Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 9 Min.

„Die Künstlerin besitzt zur Kunst eine toxische Beziehung“


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 16.09.2021

Artikelbild für den Artikel "„Die Künstlerin besitzt zur Kunst eine toxische Beziehung“" aus der Ausgabe 10/2021 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Die schottische Synthie-Band Chvrches zählt zu den besonderen Phänomenen des Mo - dern Pop: Das Trio hat seinen Ur sprung in der Indie-Szene Glasgows, in der Kommerzdenken in etwa so beliebt ist wie das britische Königshaus. Schon mit dem ersten Album knackten Chvrches den US-Markt. Dass Sängerin Lauren Mayberry sowie die Multiinstrumentalisten Iain

Cook und Martin Doherty weiter ein gutes Standing in ihrer Heimatstadt haben, beweist ihre Integrität. Im Interview erzählt Lauren Mayberry, was Pop mit toxischen Beziehungen zu tun hat, wie es der Band gelungen ist, aus einem Vakuum heraus an den Songs des vierten Albums SCREEN VIOLENCE zu arbeiten, und welche Rolle Robert Smith von The Cure dabei gespielt hat.

Lauren, wir haben uns in der letzten Ausgabe dieses Magazins intensiv mit Debütalben beschäftigt. SCREEN VIOLENCE ist zwar die vierte Chvrches-Platte, klingt aber eher nach einem Debüt wie eure ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von musikexpress. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2021 von Sei umarmt, süßer Überfluss. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sei umarmt, süßer Überfluss
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von MANIC STREET PREACHERS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MANIC STREET PREACHERS
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von Henri Jakobs über neue Männlichkeit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Henri Jakobs über neue Männlichkeit
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von WER BRAUCHT SCHON KNÖPFE?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WER BRAUCHT SCHON KNÖPFE?
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von Mehr als komplex. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mehr als komplex
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von FOLGE 8 … W.I.P. (WORK IN PROGRESS). Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FOLGE 8 … W.I.P. (WORK IN PROGRESS)
Vorheriger Artikel
LOSGELÖST IM MOMENT
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel ES GEHT WIEDER LOS...
aus dieser Ausgabe

... tatsächliche erste LP THE BONES OF WHAT YOU BELIEVE. Teilst du diesen Eindruck? Yep! Debütalben entstehen grundsätzlich in einer Art Vakuum. Noch weiß niemand von deiner Band. Es interessiert sich also auch keiner dafür, was du mit dieser

Band gerade anstellst. Das, was 2020 mit Chvrches passierte, erinnerte mit an eine Wiederkehr dieser Situation: Die Band exis tierte eigentlich gar nicht mehr.

Gab es Konflikte?

Nein, gar nicht. Nicht einmal das. (lacht) Eine Musikgruppe zu betreiben, ist ja kein reiner Selbstzweck. „Schaut her, Leute, ich bin in einer Band!“ – ja, okay, doch daraus müssen sich ja Folgen ergeben: Konzerte, Performances, Veröffentlichungen, Proben, Kampagnenmeetings, Designentscheidungen und so weiter. Die Band ist der Kern dieser kreativen Kette. Fällt jedoch diese Kette weg, verliert auch die Band einen Teil ihrer Existenz. Zumindest zeitweise. Und so war das bei uns im Jahr 2020. Ausgelöst von der Pandemie steckte die Band in diesem Vakuum.

Wie bringt man eine Band da wieder raus?

Wie sangen die Pet Shop Boys? „Left To My Own Devices“. Iain, Martin und ich waren auf uns allein gestellt. Das Drumherum existierte nicht mehr. Um Chvrches wieder „wahr“ werden zu lassen, mussten wir ein neues Album schreiben, arrangieren und aufnehmen. Die Band existierte im vergangenen Jahr also ausschließlich auf Basis unserer kreativen Arbeit. So, wie das schon 2012 und 2013 gewesen war, als wir unser Debüt aufnahmen. Der große Unterschied: Wir hingen damals ständig zusammen. Das hatte sich bei uns anders entwickelt, schon vor der Pandemie. Ich lebe in Kalifornien, der Weg nach Schottland ist weit. Das hat die Art der Kommunikation grundlegend verändert, verstärkt dann noch durch die Pandemie. pen wir ein bisschen frische Luft!“ Video- Calls gehen stattdessen immer und immer weiter … Wenn man nicht aufpasst, dann passiert das, ja. Weshalb wir als Band im Vorfeld Regeln abgesprochen hatten, zum Beispiel diese: „Wir müssen ehrlich zueinander sein.“ Wenn ich nicht erkenne, dass ich gerade die anderen langweile, dann müssen die anderen eben so ehrlich sein, mir das mitzuteilen.

Ist diese Ehrlichkeit die SCREEN VIOLENCE, die dem Album den Titel gab?

Sie ist ein Aspekt davon. Wobei wir den Titel schon vor der Pandemie festgelegt hatten. Beinahe gespenstisch, was für große Dimensionen er in den vergangenen Monaten angenommen hat.

Wie hat sich die Rolle der Band in deinem Leben zuletzt verändert?

Chvrches war diese wundervolle, aber chaotische Sache, die aber auch die Rolle eines sozialen Störfaktors übernahm. Die Band war dafür verantwortlich, dass wir die Geburtstage und Hochzeiten von Freundinnen und Freunden vergaßen. Und in der Gruppe zu sein, lieferte die Entschuldigung dafür gleich mit: „Ah ja, klar, ihr seid auf Tour gewesen, kein Problem.“ 2020 gab es keine Partys, die wir hätten verpassen können. Und es gab auch keine Tour. Es gab nichts – nur unsere Zoom- Meetings, bei denen wir Musik geschrieben haben.

Klingt nach einem ganz normalen Job. Musik zu machen, ist auch unter diesen Umständen ein Privileg. Aber die Bedingungen des Jobs haben sie normaler als üblich erscheinen lassen. Zumal wir feste Anfangszeiten vereinbart hatten. Diese Routine hat uns allen sehr gut getan.

Warum? Wir verließen die Tretmühle, sprich diese ungesunden und immer wiederkehrenden Abläufe aus Tour, Promo, Interviews und so weiter. Die Band brachte nun keine Unruhe mehr in unser Leben, sondern Stabilität.

Die Frage ist: Warum braucht man eine Pandemie, um das zu erkennen – und zu verändern?

Ich glaube, wir Menschen fühlen uns zu Abhängigkeiten hingezogen. Wir wollen mehr, wollen im Loop sein, tun uns schwer damit, auf Dinge zu verzichten. Vor allem, wenn sie mit Geld und Konsum, Ruhm und Macht zu tun haben. Getriggert wird diese Sucht von einer Gesellschaft, die von uns verlangt, immer weiter zu machen, immer mehr auszuprobieren. Wobei ich den Kapitalismus nicht zum Schuldigen machen möchte, die Basis für dieses Verhalten scheint in unserer DNA zu liegen. (überlegt) Es ist aber auch kompliziert. Nehmen wir meine Karriere als Popmusike-

In welcher Hinsicht?

Wenn du mit Leuten in einem Raum abhängst, dann verläuft die Kommunikation untereinander in hohem Maße instinktiv. Du weißt einfach, wann du was zu tun oder zu sagen hast. Du merkst, wenn du nervst. Du lässt jemand anderen erkennen, dass sie oder er nervt. Die meis ten Menschen verfügen über gut arbeitende Antennen. Bei der Kommunikation über Bildschirme geht dieses Gespür zu einem hohen Grad verloren. Ich merke, dass ich mich bei Display-Gesprächen sehr viel mehr konzentrieren muss. Was logisch ist, denn um mir meine Informationen zu holen, habe ich nur die verbale Sprache und die Mimik zur Verfügung. Was verloren geht, ist die Körpersprache, sind kleinere Veränderungen in der Tonlage der Stimme. Bin ich mit Menschen in Räumen, erkenne ich zum Bespiel, wenn sie müde werden. Die Stimme wird minimal matter, der Körper bewegt sich mehr, um die Schlaffheit loszuwerden. Erkenne ich das, ist es klug, zu sagen: „Hey, kurze Pause, holen wir uns einen Kaffee, schnaprin, ich bin mir sehr bewusst, dass ich mit Chvrches unglaubliches Glück habe, denn dort, wo wir herkommen, aus Glasgow, träumen Tausende von einer Karriere, den allerwenigsten gelingt sie. Ich hatte also das Glück, doch was mache ich nun damit? Genieße ich das, mit dem vollen Bewusstsein dafür, ein Glückskind zu sein? Oder verlangt mein Arbeiterinnenethos danach, die Gelegenheit so effizient wie möglich zu nutzen, immer mehr, mehr, mehr zu machen – in der Annahme, dass dieses Glück eines Tages vorbei sein wird? Zumal man nicht vergessen darf, dass Erfolg für eine Popband immer nur eine Annahme ist: Wer weiß schon, wie die nächste Platte läuft?

„Genau. Die Angst, dass das Glück verschwindet. Wobei es häufig die Angst selbst ist, die das Glück verwehen lässt. Ich sagte ja, es ist kompliziert.“ (lacht)

Zum Glück gesellt sich also Angst hinzu. Was unternimmst du gegen dieses Dilemma?

Was mir hilft, ist eine klare Analyse. Schaue zurück auf die Entscheidungen, die du aus purer Angst heraus getroffen hast: Waren das eher bessere oder schlechtere Entscheidungen? Und, was wäre, wenn der schlechteste anzunehmende Fall eintreten würde: Wäre das Ergebnis tatsächlich so schrecklich, dass es angemessen ist, bereits vorher in Panik zu verfallen?

Kannst du das an einem Beispiel konkretisieren?

Für eine Band wie uns gibt es ein bedrohliches Szenario, das nur von wenigen direkt ausgesprochen wird, aber wie ein Elefant im Raum immer anwesend ist: „Was, wenn wir eine Single veröffentlichen – und das Radio sie nicht spielt?“ Du kannst bei dieser Frage als eine Alternative-Pop-Band, die mit Hilfe des Radios groß geworden ist, in Panik verfallen. Wäre verständlich. Nur, was machst du dann mit deiner Panik, schreibst du dann bessere Songs? Eher das Gegenteil ist der Fall. Die miesesten Songs, die wir geschrieben haben, waren Versuche, einen Hit zu schreiben. (lacht)

Chvrches besitzen im Kern eine Indie-DNA: Iain spielte in der Post- Core-Band Aereogramme, Martin bei The Twilight Sad, du warst Teilder Indie-Folk-Pop-Band Blue Sky Archives. Auf welche Art und Weise hilft dieser Indie-Background?

Er hilft, weil bei allen diesen Bands „Erfolg“ anders definiert war, als es bei Chvrches der Fall ist. Daher ist es für uns vielleicht einfacher, an bestimmten Punkten diese Parameter komplett zu ignorieren. Wohlwissend, dass unsere jüngeren Egos uns auslachen würden, wenn wir zum Beispiel die Anzahl von Radioeinsätzen zum Gradmesser von Qualität machen.

„Better If You Don’t“, der letzte Song auf dem neuen Album, klingt wie ein Gruß an die alten Indie-Tage.

Stimmt, er erinnert mich an unsere alten Bands oder an die Bands, die wir damals gehört haben. Mir gefällt die Idee, dass dieses Stück in einem anderen Kontext wie Arab Strap klingen würde. Dieser Song klingt nach Glasgow, klingt nach Heimat, er ist ein etwas verdrehtes Liebeslied an diese Stadt.

Gespielt auf Gitarren. Es war ein gutes Gefühl, Iain und Martin wieder mit ihren Gitarren zu sehen. Da sind wir wieder beim Thema: Wird es nun Leute geben, die es gar nicht gut finden, dass es auf SCREEN VIOLENCE mehr Gitarren zu hören gibt als auf den Chvrches-Alben zuvor?

Wobei es bei eurer letzten Platte LOVE IS DEAD kritische Stimmen gab, die euren Synthie-Pop-Entwurf in einer Sackgasse verorteten …

Was wäre also die Lösung gewesen, eine pure Synthie-Pop-Platte, die sich zugleich vom puren Synthie-Pop befreit? Man erkennt recht schnell, wie unsinnig ein solches Denken ist. Wobei diese Erkenntnis nicht hilfreich ist, weil sie unserer Arbeit auch nicht mehr Stabilität verleiht. Ich habe neulich einen Podcast gehört, bei dem Trent Reznor sehr glaubhaft versicherte, dass es auch ihn verrückt mache, nicht zu wissen, ob die Leute auch morgen noch an seiner Musik interessiert sind. Der Typ hat Millionen verkauft, komponiert Soundtracks, ist eine Legende – aber auch er könnte durchdrehen, weil ihm die Anhaltspunkte dafür fehlen, dass sein Status quo nicht eines Tages doch wegbricht. Ich glaube gar nicht, dass es für uns Musiker ein Problem ist, wenn der Erfolg nicht mehr wächst. Panik haben wir davor, dass das Interesse eines Tages verschwinden könnte und wir dafür genauso wenig eine Erklärung hätten, wie für die Tatsache, dass das Interesse eines Tages da war.

Popmusik ist wie die Liebe: kaum erklärbar …

… und führt dazu, dass man allerhand seltsame und beschissene Dinge macht, um zu verhindern, dass dir das Unerklärbare wegrutscht. Die Künstlerin besitzt zur Kunst eine toxische Beziehung.

Auf der Single „How Not To Drown“ ist als Gastsänger Robert Smith dabei. Hast du diese Unsicherheiten bei einer Legende wie ihm auch erlebt?

Nein, er steht mit seiner Weisheit über den Dingen, er … (unterbricht sich) … sorry, aber es ist wirklich surreal, im gleichen Atemzug über Robert Smith und Chvrches zu reden. Wir drei hören The Cure, seit wir melancholisch sind. Also gefühlt schon immer. Dass seine Stimme nun zusammen mit meiner zu hören ist – irre. Würde sich die Band morgen auflösen, sie täte das in einem komfortablen Moment: Zu dem Zeitpunkt, an dem der Mensch, der uns wie kaum ein zweiter zum Songwriting geführt hat, auf einem unserer Stücke zu hören ist. Aber zurück zur Frage, wenn Robert über Musik spricht, dann nicht von Musik als Arbeit. Er schreibt mal unfassbar düstere, mal sehr beglückende Lieder. Zwischen „Friday I’m In Love“ und „To Wish Impossible Things“ ist alles möglich, wobei er sagt: Ich schreibe keinen traurigen Song, wenn mir nicht danach ist. Und umgekehrt. Das wiederum ist ein Luxus, den man sich erlauben können muss. Aber auch erlauben sollte.

Wann ist dir das einmal nicht gelungen?

Auf unserem zweiten Album gibt es den Song „Make Them Gold“, eine echte Radiosingle, toller Popsong. Aber ich mag meinen Text nicht besonders, weil ich mich zur Zeit der Aufnahme nicht danach fühlte, positive Pop-Lyrics zu schreiben. Ich höre bis heute eine Sängerin, die ein gutes

Gefühl vortäuscht. Und das ist nicht mein Anspruch. Mein Job ist der eines Gefühlsgenerators. Aber wenn ich diese Emotionen gerade selbst nicht fühle, dann singe ich ins Leere. Dann bin ich wie eine Erzählerin, die ihre eigene Geschichte nicht mag. Wie löst du dieses Problem live?

Zunächst fiel es mir schwer. Ich verstand den Sinn der „Performance“ nicht, wusste auch gar nicht, wie ich das anstellen sollte. Mit den Jahren habe ich verstanden, dass ich die Performance von meiner Person lösen muss. Das passiert ja sowieso: Die Leute, die unsere Songs hören, verbinden damit persönliche Emotionen, sie verorten unsere Lieder in ihren Leben. Das könnte ich als einen Kontrollverlust deuten, doch ich betrachte diesen Umstand lieber als Chance: Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass den Menschen bei Konzerten die Integration unserer Songs in ihre persönlichen Kontexte gelingt. Damit bin ich also eine Storytellerin, keine Performerin. Die Leute kommen nicht, um mich irgendetwas tun zu sehen. Sie kommen, um Chvrches-Songs mit ihren Gefühlen und Erinnerungen in Einklang zu bringen. (überlegt) Es gibt doch diese komplexen Rollenspiele, bei denen eine Person die Aufgabe hat, die Geschichte zu erzählen, die Würfel zu schmeißen und damit die Spielhandlung voranzubringen. Diesen Job übernehme ich. Waren beim Schreiben der Musik noch meine eigenen Gefühle ausschlaggebend, geht es beim Gig nur noch darum, die anderen zu verzaubern.

Albumkritik S. 85

Die große Zeit des Scottish-(Indie-)Pop

Als sich in England die große Britpopwelle in Bewegung setzte, reagierte die schottische Musikszene auf eigene Art auf den Hype: Zu Dutzenden gründeten sich innovative Bands, die dem Londoner „Ladism“ eine regendurchnässte Melancholie entgegensetzten. Nukleus der Szene in Glasgow waren Pubs wie das Nice’n’Sleazy sowie das Label Chemikal Underground, das 1994 von Emma Pollock und Alun Woodward (auch Gründer der Band The Delgados) gegründet wurde. Bei der Firma veröffentlichten stilprägende Bands wie Aereogramme (mit Chvrches-Gründer Iain Cook) oder Arab Strap, zur assoziierten Szene zählten Mogwai, der Teenage Fanclub, The Pastels oder Belle & Sebastian, wichtiger Booker war Alex Kapranos, später Co-Gründer von Franz Ferdinand. Die englischen Britpop-Romantiker Spearmint blickten auf ihrem 2001er-Hit „Scottish Pop“ neidisch nach Norden: „You can call me a plagiaristic English fop / But when I’m with you, I feel like I’m listening to Scottish pop.“