
Ein Spieltipp von Silke Hembes ist das Spiegeln: „Wenn mein Pferd und ich bereits ein gutes Team sind, dann kann ich neben ihm herlaufen und ihm Übungen wie den Spanischen Schritt vormachen. Dazu hebe ich meine Beine und zeige meinem Pferd so, was es machen soll. Dadurch bekommt der Spanische Schritt eine spielerische Leichtigkeit.“

Vorsicht, bitte!
Wer seinem Pferd das Steigen beibringen möchte, sollte wissen, dass es sich dabei um ein Kampfspiel handelt. Vor allem Hengste testen so ihre Kräfte. Das natürliche Verhalten kann genutzt werden, um Lektionen wie das Steigen zu üben. Doch beginnen Sie damit nicht ohne die entsprechende Erfahrung, denn Ihr Pferd muss sich auf kleinste Signale stoppen lassen, falls es eine Grenze überschreitet.


Fotos: slawick.com (8), imago images/ PIXSELL (1)/ Frank Sorge (1)/ blickwinkel (1)/ stock&people (1)/ Panthermedia (1)/ Ingo Wächter (1), GettyImages (1), Privat (2), KOSMOS (1)