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DIE KRAFT DER VERLETZLICHKEIT


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 14.09.2022

CULTURE

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BLICK VON OBEN Marilyn im März 1955 auf dem Balkon des ?Ambassador Hotels? in New York. Sechs Monate vorher hatte sie ihre eigene Produktionsfirma gegründet.

Wagen wir ein Fantasieexperiment: Stellen Sie sich vor, es würde in diesem Moment an Ihre Tür klopfen. Sie erwarten niemanden, aber weil das Klopfen irgendwie sympathisch klingt – so sachte, fast melodiös – , öffnen Sie. „Hi!“, sagt Marilyn Monroe und strahlt Sie mit ihren weißen Zähnen an. Wie ein kleines verstrubbeltes Vögelchen sieht sie aus, eine weißblonde Strähne ist ihr ins gepuderte Gesicht gefallen und kitzelt wohl an der Nase – sie versucht, die Locke wegzupusten, was irgendwie rührend aussieht und kindlich. Während Sie noch verblüfft feststellen, wie klein die berühmteste Frau der Welt ist (über ihre Körpergröße gibt es unterschiedliche Angaben, sie selbst sprach mal von 1,63 Meter) und dass sie so gar nicht wie ein glamouröser Weltstar wirkt, sondern wie ein fremdes Wesen aus Eierschalen gemacht, ist sie schon in Ihrer Wohnung verschwunden. Sie folgen dem Duft von „Chanel N⁰ 5“ ...

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... ins Wohnzimmer, wo sie es sich schon auf der Couch bequem gemacht hat, die Stilettos von Ferragamo hat sie abgestreift, die nackten Füße untergeschlagen. Nun blickt sie aus ihren großen, graublauen Augen unter dem perfekten Lidstrich umher, und Sie registrieren verblüfft, dass an dieser Person in der karierten Capri-Hose und dem dunklen Kaschmir-Pulli nichts deplatziert wirkt – sie hat vielmehr so etwas zeitlos Schönes und gleichzeitig Einzigartiges, dass sie noch in 30 Jahren als Trendsetterin umherspazieren könnte. Als Beleg dafür werten Sie zum Beispiel die Tatsache, dass das Gesicht der Monroe neulich als Siebdruck von Andy Warhol für 195 Millionen Dollar versteigert wurde. Ihr Konterfei ist nun das teuersten Kunstwerk des 20. Jahrhunderts.

Mehr als 600 Bücher und Doktorarbeiten sind über sie erschienen, über ihre Rolle als Sexsymbol, ihren Einfluss auf die Mode und auf die Psychoanalyse wurde nachgedacht. Viele Stars wie Madonna und Nicole Kidman wollten sie verkörpern, sogar sehr junge wie Billie Eilish. Lady Gaga kopierte 2011 das legendäre Geburtstagsständchen für John F. Kennedy bei einer Feier für Ex-Präsident Bill Clinton. Es ist schon ein Phänomen: Die berühmteste Frau der Welt lässt uns nicht los. Sicher, da sind die tragischen und ungelösten Umstände ihres frühen Todes mit 36, nackt und auf dem Bauch liegend ist sie am 4. August 1962 gestorben, die rechte Hand noch am Telefonhörer. „Probably suicide“ steht in ihrer Akte, Todesursache und der Zeitpunkt bleiben mysteriös, unauffindbar ihr rotes Notizbuch und das Glas, in dem sich das Wasser befand, mit dem sie die Schlafmittel herunterspülte. Stunden vorher wurde Robert Kennedy in ihrem Haus gesehen, damals Justizminister und Feind des Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa, der Verbindungen zur Mafia hatte. Außerdem war Marilyn schon im Visier des FBI, seit sie mit dem „Kommunistensympathisanten“, dem Dramatiker Arthur Miller, verheiratet war – die Legendenbildung läuft aktuell zu ihrem runden Todesdatum wieder auf Hochtouren.

Aber da ist auch ihr einzigartiges, verblüffendes Wesen: Keine andere Frau vereint stärker den Gegensatz von Fragilität und Stärke, Ehrgeiz und Verzagtheit, Erotik und Unschuld, Armut und Glamour. Beamen wir uns zurück ins Wohnzimmer: Es heißt, Marilyn sei auf unnachahmliche Weise „in ihrem Körper zu Hause“ gewesen, sie wirkte authentisch (nicht zuletzt wegen ihres Studiums des Method Actings bei Lee Strasberg, der ihr einschärfte: „Du bist ein menschliches Wesen. Also geh von dir selbst aus!“). Marilyn hätte keine Insta-Filter verwendet, ihre Anziehungskraft war auf natürliche Weise vorhanden, und säße man ihr gegenüber, spürte man das in seiner Seele. „Frauen empfanden das Gleiche wie Männer, wenn sie ihr begegneten“, erzählt Jane Russell („Gentlemen prefer Blondes“) dem Journalisten Anthony Summers auf seinen „ungehörten Bändern“. Ihre sinnliche Aura, ihre Verletzlichkeit – da war keine „Bitchiness“. Und das können wir von ihr lernen: Wäre es nicht wunderbar, wenn Frauen in anderen Frauen die Verwundbarkeit sehen könnten, die in Wahrheit jeder Mensch in sich trägt, statt eine Schwäche zu wittern und diese auszunutzen? Wenn wir die andere in ihrer Menschlichkeit erkennen? Kein anderes Outfit hat wohl jemals die Zerbrechlichkeit und Nacktheit und gleichzeitig den Glamour des Superstars so augenscheinlich zum Ausdruck gebracht wie das legendäre Happy-Birthday-Mr-President-Kleid, das Marylin zum 45. Geburtstag von John F. Kennedy nur drei Monate vor ihrem Tod getragen hatte. 2016 wurde es zu einem Rekordpreis von 4,8 Millionen Dollar an ein Museum versteigert. Gerade hat es die mit 329 Millionen Followern wohl berühmteste Instagrammerin der Welt Kim Kardashian auf der Met Gala ausgeführt.

Marilyn muss ein liebenswerter Mensch gewesen sein, ihr zweiter Mann Joe DiMaggio blieb ihr nach der nur neunmonatigen Ehe sehr verbunden, ihn reute vermutlich seine Eifersucht tief. Nach ihrem Tod schickte er noch jahrzehntelang jede Woche rote Rosen an ihr Grab. Woher nahm sie diese Liebenswürdigkeit? Sie überstand elf (!) Pflegefamilien, dazwischen immer wieder wochenweise Waisenhäuser. Die Mutter war schizophren, der Vater unbekannt, und als sie sechzehn war, arrangierte ihr geliebter weiblicher Vormund kurzerhand eine Hochzeit mit dem Nachbarsjungen, weil sie plante, in einen anderen Bundesstaat zu ziehen – ohne ihr Mündel. Der Ehemann aber ging zur Handelsmarine, und die zurückgelassene Norma Jeane heuerte in einer Fabrik für Rüstungsgüter an, um sich über Wasser zu halten. Wie kann ein Kind, eine junge Frau überhaupt verkraften, immer wieder emotional enttäuscht zu werden? Die meisten würden daran zerbrechen. Marilyn, die von Pflegeeltern als Kind oft im Kino geparkt wurde, kämpfte für ihren Traum – sie hatte ein Ziel, und dieses hielt sie im guten Sinne am Leben. „Ich will nur wunderbar sein“, eine gute Schauspielerin, erzählt sie dem Chefredakteur der französischen „Marie Claire“, Georges Belmont. „Ich weiß, dass das einige zum Lachen bringen wird, aber es stimmt.“ Sie ging eisern ihren Weg, spann ein Netz von Beziehungen, nachdem ein Propagandafotograf sie als Model entdeckt hatte, als sie am Fließband Flugzeugteile lackierte. Sie ließ sich die Lider liften, die Nase korrigieren, den Haaransatz verschieben, vielleicht auch – damals lebensgefährlich – Silikon in die Brüste spritzen. Ihre Ausstrahlung zog Männer an, und Männer verfielen ihr, empfahlen, ja, reichten sie weiter, bis zu den Bossen der Hollywood-Studios, die nichts dabei fanden, jun- ge Schauspielerinnen auszunutzen; sie zu vergewaltigten und ihnen schäbige Verträge anzubieten (in „Gentlemen prefer Blondes“ bekam sie ein Zehntel der Gage von Jane Russell) – ein unfassbar stabiles, auf stummer Übereinkunft basierendes, patriarchalisches System, das erst 70 Jahre später bröckeln sollte. Von Selbstzweifeln geplagt sein, aber dennoch zu sich selbst stehen – auch das können wir von ihr lernen in einer Zeit, in der um uns herum nur noch wenig berechenbar und sicher scheint und wir uns mehr denn je auf uns selbst verlassen müssen. Marilyn verzichtete auf Empfänge und Pressevorführungen und ging zur Uni, hörte Geschichts- und Literaturvorlesungen, las die großen Dichter, wenn sie nicht gerade Schauspiel- und Gesangsunterricht nahm. Wahrscheinlich schleppte sie heute eine pistazienfarbene „Bucket Bag“ mit sich herum: Eine Ukulele steckte darin (sie besaß viel Selbstironie, ließ sich für eine ironische PR-Kampagne der 20th Century Fox in einem Kartoffelsack fotografieren), ein Buch über Brotbacken (tat sie gern), ein JazzLexikon, James Joyces „Ulysses“. Arthur Miller war von ihrer Wissbegierde fasziniert, schon Jahre vor der Hochzeit versorgte er sie mit Buchempfehlungen, später hörten sie an Wochenenden Jazzplatten. Es kann einem der Gedanke kommen, dass Marilyn noch leben könnte, wäre sie nicht mit nur 36 Jahren unter bis heute ungeklärten Umständen gestorben, und dass sie viel erreicht haben könnte: Ihre eigene Produktionsfirma „Marilyn Monroe Productions“, die sie mit dem Fotografen Milton Greene gründete, von dem auch das Motiv des aktuellen MADAME-Covers stammt, wäre als Akt der Emanzipation und Auflehnung geglückt und hätte die #metoo-Welle nicht erst vor fünf Jahren losgetreten. Sie hätte sich selbst gute Rollen auf den Leib schreiben, oder wie bei „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“, gemeinsam mit Miller an Drehbüchern arbeiten können: Ihre Darstellung der Roslyn ist noch heute die einer modernen Frau, die sich in einer Männerwelt behauptet und ihre Ambivalenzen und Menschlichkeit nicht verstecken will. Wäre die Persönlichkeit Marilyns bei den Dreharbeiten durch Medikamente und Alkohol nicht schon so zerstört gewesen, hätte sie diese Rolle genießen können. Miller und sie hätten die fortschrittliche Beziehung führen können, die sie geplant hatten: Eine von Kreativität geprägte, in der jeder sein Ding macht und beide davon profitieren. Sie hätte sich auch nicht mehr auf die Sexy-Dummchen-Rollen festlegen müssen, in denen die Hollywood-Bosse sie so gern sahen – und sie in einen dramatischen Zwiespalt stürzten, weil ihr Unschuld nichts bedeutete, sondern Klugheit. „Die Liebe und die Arbeit sind die einzig wahren Dinge, die uns erreichen im Leben“, erzählt sie zwei Jahre vor ihrem Tod der „Marie Claire“. Wenn wir Marilyn heute betrachten, spüren wir unsere eigenen Widersprüche und vielleicht auch unsere Wut auf immer noch unfaire Zustände der Gegenwart.

„Mein Mythos besteht aus vielen Missverständnissen“, sagt die Marilyn auf der Couch gerade. „Ähm – haben Sie zufällig ein alkoholfreies Bier im Kühlschrank?“ Sie nicken. Und während Sie zur Küche gehen, haben Sie das Gefühl, dass Sie in den nächsten Stunden noch viel fürs Leben lernen werden.

Schwerer Start

„Sie war zu sanft, um Schauspielerin zu sein“, sagte ihr erster Ehemann James Dougherty in einem Interview. Am 1. Juni 1926 als Tochter einer labilen, alleinerziehenden Mutter geboren, wuchs Marilyn in Pflegefamilien auf, mit 16 Jahren heiratete sie zum ersten Mal. Ihr Leben lang litt sie unter ihrer Herkunft und hatte panische Angst vor psychischen Erkrankungen.

AUTORIN

Bettina Wündrich war fasziniert, wie die US-Schriftstellerin Joyce Carol Oates Marilyn im Roman Blond literarisch in drei Frauen spaltet und zeigt, warum Norma Jeane scheitern musste. Der Ecco-Verlag, der nur Frauen beschäftigt, legte das Buch gerade in toller Ausstattung wieder auf (Ecco, 26 Euro).