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DIE KRISE IN DER KARRIEREMITTE


Harvard Businessmanager - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 21.05.2019

Im Alter zwischen 40 und 50 erleben viele Menschen die schwierigste Phase ihres Lebens: Die Arbeitszufriedenheit nimmt ab, verpasste Chancen rufen sich quälend in Erinnerung. Die Philosophie hilft uns, mit Frustration und Reue umzugehen und den richtigen Weg einzuschlagen.


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Bildquelle: Harvard Businessmanager, Ausgabe 6/2019

Vor etwa acht Jahren musste ich feststellen, dass ich ein lebendes Klischee geworden war. Als Philosophieprofessor mit Anstellung auf Lebenszeit an einer angesehenen Universität hatte ich meine Karriereträume verwirklicht. Ich hatte die Graduate School erfolgreich abgeschlossen, mich mühsam den Berg des „publish or perish“ ...

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... hinaufgekämpft und den anstrengenden Weg zu Festanstellung und Beförderung bewältigt. Ich hatte eine Frau, ein Kind und eine Hypothek. Ich tat das, was ich liebte. Dennoch empfand ich die Aussicht, Woche für Woche, Jahr für Jahr immer so weiterzumachen, zunehmend als Belastung. Ich würde den Artikel abschließen, an dem ich gerade schrieb; ich würde ihn veröffentlichen, und ich würde einen weiteren schreiben. Ich würde diese Gruppe von Studenten unterrichten; sie würden ihren Abschluss machen und weiterziehen; andere Studenten würden nachkommen. Meine Karriere lag vor mir wie ein endlos langer Tunnel. Ich steckte in der Midlife-Crisis.

Schnell wurde mir klar, dass es nicht nur mir so ging. Als ich Freunden von meinem Elend erzählte, reagierten sie mit Scherzen, aber auch mit ähnlichen Geschichten von Burn-out, Stillstand und Bedauern inmitten all dessen, was nach außen so sehr nach Erfolg aussah. Vielleicht haben Sie Ähnliches von Mentoren oder Kollegen gehört. Vielleicht durchleben Sie es auch gerade selbst. Zahlreiche neuere Studien bestätigen, dass die mittlere Lebensphase in der Regel die schwierigste Zeit im Leben ist. Die Ökonomen David Blanchflower und Andrew Oswald fanden 2007 heraus, dass die Lebenszufriedenheit, wie sie die Menschen selbst einschätzen, in Form einer leichten U-Kurve verläuft (siehe Grafik rechts). Sie beginnt in der Jugend recht weit oben, sinkt mit Mitte 40 auf einen Tiefpunkt ab und steigt mit zunehmendem Alter wieder an. Dieses Muster lässt sich bei Menschen überall auf der Welt finden, bei Männern wie bei Frauen. Und es bleibt auch dann bestehen, wenn wir andere Variablen wie Elternschaft ausklammern. Die Krümmung der Kurve verläuft sanft, aber deutlich: Die durchschnittliche Zufriedenheitslücke zwischen dem Alter von 20 und 45 Jahren ist durchaus vergleichbar mit der gesunkenen Lebenszufriedenheit nach einer Kündigung oder Scheidung.

Die Daten zur Lebenszufriedenheit stimmen mit denen aus früheren Forschungen überein, die sich speziell auf das Berufsleben bezogen. Ein Artikel von 1996, der auf einer Befragung von mehr als 5000 britischen Arbeitnehmern basierte, zeigte, dass die Arbeitszufriedenheit ebenfalls in Form eines mäßig gebogenen U verlief, auch wenn der Tiefpunkt etwas früher auftrat, etwa im Alter von 39 Jahren. Und der kanadische Psychoanalytiker Elliott Jaques, der 1965 den Begriff „Midlife Crisis“ geprägt hatte, bezog sich dabei nicht auf Patienten mittleren Alters, die ihre Ehepartner betrogen, sondern auf dramatische Veränderungen im kreativen Schaffen von Künstlern wie Michelangelo und Gauguin, die ihre bisherige Arbeit plötzlich nicht mehr ausfüllte.

Die Gründe für diese „Mid-Career Crisis“ sind bisher noch kaum geklärt. Warum nimmt die Arbeitszufriedenheit in den mittleren Jahren derart ab? Meiner eigenen Erfahrung und den Gesprächen mit Freunden nach zu urteilen, gibt es dafür mehrere Faktoren: das Schwinden der Wahlmöglichkeiten, das unausweichliche Gefühl des Bedauerns und die Tyrannei der Projekte, die eines nach dem anderen abgeschlossen und durch neue ersetzt werden.

Als ich mich hilfesuchend in die Philosophie vertiefte, fand ich heraus, dass sich antike wie moderne Philosophen zwar nur selten ausdrücklich auf die mittlere Lebensphase beziehen. Doch sie geben uns Instrumente an die Hand, mit denen wir die Gestalt unserer Karrieren und unsere Einstellungen ihnen gegenüber überprüfen können. Diese Instrumente sind nicht nur therapeutisch, sondern auch diagnostisch zu verwenden. Sie können Ihnen helfen zu verstehen, ob Ihr Unbehagen in der Karrieremitte ein Zeichen dafür ist, dass Sie etwas an dem ändern sollten, was Sie tun, oder aber an der Art und Weise, wie Sie es tun.

Ein kompletter Bruch mit dem Bestehenden kann gut sein, ist aber nicht immer machbar. Zudem gibt es Mittel und Wege, Frustration und Reue zu bekämpfen. Diese können Ihnen helfen, wieder in die Erfolgsspur zurückzukehren – auch wenn Sie dort bleiben, wo Sie sind.

BLICK ZURÜCK MIT BEDAUERN

Einige Erkenntnisse aus meinen philosophischen Studien betreffen die schwierige Aufgabe, das zu akzeptieren, was wir nicht ändern können. Im Laufe des Lebens schwinden die Chancen; die Auswahlmöglichkeiten werden immer weniger, und frühere Entscheidungen beschneiden unseren Handlungsspielraum. Selbst wenn wir unterschätzen, wie viel wir trotzdem noch tun können, kommen wir nicht daran vorbei, dass jede Entscheidung bedeutet, sich von anderen Alternativen zu verabschieden. Häufig erkennen wir in der Mitte der Karriere, welches Leben wir niemals führen werden, und empfinden schmerzliches Bedauern, weil wir meinen, etwas verpasst zu haben.

Bei mir war es so, dass ich eine Zeit lang Arzt werden wollte, wie mein Vater. Später trug ich mich mit dem Gedanken, Dichter zu werden, und als ich dann an die Universität kam, hatte ich mir die Philosophie ausgesucht. Die nächsten 15 oder 20 Jahre dachte ich kaum an irgendwelche Alternativen. Man kommt leichter durch die Graduate School, wenn man sie ausblendet.

Doch mit 35, nachdem ich die Hürden der akademischen Rennstrecke genommen hatte, hielt ich einen Moment inne – und mir wurde klar, dass ich viele Dinge niemals tun würde, von denen ich früher geträumt hatte. Eine akademische Laufbahn verläuft so geradlinig wie kaum eine andere, und es ist schwer, daraus auszusteigen. Wer gibt schon gern eine Anstellung auf Lebenszeit auf? Realistischerweise hatte ich nicht vor, komplett umzusatteln und mich für ein Medizinstudium zu bewerben oder Dichter zu werden. Ich ging später von der University of Pittsburgh ans MIT, aber ich gab meine wissenschaftliche Karriere nicht auf.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Muster Ihrer eigenen Karriere wesentlich komplexer ist als meines. Ein durchschnittlicher 40-Jähriger hat schon mehr unterschiedliche Jobs gehabt als ich. Aber das Grundmuster ist überall gleich: Wenn wir auf unser Leben zurückschauen, beschwören wir – manchmal erleichtert, manchmal mit Bedauern – die Wege herauf, die wir nicht gegangen sind. Kann die Philosophie uns helfen, damit klarzukommen?

Ich glaube, ja – und zwar indem sie die missliche Lage umdefiniert, in die das Bedauern uns bringt. Warum haben wir Verlustgefühle wegen nicht gelebter Leben oder wegen Berufen, die wir niemals ausüben werden? Warum ist das so, auch wenn alles in unserem Leben gut läuft? Weil die Werte, die sich aus unterschiedlichen Entscheidungen ergeben, ebenfalls unterschiedlich sind. Lohnenswerte Tätigkeiten sind auf jeweils unterschiedliche Weise lohnenswert. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Sie können sich heute Abend das Programm einer Stand-up-Kabarettistin ansehen oder zum ersten Spiel der World Series im Baseball gehen. Selbst wenn Sie wissen, dass das Sportevent für Sie die bessere Entscheidung ist, werden Sie trotzdem ein kleines Gefühl des Verlusts empfinden: Wenn die Kabarettistin nur für einen Abend in der Gegend ist, können Sie ihren Auftritt nicht mehr sehen. Das Bedauern über ungelebte Karrieren gleicht diesem Phänomen im Großen. Vielleicht nagt es nicht an Ihnen, wenn zwei Unternehmen Ihnen ähnliche Positionen anbieten und Sie sich für die besser bezahlte entscheiden. Aber es ist verständlich, dass Sie einen Verlust fühlen, wenn Sie sich für eine Karriere im Finanzwesen entschieden haben statt in der Modebranche – selbst wenn Sie sicher sind, aufs richtige Pferd gesetzt zu haben.

Das zeigt, dass Bedauern nicht heißen muss, dass etwas nicht in Ordnung ist. Selbst wenn sich alles gut entwickelt, ist ein gewisses Maß an Bedauern normal und nichts, was Sie irritieren sollte. Das Bedauern zeigt, dass Sie verschiedene Tätigkeiten in ihrem Wert schätzen können. Sie würden es auch dann empfinden, wenn Sie sich für die Modebranche statt für die Finanzwelt entschieden hätten, nur wäre der Blickwinkel dann ein anderer.

Wer Bedauern ganz vermeiden will, hat nur eine Möglichkeit: sich im Leben nur um ein einziges Thema zu kümmern und dieses zum Maß aller Dinge zu machen. Ihr Leben würde dadurch allerdings ärmer. Erinnern Sie sich daran, dass das Gefühl, etwas verpasst zu haben, die unausweichliche Folge von etwas Gutem ist: der Fähigkeit, unterschiedliche Lebenswege wertzuschätzen.

DAS ERREICHTE NEU BEWERTEN


„WENN UNSER LEBEN GUT IST, HABEN WIR (…) ALLEN GRUND, FROH ZU SEIN, DASS WIR GENAU DIESES GEFÜHRT HABEN, UND NICHT EIN LEBEN, DAS VIELLEICHT NOCH BESSER, ABER GANZ ANDERS GEWESEN WÄRE.“ Robert Adams, Philosoph


Alles schön und gut, werden Sie sagen, aber es gibt noch eine andere Art von Bedauern – nämlich das Bedauern, das wir empfinden, wenn es nicht gut läuft. Was ist mit Fehlern, Pech, Misserfolgen? Zu jeder Karriere gehören auch falsche Abzweigungen, bei einigen mehr als bei anderen. In der Lebensmitte stellen wir fest, dass wir dem nachtrauern, was hätte sein können. Eine Freundin von mir gab eine vielversprechende Musikkarriere auf, um Justiziarin in einem Unternehmen zu werden. Nach zehn Jahren erschien ihr ihre Arbeit enttäuschend eintönig. Was sie beschäftigte, war nicht so sehr die Frage, wie sie die Weichen jetzt anders stellen konnte, sondern der Wunsch, die Vergangenheit noch einmal zu ändern. Warum hatte sie nur den Fehler gemacht, ihre Musikkarriere aufzugeben? Wie sollte sie mit dieser Entscheidung Frieden schließen?

Auch hier hilft die Philosophie weiter. Es ist wichtig, dass Sie das, was Sie damals getan haben oder was Ihnen gelegen kam, davon unterscheiden, wie Sie sich heute dabei fühlen. Dass beides weit auseinanderliegen kann, wird klar, wenn sich die Dinge anders entwickeln als erwartet. Wenn Sie eine unüberlegte Investition tätigen und diese sich zufällig doch zu einem Gewinn entwickelt, müssen Sie Ihre Unvernunft nicht bedauern. Aber selbst wenn es keine Überraschung gibt, können sich die Gefühle, die Sie im Nachhinein entwickeln, verschieben.

Der britische Moralphilosoph Derek Parfit entwarf das Beispiel eines Mädchens im Teenageralter, das sich trotz vieler Unsicherheiten dafür entscheidet, schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen. Wir werden das vielleicht für eine schlechte Entscheidung halten, die ihre Bildungsmöglichkeiten einschränkt und zum langen, mühevollen Weg führt, ein Kind großzuziehen. Doch wenn sie Jahre später ihren fast erwachsenen Sohn umarmt, ist sie dankbar, dass sie ihn hat, und froh, genau das getan zu haben, was, objektiv betrachtet, ein Fehler war. Die Bindung an die Menschen, die Sie lieben, kann es durchaus sinnvoll machen, das vergangene Geschehen zu akzeptieren, von dem vielleicht deren Existenz abhängt – selbst das Schwierige daran.

Als meine Freundin ihrer verlorenen Musikkarriere nachtrauerte, rief ich ihr in Erinnerung, dass sie ihren Ehemann niemals getroffen hätte und es ihre Tochter nicht gäbe, wenn sie nicht damals genau zu jenem Zeitpunkt die Law School besucht hätte. Liebe ist ein Gegengewicht zum Bedauern. Das gilt auch für die Erfüllung, die wir durch Freundschaften, Projekte und unsere Aktivitäten gewinnen. Der Philosoph Robert Adams schrieb: „Wenn unser Leben gut ist, haben wir […] allen Grund, froh zu sein, dass wir genau dieses geführt haben, und nicht ein Leben, das vielleicht noch besser, aber ganz anders gewesen wäre.“

Unser Leben besteht aus Details, nicht aus Abstraktionen. Der nebulösen Vorstellung von einer möglicherweise noch erfolgreicheren Karriere können Sie die konkreten Details entgegensetzen, die an Ihrer derzeitigen Karriere positiv sind. Ähnlich wie die Bindung an Menschen gibt es auch eine Bindung an Kleinigkeiten des Alltags – an den Austausch und die Erfolge, die Sie in einem anderen Leben nicht erlebt hätten. Immer wenn ich denke, ich hätte doch lieber Arzt und nicht Philosoph werden sollen, und meine Entscheidung zu bedauern beginne, ignoriere ich dabei die konkrete Beschaffenheit meiner Arbeit und die zahllosen Kleinigkeiten, die mir den Wert dessen, was ich tue, unmittelbar deutlich machen. Das kann die Entwicklung eines Studenten sein oder ein fruchtbares Gespräch mit einem Kollegen. Es sind die kleinen Besonderheiten, die gegenüber dem großen Entwurf vom nicht gelebten Leben zählen.

Diese Neubewertung der eigenen Karriere hat jedoch ihre Grenzen. Es gibt keine Garantie, dass Sie jeden Fehler im Rückblick akzeptieren können oder dass Bedauern immer unangebracht ist. Aber die Art von Bedauern, die dazu verleitet, das eigene Leben wie von außen zu betrachten, lässt sich stumm schalten – indem Sie sich intensiv auf jene Menschen, Beziehungen und Tätigkeiten konzentrieren, die Ihnen lieb sind und die untrennbar mit dem Beruf verbunden sind, für den Sie sich einst entschieden haben.

DIE GEGENWART SCHÄTZEN LERNEN

Zu akzeptieren, was wir nicht ändern können, ist nur ein Teil des Problems, dem wir auf dem Weg durch die U-Kurve begegnen. Für mich persönlich war die tiefste Ursache des Unbehagens in der Karrieremitte nicht das Bedauern über die Vergangenheit, sondern ein Gefühl von Vergeblichkeit in der Gegenwart. Zwar erschien mir meine Arbeit immer noch lohnend; ich hielt das Lehren, Forschen und Schreiben durchaus für wertvoll. Doch vor mir tat sich eine große Leere auf, in der sich ein Projekt an das andere reihte. Die Aussicht, bis zum Ruhestand eine Sache nach der anderen abzuarbeiten, empfand ich irgendwie als selbstzerstörerisch.

Wie kann es so wenig erfüllend erscheinen, etwas Wertvolles zu tun? Eine erste Erklärung bezieht sich auf denWert des Verbesserns : Es hat positive Folgen, ein Problem zu lösen oder ein Bedürfnis zu erfüllen – selbst wenn Sie sich mit diesem Bedürfnis eigentlich gar nicht beschäftigen möchten. Viele Aufgaben sind so. Sie müssen Streit zwischen Kollegen schlichten, sich mit unerwarteten Pannen bei der Markteinführung eines Produkts herumschlagen oder sicherstellen, dass Sie bestimmte Vorschriften im Unternehmen erfüllen. Auch wenn diese Verbesserungen notwendig sind, machen sie uns nicht unbedingt zufrieden. Wenn unsere Arbeit aus nicht viel mehr besteht, als Fehler auszubügeln, Vorgaben zu erfüllen oder zu verhindern, dass etwas schiefgeht, dann haben wir keine Vision von dem, was wirklich gut ist. Warum sollten wir uns dann überhaupt anstrengen?

Ein Grund für die Krise in der Karrieremitte ist, dass Sie zu viel Arbeitszeit damit verbringen, Probleme zu beheben und schlechte Ergebnisse zu vermeiden, anstatt Projekte vonexistenziellem Wert zu verfolgen – die das Leben lebenswert machen. Die Lösung liegt darin, sich Zeit für Aktivitäten zu nehmen, die Ihnen ein gutes Gefühl vermitteln. Im Büro kann das zum Beispiel ein kleines Herzensprojekt sein, das Sie schon seit Jahren aufgeschoben haben und jetzt starten. Außerhalb der Arbeit können Sie ein Hobby wiederaufleben lassen, das Ihnen Freude macht, oder mit einem neuen beginnen. Dieser Rat mag banal erscheinen, aber es steckt mehr dahinter. Salsa-Tanzen und Briefmarkensammeln sind vielleicht nicht so bedeutsam wie Ihre Arbeit, aber existenzielle Aktivitäten haben einen Wert, der verbessernden Tätigkeiten fehlt. Schaffen Sie in Ihrem Leben Raum für solche Annehmlichkeiten.

Es gibt eine weitere Erklärung für das Gefühl der Leere in der Karrieremitte, die über das Bedürfnis nach existenziellem Wert hinausgeht. Wenn wir mit dem Blick eines Philosophen auf das Wesen von Projekten schauen – egal ob Seminararbeiten, Börsendeals oder Produktdesigns – und darauf, was wir sie investieren, dann entdecken wir einen strukturellen Fehler: Die Projekte zielen auf ihre eigene Fertigstellung. Wenn ich mich zum Beispiel darauf konzentriere, diesen Artikel zu schreiben, dann konzentriere ich mich auf ein noch nicht erreichtes Ziel, das in dem Moment, in dem ich es erreicht habe, nur noch Erinnerung ist. Die Zufriedenheit liegt immer entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit; kein Wunder, dass sich die Gegenwart leer anfühlt. Und was noch schlimmer ist: Wenn ein Projekt für Sie eine Bedeutung hat, dann ist nicht nur Ihre Befriedigung aufgeschoben, sondern Ihre Arbeit an dem Projekt zerstört seine Bedeutung. Wenn Sie an einem Projekt arbeiten, dann werden Sie entweder scheitern – was nicht gut ist – oder erfolgreich sein und dadurch den positiven Einfluss des Projekts auf Ihr Leben beenden.

Eine Form der Krise in der Karrieremitte hat mit der exzessiven Arbeit an Projekten zu tun, die den nächsten Erfolg und wieder den nächsten belohnen. Aber es gibt eine andere Daseinsform. Achtsamkeit ist derzeit sehr in Mode, und vielleicht rollen Sie nur mit den Augen, wenn Sie das Mantra vom „ Leben im Augenblick“ hören. Ich kann das durchaus nachvollziehen. Wenn der Slogan losgelöst von der buddhistischen Idee vom Nichtvorhandensein des Selbst steht – was bleibt dann übrig? Aber im Augenblick zu leben lässt sich ganz klar und nicht metaphysisch verstehen.

Der Schlüssel liegt in der Unterscheidung zweier Arten von Aktivitäten, denen wir uns widmen. Projekte sindtelische Aktivitäten, haben also einen Endpunkt. (Der Begriff stammt vom griechischen Worttelos ab, was „Ende“ oder „Ziel“ bedeutet.) Dadurch zielen sie auf einen abschließenden Zustand, der aktuell noch nicht erreicht ist. Diese Aktivitäten befördern ihre eigene Auflösung: Erst bereiten Sie den Pitch für den Kunden vor und präsentieren ihn dann; Sie handeln ein Geschäft aus und schließen es ab; Sie planen eine Konferenz und halten sie ab. Wenn Sie das Ziel erreicht haben, sind Sie für einen Moment zufrieden. Doch danach geht es gleich weiter zum nächsten Projekt.

Andere Aktivitäten hingegen sindatelisch ; sie führen nicht automatisch auf einen Endpunkt hin. Denken Sie an den Unterschied zwischen dem Nachhausegehen und einem gemütlichen Spaziergang oder zwischen dem Zubettbringen eines Kindes und dem Elternsein im Allgemeinen. Atelische Aktivitäten gehen nie von sich aus zu Ende. Sie lassen auch keine Leere entstehen wie Projekte, deren Erfüllung immer in der Zukunft oder der Vergangenheit liegt. Atelische Tätigkeiten sind voll und ganz in der Gegenwart verankert.

Im Beruf haben wir es sowohl mit telischen als auch mit atelischen Tätigkeiten zu tun. So können Sie beispielsweise einen HR-Bericht schreiben (telisch) und Feedback von Kollegen einholen (atelisch). Die meisten telischen Aktivitäten bei der Arbeit haben sinnvolle atelische Aspekte: Wenn Sie an diesem Geschäft arbeiten, bringen Sie die Wachstumsstrategie Ihres Unternehmens voran; wenn Sie diese Konferenz abhalten, beteiligen Sie Stakeholder aus der Branche. Sie haben also durchaus eine Wahl. Sie können sich entweder auf die abgegrenzte Aktivität konzentrieren oder auf die weiterreichende – auf das einzelne Projekt oder den gesamten Prozess. Indem Sie Ihre Aufmerksamkeit so ausrichten, dass sie weniger projektorientiert ist, können Sie dem Gefühl der Leere in der Gegenwart entgegensteuern, ohne zu ändern, was Sie tun oder wie erfolgreich Sie es tun.

FAZIT

Das führt uns zurück zur Frage nach der Diagnose: Wann ist das Unbehagen in der Karrieremitte ein Signal dafür, dass ein Richtungswechsel ansteht – und wann eine Veränderung des Denkens und der Gefühle? Vielleicht sind Sie in fachlicher Hinsicht unzufrieden, weil Ihr Job nicht zu Ihren Fähigkeiten passt, weil Ihre Interessen sich verlagert haben oder weil es kaum Aufstiegschancen gibt. Aber Ihre Unzufriedenheit kann auch damit zusammenhängen, dass Sie etwas bedauern oder mit Ihren Projekten Ihre eigentlichen Ziele unterlaufen. Ein Jobwechsel kann diese Probleme nicht lösen. Wenn Sie sich durch die Strategien arbeiten, die ich hier vorgestellt habe, finden Sie leichter heraus, was dahintersteckt. Reichen diese Strategien aus, um Sie mit der Begrenztheit Ihrer Karriere zu versöhnen? Falls nicht, ist das ein Argument dafür, die Richtung zu ändern. In der Lebensmitte ist es dafür noch nicht zu spät: Die Mid-Career-Crisis kann Ansporn für eine radikale Veränderung sein, die neue Kräfte freisetzt.

Doch auch wenn Sie tatsächlich ausbrechen, sollten Sie die Strategien im Hinterkopf behalten, die mir persönlich aus meinem Unbehagen herausgeholfen und meine Freude an der Arbeit neu entfacht haben. Denken Sie daran: Es ist unvermeidlich, dass Sie etwas verpassen. Versuchen Sie daher erst gar nicht, dieses Gefühl abzuwehren. Machen Sie sich klar, dass persönliche Bindungen das Bedauern aufwiegen können. Schaffen Sie Raum für Tätigkeiten mit existenziellem Wert. Und schenken Sie Ihre Wertschätzung dem gesamten Prozess, nicht nur dem einzelnen Projekt oder Produkt.

© HBP 2019 siehe Seite 102

AUTOR

KIERAN SETIYA
ist Professor für Philosophie am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Der 43-Jährige ist Autor des Buches „Midlife-Crisis – Eine philosophische Gebrauchsanleitung“ (siehe „Service“ oben).

SERVICE

Buch
Kieran Setiya Midlife-Crisis – Eine philosophische GebrauchsanleitungSuhrkamp 2019, 211 Seiten, 18 Euro

Podcast
Im Interview mit Alison Beard von der Harvard Business Review spricht Kieran Setiya über seine eigenen Erfahrungen mit der Mid-Career Crisis und darüber, welche Lösungen die Philosophie anbietet.
bit.ly/HBRMidCareer

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ILLUSTRATION: LENNART GÄBEL FÜR HARVARD BUSINESS MANAGER

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