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Die Könige der Ozeane


HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 19.03.2020

Die intelligenten Tiere, die wegen ihrer seltsamen Anatomie für uns wie ALIENS wirken, geben Forschern noch immer Rätsel auf


TINTENFISCHE

Artikelbild für den Artikel "Die Könige der Ozeane" aus der Ausgabe 2/2020 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 2/2020

GIGANT DES PAZIFIKS
Der Pazifische Riesenkrake kann bis zu 270 Kilogramm schwer werden

NACHTSCHWÄRMER
Der Großflossen-Riffkalmar ist nachtaktiv und kann leuchten

NACHWUCHS
Ein frisch geschlüpftes Krakenbaby. Oktopusse legen bis zu 100.000 Eier

3 HERZEN pumpen blaues BLUT

Welch ein Idyll! Ein schillernder Sardinenschwarm flitzt rund um einen dunklen Felsen, farbenfrohe Kaiserfische schweben durch das Blau. Aber was ist das? Ein Teil des Felsens beginnt plötzlich, sich ...

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... zu bewegen. Arme und Augen werden sichtbar – ein eben noch perfekt getarnter Oktopus verlässt sein Versteck. Als er über den Boden schwimmt, wechselt seine Farbe von Dunkelgrau zu Sandhell. Und noch während er sich auf eine Koralle zubewegt, geht das Farbspiel in die nächste Runde. Der Krake wird rötlich braun, auf seiner Haut bilden sich zudem Ausstülpungen, die den kleinen, hellen Zweigen der Koralle ähneln. An seinem Ziel angelangt, hebt der Krake sich kaum noch von der Koralle ab.

Den minutenlangen Farbwechsel eines Tintenfisches beobachten zu können ist für Taucher ein Erlebnis, das tief beeindruckt, verwirrt und auch Demut hervorruft. In Bruchteilen von Sekunden können die Tiere nicht nur ihre Farbe ändern, sondern auch komplizierte Muster auf ihre Haut zeichnen und große oder kleine Knubbel ausbilden, mal vereinzelt, mal dicht beieinander – je nachdem, wie die Umgebung aussieht, an die sie sich anpassen. „Ein Chamäleon ist dagegen eine lahme Krücke“, sagt der Meeres weltexperte Heinz Krimmer. Er ist Sporttaucher, Journalist, Buchautor, Dozent und hat gerade ein Buch über Tintenfische geschrieben: „Aliens der Ozeane“ (siehe Buchtipp S. 62). Der Titel passt aus zweierlei Gründen. Einerseits sind Tintenfische aus menschlicher Sicht so seltsam anmutende Kreaturen, dass man meinen könnte, sie stammten von einem fernen Planeten. Andererseits geben sie der Wissenschaft noch immer große Rätsel auf und bleiben daher bis heute weitgehend unbekannte Wesen.

WINZLINGE UND RIESEN

Etwa 800 verschiedene Tintenfischarten haben Forscher bislang identifiziert. Man unterscheidet drei große Familien: Kraken beziehungsweise Oktopusse (beide Bezeichnungen werden synonym verwendet) mit acht Armen, Kalmare und Sepien mit jeweils zehn Armen. Hinzu kommen Tintenfischgruppen mit weitaus weniger Vertretern, wie etwa Posthörnchen oder Vampirtintenfische (siehe Grafik rechts). Einer der kleinsten bekannten Kopf füßer ist der sechs Millimeter messende Pygmäenkalmar, zu den größten gehören der Riesenkalmar, bis zu 14 Meter lang (einschließlich Tentakeln), und der Koloss-Kalmar (zehn Meter lang, 750 Kilo). Diese Giganten unter den Weichtieren kommen in der Tiefsee vermutlich häufig vor, den Menschen zeigen sie sich nur selten. Immerhin: Einen Pazifischen Riesenkraken (knapp zehn Meter groß, bis zu 270 Kilo schwer) können Besucher des National Aquarium in Baltimore, USA anschauen, seit dem Jahr 2018 hat er dort eine neue, extragroße Behausung. Dass er allein ist, macht ihm nichts, Oktopusse leben als Einzelgänger. Ein Großteil der Arten ist bis heute wohl noch unentdeckt, denn die meisten leben in der Tiefsee, zwischen 200 und 1000 Metern unter dem Meeresspiegel.

Weitgehend erforscht haben Biologen bereits, wie der anfangs beschriebene Farbwechsel funktioniert: Die Haut der Tintenfische besteht aus mehreren Schichten. In der obersten sitzen Zellen mit Pigmenten, sogenannte Chromatophoren, die von Muskelzellen umgeben sind. Ziehen die sich zusammen, wer den auch die Pigmentzellen kleiner, die Farbe verschwindet. Weiten sich die Muskelzellen, kommt die Farbe zurück. Jede Chromatophore hat eine direkte Nervenverbindung zum Gehirn – beim Gemeinen Kraken sind es 230 pro Qua dratmillimeter. Darunter liegt eine Schicht mit spiegelartigen Zellen, die Licht und Farben aus der Umgebung reflektieren können. Die Farbveränderungen steuert der Tintenfisch bewusst, das Gehirn diktiert der Haut, an welches Umfeld sie sich anzupassen hat, sei es die aktuelle oder eine, die er erst ansteuert.

BEGEGNUNG
Oktopusse sind Einzelgänger, aber neugierig auf Menschen

WARNUNG
Die Flecken des giftigen Blauringkraken signalisieren: Lass mich in Ruhe!

STREITHÄHNE
Zwei kämpfende Sepien – und rund herum friedliche Schwarmfische

So gut dieses Farbspiel untersucht ist, bleibt eine Erkenntnis doch erstaunlich: Die Augen der Tintenfische sind farbenblind. Dafür können viele nicht nur mit den Augen, sondern mit dem ganzen Körper sehen. Ihre Haut ist lichtempfindlich, sie reagiert ohne Zutun der Augen auf Helligkeit und Dunkelheit.

FOTOS: S. 58 – 59: ©NATIONAL AQUARIUM, GREG LECOEUR/NATIONAL GEOGRAPHIC IMAGE COLLECTION; S. 60 – 61: PAUL TUAZON/SHUTTERSTOCK, DAVID FLEETHAM/NATURE PICTURE LIBRARY, R. DISCHERL/BLICKWINKEL; S. 62 – 63: STEVE DE NEEF/NATIONAL GEOGRAPHIC IMAGE COLLECTION, GERALD NOWAK/VARIO IMAGES, ©SOL90IMAGES

GEFAHR
Die winzigen Blauringkraken sind toxisch

Tintenfische werden auch Kopffüßer genannt (fachsprachlich: Cephalopoden), denn ihre Tentakel gehen vom Kopf ab. Auch sonst hat ihre Anatomie wenig mit dem zu tun, was wir von anderen Lebewesen kennen. So haben sie zum Beispiel drei Herzen: Zwei kleine an den Kiemen sorgen dafür, dass das Blut schnell zu den Atmungsorganen kommt und mit Sauerstoff angereichert wird, das große Hauptherz pumpt es sodann in den gesamten Körper. Dieses Blut ist blau, statt eisenhaltigem Hämoglobin enthält es kupferhaltiges Hämocyanin, das Sauerstoff in kaltem Wasser besser bindet.

SCHLAU UND LERNFÄHIG

Kopffüßer schwimmen grundsätzlich rückwärts. Die acht Arme der Oktopusse sind mit 1600 Saugnäpfen ausgestattet. Diese geben dem Tintenfisch Halt und helfen, Beutetiere zu fixieren. Vor allem aber sorgen sie dafür, dass der Krake mit seinen Armen fühlen, schmecken und riechen kann. Jeder Saugnapf enthält 10.000 Neuronen. Insgesamt, so schreibt Experte Heinz Krimmer in seinem „Alien“- Buch, befinden sich auf einem einzigen Arm „bis zu 40 Millionen Rezep toren, die Signalmoleküle aufnehmen können“. Nur 40 Prozent der Neuronen eines Oktopus’ versammeln sich im Gehirn. „Dieser Befund lässt zwei Interpretationen zu“, so Krimmer. „Das Gehirn ist dezentral über den Körper verteilt oder es gibt ein Haupthirn im Kopf und acht Nebenhirne in den Armen.“

Allen Tintenfischen eigen ist ein Gift, mit dem sie ihre Opfer lähmen, um sie dann gern bei lebendigem Leib zu verspeisen. Für Menschen kann jedoch nur eine einzige Gattung gefährlich werden: der Blaugeringelte Krake. Die nur bis zu 5,5 Zentimeter kleinen Tiere (bis zu zehn Zentimeter einschließlich Tentakeln) könnten mit dem in einem einzigen Biss verabreichten Nervengift theoretisch mehr als 20 Menschen töten. „Oft genug wurde die Todesursache nicht erkannt“, schreibt Krimmer, „denn der Biss ist schmerzlos und kaum zu sehen. Ertrinkt das Opfer aufgrund der Lähmungen, vermutet kaum jemand einen kleinen Oktopus als Todesursache.“ Vergleichsweise unspektakulär ist die namensgebende Tinte, über die alle Kopffüßer verfügen. Sie dient der Verteidigung gegenüber Fressfeinden, wenn die Tarnung allein nicht reicht. Eine ausgestoßene Tintenwolke raubt dem Verfolger die Sicht, manchmal ist auch Gift beigemischt, das den Feind benebelt.

Mit ihrer Intelligenz verblüffen Tintenfische Sporttaucher und Forscher immer wieder. Vor allem Oktopusse sind gewitzt und lernfähig. Sie benutzen Werkzeug, beweisen Neugier und stibitzen unvorsichtigen Tauchern auch mal die Unterwasserkamera, um sie sodann zu untersuchen, zu umklammern und auf Nimmerwiedersehen damit zu verschwinden. Kraken betasten aber auch Menschen und erkennen sie nach Tagen wieder. „Man kann mit ihnen sehr gut kommunizieren, das ist eindrucksvoll und ganz anders als bei Fischen“, sagt Heinz Krimmer. Es gibt sogar Untersuchungen, die belegen sollen, dass Oktopusse ein Bewusstsein von sich selbst besitzen.

Die meisten erreichen ein Alter von nur etwa einem Jahr. Das ist vielleicht das größte Rätsel, das die Cephalopoden der Wissenschaft aufgeben: Warum haben intelligente, lernfähige Tiere ein so kurzes Leben?

BUCHTIPP

Mit vielen Infos, tollen Bildern und Humor erklärt Autor Heinz Krimmer die Welt der Tintenfische. Kosmos Verlag, 208 Seiten, 25 Euro

SO VIELFÄLTIG SIND TINTENFISCHE

Vampirtintenfische Vampyromorpha

Cirrentragende Kraken Cirroctopoda

Kraken Octopoda

Posthörnchen Spirulida

Sepien Sepiida

Kalmare Teuthida