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DIE KRAFT KOSMISCHER KLÄNGE


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 29.09.2022

Reissues

Im Mai 1971 spielten sie vor den Kameras des „Beat-Club“ das kosmische „Rückstoß Gondoliere“: Michael Rother, Klaus Dinger und Florian Schneider-Esleben, zu diesem Zeitpunkt die offizielle Besetzung von Kraftwerk. Doch die Affäre währte nur einen Sommer. Schon wenige Monate später produzierten Dinger und Rother zusammen mit Conny Plank in Hamburg das Debütalbum von Neu! (★★★★★ ) – bis heute ein Großwerk der experimentellen Rockmusik. Stücke wie „Hallogallo“ und „Negativland“ inspirierten seitdem unzählige Musiker, von David Bowie bis Stereolab. Rothers sphärisches Gitarrenspiel und der minimalistische Beat, den Dinger ins Schlagzeug drosch, bildeten eine kontrastreiche Einheit. „Motorik“ nannten das Musikjournalisten später – ein Begriff, den die Musiker selbst aber nie verwendeten. „Im Glück“ ist ein gelungenes Beispiel für Ambient Music vor Eno. Bemerkenswert ist auch das Pop-Art-Design, ...

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 10/2022

Neu!: Michael Rother und Klaus Dinger
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... das sich auf den folgenden Alben mit nur minimalen Änderungen wiederholt.

Mit „Neu! 2“ (★★★★☆) wollten Dinger und Rother an den beachtlichen Erfolg des Vorgängers anknüpfen. „Für immer“ rollt schwerelos weiter in die vom Debüt definierte Zukunft des Rock. Das überraschend heftige „Lila Engel“ ist ein wilder Tanz, der seinerzeit unter Freund:innen harter Drogen angeblich sehr beliebt war. Doch die zweite Seite des Albums empfanden viele Kritiker als Zumutung. Es war halt tatsächlich so, wie es die Musiker aufs Cover schrieben: „‚Neuschnee‘ und ‚Super‘ sind Titel einer Single, die wir im Oktober 1972 veröffentlicht haben. Mit Ausnahme von ‚Cassetto‘ sind alle Titel dieser LP-Seite Variationen der Single. Nebengeräusche, Kratzer usw. sind beabsichtigt.“ Neu! war mitten in der Produktion das Geld ausgegangen. In ihrer Not griffen sie zur damals in Europa noch unüblichen Remix-Technik, die sich hier aber zu oft im Spiel mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten erschöpft. „Neu! ’75“ ( ★★★★☆) ist das geradlinigste und kraftvollste Album des Duos, es zeigt aber auch, wie sehr sich Rother und Dinger inzwischen voneinander entfernt hatten. Mit ruhigen Stücken wie „Isi“ und „Seeland“ trägt die erste Seite ganz Rothers melodisch schwebende Handschrift und erinnert so an Harmonia, das gemeinsame Projekt mit Roedelius und Moebius, bei dem gelegentlich auch Brian Eno vorbeischaute. Die zweite Seite des Albums wird dominiert von Klaus Dingers Protopunk, der vom Schlagzeuger Hans Lampe und Bruder Thomas Dinger wuchtig unterstützt wird. Mit diesen beiden Musikern machte Dinger danach als La Düsseldorf weiter, während Rother mit Conny Plank und Jaki Liebezeit ein paar exzellente Soloalben einspielte.

Neu!

50!

GRÖNLAND

★★★★☆

Mitte der Achtziger gingen die beiden Musiker noch ein letztes Mal zusammen ins Studio – leider ohne den ausgleichenden Conny Plank. „So waren wir immer konfrontiert. Der eine sagte: Ja. Der andere: Nein“, erinnert sich Rother viele Jahre später. Und natürlich gab es Streit, die Bänder wurden aufgeteilt und versiegelt. Doch Dinger hielt sich nicht an die Absprachen und verkaufte seinen Teil der Aufnahmen an das japanische Label Captain Trip, das die halb fertigen Tracks als „Neu! 4“ veröffentlichte. Erst 2010, nach Dingers Tod, erschien auf Grönland eine von Rother komplett überarbeitete offizielle Version des Albums, „Neu! ’86“ (★★★★☆ ), die mit den Klassikern leider nicht mithalten kann.

Ebenfalls im „50!“-Boxset von Grönland enthalten ist ein Doppelalbum mit Coverversionen und Remixen. Mogwai, Idles, Yann Tiersen und sieben weitere Bands und Künstler geben sich redliche Mühe. Die eigenwillige Großartigkeit der Originale erreichen sie jedoch nicht.

The Libertines

Up The Bracket

Deluxe-Box zum 20. Jubiläum des Wunderwerks

★★★★★

Womöglich entspricht dieser Deluxekasten zum 20. Jubiläum des Albums nicht dem Geist der Platte selbst: eine Remaster-Version des Albums, zwei CDs mit Live-Versionen, Demos, BBC- Sessions, zwei Singles – „Up The Bracket“ und „Time For Heroes“ – in farbigem Vinyl, eine Kassette mit „frühen Demos“ und ein 60-seitiges Buch. Das Album als Vinyl gibt es natürlich auch – das genuine Medium für das Schrammelmeisterwerk. Oder sagen wir so: Teile dieses Angebots entsprechen den Libertines.

Im Jahr 2002 erschütterte die schepperige Schnodderig- und Straßenköterhaftigkeit dieser Bengel aus London aufs Schönste. Ältere Punk- Adepten schwelgten ergriffen in der rabiaten Emotion ohne Schnickschnack, und junge Bewunderer der Strokes musste einsehen: Die Amerikaner hatten englische Konkurrenten, die mindestens so gut waren. Es war wohl eine Frage der Tonart oder der Landsmannschaft, ob man das eine oder das andere Debütalbum mehr liebte.

Mick Jones von The Clash produzierte die rohen, übermütigen, ja überschnappenden Schepperlieder von Pete Doherty und Carl Barât, das heißt: er produzierte sie eben nicht. Die schiere Wucht und Räudigkeit dieser blitzschnellen Songs ist auch in dieser lustig musealen Edition atemnehmend. Seit den La’s und, ja, Oasis gab es nicht so wundervollen, ganz und gar ungebärdigen und wild mäandrierenden Melodienzauber. The Jam, The Clash, der frühe Elvis Costello schwingen in den herzzerreißenden Songs mit, die alles niederreißen. Sogar Gitarrensoli vertragen sich mit den manchmal zweistimmig vorgetragenen, nur scheinbar trunkenen Gesängen. Der sardonische Pete Doherty hatte neben autobiografischen Stehsätzen wie „Boys In The Band“ und „Radio America“ auch schon frühweise Betrachtungen im Programm: „The Good Old Days“, fast eine Ballade.

Die Libertines machten noch eine großartige Platte, trennten sich, kamen wieder zusammen, waren nie mehr so gut. Aber das ist mehr als genug. (Beggars)

ARNE WILLANDER

The Kinks

Muswell Hillbillies/ Everybody’s In Show-Biz

Ray Davies’ erste Americana-Trips, überarbeitet

★★★★☆

Mit dem Wechsel zum Branchenriesen RCA stiegen für die Kinks ab 1971 nicht nur die Ansprüche, sondern auch die Möglichkeiten. Und so öffnete Ray Davies den diversen amerikanischen Einflüssen seiner Kindheit und Jugend Tür und Tor, um ausgesprochen persönliche Geschichten über die Ängste und Träume der einfachen Leute im Londoner Norden, somit auch seiner eigenen Familie, zu erzählen. Das von Bruder Dave Slide-verzierte „Uncle Son“ oder das melancholische „Oklahoma U.S.A.“ atmen dabei schon mindestens so viel Americana wie Rays gleichnamiges Soloalbum von 2017.

Nach den Chart-Erfolgen von „Lola“ und „Apeman“ im Vorjahr wurde von „Muswell Hillbillies“ in England erst gar keine Single ausgekoppelt. Man sah sich jetzt schließlich als Albumband, was in naher Zukunft noch für einiges Stirnrunzeln sorgen sollte. In den USA schickte man das wenig repräsentative „20th Century Man“ ins Rennen und verfehlte die Top 100. Eindrucksvoller demonstrierte da „Everybody’s In Show-Biz Everybody’s A Star“ (1972,★★★★☆ ) die verstärkten Bemühungen um das amerikanische Publikum. Auf der ersten Hälfte des Doppelalbums verarbeitete Davies das ermüdende Tourleben (und das miese Essen) in den USA, während die Live-LP mit Aufnahmen von zwei Shows in der Carnegie Hall im März den Schluss nahelegt, dass es das wohl wert war.

Beide Werke floppten damals dieswie jenseits des Atlantiks. Dass sie nun, von den Originalbändern remastert, gemeinsam an den Start gehen, macht Sinn, beleuchten sie doch umfassend eine entscheidende und lange argwöhnisch beäugte Karrierephase der Engländer. Als Zugabe spendiert Ray Davies eine Reihe selbst verfertigter Remixe, die im Deluxe-Boxset gar auf einer eigenständigen LP Platz finden.

Die parallel erfolgende Veröffentlichung des Geniestreichs „Celluloid Heroes“ im stark beschnittenen US- Single-Edit mag als historische Referenz durchgehen. Künstlerisch bleibt sie ein Frevel. (BMG)

RONALD BORN

Manic Street Preachers

Know Your Enemy

Das mutigste Album der Waliser, neu konfiguriert

★★★★☆

Nach „Send Away The Tigers“ das zweite revisionistische Reissue mit veränderter Tracklist. Das Album entstand unter dem Druck, nach ihrer Nummer‐1-Single „The Masses Against The Classes“ nicht zu viel Pop und nicht zu wenig Punk zu sein, also wurde aus der geplanten Doppel-LP mit den Betitelungen „Door To The River“ und „Solidarity“ eine einzelne: „Know Your Enemy“. Das Ergebnis ist manchmal experimentell („Wattsville Blues“), oft brillant, wie im Funk von „Miss Europa Disco Dancer“, und kein Songtitel ist besser als „Freedom Of Speech Won’t Feed My Children“. 17 Demos ergänzen das Album, darunter mit „Fear Of Motion“ eine B‐Seite erstmals digital. Leider fehlt ein Videomitschnitt ihres Kuba-Konzerts „Louder Than War“. (Sony)

SASSAN NIASSERI

Jonathan Richman

Rock’n’Roll With The Modern Lovers

Vier Platten des genialischen Songschreibers

★★★★☆

Was Jonathan Richman als Teenager an der Musik von Velvet Underground faszinierte, ist rätselhaft. „Oh well, be not schmuck, be not obnoxious“, forderte er damals in „Pablo Picasso“, selbst weder Schwachkopf noch Widerling. Er war ein ambitionierter Songwriter, der im bizarren „Astral Plane“ erklärte: „I’ll go insane if you won’t sleep with me“, und in einem anderen höflich bat: „Hey there, little insect, don’t scare me so.“ Nach den frühen, teils von John Cale produzierten Songs nahm er für Beserkley Records mit wechselnden Modern-Lovers-Besetzungen minimalistischen Akustik-Rock’n’Roll auf, mit dem er zur Kultfigur avancierte. Diese vier LPs liegen jetzt – keine Zugaben, gute Überspielung – in der Originalfassung wieder vor. (Omnivore)

FRANZ SCHÖLER

Fink

’ne Menge Leute

Werkschau von Nils Koppruchs Band auf Vinyl

★★★★☆

Warum die Band des früh verstorbenen Sängerdichters Nils Koppruch immer ein wenig außen vor blieb, ist nicht leicht zu klären. Fink hatten nie etwas Artifizielles an sich, obwohl ihre Musik schlangengleich durch Genres glitt. Sie bildeten mit ihrer Instrumentenkönnerei und Referenzsucht (wie etwa das krakelige Kraftwerk-Cover „Autobahn“ im Folk-Korsett) auch keine Plakatfläche für Plattenladensheriffs, die Roots-Authentizität schätzen. Ausgangspunkt war ja 1997 mit dem Debüt, „Vogelbeobachtung im Winter“ (★★★★☆ ), eine Art deutscher Alternative Country, spröde gedacht, elegant interpretiert. Die Sehnsucht ist spürbar, die Romantik ist aber kohlrabenschwarz. „Loch in der Welt“ ( ★★★★☆) war dann schon von der neuen Freundschaft mit Element Of Crime geprägt und wirkte doch klobig.

Die Bandbesetzung änderte sich, Koppruch sprach inzwischen von „Folk noir“. Die knarzige Melancholie in den Texten blieb. „Mondscheiner“ ( ★★★★☆) trägt mit Reggae und Jazz auch viel dicker auf. Aber umständlich bleibt’s. Wer würde einen strahlendschönen Song mit einem Titel wie „Er sieht sie an während sie ihn ansieht und er sieht zur Tür“ versehen? Auf „Fink“ (★★★★☆ ) funkeln die Melodien mehr („Sieh mich nicht an“), maritime Metaphern können den lakonischen Existenzialismus dahinter aber nicht verbergen. An „Haiku Ambulanz“ (★★★★☆ ) dürfen sich schon allein wegen der Kinderchöre die Geister scheiden. Weniger Banjo, dafür sogar etwas Elektronik. Das ist tanzbar, jawohl. Und doch ist alles morbide bis in die letzte Ritze. „Bam Bam Bam“ (★★★★☆ ) hat als Abschlusswerk etwas Versöhnliches und führt das Projekt Fink nach zehn Jahren schließlich in den sicheren Hafen einer sich selbst bewussten Americana-Mischung mit „Hüftschwung“. Alles ist gesagt, eine Fortsetzung war wohl nicht nötig. Auf Vinyl gab es einst nur wenige Alben der Band. Nun wurden sie für diese Werkschau koloriert und von Hamburger-Schule-Produzent und ‐Toningenieur Chris von Rautenkranz remastert. (Trocadero)

MARC VETTER

Pink Floyd

Animals

Remix des epochalen Konzeptalbums

★★★★★

Zählt eigentlich noch jemand mit? In der Veröffentlichungsflut aus dem Lager von Pink Floyd kann schon mal der Überblick verloren gehen. All die Anniversary Editions, Gold-CDs, farbigen Vinylausgaben und Immersion- Boxsets strapazieren nicht nur die Nerven der Fans, sondern auch das Budget. Die letzte remasterte Ausgabe von „Animals“ erschien 2016. Zwei Jahre später fertigte der bewährte Toningenieur James Guthrie einen Remix, der aber wegen notorischer Meinungsverschiedenheiten der einstigen Alphatiere bislang auf Eis lag. Nun bildet er die Grundlage für neue LP- und CD-Ausgaben. Und während andere Fixsterne im Floyd- Universum teils schon seit Jahren in 5.1‐Surround-Sound erstrahlen, gibt es diesen jetzt erstmals auf Audio- Blu-ray, ‐DVD und SACD auch für „Animals“ zu bestaunen.

Weniger zugänglich als seine Vorgänger und noch ein gutes Stück entfernt von der Gigantomanie des Nachfolgers, war das Album nie ein Kandidat für Einsteiger, es erfreut sich aber anhaltender Beliebtheit vor allem bei Bewunderern von David Gilmours Gitarrenkünsten und Roger Waters’ sozialkritischen Ambitionen. Wem die an George Orwells „Animal Farm“ angelehnte Kategorisierung der Gesellschaft schon 1977 zu plakativ und simpel schien, der dürfte seine Meinung angesichts der fast täglich komplexer werdenden Gegenwart jedoch kaum ändern.

Erstaunliche Risikofreude zeigt der Verzicht auf das ikonische Originalcover. Trotz eines neuen Fotos der Battersea Power Station während Umbauarbeiten in stahlgrauem Farbton bleibt der Wiedererkennungswert erhalten, vielleicht auch weil Schwein Algie die Aktualisierung überlebt hat.

Natürlich ist das alles in diversen Formaten und mit dicken Booklets bis hin zur „Deluxe Limited Edition“ erhältlich. Was jedoch eventuelles Bonusmaterial betrifft – Fehlanzeige! Ein umwerfendes Klangerlebnis und eine Neuinterpretation des Covers durch Hipgnosis-Legende Aubrey „Po“ Powell liefern hier die Argumente. (Parlophone)

RONALD BORN

Creedence Clearwater Revival

At The Royal Albert Hall

Mitschnitt eines Konzerts aus dem Jahr 1970

★★★★☆

Im April 1970 hatten Creedence Clearwater Revival den Gipfel ihres Erfolgs erreicht. Nahezu jede Single war ein Hit, ihr robuster Minimalismus war Goldstandard. Die amerikanischste aller amerikanischen Rockbands war auch in England überaus beliebt, weshalb zwei Konzerte in der Royal Albert Hall anberaumt wurden. Hier brannte John Fogerty seine Drei-Minuten-Gassenhauer ab: „Green River“, „Commotion“, „Bad Moon Rising“, „Proud Mary“, „Fortunate Son“. „Born On The Bayou“ und „Keep On Chooglin’“ überschritten die Grenzen zur psychedelischen Improvisation. Wie man hört, begleitet dieser Mitschnitt einen Dokumentarfilm, erzählt von dem Schauspieler Jeff Bridges. Soll bald kommen. (Craft/Universal)

ARNE WILLANDER

The Keef Hartley Band

Sinnin’ For You – The Albums 1969–1973

Alle Alben der Band des englischen Drummers

★★★★☆

Als John Mayalls Schlagzeuger Keef Hartley seine eigene Band gründete, schwebte ihm wohl eine ähnliche Formation vor wie die in den USA neuerdings erfolgreichen Blood, Sweat & Tears und Chicago Transit Authority. Er fand nur keinen David Clayton-Thomas oder Peter Cetera vergleichbaren Sänger dafür. Dennoch wurde er mit seiner Rock-Blues- Jazz-Truppe sofort für Festivals und Konzerte gebucht, weil dort ziemlich begeistert gefeiert. Die dritte LP, „The Time Is Near“, schaffte es 1970 gar auf Platz 41 der englischen Hitparade! Wegen der ständig wechselnden Besetzungen und der stilistisch sehr unterschiedlichen Songlieferanten konnte Hartley nur nie die letztlich für längeren Erfolg entscheidende Band-Identität stiften. (Esoteric)

FRANZ SCHÖLER

Joe Strummer

The Mescaleros Years

Das reichhaltige Spätwerk des ewigen Kämpfers

★★★★☆

In seinem Dokfilm „The Future Is Unwritten“ versammelte Regisseur Julien Temple Weggefährten und Weggefährtinnen von Joe Strummer an einem großen Lagerfeuer. Der Sänger der Londoner Punkband The Clash war kurz vor Weihnachten 2002 im Alter von gerade mal fünfzig Jahren verstorben. Vor flackernden Flammen wollte man vor laufender Kamera seiner gedenken. Zum Zeitpunkt des Biwaks, Mitte der Nullerjahre, war die Punk-Ära bereits weit entfernte Popgeschichte. Während seine letzte Band, The Mescaleros, noch sehr präsent war. Deren letztes Album, „Streetcore“, erschien posthum zur Jahreswende 2002/03.

Vom Großstadt-Guerilla zum Lagerfeuer-Aktivisten: das beschreibt die künstlerische Lebenslinie des im türkischen Ankara geborenen Diplomatensohns recht gut. Den idealistischen Impuls, gegen das Unrecht in dieser Welt anzuspielen, hat er nie aufgegeben. Was sich allerdings gewandelt hatte, war seine Musik. Strummer geht „Global A Go‐Go“, so der Titel eines Songs.

Wenn sich nun zu seinem 70. Geburtstag eine aufwendige Schmuckbox den „Mescaleros Years“ widmet, dann gibt Punkrock nur noch die Atmosphäre vor. Der vorab ausgekoppelte Track „The Road To Rock- ’n’Roll (Demo)“, bislang unveröffentlicht, kommt in seiner Klampfigkeit fast schon wie Bob Dylan daher. Strummer als Poet, Strummer als Weltmusiker und Dub- und Sound- Ausprobierer.

All das enthält die Sammlung mit den drei Studioalben der Band (remastered), dazu 15 seltene Bonus- Songs, etwa „Ocean Of Dreams“, das zusammen mit Sex-Pistols-Gitarrist Steve Jones eingespielt wurde. Strummers Witwe, Lucinda Tait, übernahm die Zusammenstellung. Zu hören gibt es Audioformate mit Interviews, zu sehen ein 72-seitiges Buch mit Notizen, Textskizzen und Zeichnungen des Dub- und Reggaebegeisterten „White Man In The Hammersmith Palais“. Die LP-Box enthält dazu einen quadratischen Kunstdruck aus Strummers gestalterischem Werk. (BMG)

RALF NIEMCZYK

Little Feat

Waiting For Columbus

Super Deluxe Edition des fabelhaften Live-Albums

★★★★★

Als Lowell George während der US- Tournee im Frühjahr 1977 die Erleuchtung kam, ein Live-Album könnte der Karriere der Band förderlich sein, zirkulierten schon Dutzende Bootlegs mit Little-Feat-Konzerten wie das bei Sammlern beliebte „Electrif Lycanthrope“. Die Entscheidung, im Rahmen der anstehenden Europa- Tournee mehrere Konzerte in England mitschneiden zu lassen, fiel ihm leicht: Seit den umjubelten Auftritten 1975 konnte die Band dort mit begeistertem Publikum rechnen. Die Mitschnitte der Konzerte wenige Tage später zurück in Washington dokumentierten „Heimspiele“ im Lisner Auditorium.

Während der drei Wochen dauernden Abmischung entschied sich George für ein neues, von der Setlist der Konzerte abweichendes Sequencing. Seine Gesangsspuren und Gitarrensoli spielte er zunächst mal komplett neu ein und entschied am Ende gemeinsam mit Tonmeister Warren Dewey, ob er die neu aufgenommenen oder die alten oder besser noch Mixes von beiden für die finalen Versionen verwenden sollte. Wie inspiriert und sorgfältig das Team bei der Postproduktion arbeitete, fällt auf, wenn man die auf der Doppel-LP veröffentlichten Aufnahmen mit den nur minimal editierten und unretuschierten, jetzt im Luxus-Set nachgereichten Mitschnitten von drei Konzerten in Manchester, London und Washington vergleicht. Als Perfektionist mit den Aufzeichnungen aller acht Konzerte damals nicht restlos zufrieden, hatte der Gitarrist etwa seine Soli in heftig komprimiertem Sound neu aufgenommen. Die positionierte er in den Remixes genauso dominant wie den Gesang.

Beim Auftritt in Manchester präsentierte sich die Band definitiv nicht in derselben Form wie am zweiten Abend im Rainbow Theatre oder am 10. August im Lisner Auditorium. Bis auf acht sind die Aufnahmen dieser drei Konzerte bislang nie veröffentlicht worden. Das Team Bill Inglot/ Dan Hersch änderte gegenüber der Remaster-Version des Original-Albums von 2002 geringfügig nur den Überspielpegel. (Rhino)

FRANZ SCHÖLER