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Die Kunst des glücklichen Zufalls


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 201/2022 vom 05.07.2022
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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 201/2022

Vor 16 Jahren gründete der Autor Nicholas Laughlin in Port of Spain gemeinsam mit dem Architekten Sean Leonard und dem Künstler Christopher Cozier die Künstlergruppe Alice Yard. Später stieß noch der Grafikdesigner Kriston Chen dazu. Die Gruppe ist mit ihrem interdisziplinären Konzept eine feste Größe im kulturellen Leben der Karibik, in Kassel ist sie mit ihren Aktivitäten in dem Gebäude WH22 zu finden. Nicholas Laughlin war langjähriger Chefredakteur der Kulturzeitschrift Caribbean Beat und leitet das alljährlich stattfindende Bocas Lit Fest, das größte Literaturfestival der englischsprachigen Karibik.

WELTKUNST Wie passt das, was Sie mit Alice Yard in Trinidad machen, zur Documenta 15?

NICHOLAS LAUGHLIN Zwischen dem, was Alice Yard praktiziert, und den »Lumbung«-Werten von Ruangrupa gibt es viele Überschneidungen. In beiden Fällen geht es um Vorstellungen vom gemeinschaftlichen Arbeiten, um Werte ...

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... wie Vertrauen, Neugier, Unabhängigkeit und um die Suche nach den Verbindungen zwischen verschiedenen Orten.

WK Alice Yard und die anderen zur Documenta eingeladenen Gruppen werden allgemein als »Künstlerkollektive« be- zeichnet – ein ziemlich abstrakter Begriff. Wie kann man sich die Arbeit von Alice Yard konkret vorstellen?

NL Alice Yard ist daraus entstanden, dass der Architekt Sean Leonard ein Haus in Port of Spain geerbt hat, in dem früher seine Urgroßmutter Alice gelebt hatte. Die Räume und den Hinterhof dieses Hauses wollte er gern Künstlern und Musikern zur Verfügung stellen. Also fragte er den Künstler und Kurator Christopher Cozier und mich, ob wir Interesse hätten, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen an diesem Ort, den Sean nach seiner Großmutter benannte, Alice Yard.

WK Was waren Ihre ersten Aktivitäten dort?

NL 2006 gab es die erste Ausstellung, wir richteten ein Atelier ein und einen Probenraum für Bands, dann kam noch eine kleine Künstlerwohnung dazu. So wurde der Hinterhof sehr schnell zu einem Treffpunkt für alle möglichen Leute, es gab von Anfang an viele Zufallsbegegnungen. Das gehört für mich zum Kern von Alice Yard: Es ist ein Raum für geplante Zufälle. Wir stehen damit in einer langen Tradition: Die »Yards«, also die Hinterhöfe, waren hier auf Trinidad schon immer sehr wichtige Orte der Zusammenarbeit und der Begegnung.

WK Worin liegt die Bedeutung der Yards auf Trinidad?

NL Sie spielen eine besondere Rolle in den Monaten vor dem jährlichen Karneval hier bei uns. Um Kostüme, Choreografien und die Musik für die großen Straßenumzüge vorzubereiten, muss man sich immer mit vielen anderen Menschen zusammentun. Es ist wirklich wunderbar, wie die Leute an diesen Orten zusammenarbeiten. Und diese Tradition steckt auch in der DNA von Alice Yard.

WK Sie haben also diese besondere lokale Tradition auf die Welt der Kunst übertragen?

NL Ja, in vielerlei Hinsicht funktioniert Alice Yard wie unsere traditionellen Karneval-Workshops: Du willst etwas auf die Beine stellen, und alle, die interessiert sind, kommen vorbei und helfen mit. Beim Improvisieren macht man das Beste aus dem, was man vorfindet. Und man lernt immer etwas von den anderen, sei es, Drähte zu biegen oder eine Nähmaschine zu benutzen. Alice Yard ist allerdings nicht nur ein physischer Ort, sondern vor allem auch eine ganze Reihe von Ideen und Beziehungen, die inzwischen über Trinidad hinaus in die Karibik und rund um die Welt reichen.

WK Wozu haben diese Ideen im Laufe der Jahre geführt? Wie hat sich Alice Yard seit den ersten Anfängen entwickelt?

NL In unserem Hinterhof gab es Hunderte öffentliche Veranstaltungen – Ausstellungen, Performances, Lesungen, Filme und so weiter. In der kleinen Wohnung konnten wir seit 2009 Dutzende Künstlerinnen, Kuratoren, Autorinnen unterbringen. Da wir nie irgendeine externe Finanzierung beantragt oder bekommen haben, weder vom Staat noch von Stiftungen, müssen unsere artists in residence selbst für Reisekosten und Lebensunterhalt sorgen. Wir bieten dafür die Räume und die Verbindungen zu den Leuten in unserem Netzwerk. Wir sagen unseren Gästen immer, dass Alice Yard kein Ort der stillen Einkehr ist, sondern genau das Gegenteil. Das Ganze lief dann so gut, dass wir nach fünf Jahren eine Außenstelle in einem anderen Stadtteil eröffnet haben, im Gebäude einer ehemaligen Druckerei. Im Januar 2020 haben wir Alice Yard komplett dahin verlegt.

WK Also genau rechtzeitig für Pandemie und Lockdown.

NL Ja, das warf auch unsere Pläne erst mal über den Haufen. Wir dachten, wir ziehen da ein, geben uns ein Jahr Zeit, alles einzurichten und zu erkunden: Was wäre in diesen Räumen möglich? Was wollen die Leute in der Nachbarschaft? Was wollen wir? Dann kam Covid, alles war dicht, wir mussten auch erst mal alle Renovierungsarbeiten stoppen. Die neue Künstlerwohnung da ist jetzt höchstens halb fertig.

WK Und mitten in dieser Phase kam die Einladung nach Kassel?

NL Genau, und mit so etwas hatten wir nun wirklich nicht gerechnet. In der Anfangsphase war mir auch noch nicht klar, ob uns diese riesige Aktion nun einen großen Energieschub geben wird oder aber die letzte Energie aus uns raussaugt. Wir haben Alice Yard ja bisher alle nur nebenberuflich gemacht, durch die Documenta ist es in letzter Zeit doch mehr zum Vollzeitjob geworden. Dabei sind natürlich auch viele neue Möglichkeiten entstanden.

WK Was haben Sie bei der Documenta vor?

NL Wir wollten nicht einfach ein paar Leute nach Kassel schicken mit bestimmten Kunstwerken, unsere Frage war eher: Welche von den Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir im Laufe der Jahre zu tun hatten, würde auf besonders interessante Art reagieren auf das, was in Kassel passiert, also auf unseren Raum dort, die Stadt, die Lumbung-Idee? Wer würde damit etwas anfangen können, und wer hat dieses Element des Responsiven, der Improvisation?

WK Und auf wen sind Sie dann gekommen?

NL Da Kassel ja die Heimat der Brüder Grimm ist, fiel uns so ziemlich als Erstes Versia Harris ein, eine Künstlerin aus Barbados, die schon zwei Mal bei uns zu Besuch war. Sie arbeitet oft mit Motiven aus Märchen und Sagen, gefiltert durch die Popkultur, also zum Beispiel die Disney-Versionen von Grimms Märchen. Diese Figuren platziert Versia Harris dann in der Landschaft von Barbados. Wir fanden die Vorstellung interessant, dass sie zwei Wochen in Kassel sein und dort das Grimm-Museum besuchen könnte.

WK Wer wird noch mit dabei sein?

NL Aus Trinidad kommen der Performancekünstler Luis Vasquez La Roche, der sich in seinen Arbeiten viel mit der Geschichte der Sklaverei auseinandersetzt; die Malerin Shannon Alonzo, die oft mit Textilien arbeitet; und Bruce Cayonne, der hier bei uns berühmt ist für seine bunten Partyplakate und viele andere Hinweisschilder, die seit den Neunzigerjahren überall auf der Insel zu sehen sind. Aus Puerto Rico kommen Nicole Cecilia Delgado und Amanda Hernández, zwei Dichterinnen, die mit Wort- und Druckkunst arbeiten. Dazu kommen noch Ada M. Patterson aus Barbados, die dänisch-jamaikanische Künstlerin Michelle Eistrup und Blue Curry von den Bahamas. Und Kriston Chen, der seit vielen Jahren fest zum Alice-Yard-Team gehört, wird mehrere Workshops anbieten zu einer besonderen Karneval-Tradition Trinidads, die ursprünglich aus Westafrika kommt, das Tanzen auf Stelzen. Christopher Cozier hat außerdem eine Reihe kleinerer Präsentationen kuratiert, die im Museum Grimmwelt Kassel gezeigt werden: Neben Versia Harris werden dabei sein Gwladys Gambie aus Martinique, Razia Barsatie aus Surinam, Tessa Mars aus Haiti und Oneika Russell aus Jamaika.

WK Das klingt nach einem vollen Programm. Bleibt da noch Platz für die besagten Zufälle, für die Improvisation?

NL Auf jeden Fall. Es gibt ja zum Beispiel noch all die Leute, von denen wir noch gar nichts wissen, die aber auch nach Kassel kommen werden. Bei Alice Yard in Port of Spain ist es oft so, dass Leute sich spontan melden und sagen: Ich bin ein paar Tage in Trinidad, kann ich vorbeikommen? Daraus sind schon viele tolle Sachen entstanden, also haben wir uns überlegt, wie wir das in Kassel reproduzieren können. Sean hat unseren Raum so gestaltet, dass bis zu vier Leute gleichzeitig da wohnen können. Wenn einige unserer Gäste eine spontane Performance machen wollen, einen Workshop oder was auch immer, dann spielen wir mit.

WK Ein gutes Beispiel für die Art von Kooperationen, die auf dieser Documenta erkundet werden sollen: Kunst möglich zu machen, indem ein Raum zur Verfügung gestellt wird oder eben nur eine Übernachtungsmöglichkeit.

NL Das ist die Lumbung-Idee, die Idee der Reisscheune als kollektiver Ressource: Wer etwas zu essen braucht, kann zur Scheune gehen und sich dort etwas nehmen. Die ganze Documenta soll so eine Scheune sein, das Geld und vor allem die Aufmerksamkeit, die die Documenta mit sich bringen, werden als Ressource mit allen geteilt. Ruangrupa hat uns gesagt: Reicht das weiter! Das haben wir gemacht.

WK Die viele Improvisation bringt natürlich auch viel Ungewissheit mit sich. Halten die Künstler Sie auf dem Laufenden über das, was sie so vorhaben?

NL Ich hoffe, dass sie das tun! Ich habe jedenfalls eine Liste mit allem, was sie planen oder wahrscheinlich tun werden, und während der Documenta werden wir täglich in Verbindung sein. Aber so lange sie keine Gesetze brechen oder Geld ausgeben, das wir nicht haben, mache ich mir keine Sorgen.

WK Wenn allein in Alice Yards Raum in Kassel schon so viele unterschiedliche Künstler zu verschiedenen Zeitpunkten teils geplante, teils ungeplante Dinge zeigen: Wie soll man sich da als Betrachter ein Bild machen, sich zurechtfinden?

NL Welche Documenta man erlebt, hängt tatsächlich davon ab, wann man da ist. Was in der einen Woche zu sehen ist, wird etwas ganz anderes sein, als das, was eine Woche später gezeigt wird. Das ist aber kein Versehen, sondern Absicht. Diese Documenta ist kein statisches Ereignis. Es wird auf jeden Fall unmöglich sein, da gelangweilt zu sein, es wird so viel los sein. Man wird überall über Aktionen stolpern, und jeder und jede wird etwas ganz anderes erleben. Es wird ein bisschen so sein wie Port of Spain am Karneval-Dienstag: Man bricht für einen Tag auf in die Stadt und sieht, was man sieht. Wenn etwas nicht so interessant ist, geht man einfach weiter und findet etwas anderes.

WK Es gab aber auch schon Gegenwind von Kritikern, die Ruangrupas Konzept eher für Konzeptionslosigkeit hielten.

NL Und es gibt diese Sorge sicher auch bei manchen Verantwortlichen. Es ist ja nicht nur die Frage: Wie gut wird diese Documenta im Vergleich zu früheren gelingen? Sondern :Wird sie überhaupt als Documenta erkennbar sein?

WK Was glauben Sie?

NL Die Welt ändert sich! Inzwischen haben so viele Länder irgendeine Art Biennale. Und die ähneln sich inzwischen ja auch alle ein wenig. Ruangrupa hat eben nicht die Leute eingeladen, die sonst die großen Ausstellungen in ihren jeweiligen Ländern kuratieren würden, sondern eher Nachbarschaftsgruppen, Gärtnerkollektive, Aktivisten. Da sind viele Leute dabei, deren Sachen nicht in eine Galerie passen.

WK Was erhoffen Sie sich selbst von dieser Documenta?

NL Eines der ersten Dinge, die uns Ruangrupa gezeigt hat, war eine Karte, auf der eine Flussbiegung zu sehen war. Sie wollten uns damit sagen, dass für sie die 100 Tage Documenta nur eine bestimmte Flussbiegung sind. Der Fluss fängt aber schon viel früher an und geht noch viel weiter. Interessant sind all die Verbindungen zwischen einzelnen Menschen und ganzen Gruppen, die auf dem Weg zu dieser Flussbiegung geknüpft wurden und fortdauern werden. Ich habe oft über die vielen Zoom-Meetings geklagt, die wir in der Vorbereitung mit den anderen Gruppen machen mussten. Aber für uns sind dabei schon einige Beziehungen entstanden, die wir fortsetzen wollen. Es gibt da ein paar Leute, bei denen ich jetzt schon überlege: Was können wir zusammen machen, sobald diese hundert Tage in Kassel vorbei sind?