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Die Könige der Kanonen


G Geschichte Porträt - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 27.08.2021

KRUPP-DYNASTIE

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Bildquelle: G Geschichte Porträt, Ausgabe 3/2021

Gewissenlose Ruhrbarone

Patriarch Gustav Krupp von Bohlen und Halbach überblickt und überragt alle in der Familie. Später wird er als einer von 24 Hauptkriegsverbrechern des Zweiten Weltkriegs angeklagt, aber aus gesundheitlichen Gründen nicht verurteilt. Von li. nach re.: Berthold, Irmgard, Alfried, Harald, Waldtraut, Eckbert, Bertha, Patriarch Gustav und Claus. Gemälde von 1931

2. KAPITEL INDUSTRIE

Geschafft! Sie sind drin. Es ist 9.45 Uhr an diesem 9. Dezember 1987, als die Metaller den grünen Hügel Essens stürmen. Für einen Moment stocken Wut und Atem, niedergedrück von der Schwere und Ehrwürdigkeit der Holzvertäfelung und der Kristalllüster. Das Parkett schluckt den Lärm, den die stählernen Arbeitsschuhe hinterlassen. Von oben herab blickt in Öl Familie Krupp auf ihre Kruppianer hinunter. Sie stehen mit Helmen und Blaumännern in der Villa Hügel, um zu kämpfen: für ihre Arbeit, für ...

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... das Stahlwerk Rheinhausen, für ihre Zukunft.

So sieht es also im Zentrum der Firma Krupp aus, im Vorhof der Macht. So haben sie sich also hier oben eingerichtet. Kein Wunder, dass der Kaiser gerne hier weilte. Nur das Beste,

Friedrich Krupp: ein Visionär, aber auch Versager

Krupp’scher Adel. Eigentlich stiftet der Name Krupp Identifikation, Sicherheit und Herkunft. Nun aber tagt der Aufsichtsrat, weil die Firma die Hütte, die seit 1897 der Familie gehört, schließen will. Mehr als 6000 Mitarbeiter stehen damit vor dem Nichts. Vielleicht ahnen sie, dass das Ende Rheinhausens, die faktische Demontage des Ruhrgebietes nicht abzuwenden ist.

Die Protagonisten auf dem grünen Hügel treten als eingeschworenes Ensemble auf. An Emotionen, Macht und Krieg mangelt es diesem Drama »Krupp« nicht. Denn die mehr als 200-jährige Geschichte ist eng mit der Geschichte Deutschlands verwoben.

Alles beginnt mit Friedrich Krupp, der am 20. November 1811 nach englischem Vorbild eine Fabrik zur Herstellung von Gussstahl gründet. Er ist ein Visionär, aber auch ein Versager und Illusionär; vielleicht auch ein im besten Sinne Besessener, der alles auf eine Karte setzt. Krupp erschafft einen Mythos. »Alfred hat versucht, glauben zu machen, dass das alles aus dem Nichts entstanden sei«, sagt Wi r tschaftshistoriker Werner Abelshauser.

»Seit wir auf den Knopf gedrückt, Ist der Erdball ganz verrückt, Und am Ende stopft ihn Krupp, In die dicke Berta — Schwupp!«

Während des Ersten Weltkriegs: Der Dichter Frank Wedekind über den Riesen-Mörser aus Essen

Die Spurensuche führt zurück ins Jahr 1587, als ein niederländischer Einwanderer namens Arndt als Erster Erwähnung findet. Er handelt mit Wein, Eisen und Vieh. Erbe Anton verdient angeblich im Dreißigjährigen Krieg Geld mit Gewehren. Die folgende Generation mit Friedrich-Jodocus Krupp und seiner Frau Helene Amalie besitzt eine Kolonialwarenhandlung. Die Erträge legt die Witwe in Grundbesitz an und 1799 auch in das zweitälteste Eisenwerk der Region, wovon der Enkel – der Firmengründer – später profitiert.

Als die Großmutter 1810 stirbt, kann Friedrich mit ihrem Geld, dem Grundund Firmenbesitz seine Zukunft frei gestalten. Das Material, aus dem seine Träume bestehen, heißt Gussstahl. Die aufreibende Entwicklung allerdings treibt ihn an den finanziellen Abgrund. Gläubiger übernehmen gar das Wohnhaus, und die Familie Krupp zieht in das Aufseherhaus.

Das berühmte Aufseherhaus, das Stammhaus, das klein und mahnend bald den großen Hallen trotzt, als wolle es sagen: Du kannst alles erreichen. »Es möge warnen, das Geringste zu verachten, und vor Hochmut bewahren«, sagt Alfred Krupp, geboren 1812, der wie ein Marketingstratege das Unternehmen in der nächsten Generation nach vorne bringt: »Aus dem kleinen Keim der Fabrik, wo Rohmaterial en detail gekauft wurde, wo ich Prokurist, Korrespondent, Kassierer, Schmied, Schmelzer, Koksklopfer und Nachtwächter beim Zementhof und sonst noch viel dergleichen war ... ist das jetzige Werk hervorgegangen.«

Als Alfred Krupp die Firma übernimmt, ist er erst 14 Jahre alt

Er ist Realist, Heimlichtuer, Egoist, Autodidakt, Patriot. Mit gerade einmal 14 Jahren übernimmt er die Firma mit sieben Mitarbeitern – als er mit 75 Jahren stirbt, sind es 20 000. Sein Clou: der sensationslustigen Weltgemeinschaft seine Produkte darzubieten. Besonders die Riesenkanonen beeindrucken auf den Weltausstellungen – und beängstigten das Publikum am Vorabend des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71.

Anfangs mag das preußische Militär nicht mit den Essenern zusammenarbeiten, aber Alfred will mit Rüstung für volle Auftragsbücher sorgen. Schließlich dichten ihm die Zeitungen ab 1864 den Beinamen »Kanonenkönig« an.

Ein Fluch, der die Familie nicht mehr loslässt. »Der Mythos Krupp ist mit dieser Eigenschaft als Waffenschmiede verbunden. Mindestens zur Hälfte ist er im Ausland gepflegt worden, ansonsten hatte ihn bereits Alfred inszeniert«, sagt Historiker Abelshauser. Aber mit Politik hat das alles nichts zu tun, zumindest Alfred glaubt fest daran: »Wir haben keine Zeit für Politik, Lektüre und dergleichen.«

Mit nahtlos geschmiedeten und gewalzten Eisenbahnreifen aus Gussstahl erobert die Firma sogar den Wilden Westen. Kein Wunder, dass 1875 Alfred ein neues Markenzeichen aus diesen »Ringen« kreiert, dem sich die »Untertanen« treu ergeben.

Wo es begann

In diesem Holzhaus werden 1812 die Krupp-Werke gegründet. Schon bald entstehen immer mehr Schornsteine. Foto von 1923 aus der Zeit der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen

Das Fachwissen der Angestellten entlohnt er durch hohe Gehälter oder die betriebliche Kranken- und Sterbekasse sowie die Pensionskasse. »Sie sollen an die Fabrik gekettet sein durch Neigung und Interesse«, sagt er. Wer nicht sauber lebt, eine linke Zeitschrift liest oder aufsässig ist, kann sein Heim in den Krupp-Siedlungen verlieren. Kontrolleure klopfen unangekündigt an Wohnungstüren – was wäre gewesen, wenn er seine Idee von der Geheimpolizei verwirklicht hätte?

1873 zieht die Familie in die Villa Hügel inklusive der vom Oberhaupt selbst geplanten Heizungsanlage.

»Erfolgreichster Krupp-Chef war Friedrich Alfred. Er hat die Produktionsskala im Bereich neuer Industrien erweitert, hat die Wissenschaft in die Produktion eingebracht und hat den Bestand am Markt gesichert«, sagt Historiker Abelshauser. Friedrich Alfred Krupp, geboren 1854, zeigt Talent in Verhandlungen und als Vermittler. Ein Grübler, sympathisch und introvertiert, der anfangs im Schatten des Vaters untergeht. Die Presse berichtet sensationslüstern über homosexuelle Orgien auf Capri. Begeht er wegen solcher Berichte Selbstmord? Am 22. November 1902 stirbt der Firmenchef.

Mit den Nazis kehrt die Firma zur »ehrenvollen Tradition« zurück

Es folgt eine Frau mit Sonderlizenz: Der König erlaubt Bertha und ihrem Mann Gustav von Bohlen und Halbach, dass der Firmenname dem ihren voranstehen darf. Im Ersten Weltkrieg profitiert die Firma wieder von der Rüstung. Anschließend darf sie laut Versailler Vertrag nur noch Landmaschinen und Lastwagen produzieren, während Gustav ins Gefängnis muss.

Wiederholt sich Geschichte? Zwar fördert die Familie die Nationalsozialisten zunächst nicht, aber dann gibt sie der Versuchung nach. Bereits im Geschäftsbericht 1934/35 ist zu lesen: »Erstmalig nach jahrelanger Unterbrechung haben wir auch wieder größere Aufträge der deutschen Wehrmacht ausgeführt und sind damit zu einer ehrenvollen Tradition unseres Hauses zurückgekehrt.« Nicht ohne Grund haben sich Ausdrücke wie »Waffenschmiede des Reiches« oder »Hart wie Kruppstahl« ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Im Zweiten Weltkrieg beutet Krupp 100 000 Zwangsarbeiter aus.

Nach dem Untergang des NS-Staats wird Gustav als einer der Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagt (das Verfahren aufgrund seines Gesundheitszustands jedoch ausgesetzt). Sein Sohn Alfried muss ins Gefängnis. Als er einmal während seiner dreijährigen Haftstrafe gefragt wird, wie er angeredet werden wolle, sagt er: »Nennen Sie mich Krupp, deswegen bin ich hier.«

In den 1960er-Jahren spielt der Konzern wieder oben mit. Aber der erste Krupp ist kein Krupp mehr. Alfried hat 1953 Berthold Beitz als Generalbevollmächtigten in die Firma geholt. Beitz ist offen, loyal und hatte im Zweiten Weltkrieg Hunderten Juden das Leben gerettet. Dafür verzichtet der letzte Krupp, der 1938 geborene Arndt, auf sein Erbe. Heute existiert Krupp weiter im Stahlunternehmen Thyssenkrupp. Dieses Jahr soll wieder ein Werk geschlossen werden. Einen Arbeitersturm wird es wohl nicht geben.

FILMTIPP

Carlo Rola (Regisseur): »Krupp – Eine deutsche Familie«. 2 DVDs, Leonine 2009, € 11,99