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Die Latte hängt hoch


ÖKO-TEST Ratgeber Gesundheit & Fitness - epaper ⋅ Ausgabe 8/2008 vom 19.11.2008

Sex ist die schönste Nebensache der Welt. Doch wenn es im Bett mal nicht so klappt, wenn sich Routine einschleicht oder der Geschlechtsakt nicht im Orgasmus gipfelt, kann die Liebe zum Stressfaktor werden. Statt Lust herrscht im Schlafzimmer dann Frust. Da hilft nur eines: gelassen zu bleiben.


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Foto: stockbyte

Drei Dinge, die Sie schon immer über Sex wissen wollten (oder vielleicht auch nicht, aber jetzt erfahren Sie es einfach trotzdem):

Erstens: Die Deutschen treiben es 6,5-mal pro Monat – und liegen damit leicht über dem weltweiten Durchschnitt. Das zumindest ergab 2007 eine Umfrage im Auftrag des ...

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... Pharma- Unternehmens Pfizer. Brasilien führt die Statistik an – aber die heißblütigen Südamerikaner kommen auch nur auf eine Häufigkeit von 7,9-mal pro Monat. Dicht gefolgt übrigens von unseren europäischen Nachbarn, den Franzosen. Die Italiener dagegen, mamma mia, bringen es nur auf 5,75-mal, Und ganz traurig sieht es beim Schlusslicht Taiwan aus, ganze 4,5-mal pro Monat kommt es hier zur schönsten Nebensache der Welt.

Zweitens: Sex ist gesund, hält fit und stärkt die Abwehrkräfte. Diese Erkenntnisse verdanken wir einer Schar wackerer Wissenschaftler, die Versuchspersonen zum Masturbieren ins Labor baten, während des Koitus Gehirnströme maßen und im Blut zirkulierende Botenstoffe ermittelten. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. So haben etwa britische Mediziner herausgefunden: Sex beruhigt die Nerven und schützt vor Lampenfieber. Die Hirnanhangdrüse produziert dabei nämlich Endorphine, die schädliche Stresshormone bekämpfen. Die Stimmung steigt, das Schmerzempfinden wird gesenkt. Der Orgasmus löst Muskelverspannungen, Kopf- oder Rückenschmerzen können schlagartig verschwinden.


Gehört zu einer guten Beziehung auch guter Sex?


Drittens: Sogar die Figur profitiert von regelmäßigem Sex. Zwar verbrennen wir dabei nur etwa so viele Kalorien wie in einem Schokoladenriegel stecken. Aber sexuell Aktive werden angeblich seltener von Heißhunger attackiert, weil sie zufriedener und ausgeglichener sind. Halleluja. Nie wieder Diät. Nie wieder Joggen, vergessen Sie Steppaerobic. Einfach den besten Sex aller Zeiten genießen, zweimal, besser fünfmal wöchentlich, möglichst vor den Mahlzeiten. So weit die Theorie und die Wissenschaft.

Wenn es doch bloß so simpel wäre, seufzt da so manche(r). Dass Sex eben nicht die einfachste Sache der Welt ist, lässt sich trotz aller gegenteiliger Behauptungen nicht leugnen.

Unbestreitbar leben wir in einer Gesellschaft, in der die Sexualität praktisch alle öffentlichen Bereiche durchdringt. Nackte Brüste sind in der Werbung allgegenwärtig, Bettszenen fehlen in kaum einem Spielfilm. Diese „Banalisierung“ des Sexuellen, wie es der Sexualforscher Gunter Schmidt nennt, hat durchaus positive Seiten – befreit sie doch die ganze Sache von verklemmten moralischen Vorstellungen. Doch sie setzt auch viele unter Druck: „Sexualität ist quasi zum Gütesiegel für funktionierende Partnerschaften geworden“, sagt die Psychologin Margret Hauch vom Hamburger Institut für Sexualforschung an der Universitätsklinik Eppendorf. Liebe muss lustvoll sein. Wenn es im Bett mal nicht so klappt, wenn sich Routine einschleicht oder der Geschlechtsakt nicht im Orgasmus gipfelt, vermuten gerade junge Menschen heute schnell ein grundsätzliches Problem. Sie zweifeln an der Tiefe der Beziehung oder fühlen sich als Versager.

Was eigentlich nur schön sein soll, wird schnell zum Stressfaktor: Vor allem junge Paare sehen den Orgasmus als Muss.


Foto: bilderlounge

Dabei hat es unterschiedliche erotische Bedürfnisse, sexuelle Unlust oder sogar Abstinenz in Partnerschaften schon immer gegeben. Aber während sich die Menschen vor vierzig oder fünfzig Jahren stillschweigend mit dem Unvermeidlichen arrangierten, sind sie heute immer seltener dazu bereit. Nicht wenige empfinden es als persönliches Defizit, wenn im Bett Flaute herrscht. Dabei meint der Heidelberger Psychologieprofessor und Paartherapeut Ulrich Clement in einemSpiegel -Interview zum Thema Liebe: „Immerzu Leidenschaft einzufordern, das hat etwas Terroristisches.“

Machen wir uns nichts vor: Der sogenannte Höhepunkt, der gemeinhin alsdas zu erreichende Ziel des Liebesspiels gilt, versetzt Männer wie Frauen manchmal mehr in Stress als in Ekstase. Der Orgasmus als Muss? Entgegen landläufiger Meinungen können auch Männer nicht immer kommen. Und dass bei Frauen nicht alles, was nach Orgasmus klingt, tatsächlich einer ist, wissen wir nicht erst seit der berühmten Filmszene inHarry und Sally .

Wissenschaftlich untermauert ist das inzwischen auch: Einer Studie der Berliner Charité zufolge haben 90 Prozent von rund 600 befragten Frauen ihrem Partner mindestens schon einmal einen Orgasmus vorgetäuscht. Mehr als die Hälfte der Frauen simulierten die vermeintliche Ekstase, um ihren Partner zu bestätigen oder weil sie glaubten, „es“ ihm schuldig zu sein. Jede Vierte wollte seinen Orgasmus beschleunigen und knapp 15 Prozent trauten sich einfach nicht zu sagen, dass es nicht geklappt hat.

Auch eine aktuelle Umfrage des Kondomherstellers Durex, für die in 26 Ländern insgesamt über 26.000 Männer und Frauen befragt wurden, zeigt, dass Frauen deutlich seltener den „point of no return“ erreichen als ihre Partner – das gilt weltweit. Für Deutschland lauten die ernüchternden Zahlen: 80 Prozent der befragten Männer kommen beim Sex immer oder fast immer zum Orgasmus, aber nur ein Drittel der Frauen kann das Gleiche von sich behaupten. Schlechter dran sind in Europa nur noch die Französinnen. Einigermaßen überraschend ist für den Laien, dass Asiatinnen noch seltener zum Höhepunkt finden. In Hongkong behaupten gar nur acht Prozent der Frauen, dass sie fast immer einen Orgasmus haben.

Sind sie vielleicht einfach nur ehrlicher? Dass sich in die Schlafzimmer häufig Frust statt Lust einschleicht, hat auch mit idealisierten Vorstellungen und dem Wunsch nach einem optimalen Verkehrsverlauf zu tun. Etwa, dass richtig guter Sex mit einer synchronen Explosion zu enden habe. Oder dass ein vaginaler Orgasmus, der allein durch Penetration ausgelöst wird, das höchste der Gefühle sei.


Mythen, Ideale und falsche Vorstellungen


An den Mythen rund um den Orgasmus ist der Urvater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, nicht ganz unschuldig. Er war der Meinung, Frauen, die ihre Klitoris stimulieren, seien noch in einem frühen Stadium der Sexualität verhaftet. Erwachsene Sexualität zeichne sich durch das Erleben vaginaler Orgasmen aus. Noch in Aufklärungsbüchern der 50er-Jahre sind Varianten dieses anatomischen Unsinns zu finden und Frauen, die aus der Penetration keinen Lustgewinn zogen, wurden als gestört bezeichnet. Auch heute gibt es noch Frauen, die denken, sie seien nicht normal, wenn sie durch das beliebte Rein-raus-Spielchen nicht zum Höhepunkt gelangen. Ebenso viele Männer rammeln eisern vor sich hin, weil es bei der vorigen Freundin ja auch geklappt hat, und weil sie glauben, das müsse doch bei jeder funktionieren.

Mehr Schein als Sein? Vier von fünf deutschen Männern kommen beim Sex immer oder fast immer zum Orgasmus, aber nur ein Drittel der Frauen kann das Gleiche von sich behaupten – auch wenn es sich oft anders anhört.


Foto: aleks&shantu/photocase.com

Dabei hat die urologische Chirurgin Helen O’Connel aus Melbourne Ende der 90er-Jahre die Vorstellung vom vaginalen Orgasmus endgültig und eindeutig widerlegt. Jahrelang beschäftigte sie bei Operationen die Angst, sie könne Nerven der Klitoris durchtrennen – denn angemessene anatomische Beschreibungen der Klitoris gab es bis dato schlichtweg nicht. O’Connel und ihre Kolleginnen begannen, weibliche Körper zu sezieren und fanden Überraschendes: Die Klitoris ist viel größer als vermutet, ihr Schwellkörper ist acht bis neun Zentimeter groß und reicht weit ins Innere des vaginalen Gewebes hi nein. Im Klartext: ohne Beteiligung der Klitoris kein Orgasmus. Wenn er sich beim Geschlechtsverkehr tatsächlich ein stellt, ist die hochempfindliche Klitoris, in der etwa 8.000 Nervenfasern verlaufen, beteiligt.


Eines ist klar: Stress ist ein wahrer Lustkiller


Doch egal, ob Frauen den Orgasmus simulieren oder offensichtlich keinen haben: Befriedigend ist das auf Dauer nicht. Wer vortäuscht, schont zwar den Partner und gibt ihm das Gefühl, ein fantastischer Liebhaber zu sein, riskiert aber, dass die Show zur Dauereinrichtung wird. Unglücklicherweise fühlen sich viele Frauen zusätzlich dadurch gestresst, dass der Partner hartnäckig versucht, sie zum Höhepunkt zu bringen – mit welch ausgefeilten und anatomisch sinnvollen Techniken auch immer. Männern geht es dabei auch nicht besser. Eine Frau, die trotz 50 Minuten Klitorismassage mit Gleitgel Geschmacksrichtung Vanille nicht zum Orgasmus kommt, passt nicht ins Bild vom guten Liebhaber. Kommt aber vor, ist völlig normal und mit Gelassenheit zu registrieren.

Orgasmen sind launisch und werden von jedem und jeder anders erlebt. Mal sind sie heftig und explosiv, lange und gigantisch, mal kurz und relativ unspektakulär. Klar gilt es zu erkunden, wie sich die Lust steigern lässt, aber neidvoll auf Umfragen zu blicken, in denen 57 Prozent der Frauen angeben, multiple Orgasmen zu erleben, fördert nicht die Lust, sondern den sexuellen Leistungsdruck. Und eines ist ganz eindeutig: Stress killt jede Lust.

Manchmal ist die Situation eben einfach nicht danach. Wenn die Anspannung zu groß ist, wenn statt Lust Leistungsdruck im Bett vorherrscht, kann man die schönste Sache der Welt auch einfach mal unterbrechen. Sich ein Bier teilen und Bundesliga gucken. Und es später noch mal versuchen.

Tag des Orgasmus

„Alle Menschen haben ein Recht auf Lust.“ So heißt es in einem Manifest, das in der nordostbrasilianischen Kleinstadt Esperantina erstmals im Mai 2002 verteilt wurde. Seither feiert die Stadt jedes Jahr am 9. Mai den „Tag des Orgasmus“. Mehr Spaß in die Ehebetten soll er bringen und deshalb wird auch ernsthaft informiert, zum Beispiel über vorzeitigen Samenerguss. Den Anstoß für den lustvollen Tag gab die Unzufriedenheit der Esperantinerinnen: 73 Prozent hatten bei einer Umfrage angegeben, nie einen Orgasmus zu erleben. Das hat sich hoffentlich geändert.