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Die Kunst des Wichtigtuns


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 04.02.2022

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 3/2022

MEIN SINN, DEIN UNFUG? | Wie dieser wohlfeile Spruch einer Anti-Corona-Demonstrantin in Berlin zeigt, ist verbale Effekthascherei oft Auslegungssache. Laut Experten kommt es darauf an, ob wir etwas um der Wahrheit willen äußern oder nur, um zu beeindrucken.

Auf einen Blick: Blender lügen nicht

1 Als pseudo-profunden Bullshit bezeichnen Psychologen inhaltsleere, tiefgründig wirkende Sprache. Sie dient häufig dazu, andere zu beeindrucken. Anders als die Lüge ist Bullshit zwar nicht unbedingt falsch, aber bewusst dunkel oder sinnlos.

2 Menschen, die für Bullshit besonders empfänglich sind, neigen eher zum intuitiven Denken. In Politik, Esoterik und Werbung befriedigt das großspurige Reden emotionale Bedürfnisse wie die nach subjektiver Gewissheit oder Zugehörigkeit.

3 Intelligenz stärkt und hemmt den Pomp zugleich: Verbale Fähigkeiten wie ein großer Wortschatz fördern oft die Toleranz für Bullshit, kognitive Reflexion dagegen reduziert sie. Ein hoher IQ geht in der Regel mit einem größeren Bullshit-Talent einher.

Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, dass es so viel Bullshit gibt.« So beginnt Harry G. Frankfurts kaum 80-seitiger ...

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... Essay »On Bullshit«. Der US-amerikanische Philosoph traf damit im Jahr 2005 einen Nerv. Ihm zufolge breitet sich in unserer Gesellschaft eine Art der Kommunikation aus, die der Wahrheit nicht verpflichtet ist – übrigens lange vor der politischen Karriere Donald Trumps.

Wer Bullshit von sich gibt, so Frankfurt, will nicht in erster Linie die Unwahrheit verbreiten. Es interessiert ihn vielmehr gar nicht, was wahr oder falsch ist. Bullshit unterscheide sich von der Lüge dadurch, dass der Sprecher nicht wissentlich Falsches behauptet; ihm ist einfach gleichgültig, ob seine Aussage zutrifft oder auch nur sinnvoll ist, solange sie ihren Zweck erfüllt. Und der lautet meist: Eindruck machen!

Diese besondere, von den digitalen Medien forcierte Wahrheitsvergessenheit hält Frankfurt für brisant. Denn wo Fakten und korrektes Argumentieren nichts mehr gelten, sei es aussichtslos, darauf zu verweisen. Viele öffentliche Debatten entkoppelten sich so immer mehr von dem, was sich rational behaupten lasse.

UNSER AUTOR

Steve Ayan ist Psychologe und »Gehirn&Geist«-Redakteur. Er will seinen Teil dazu beitragen, dass der Bullshit in der Welt nicht zunimmt, sondern schrumpft.

Aber was genau ist Bullshit? Frankfurt versteht darunter Äußerungen, die bedeutungsvoll oder wichtig klingen, jedoch erkennbar keinen oder nur schemenhaften Sinn haben. Oft drücken sich Bullshitter vage oder mehrdeutig aus und werfen mit modischen, positiv besetzten Signalwörtern um sich (»nachhaltig«, »achtsam«, »ganzheitlich« …). Paradebeispiele liefern manche spirituelle Weisheiten von Esoterikern. Bullshit kursiert aber auch in der Werbung und Politik, in der Kunst- und Kulturszene, in der Lebenshilfe und Therapie, ja selbst in Teilen der Wissenschaft. Er gedeiht überall dort, wo großspuriges, eloquentes Raunen Vorteile verspricht – ob für Sonntagsredner, Talkshowgäste, Businesscoaches oder Welterklärer. Hauptsache, man setzt sich rhetorisch gut in Szene und verbreitet eine Aura der Kompetenz.

Eine Variante des Bullshits besteht darin, sich betont fachlich auszudrücken. Spreche ich von »appellativer Ambiguität« statt davon, dass ich nicht weiß, was zu tun ist, stehe ich schlagartig als Experte da. Aus ähnlichem Kalkül ist gern von »konzeptbasierten, empirisch evaluierten Interventionen« die Rede, wenn es eigentlich nur darum geht, ob jemand mit einer neuen Aufgabe zurechtkommt. Am besten lässt man dazu einen großen Namen fallen (»wie schon Freud wusste …«) – egal, ob die Person wirklich etwas zur Sache beitrug –, und Respekt ist einem sicher.

Bedeutung transformiert Schönheit?

Rund zehn Jahre nach Frankfurts Buch nahmen Psychologen der University of Toronto seine Steilvorlage auf. Ein Team um Gordon Pennycook und Jonathan Fugelsang stellten 2015 mehrere Studien vor, in denen sie dem Phänomen mit Tests und Fragebogen auf den Grund gingen. Die Forscher legten ihren Probanden verschiedene Aussagen vor, die sie per Zufall aus abstrakten »Buzzwords« zusammengewürfelt hatten. Zum Beispiel »Verborgene Bedeutung transformiert unvergleichliche abstrakte Schönheit« oder »Aufmerksamkeit und Intention bilden die Mechanik der Manifestation«. (Es handelt sich hier um eher wortgetreue Übersetzungen der englischen Originalsätze, die semantisch schwer festzulegen sind.)

Wer würde solche Phrasen auf einer Skala von »überhaupt nicht tiefgründig« bis »sehr tiefgründig« höher bewerten? Die Teilnehmer sollten wohlgemerkt nicht erklären, welchen Sinn sie darin sahen, sondern nur, wie gehaltvoll ihnen die Sätze erschienen. Verglichen wurden die Urteile mit solchen über verständlichere Sentenzen wie »Wer nass ist, fürchtet den Regen nicht« sowie ungrammatischen Nonsense (»Unvergleichlich transformiert Bedeutung Schönheit verborgene abstrakt«). Die so bestimmte »bullshit receptivity« (BSR), quasi das Faible für verbalen Popanz, glich man anschließend mit einer Reihe anderer kognitiver Variablen ab.

Wie sich zeigte, ließen sich Menschen mit »intuitivem Denkstil« besonders vom pseudo-profunden Bullshit beeindrucken. Das offenbarte etwa der Cognitive Reflection Test – eine Sammlung von Aufgaben, die auf den ersten Blick naheliegende, aber falsche Antworten provozieren: »Ein Tischtennis-Set bestehend aus Schläger und Ball kostet 1,10 Dollar. Der Schläger ist 1 Dollar teurer als der Ball. Was kostet der Ball?«

Spontan tippen hier viele auf 10 Cent; doch es sind nur 5 (der Schläger kostet entsprechend 1,05 Dollar). Wer in solchen Momenten kurz innehält und nicht in die Denkfalle tappt, identifiziert im Schnitt auch Bullshit besser. Zudem fand sich ein statistischer Zusammenhang mit dem Hang zu Verschwörungsideen, alternativen Heilmethoden sowie mit »ontologischer Konfusion«, worunter die Verwechslung unterschiedlicher Kategorien wie die von Belebtem und Unbelebtem fällt (»Steine haben ein langes Leben«).

Steckt ein Sinn in allen Dingen

Die Daten aus der Pilotstudie von Pennycook und seinen Kollegen waren allerdings nur korrelativ, gaben also keine Auskunft über mögliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Verschiedene Forscher fragten sich daher, welche Mechanismen manche Menschen für das rhetorische Strohfeuer empfänglich machen. Sind diejenigen vielleicht grundsätzlich offener dafür, in beliebigen Aussagen oder Bildern tiefere Bedeutung zu sehen? Dies legt eine weitere Arbeit des Teams um Pennycook und Fugelsang nahe, bei der die Apologeten des Bullshits auch in visuellen Mustern aus Linien und Schlieren eher einen versteckten Sinn vermuteten.

Nun ist längst nicht jede auf den ersten Blick unverständliche Sache gleich Bullshit. Das monierte der Psychologe Craig Dalton in einer Replik mit dem hübschen Titel »Bullshit for you, transcendence for me« (zu Deutsch: »Euer Unfug, meine Transzendenz«). Man könne beispielsweise dunklen Sätzen wie »Ganzheit lindert entgrenzte Phänomene« mit einigem Nachdenken durchaus etwas abgewinnen. Viele Weisheiten, von den Paradoxien des antiken Philosophen Zenon bis zu buddhistischen Haikus, seien oberflächlich betrachtet ebenfalls »unsinnig«.

Stimmt, räumen die kanadischen Forscher ein. Alles lässt sich irgendwie interpretieren, selbst zufällige Wortoder Wolkenformationen. Doch darum gehe es nicht. Definitionsgemäß lasse sich Bullshit nicht an äußerlichen Merkmalen festmachen; entscheidend sei die Haltung des Senders. Bullshit kann wahr, falsch oder sinnlos sein. Was ihn als solchen qualifiziert, ist die Gleichgültigkeit hinsichtlich dieser Frage. Es geht nicht darum, Gehaltsvolles zu sagen, sondern andere zu beeindrucken, ob aus kommerziellem Interesse, aus Sendungsbewusstsein oder zur narzisstischen Egopflege.

Das Problem: Wir wissen nie sicher, welche Haltung ein Sprecher einnimmt. Was führt mein Gegenüber im Schilde? Ist er bemüht und kompetent, einen Sachverhalt darzulegen? Oder will er mir einen Bären aufbinden? Hört er sich womöglich nur gerne selbst reden? Darüber können wir allenfalls spekulieren.

Und genau das tun wir ständig, indem wir mögliche Motive in Betracht ziehen. Ein Satz wie »Gute Gesundheit hindert die Realität subtiler Kreativität« wirkt sicher sehr verschieden, je nachdem, ob ihn ein Künstler, ein Fitnessguru oder ein Gesundheitsminister äußert. Dass Autorität und Vertrauenswürdigkeit eine Rolle spielen, zeigten Forscher um Martin Turpin von der University of Waterloo (Kanada), als sie ausgewählte Phrasen mal ohne Kontext und mal als vermeintliches Zitat des Dalai Lama oder des antiken Philosophen Aristoteles präsentierten. Stand ein berühmter Name darunter, fiel der von den Probanden empfundene Tiefgang deutlich größer aus. Den gleichen Effekt hatten in einer anderen Untersuchung erfundene Titel, die man neben den Werken in einer Kunstsammlung platzierte. Mit Phrasen wie »Das stumme Echo« machten die Bilder im Schnitt mehr Eindruck als die ohne solch ein kryptisches Label.

Augenscheinlich gibt es viele Faktoren, die uns bei manchem Bullshit beeindruckt nicken, über anderen dagegen den Kopf schütteln lassen. Dazu zählt die sub-jektive Gewissheit, die uns ein Statement vermittelt, das Gefühl der Überlegenheit, etwa gegenüber unverständigen »Banausen«, oder die soziale Anerkennung zum Beispiel von spirituell oder politisch Gleichgesinnten. Zwei Prinzipien, die dabei oft zum Tragen kommen, hat der Psychologe Norbert Schwartz von der University of Southern California in Los Angeles erforscht: Vertrautheit und Verarbeitungsflüssigkeit.

KURZ ERKLÄRT:

INTELLEKT/ OFFENHEIT-SIMPLEX

Fachbegriff für die zweischneidige Beziehung zwischen den beiden Persönlichkeitseigenschaften: Auf der einen Seite sind intelligentere Menschen im Schnitt offener für neue, ungewöhnliche Erfahrungen, auf der anderen verringert etwa kognitive Reflexion die Toleranz gegenüber sonderbaren Ideen. Die Folge: Ein hoher IQ fördert Bullshit und hemmt ihn zugleich.

KOGNITIVE REFLEXION

bezeichnet eine Komponente menschlicher Intelligenz, die darauf beruht, die eigene Denkweise geistig in den Blick zu nehmen. Wer dazu in der Lage ist, tappt seltener in kognitive Fallen, die auch für pseudo-profunden Bullshit anfällig machen.

PSEUDO-PROFUNDER BULLSHIT

Seit einigen Jahren etabliertes Forschungsparadigma, bei dem Probanden in unterschiedlicher Weise mit inhaltsleeren, jedoch wichtig klingenden Floskeln oder Texten konfrontiert werden. Durch die Verknüpfung mit anderen Persönlichkeitsfaktoren und Verhaltensweisen lässt sich auf zu Grunde liegende Mechanismen schließen.

Acht Bullshit-Techniken

Wer zwar nicht die Unwahrheit sagt, aber die Tatsachen ignoriert und nur auf Wirkung abzielt, betreibt Bullshit. Häufig liegt diesem ein geschicktes Spiel mit Erwartungen zu Grunde: Um etwa als intellektuell zu gelten, sollte man – je nach Publikum – ruhig etwas gestelzt daherreden. Beim Bullshit kommt ein ganzes Arsenal unterschiedlicher Tricks zum Einsatz. Einige sind sprachlicher Art, wie eine großspurige Ausdrucksweise samt attraktiven Signalwörtern. Daneben gibt es auch argumentative Fallen wie die folgenden, auf die es zu achten lohnt. Übrigens: Auf die unlauteren Tricks der anderen zu verweisen, lässt einen selbst meist sehr vertrauenswürdig erscheinen. Dieser Kniff ist jedoch eher etwas für Fortgeschrittene.

1 Wissenslücken künstlich füllen

Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir nichts wissen. Dennoch gilt die alte Regel der Wissenschaftstheorie: Abwesenheit von Evidenz ist keine Evidenz für die Abwesenheit eines Effekts – und ebenso wenig für dessen Vorliegen. Dass Forscher etwa darüber rätseln, wie die riesigen Steinmonumente auf der Osterinsel im Pazifik entstanden, beweist nicht, dass Außerirdische sie aufgestellt haben.

2 Scheinbare Autoritäten zitieren

Trotz akademischer Meriten und Titel können selbst anerkannte Wissenschaftler falschliegen oder abwegige Thesen vertreten. Ein Beispiel ist der Biochemiker und Nobelpreisträger Kary Mullis (1944–2019), der die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) erfand, Grundlage der heute omnipräsenten PCR-Tests. Mullis bestritt, dass Aids durch HIV ausgelöst wird, und glaubte an den Kontakt mit Aliens. Natürlich ist es im Allgemeinen sinnvoll, Experten anzuhören, dennoch können Einzelmeinungen weit danebenliegen und als vermeintlicher Beleg missbraucht werden. Ähnliches gilt für Topsportler: Nur weil jemand Höchstleistungen erbringt, muss nicht jeder seiner Ernährungs- oder Trainingstipps stimmen.

3 Korrelation als Kausalität ausgeben

Eine weit verbreitete Illusion, wonach Phänomene, die gemeinsam auftreten, auch in einer Ursache-Wirkungs-Beziehung stehen. Leute, die Trennkost-Diät essen, leben womöglich länger – was mit der Ernährung aber nichts zu tun haben muss, denn diejenigen achten vielleicht grundsätzlich mehr auf ihre Gesundheit. »Querdenker« kultivieren den gleichen Irrtum, wenn sie nur darauf schauen, wem welche Maßnahmen nützen: Profitieren Internetfirmen vom Corona-Lockdown, so stecken sie nach dieser Logik hinter den staatlich verordneten Maßnahmen, wenn nicht gar hinter der Pandemie.

4 Schreckgespenster aufbauen

Indem man Aussagen überzeichnet, kann man sie leicht in Misskredit bringen. Längst nicht jeder, der an die Existenz von zwei biologischen Geschlechtern glaubt, ist transphob, und die Feststellung, dass sich der durchschnittliche IQ in verschiedenen Ländern teils stark unterscheidet, ist noch kein Rassismus.

5 Volksglauben und Klischees bedienen

Was jeder oder die Mehrheit glaubt, ist kein Beweis für die Richtigkeit der jeweiligen These. Viele Menschen schwören beispielsweise auf homöopathische Mittel oder fürchten sich vor elektromagnetischer Strahlung – medizinisch ist beides dennoch unbegründet.

6 Falsche Gegensätze konstruieren

Bullshitter reduzieren komplexe Sachverhalte häufig auf ein einfaches Entweder-oder (auch Dichotomie genannt), wobei sie eine Option gern als negativ und die andere als »alternativlos« darstellen. Nach dem Motto »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns« heischen sie so Zustimmung für die eigene Position.

7 Strohfeuer entzünden und ablenken

Ein bewährter rhetorischer Trick besteht darin, einfach das Schlachtfeld zu wechseln und mit irrelevanten Informationen zu verwirren. Beispiel: »Alkohol zu verbieten, ändert nichts daran, dass viele Menschen durch das Zigarettenrauchen Lungenkrebs bekommen.« Mag sein, hat mit dem Für und Wider eines Alkoholverbots allerdings nichts zu tun.

8 Mildere Urteile einfordern

Wenn nichts anderes mehr hilft, kann man immer noch behaupten, dass die Gesetze der Logik und Semantik mit der eigenen »tieferen Wahrheit« nicht Schritt halten. Auf diese Weise immunisieren sich zum Beispiel Esoteriker gegen Einwände: Wer den Sinn ihrer Aussagen nicht erkenne, habe nur noch nicht die dafür nötige Bewusstseinsstufe oder Weisheit erlangt.

nach Robson, D.: The intelligence trap. Hodder & Strouhgton, 2019

Je komplizierter die Welt, desto mehr posiert der Mensch

Beide lassen sich an der so genannten Moses-Illusion verdeutlichen. Fragt man Probanden »Wie viele Tiere von jeder Art nahm Moses mit auf seine Arche?«, so antworten nicht wenige ohne zu zögern »zwei«. Da den meisten Menschen die Geschichte der Arche Noah halbwegs geläufig ist, fällt ihnen der Fehler mit dem ebenfalls biblischen Namen Moses eher selten auf.

Entsprechend behaupten geschickte Bullshitter wie selbstverständlich Dinge, die sich erst bei näherem Hinsehen als widersprüchlich, übertrieben oder nichts sagend erweisen. Wer dabei selbstsicher auftritt, seine Zuhörer lobt (»Das muss ich Ihnen ja nicht erzählen …«) oder einfach so flüssig vorträgt, dass den überrumpelten Zuhörern keine Zeit bleibt nachzuhaken, der hat mit dieser Masche oft Erfolg (siehe auch »Acht Bullshit-Techniken«).

Intelligenz schützt bedingt

Doch weshalb mühsam eloquenten Bullshit produzieren statt einfach lügen? Immerhin bedarf es einigen mentalen Aufwands, um diese Schwelle nicht zu überschreiten. Nun, Lügner gehen im Allgemeinen ein Risiko ein: Werden sie entlarvt, fällt ihr Kartenhaus in sich zusammen. Dagegen kann sich der Bullshitter stets damit herausreden, er sei nur falsch verstanden worden.

Ein weiteres Argument für den Bullshit formulierte Frankfurt so: »Wer lügt, muss glauben, dass er die Wahrheit kennt. Bullshit von sich geben kann man auch ohne diese Überzeugung.« In einer Zeit, in der sich viele alte Gewissheiten aufzulösen scheinen, fällt es uns wohl häufig leichter, groß zu tönen, ohne wirklich etwas zu sagen, als uns selbst anzumaßen, wir wüssten, was richtig ist. Je komplizierter die Welt, desto mehr posiert der Mensch.

Und beim Durchschauen des Blendwerks hilft es auch nur bedingt, wenn man besonders schlau ist. Schon in der ersten Bullshit-Studie von Pennycooks Team war die Intelligenz der Probanden überraschend locker mit dem Identifizieren von Unsinn verknüpft. Das heißt, Teilnehmer mit höherem IQ – gemessen an einem Test zur Wortflüssigkeit und einem zum logischen Schlussfolgern – reagierten auf Bullshit nicht sehr viel sensibler als weniger versierte Denker. Das könnte daran liegen, dass Intelligenz im Schnitt die Offenheit fördert. Menschen mit guten verbalen Fähigkeiten machen sich womöglich selbst auf raunende Sätze einen Reim oder halten einen darin verborgenen Sinn zumindest nicht für ausgeschlossen.

Dem Persönlichkeitspsychologen Colin DeYoung zufolge hat das vermutlich evolutionäre Gründe. Neue, ungewöhnliche Ideen anzunehmen, helfe im Allgemeinen dabei, Probleme kreativ zu lösen. Allerdings kann allzu große Offenheit umgekehrt auch gefährlich werden, wenn sie auf riskante Abwege führt (siehe Impfskepsis!) oder allzu leichtgläubig macht. Hier fungiert eine spezielle Intelligenzkomponente, die Forscher als kognitive Reflexion bezeichnen, als Korrektiv und nimmt den toleranten Geist an die kurze Leine. De- Young spricht vom Intellekt/Offenheit-Simplex (siehe »Kurz erklärt«, S. 31) und verwendet damit einen aus der Geometrie entlehnten Begriff, der Objekte mit mehrdimensionalen Eigenschaften bezeichnet.

Der britische Wissenschaftsautor David Robson vergleicht geistige Begabung in seinem Buch »The Intelligence Trap« (deutsch: »Die Intelligenz-Falle«) mit einem PS-starken Auto: Wer kognitiv mehr »unter der Haube hat«, fährt deshalb nicht unbedingt sicherer. Oft landet er sogar schneller im Graben, es sei denn, er trifft gewisse Vorkehrungen. Dazu zählt etwa, einen kritischen Blick auf das eigene Denken zu kultivieren, wie ihn der Cognitive Reflection Test misst.

Intelligenz ist eben kein einheitliches Konzept, sondern ein Überbegriff für viele, teils einander entgegenwirkende Talente. Das demonstrierte ein Team um Martin Turpin 2021 noch in anderer Hinsicht: Laut der Studie fördert verbale Intelligenz einerseits die Fähigkeit, eigene Ansichten und Ziele notfalls mit eloquentem Bullshit durchzusetzen, andererseits durchschauen reflektierte Menschen diese Masche auch leichter – und setzen sie selbst daher behutsam ein.

Die Forscher legten rund 500 Studierenden erfundene Fachtermini wie »genetische Autonomie«, »neuronale Akzeptanz« oder »subjunktive Skalierung« vor und baten sie, diese möglichst überzeugend zu erklären. Sollten ihnen die Begriffe nichts sagen (Kunststück, sie waren allesamt fiktiv!), sollte das die Teilnehmer nicht bekümmern; es gehe lediglich darum, sich gut und plausibel klingende Definitionen auszudenken. Anschließend schätzten unabhängige Beurteiler deren Überzeugungskraft ein.

Das Resultat: Wer in einem Wortschatztest sowie in Ravens Matrizentest besonders gut abschnitt, neigte nicht stärker zur verbalen Hochstapelei als kognitiv weniger Begabte. Im Gegenteil, die Überflieger wollten sich eher nicht so weit aus dem Fenster lehnen und konfabulierten vorsichtiger. Dennoch – oder gerade darum – kamen ihre Definitionsversuche im Schnitt besser an. Geschickte Erläuterungen der Fake-Begriffe ließen die Beurteiler ihrerseits meist vermuten, dahinter müsse ein kluger Kopf stecken.

Die Forscher spekulieren, dass Menschen mit größeren geistigen Gaben zwar an sich geschickter darin sind, Bullshit zu produzieren. Zugleich können sie aber besser abschätzen, ob das Getöne eine Chance hat, als gehaltvoll durchzugehen. Sonst fällt es nämlich schnell auf den Sprecher selbst zurück.

Offenbar ermöglicht es Intelligenz nicht nur, abstrakte Probleme zu lösen oder kluge Entscheidungen zu treffen. Sie hilft auch dabei, sicher durch den sozialen Kosmos zu navigieren und andere auf seine Seite zu ziehen. Kurz: sich einen Status als vertrauenswürdige Person zu erwerben. So schließen sich Intelligenz und die Neigung zum Bullshit nicht grundsätzlich aus. Fadenscheinige, bis zur Unkenntlichkeit abstrahierte Argumente als große Erkenntnis zu verkaufen, kann je nach Situation durchaus effektiv sein.

Ahnungslosigkeit als tiefere Wahrheit verkleidet

Bullshit wirkt, weil er Ahnungslosigkeit als tiefere Wahrheit verkleidet. Das durchschaut das Gegenüber erst, wenn es die Motive dahinter in Betracht zieht und darauf achtet, wer etwas zu verkaufen hat. Doch stattdessen wittern viele Menschen Bullshit einfach dort, wo sie nichts verstehen. Fehlt einem etwa das begriffliche Repertoire, um Martin Heidegger oder Theodor W. Adorno gedanklich zu folgen, dürfte man so manche ihrer Sätze überkandidelt finden. Zu sehr entziehen sie sich unserer üblichen Sprech-und Denkweise.

Kritiker wie Frankfurt sehen im Bullshit eine noch größere Gefahr als in Fake News und Verschwörungsmythen. Diesen kann man mit Fakten und Plausibilität begegnen; aber wo die Wahrheit egal ist, bleibt nur Verwirrung. Oder das Recht desjenigen, der mehr Follower hinter sich versammelt – diesem Mechanismus verdankt der digitale Bullshit seine aktuelle Konjunktur.

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Die Erforschung des Phänomens verdeutlicht zudem, dass Intelligenz ein zweischneidiges Schwert ist. Sie hilft uns, mit scharfem Verstand den Unsinn zu entlarven, mit dem uns andere umgarnen. Und zugleich versetzt sie uns in die Lage, selbst heiße Luft zu verbreiten, um bei Freunden, Kollegen oder Kunden ordentlich Eindruck zu machen.

Der deutsche Philosoph Philipp Hübl bezeichnet die Fähigkeit, nicht auf Schaumschläger hereinzufallen, als Bullshit-Resistenz. Um sie zu fördern, solle man seiner ersten Intuition misstrauen, seriöse Autoritäten anerkennen und die eigene Identität »kleinhalten«, etwa die Annahme, man gehöre zu den aufgeklärten Geistern, die sich selbstverständlich nicht blenden lassen.

Doch vielleicht ist neben Bullshit-Resistenz – für Hübl eine Kardinaltugend des 21. Jahrhunderts – auch -Abstinenz gefragt: nicht so schnell der Versuchung nachzugeben, mehr darstellen zu wollen, als man ist. Das ist freilich leichter gesagt als getan, wenn man bedenkt, wie erfolgreich wir uns gegenseitig oft mit Worthülsen einlullen, ohne dafür lügen zu müssen.

LITERATURTIPPS

Frankfurt, H. G.: Bullshit. Suhrkamp, 2005. Der mittlerweile klassische Aufsatz, der die Bullshit-Forschung ins Rollen brachte

Hübl, P.: Bullshit-Resistenz. Nicolai, 2018. Wie wir Fake News, Verschwörungsideen und hochtrabender Rhetorik widerstehen können

QUELLEN

Dalton, C.: Bullshit for you, transcendence for me. A commentary on »On the reception and detection of pseudo-profound bullshit«. Judgment and Decision Making 11, 2016

Littrell, S. et al.: »You can’t bullshit a bullshitter« (or can you?): Bullshitting frequency predicts receptivity to various types of misleading information. British Journal of Social Psychology 60, 2021

Pennycook, G. et al.: On the reception and detection of pseudo-profound bullshit. Judgment and Decision Making 10, 2015

Pennycook, G., Rand, D. G.: Who falls for fake news? The roles of bullshit receptivity, overclaiming, familiarity, and analytic thinking. Journal of Personality 88, 2019

Turpin, M. H. et al.: Bullshit ability as an honest signal of intelligence. Evolutionary Psychology 19, 2021

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